Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 57 (16.7.1935)
- Date
- 1935-07-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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JDDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 57, 16. JUL11935 Zur Wirtschaftslage Das Neueste in Kürze Von unserem palästinensischen gl.-Korrespondenten Aus der Wirtschaft Die Industriebank hat im letztere Jahre ihr Kapital verdoppelt und es auf £ 9000 gebracht. Der Reingewinn betrug im Jahre )934 £ 1190. Für den Frachtdienst zwischen Polen, Belgien und Palästina hat eine jüdische G e s e 11 s c h a f t ’ mehrere norwegische Schiffe gemietet. Die (iesellschaft, die von griechischen und palästinensischen Kapitalisten gegründet ist, hat die Absicht, die Schilfe zu kaufen, sobald der jüdische Handel im Lande ihnen genügend Aufträge für Transport gewährt. Die jüdische Gcmcinelc von Jerusalem hat zusammen mit der Agudatl! Jjsrael an den Districtscommissioncr die Forderung gerichtet, den Preis für das Wasser aus der neuen Leitung von Ras El Ejn nicht höher als 40 Mils pro Kubikmeter anzusetzen. Mit den wichtigsten Städten Italiens ist jetzt eine Ra diotcl cp hon Verbindung aus Palästina hergcsteilt worden, Politik, Gesellschaft und Kultur Die Regierung hat vom Kolonialamt die Erlaubnis erhalten, den Boden des Flugplatzes in Ludd und ein Areal zur Erweiterung des H a i f a c r Flugplatzes an/ukaufen. Das Aerodrom in Ludd soll jetzt eingezäunt und mit Straßen versehen werden, die es mit den nahen Haupt• wegen verbindet. Die Siedlungen des Scharon verhandeln mit den zuständigen Regierungsstellen über die Lage der neuen E i s e n - Bahnstation, die an der Chaussee Her/lia — Klar Sa ba h errichtet werden soll. Es verlautet, dall die Regierung beschlossen hat, die Station in dem arabischen Dorf Kalkilich zu errichten, statt bei Kfar Sabah. Die Juden weisen aut ihren großen finanziellen Anteil am Bau der Chaussee hin (gegen £ 11 000) und verlangen den Bau der Station bei Kfar Sabah, das eine weit größere Frequenz an Frachten und Personen haben wird, als Kalkilich. In der Munizipalität Jerusalem konnten die Stadt« rate zu keiner Meinungsbildung über den Punkt gelangen, ob die W o 11 11 u 11 g s s t e 11 e r von <1011 Hauswirten oder von den Mietern getragen werden soll. Die Stimmen/aiil war gleich. Der endgültige Entschluß wird von der Distrikts« bchorde gefaßt «׳erden. Die Regierung hat für den Bau von Straßen in Je» r 11 s a I e in weitere £ 27 000 ausgeworfen. Schertok, der Leiter des politischen Departements, und Ruppin, der Vorsitzende der Palästina-Exekutive, hatten eine Unterredung mit Johnson, dem Schatzmeister der Palästina« Regierung, über die Handelsbeziehungen zu den Nachbarl ä 11 d e r 11. Der Schatzmeister der Palästina-Regierung sagt* dem Waad Lcumi seine Unterstützung für die Beschaffung der A n I e i h e zu, die der W a a d L e u m i für den Bau von Sc 11 111 g e b ä u d e n aufnelimen will. In Jerusalem wurde ein Klub für den Empfang Von Touristen gegründet. Ein Kind in der Jcmenitensiedlung Schaarajim bei Recht»״ woth wurde von einer Schlange gebissen und starb nach wenigen Tagen. Im Zusammenhang mit der Kampagne gegen die Aus• breitung der Infektionskrankheiten!11 4'cl-Awhv ist das (icsiindhcitsamt gegen 30 Getrankcverkaufer ohne Lizenz, ge« richtlich vorgegangen. Die Epidemie in Chuldah, die durch eine im Lande nicht übliche form von Lieber verursacht war, scheint ihren Höhepunkt überschritten zu haben. Seit einigen Tagen sind keine neuen Lalle aufgetreten. Weitere Todesfälle außer drei zu Beginn waren nicht zu verzeichnen. Versuch einer Zwischenbilanz Es ist klar, daß die wirtschaftliche Entwicklung in Palästiiia von Zeit zu Zeit der U e b e r p r ii f u n g bedarf. Wir müssen wissen, wo wir stehen. (Me schwachen Punkte Für jeden Kritiker ergeben sich bei derartigen Ueberprü- TUngen mit Naturnotwendigkeit drei Argumente, welche im pessimistischen Sinne ausgewertet werden können: Erstens die Ueocrhöhung der Boden preis e, zweitens die Passivitat unserer H a 11 d e I s b i I a 11 z, drittens das Vorhandensein von Fehlinvestitionen. Es ist jedoch nicht angängig, strukturelle Erscheinungen unserer wirtschaftlichen Entwicklung in die rein konjunkturelle Sphäre hineinzuheben und sie so zu behandeln, als ob sie als neue Faktoren jetzt erst zur Wirksamkeit gelangt wären. Sie waren immer da, bildeten immer bedrohiidie Erscheinungen, was ihren negativen Wert keineswegs herabmindert, was ihnen aber immerhin Einiges — und nicht wenig — von dem aktuellen Wirkungsgrad nimmt. Genau so w׳ie es in der Patho- Jogie des menschlichen Körpers chronische Prozesse gibt, die einmal zu einer gewissen Abkapselung und damit zum Stillstand und zur späteren Ucbervindimg gelangen können, gibt es auch in jedem Wirtschaftskörper chronische Prozesse dieser Art, die nicht verwechselt werden dürfen mit akuten Erkrankungen, obw'ohl auch sie bösartig sein können und nicht immer zur Abkapselung und zum Stillstand führen. Aber Tatsache ist, daß der palästinensische Wirtschaftskörper diese eingangs erwähnten drei chronischen Krankheitsprozesse schon seit Jahren erträgt. Passivität der AuBenhandelsbüar» Dabei ist es noch durchaus problematisch, ob der zweite Prozeß, d. h. die Passivität unserer Außenhandelsbilanz wirklich als krankhaft bezeichnet werden kann. Man kann auch anderer Meinung sein und sagen, daß cs eine absolute Notwendigkeit ist. daß wir uns geraue jetzt, also in einer Investitionsperiode, wie sie Palästina noch nicht erlebt hat, einem starken Einfuhrüberschuß gegenübersehen. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß dieser Liniuhrubersdiuß gerade jetzt von zwei Seiten her kommt, nämlich nicht nur mehr von seiten der fertigen Konsum giiter, sondern auch von seiten derjenigen Produktionsmittel, welche dauernd ins Land strömen, um hier der Entwicklung der Eigennroduktion zu dienen. Ein einfaches Beispiel: Wir importieren heute Rohre in einem Maße wie niemals früher. Wir importieren aber auch gleichzeitig Anlagen, die dazu dienen, die Produktion von Rohren im Lande zu ermöglichen. Das heißt: Der Gesamtbegriff ״Eisenrohr“ drückt gerade heute in dop- Pc 1 t*c r Hinsicht auf unsere Außenhandelsbilanz und nicht nur von fertigem Rohr her wie bisher. Weiter: Wir importieren heute lebende. Hühner in einem ungekannteii Ausmaß. Wir importieren gleichzeitig Eier in Mengen, die wir bisher hier nicht kannten. Aber ein beträchtlicher Teil der importierten Hühner dient Zucht- und Legezwecken, d. h. alles, was sich heute um den wirtschaftlichen Begriff ״Eierwirtschaft“ gruppiert, druckt doppelt auf unsere Außenhandelsbilanz. Oder sollen wir etwa keine Eier essen, bis die importierten und gezüchteten Hühner sie in genügenden Mengen legen? Ich glaube, niemand wird das vom Jischmv verlangen, und komme damit zu der bekannten Frage der ״Ueberhöh un g des Lebensstandards“, die man auch sehr oft in einem recht pessimistischen Sinne beantwortet hören kann; gerade diese ״Ueberhöhung“ wird vielfach dafür verantwortlich gemacht, daß unsere Handelsbilanz so passiv sei. Ueberhöhung des Lebensstandards? Nun ist freilich gerade das ein außerordentlich schwer faßbarer Begriff. Will man ihn analysieren, so muß man sich vor allem fragen, wie weit diese Ueberhöhung eine wirkliehe Masse nersch ei nung ist, wie weit sie sich andererseits auf bestimmte Kreise beschränkt, die allerdings gerade deshalb besonders auffallen, weil das allgemeine Lebensniveau hier im Lande immer noch reichlich niedrig zu sein scheint. Wir wollen einmal folgende Rechnung auf machen: Der Oesamtimport Palästinas an Lebensmitteln, Getränken und (Jenullmittein einerseits und an industriellen Fertigwaren andererseits hatte unmittelbar vor dem Einsetzen der großen Einwanderung, also im Jahre 1932, einen Wert von rund CP 5,7 Millioneu, im Jahre 1934 von etwa .CP 12 Millionen. Es ist also in dieser Hinsicht ungefähr eine Verdoppelung eingetreteii. Wir können aber nicht davon absehen, daß sich in der gleichen Zeit nicht nur die j ii d i s c h e Bevölkerung des Landes verdoppelt hat, also der kaufkräftige Teil der gesamten Laudesbevölkerung, sondern daß auch die arabische B e v ö I k erung zahlenmäßig wuchs, und daß vor allem deren Kaufkraft in gewissen, gar nicht so kleinen Schichten erheblich zunalim. Wie man hieraus eine durchgehende und Wirtschaftlieh gefährliche Ueberhöhung des Lebensstandards gerade im jüdischen Sektor folgern will, ist ziemlich unklar. Wenn man einmal die Lebenshaltung der zahlenmäßig und wirfschaftsdynamisch wichtigsten Schicht, d. 11. der jüdischen Arbeiterschaft, wirklich analysiert, so zeigen sich im Durchschnitt keine Spuren von überhöhtem Lebensstandard. Die Tatsache, daß die Löhne gestiegen sind, beweist noch längst nicht eine Erhöhitng des Rcallohnes, dieser ist vielfach gesunken und nicht gestiegen. Was sich der Arbeiter im Durchschnitt heute im Lande ״leisten“ kann, das ist nicht mehr als früher — wenn er Arbeit hatte. Man vergesse aber nicht, daß wir in den Jahren zwischen 1929 und 1932 eine Periode der Ar beit slosigkei t erlebt haben, welche die Kaufkraft dieser Schicht des jüdischen Aufbaus stark senkte. Es ist also nicht nur der Bedarf des Neueinwandcrtr s liin/ugekommen, sondern auch die Wicdereinschaltung bereits ansässiger Arbeitsloser in den Produktionsprozeß und damit ihre Wiedergewinnung für die volle Kaufkraft. Gewiß gibt es Kreise, deren Lebenshaltung — gemessen an den Landesverhältnisseii — tatsächlich stark überhöht ist, die noch nicht begriffen haben, daß es auf die Dauer Wirtschaftlieh unmöglich ist, hier wesfeuropäische Gewohnheiten zu kopieren. Aber es handelt sieh hierbei nur um eine sehr schmale Schicht, und deshalb weniger um ein Wirtschaftliebes Problem tiii die Allgemeinheit als vielmehr um ein solches des sozialen Taktes, und in dieser Hinsicht liegt allerdings sehr viel im Argen. Aber wirtschaftlich sind diese Dinge sehr schwer zu werten. Ls liegt also kein Grund dazu vor, über das Anwachsen unseres Importes in Erstaunen zu geraten und hierin ein Kriseiizeiehen zu erblicken. Seihstverständlich dauert es noch eine Weile, ehe der Neueimvanderer in den Produktionsprozeß eingeschaltet werden kann — aber Konsument wird er sofort. Daher kommt ja ztini guten Teil das typische Kennzeichen unserer Situation, eben die große Spanne zwischen Produktionskraft und Konsumkraft. Zum Zwecke ihres annähernden Ausgleichs oder doch zum Zwecke ihrer Zurückfülmmg auf ein erträgliches Maß sind wir jetzt in eine wirkliche Investitionsperiode eingetreten. Fehlinvestitionen Es ist ganz selbstverständlich, daß in dieser auch Feh!• Investitionen Vorkommen. Man kann aber nicht immer an der passiven wirtscliaftspolitisclien Haltung der Regierung vorübergehen, wenn man über diese Dinge spricht, noch dazu wenn man hieraus einschneidende Wandlungen unserer Konjunkturanlagc folgern will. Der Fragenkomplex, der sich beispielsweise um die bisherige Zollpolitik der Regierung gruppiert, spielt hier eine entscheidende Rolle. Wesentliche Aufgabe jüdischer Politik im Lande muß es heute sein, in dieser Hinsicht Wandel zu schaffen und die Passivität zu beheben, in der die Regierung heule immer noch ver* harrt. Gelingt das, so haben wir hierin eine Konjunkturreserve allerersten Ranges zu erblicken, denn was bisher AUS JÜDISCHEN INDUSTRIE-BETRIEBEN Ulick in eine Schraubenfabrik ln der Eisengießerei Kremener bei Haifa Fabrikation von Kunststeinen Foto■; Dr. Mato»* Uanaburg m || j; י r *PVbjL {.. uh fj i• A ■:Mimu Seunau der Frucht sa ft fabrik Assis, im 1 Ordergrund das alte Fabrikgebäude Gebäude einer Scbohvladenfatink Eine Sclwhjubrih *0 i׳ta : «■ י יין*« «מ ״TW ♦