Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 57 (16.7.1935)
- Date
- 1935-07-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 57, 16. VII. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Wie gestalte ich den Schabbat? Für Schabbat, 20. Juli Woctienabschnltt ״Plnchas" (IV. B. M. Kap. 25, 10 - 30, 2.) I. Eine Würdigung der Tat des Pinchas und die entsprechenden Midraschim sind in ״Moses“ von Edmond Fleg (S. 234 ff.) zusammengcstellt. Pinchas ist zum Prototyp des ,,Eiferers“ geworden. Man erinnere hier an ein Wort des Rabbi" Jizchak Lewi von Berdiczew, der das Großartige im Kampfe Pinchas darin sali, daß er ״meinen Eifer eiferte in ihrer Mitte“. Nur weil er sich hincinstellte in das jüdische Volk und i n ihm Gottes Kampf führte, wurde ihm der ״Friedensbund“ gegeben. II. In den Mittelpunkt unseres Oneg Schabbat werden vir eine Würdigung Hcr/.Is und Bialiks stellen. Die Jahrzeit Herzls ist am 20. Tammus, die Bialiks am 21. Tarnmus. Man wird dabei weniger diese jüdischen Führer gesondert betrachten, als vielmehr versuchen, durch einen Vergleich dieser verschiedenen Gestalten herauszuarbeiten, was für jeden typisch war, und dann wohl zu dem Ergebnis kommen, daß eine Synthese der w ichtigen Elemente dieser beiden Persönlichkeiten der zu erstrebende Typ des neuen jüdischen Führers sein muß. Sie kamen aus verschiedenen Welten. Waren es bei HerzI äußere Momente, die ihn sein Judenschicksal erkennen ließen und ihn zur Konzeption der zionistischen Idee führten, so ist Bialiks zionistische Entscheidung von innen her bestimmt. Stammt Herzls Zionismus aus der Leere, so ist er bei Bialik aus der Fülle geboren. Schuf der eine die äußeren Voraussetzungen, die Formen, die ihrerseits zum Werkzeug für die Neuschaffung und Wiederbelebung des jüdischen Volkes und damit des Trägers der jüdischen Kultur wurden, so gelang es dein andern, den Inhalt, die Kultur selbst in wesentlichen Teilen herüberzuretten und dem Volke neu zu vermitteln. Beide erst ermöglichen eine wahre jiidisehe Volksbewegung, die die kritisch soziologische Analyse und den politischen Willen zur Gestaltung des eigenen Lebens vereint mit der Kenntnis der jüdischen Kultur und dein Wissen um die jüdische Aufgabe. So gibt es denn eine״ Punkt, wo der zu Ende gedachte Weg Herzls und Bialiks sich schneiden. Als Literatur wird man am besten die Tagebücher Herzls benutzen und andere anerkannte Stellen, insbesondere aus seiner Rede auf dem I. Kongreß. Die im Vorjahre herausgegebene Broschüre ״Herz! lebt“ enthält viel Material; insbesondere bediene man sich der in diesen Tagen vom KKL herausgegebenen Broschüre ״Erzieher des Volkes“. Bialik wird man aus seinem Werke charakterisieren, von seinen Gedichten her darstdien müssen. Eine Matcrialsaimnlung, die gute Dienste in dieser Richtung leistet, ist von B. S. Jacobson für die Hanhala des Zeirc Misrachi hergestellt und mit einer Einleitung versehen worden. (Anschrift: Hamburg 13, Grindelhot öö.) Insbesondere sei hier noch darauf verwiesen, daß Bialik der Schöpfer des ,,Oneg Schabbat“ in Erez Israel gewesen ist. III. Als Haftarah wird Jirmijahu Kap. f und II V. 1—3 gelesen. Sie ist die erste der ״drei Straf-Haftarot“, die in den ״drei Woehen“ gelesen wird. E. Psalm 50. Von den ״drei Wochen“ Vom 17. Tage des Monats Tammus bis zum 9. Ab befinden wir uns in den sog. ״drei Wodien“ der Volkstrauer, die in Erinnerung an die nationale Katastrophe des Unterganges Jerusalems und der Zerstörung des Tempels begangen werden. Zum Zeichen der nationalen Trauer werden in dieser Zeit keinerlei Festlichkeiten abgehalten, es werden keine Hochzeiten gefeiert, man läßt sich das Haar wachse״ und vermeidet es, im Freien zu baden. In diesen Tagen soll man auch kein neues Gewand anziehen und nach Möglichkeit ein zurückgezogenes und in sich gekehrtes Leben führen. Für die Schabbate der Volkstrauer hat sich ebenfalls ein fester Haftarah-Zyklus licrausgchildct. Es w׳erden nämlich die drei Strafandrohungen der Propheten verlesen.!Diese Schabbate werden als die drei des Unglückes (תלתא דפרענותא) bezeichnet im Gegensatz zu den sieben T rostabschnittcn (שבעה דנחמתא ), die in den Wochen nach dem neunten Ab bis zum Laubhüttenfest folgen. Zu Gustav Mahlers 75. Geburtstag Uebcr Gustav Mahler, der am 7. Juli 75 Jahre alt geworden wäre, wäre bei dieser Gelegenheit viel zu sagen. Es kann hier nur andeutungsweise geschehen. Er ist eine Erscheinung, die jeden Musiker und jeden Juden zur Stellungnahme zwingt. Gustav Mahler war zu seiner Zeit, vor allein in seiner großen Wiener Zeit, als Dirigent bekannt und umjubelt; weniger aber als Komponist. Er muß eine einzigartige Persönlklikcit gewesen sein; viele der älteren lebenden Musiker wissen noch mit Ehrfurcht von ihm zu berichten. Er war suggestiv, fanatisch in Kunstdingen, ging bis zur Grenze der Expression, die bei ihm ein espressivo war. In der Oper vor allem hat er sich entfaltet. Auch als Operndirektor leistete er Ungeheures; er schuf ein großes verzweigtes Repertoire, ein geschlossenes Ensemble, er erreichte ein Niveau des Theater- Stils, wie es für alle Opernhäuser immer vorbildlich sein wird. Er litt schwer darunter, daß ihm die Zeitgenossen die Billigütig als Komponist versagten, nur einzelne Freunde, wie z. B. der jüdische Schriftsteller Paul Stefan 11. a., erkannten sein Wesen; unter ihnen war Arnold Schön!) erg, der an ihm heute noch mit schwärmerischer Verehrung hängt. Mahler erfüllte eine wichtige historische Mission; eine europäische: er faßte sozusagen die Ergebnisse des verdämmernden romantischen Zeitalters noch einmal zusammen. Die 8. Symphonie die ״Symphonie der Tausend1‘, ist schon in der Besetzung die monströse Kuppel einer versinkenden Welt. Danach (auch schon vorher, die Perioden übersclineiden sich) waren die Mittel erschöpft, man kehrte zu kainincrinusiknlischer Haltung zurück, man hielt Einkehr. Auch bei Mahler kirndigte sich — in der fortschreitenden Entwicklung zur Linenritat von der 5. Symphonie ab — die neue Zeit an; im ״Lied von der Erde“ gehört er ihr zu einem großen Teil schon an. Eine österreichische Mission: Mahler ist (in diesem Fall dürfen wir uns auf Paul Becker berufen) der Vollender der romantischen österreichischen Symphonie, jedenfalls im architektonischen Sinne; historisch gesehen, gehört er in die Reihe Schubert-Bruckner hinein. Damals war in Mahlers Musik viel Neues für die Zeitgenossen enthalten; ein frühes Buch von Paul Stefan konnte kaum kritisch sein. Man verwechselte damals oft die Persönlichkeit und den Könner, das proinethdsche Wollen mit dem empirischen Sein, den Manu mit dem Werk. Heute haben wir mehr Distanz zu Mahler. Wir dürfen ruhig bekennen, daß für die Jugend von 1915 einiges von ihm verblichen ist; aber so vieles bleibt wert, immer wieder neu erlebt zu werden. Da ist zunächst seine triebhafte Pcripetie, die der von Dostojewski ähnelt, einem seiner Lieblingsdichter — seine Inbrunst. Daun viel wichtiger: er hat geistige Bezirke gesehen und erschlossen, die früher keinem Zugang-!ich waren. In den Kindertotenliedcrn ct.vn geschehen träumhafte Dinge und für den, der mit sich zu reden weiß, erschreckend wirkliche. Mahler hat das Geistige über die Musik hinaus, so kann man sagen, gesteigert. Er ist bis an die Grenze errangen, wo der Eros, das Leibliche, weicht und nur der!auch des Gedankens, das schattenhafte Gefühl, verweilt. Dies scheint mir seine größte Tat zu sein; er ist über die Musik hiiiausgescliritteri, hat sie erst bis zu letzter Spannung getrieben und sie dann hinter sich gelassen. Oft hat der Klang jeden Eigenreiz zugunsten des Gedankens, des Höclistgeistigen aufgegeben. Mahler hat einen Nachfolger gefunden: Schönborg. Er knüpfte gerade an diese Seite Mahlers an (auch an die konstruktive, das darf nicht vergessen werden) und steigerte sie zai einer Transcendcnz, der nur wenige noch folgen können. Mahler hatte sein ganzes Leben Angriffe wegen seines Judentums liinzunehmen. Nicht nur weil er als Jude eine wichtige Position in dem Oesterreich der Vorkriegszeit einnahm, sondern auch weil man in seinen Aeufkriiiigen das Fremde heraiisspürte. Ls war da. Mahler konnte es nicht leugnen. Gerade bei ihm machte sich der Zwiespalt bemerkbar zwischen angeborener Mentalität (die durch sein romantisches Bekennertuni immer im Vordergrund stand) und dein Stil, der doch der seiner Umgebung war. Er war Ocsterrcicher, gewiß. Ich erwähnte, daß er zu den österreichischen Symplionikern zu zählen ist. Und zeitlebens hat er mit seiner Musik eine Hvrmie auf das Wienerische gesungen. Auf der anderen Seite aber ist er mit allen Fasern Jude. Und gerade in der Dynamik seines Gefühls, das er hemmungslos aiiszuprägen wußte, wie kaum einer. Ich erinnere ti. v, a. an den ersten Satz der /weiten Symphonie; so etwas ist in dem Land, das an Deutschland und Italien grenzt, von Natur aus fremd, wenn es auch heute von manchen für heimisch geworden gehalten wird. Mail bat zuweilen Mahler und den Chassidismus in Verbindung zu bringen versucht. Daran ist viel Richtiges, wenn man auch melodischen Analogien gegenüber skeptisch bleiben muß, bevor nicht exakte Untersuchungen vorliegen. Vielleicht steckt in jedem echt lebenden Juden ein Chassid, d. h. viel von dessen innerem Gestus und dessen Gestik. Und gerade das ist bei Mahler der Fall, dem so intensiv mit sich redenden und von sich redenden Künstler. Fr flammt wie ein Beter; er kann sich in sich selbst verschließen, in sich verkriechen. Er ist ein Gläubiger — nicht im dogmatischen *sinne ׳״, aber er ringt mit seinem Gotte, wie er ihn aus der Natur und aus den Mensclienschieksalen zu hören meint mul wie er ihn sich allein aufbauen will. I )3 0 er Katholik geworden ist, hat in diesem Zusammenhänge nicht viel zu bedeuten; das war das ,,EntrcebilU't“ des Juden für die Welt. Vielleicht ist es später mehr geworden als eine diplomatische l at, o mag sein, Mahler hat sich erlief! im Katholizismus das mv-ni-ohe Element (die Verbindung zum Chassidismus von hier ist nicht schwer) gelieht, das in grandiosen Mitteln im Gottesdienst seinen Ausdruck tarnt. (Auch der betont jüdische Komponist Hioch hat eine starke Neigung zur Atmo-pliare greporiaiiiuher Melodien.) Mahler hat die Fähigkeit zur Schau nach innen, zur Kawwana, wie es der Ghassid nennt. Das Sichsc'bstzerfleischen um tics Gedankens willen, der inwendig brennt, das Herausschleudern der ״Erkenntnis“, das Rühren an Höhen und 'liefen, der Wechsel von Ekstase und IVpressi״!! — das sind die jüdischen lind speziell chassidisclieii Merkmale Mahlers. Mahler hat wohl auch banale Dinge gesagt, aber er hat sie mit einem neuen Ade] umgeben, mit einem sittlichen weHselmicr/lielien Ernst ausgesprochen; er meinte wohl, daß die Wahrheit um so erschreckender sei, wenn sie sich im Selbstverständlichen, Allbekannten zeige. Er hat Triviales gesagt, aber nie um seiner selbst willen, sondern aus Aggression gegen sich, aus Scham vielleicht über die Nacktheit seiner Gefühle, weniger mit der romantischen Ironie eines Heine, die auch Abwehr ist, aber der allgemeinere Ausdruck einer Lebensangst. Sicher läßt sieh auf diese (ialuthexistenz Mahlers sein Suchen nach Kindlichkeit zuriickfiihren. Es bleibt immer ein Suchen. Es ist in diesen! Sinne verdächtig, daß er ständig dem Volkston nachläuft, ihn cinfangen will. Aber es bleibt, bei aller Einfühlung, doch ein Nachahmern Es ist sicher: es war ein Streben zur Verwurzelung — sie ist ihm nicht gelungen. Er strebte nach Kindlichkeit und Gläubigkeit, und es blieb dabei. Dr. H ans Nathan In diesem Zusammenhang sollte man sich den geschiehtliehen Vorgang während der Belagerung Jerusalems vergegenwärtigen. Man verwende hierzu neben Grätz auch Dunnow Bd. II, besonders die Kapitel 86 und 87 und lese in Josephus ״Der Jüdische Krieg“ die einzelnen Kapitel des V. und VI. Buches nach. Es ließen sich hier einige Erörterungen über die Kriegsführung der Römer und der Juden, deren Kampf von unerhörter Kühnheit und unmenschlicher Entsagung zeigt, anschließen. — Man könnte sich an Hand einer Zeichnung die Bclagerungssitiiation, besonders das Vordringen der Römer und die langsame Eroberung der Stadt vergegenwärtigen. ׳— Bei Josephus finden wir erschütternde Schilderungen über die Lage in der Stadt selbst. Durch die )äußere Abriegelung der Stadt entsteht die unvermeidliche Hungersnot, die unter der Stadtbevölkerung wütet. Die Verteidigiingsmannscbafteii leisten unmenschlichen Widerstand. Die letzten Stützpunkte bilden: Der Tempelberg mit der stark befestigten Burg Antonia in der Nordseite, die von Jochanan aus Gis'chala verteidigt, und die Oberstadt, die von Schimon bar Giora bis zum letzten gehalten wird. Am 5. Tammus erfolgt der Einbruch der Römer in die Burg Antonia lind somit wird der Tempel unmittelbar bedroht und geht seinem traurigen Ende am 8. Ab entgegen. Der eigentliche Beginn der Trauerzeit wurde aber auf den Tag festgesetzt, an dem der Tcmpeidienst aufgehört hat. Die Späteren haben in dem 17. Tammus den Beginn einer viel früheren Trauer gesehen. Der Talmud (so Taauit 26 b und Mcg. Taanit Ende) erzählt: ״Fünf Dinge begegneten unseren Vätern am 17. Tammus. Die Gesetzestafeln wurden von Moses zerbrochen, das tägliche Morgenmul Ahendopfer hörte auf, die Stadt wurde erbrochen und Apostmnos verbrannte die Thora und stellte ein Göt/enbiTl im Tcmpcl auf.“ Ueber das Aufhören des Tagesopfers am Tempel an diesem Tage berichtet auch Josephus ebenda Buch VI, '2, 1. J, M. Auf. ... Dingen steht die Welt Erzählung von GERSON STERN 29. Fortacttuog Copyright Verlag Krida IUim, Berlin ״Wir sorgen uns um dich, mein Kind." Es lag Angst Und doch kein Vorwurf in den Worten. ״Du stehst fern von uns. Ist es nicht traurig, daß ich das sagen muß? Ich will keine Erklärung von dir, aber du mußt wissen, daß wir es fühlen.“ ״Ja, Mutier“, sagte ffwlda, ״ich stehe abseits. Ich will euch nicht weh tun. Ich bitte dich, Mutter, was auch geschehen mag, immer zu wissen, daß ich ehrlich und aul'richtig handle, und daß ich nicht anders handeln kann.“ Berlhehen sah auf: ״Was auch geschehen mag? Um Gottes willen, Iledda, was wird geschehen?“ ״ich werde nicht bei euch bleiben, Mutter.“ Ein Zucken durchfuhr Berlhehen, und sie stach sieh mit der Nadel in die Hand. Ein Tropfen Blut fiel herab. Bertheher! konnte nicht gleich antworten. Sie sah den BluMropfen und den nachquellenden und dachte, mein Blut fließt. ״Du willst uns verlassen, Iledda?“ ״Nicht verlassen, Multer, aber ich kann nicht hier bleiben.“ ״Du willst Valor nicht helfen?“ ״Ich werde Vater helfen, aber dann werde ich gehen. Ich bitte euch, laßt mich gehen. Laßt mich zu dem laben finden, das mir Frieden bringt.“ Berlhehen saß ratlos vor solchen Worten. Wo konnte ein Kind besser geborgen sein als bei den Ellern. ״Du kennst den Vater nicht, Iledda. Ja, er hat seine Eigenheiten, er ist leicht erregt. Aber in Wirklichkeit ist er ein guter, ein herzensguter Mensel!. Keiner weiß es so wie ich, Iledda. Wie halte ich es nicht wissen können 1 Ein liebes Wort erschüttert ihn. f* hat viel Lieh« nötig. Er findet ü• schwer. Das ist traurig.“ Ilerllielien schwieg. Sie saß, wie eingefallen, über die Ihm«larbeit gebeugt. Iledda dachte an Fräulein Müllers Worte: Du nml.1t mehr Verständnis haben. Ich will nicht Unrecht tun, sagte sie sich. Ich habe keine Mahl. .,Man sagt, Arbeit macht glücklich,“ fuhr Berlhehen fort ״Wir halien viel gearbeitet. Wir müßten sehr glücklich sein. ALmt ich glaube, daß Ellern an ihren Kindern das Maß des (ilürkes messen. Ich habe einmal gelesen: Eltern wollen sich in ihren Kindern bestätigt sehen. Damals habe ich cs nicht verstanden. Heule verstehe ich es.“ Am niiehslen Tag begann iledda ihre Tällgkeit. Sic saß allein im Arbeitszimmer ihres Vaters und vor ihr türmten sich VIa|)]H'n, di!׳ Aufstellungen und Briefe enthielten, Sic mußte ztisnnnnenslellen, sie mußte schreiben. Wie ein Biesenwerk standen die V ielheil der Dinge, der Zahlen, ihr Zweck, ihre Bedeiihmg vor ihr. Es schien ein Labyrinth. Aber daun kam ihr Vater, er hatte die Dinge im Kopf, er balancierte den Werl der Einzelheiten aus, er kletterte gleichsam auf die Türme der Zahlen, und alles entwirrte und ordnete sich: es seinen uninöldiel), das zu begreifen. Im nächsten Augenblick traten andere Angelegenheiten an den Vater heran und besohlagnahniten ihn, 11m sofort wieder von anderen verdrängt zu werden. Es war eine andere Welt, eine Aufgabe fiir sich, der Mensch hatte nur zu erfüllen, siel! oin/.uordnen, unter/unrdneu. Hier herrschten neue Gesetze. «Iren״(! Gesetze. Der Vater drehte das Steuer, ein gewaltiges Bad, man fühlte das Zittern des Organismus, Auge und Denken durften nur auf die Aufgalr gerichtet sein, alles trat, dahinter zurück. Die Aufgabe wurde größer als der Mensch •— sollte man sie bewundern? Sollte inan ihn bewundern oder beklagen? Vielleicht beides? Herrn Grünllials Baum lag neben Iledda* Arbeitszimmer. Sie hatte zuweilen Herrn Grüntlnd z.11 befragen. Sein Zimmer war durch eine Glaswand von einer Flucht, von kleinen Zimjuern getrennt, in (lenen zehn weihliehe Angestellte arbeiteten, vor Büchern saßen, vor Schreibmaschinen «1er V'erkaufszellel ordneten. Man konnte durch die Glaswände die Angestellten ,arbeiten sehen, jede hatte eine kleine Aufgabe, aber jede hatte diese Aufgabe gut zu erfüllen. Sie kamen früh am Morgen, sie wurden nicht gefragt, sie halten da zu sein und waren da und arbeiteten bis zum Abend und gingen nach Hause, müde, und kamen am nächsten Tag wieder und arbeiteten und bekamen Geld und arbeiteten. Iledda wurde betäubt von den V urgäiig׳’!!, die \ orgiinge aber kotuilcn ihre Zweifel, ihr Drängen, ihr Sueben nicht, über« älliircn, und abends, wenn sie allein war, nüide war, stieg alles liei.iiil, was sie in sieh unlni'ii mußte, um zur Rulm zu kommen. Iledda schlief schlecht, sie aeheilele mit Verbissenheil, Hrs«inger war er-lsiml und t1׳ Trent über ihre Leistungen, aber Iledda kam nielil zu sieh, sie sah hl aß aus, ihre Augen Ligen lief, es war zuviel, was in ihr ()nhiiuiu finden wollte. Wesen und Morlc ihres Valins, das Erlebnis im 'I einpcl, der Anspruch der koi'inllierbrirfc, alles Lrdningle sie, alles war ungelöst, sie war in Not, es Luunte so!licht weitergehen. Eines Abends lud Iledda sieh bei Madelame ein. Herr Julien war in vielem!«•hindert, jedoch sein VV!•srii war uuverändert geblieben. Iledda uuißle sich neben ihn setzen, ״Wenn nun) sich in der Liehe des Allmächtigen fühlt, kann man dem Leben nicht genug Liehe bezeugen.“ So «״igle Herr Julien, dem das Sprechen nielil mehr so leicht fiel wie früher, und drückt(' lieddas Hand und hatte• sein alles, freundliches Lächeln, Madel,11m» bemerkte, daß Iledda Ihr Zeichen zuvvarf, und ging mit ihr aus dem Zimmer, ,,!eh habe eine Hille, Madelaine. 1)11 wirst, nachher bei uns anrnfen, ich Miel«» die Narbt hei dir. leb muß Dr. Miller sprechen, 1)11 gibst mir den Hausschlüssel. Ich komme zmürk. Du hast Vertrauen zu mir.“ Iledda stand auf der Straße. Sie hatte Midier so viel zu sagen. Sie batte ihm geschrieben, sie würde kommen. Er warlete sicherlich Abend für Abend. Es war spät. Wellers Zimmer waren nicht erleuchtet. Er war also nicht zu Hause. M as sollte Iledda beginnen? Sie lief über den l'latz, der menschenleer war. Sie heobaehlele vom Seliatlendiinkel eines Baumes ans das Haus Meilers. Zuweilen kam jeimind über den l’latz. Sie konnte nicht hier bleiben. Aber sie!iinßle Weller .sprechen. Es Ir ich sie fast unbewußt zu lallen Giailingrrs Haus. Die Wohnriüime waren erhellt. Der Schallen eines Mannes huschle am Vorhang vorüber. Weller war dort, Meller war also dort. Iledda stellte sich in einen Ilauseingang־. Ein feiner Regen begann niederz.urieseln und sprühte in lieddas Gesieht, fiel auf die unbeschfilzten Stellen ihres Haares, legte sieh naßkalt auf ihre Kleider. Aber Iledda fühlte nur die Qualen nahender Entscheidung. Ging es um Ellen Crailinger,