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Jüdische Rundschau · 1935-07-12 · Heft 56 (12.7.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 56 (12.7.1935)
Date
1935-07-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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7 JÜDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 56, 12. JULI 1935 Japan und Palästina Von Dr. Ernst Marcus Sowohl in der jüdischen Qeffentlichkeit wie in der letz- Jen Session der Mandatskommission des Völkerbundes ist angesichts des immer stärkeren Vordringens billiger japanischer Produkte auf dem palästinensischen Markt bei kaum < vorhandener palästinensischer Ausfuhr nach Japan und der sich daraus ergebenden handelspolitischen Probleme die Frage erörtert worden, ob nicht nach Aufhören der Wirktmgen des Völkcrbundpaktcs für Japan dieses der Rechte des Art. 18 des Palästina-Mandates ebenfalls verlustig ginge. Da der Art. 18 das Prinzip der wirtschaftlichen Gleichberechtigung lediglich für Mitgliedsstaaten des Völkerbundes für Palästina statuiert, würde eine Bejahung dieser Frage bcdeuten, daß die Palästina-Regierung gegenüber der japanischen Einfuhr in Zukunft jederzeit besondere Schutzzölle festzusetzen in der Lage ist. Dies ist jedoch nicht der Fall. Denn auch nach Aufhören der Wirkungen des Völkerbundpaktes und damit des Art. 18 des Palästina-Mandates zugunsten von Japan gelten für Palästina auf Grund des gern. Art. 6 des Ergänzungsvertrages zum japanisch-englischen Handelsvertrag von 1925 von Engiand der japanischen Regierung am 1. Juni 1930 notifizierten Beitrittes Palästinas zum japanisch-englischen Handelsvertrag von 1911 die Bestimmungen dieses Vertrages. Dazu gehört insbesondere auch das in den Art. 7 ff. des japanisch-englischen Handelsvertrages festgelegte und in seinen Einzelheiten behandelte M e i s t b e g ii n s t i g 11 n g s r e c h t. Das Befinden von Oberrabbiner Kuk verschlimmert Jerusalem, 8. Juli. (JTA.) Das Befinden des erkrankten Oberrabbiners von Palästina, Kuk, hat sich verschlimmert. Zu der Behandlung des Patienten Ist Prof. D e s a 111 aus Paris hinzugezogen worden. Er wird zusammen mit Prof. Zondek den Erkrankten betreuen. Jerusalem, 10. Juli. (JTA.) Das Befinden von Rabbi Kuk Ist unverändert. Im Aufträge der Regierung besuchie der Distriktskommissar den Kranken und übermittelte ihm die besten Wünsche für seine Wiederherstellung. Palästina ist also das den Mitgliedsstaaten des Völkerbundes gemäß Art. 18 des Palästina-Mandates gleichmäßig zu gcwährende Recht der Meistbegünstigung auch Japan so lange zu gewähren verpflichtet, als der japanisch-englische Haudclsvertrag für Palästina in Geltung ist. Zunächst ist dies auf Grund der geschilderten Sachlage ohne Zweifel der Fall. Dagegen könnte England, das gemäß Art. 6 des Ergän- Zungsvertrages von 1925 zum japanisch-englischen Handelsvertrage den Beitritt Palästinas zu dem Vertrage erklärte, ihn auch auf Grund desselben Artikels für Palästina separat mit zwölfmonatlicher Frist kündigen. Ob eine solche Kündigung wahrscheinlich ist, muß in Anbetracht der mannigfachen handelspolitischen Schwierigkeiten, die ein solches Vorgehen für England haben könnte, bezweifelt werden. Palästinas handelspolitische Lage gegenüber Japan wie gegenüber anderen Mächten, ist durch seine politische Verbindung mit dem British Empire bestimmt. Sie kann nicht als isoliertes Problem betrachtet werden, und wird nicht allein auf Grund palästinensischer Interessen entschieden. In dem Protokoll zu dem englisch-japanischen Ergänrungsvertrag ist übrigens ausdrücklich festgelegt, daß Austin Chambcrlain, der als Staatssekretär des Foreign Office den Ergär.zungsvertrag von 1925 Unterzeichnete, und der japanische Unterhändler, Botschafter Baron H a y a s 11 i, beim Abschluß des Vertrages von der Integrität des Aft. 22 des Völkerbundpaktes und der Mandatssatzungen ausgingen. Die Aufnahme dieser Erklärung in das Protokoll des erst 1927 vom englischen Parlament ratifizierten Ergänzung«- Vertrages erfolgte vor allem im Hinblick auf die in Art. 3 lllllt!IUm1l1m1IIIIIIIIIHII.;llllllllll1m1lllllllll!l|(llll!il!lllltllllllll!t!lllll!!lll)ltl!llllllllllllltllll!IIIIIIIIIIIHIII!l!<illMIIIIIIIIIH!l Krankheitsverhütung LUZERN Schiller Motel Garni Alle Zimmer mit Telefon und fließ. Wisser od. Bad Zimmer r. Fr 4,50 an, Pension ab Fr , 1150, Autoboxen Zur sanitären Lage im Sommer Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. T e I - A w i w, 4. Juli 35 Ansteigen der Krankheltszlffern Der Sommer ist für Palästina immer eine Zeit der erhöhteti Krankheitsfrequenz. Mit dem Einsetzen der heißen Jahreszeit mehren sich die Infektionskrankheiten vor allem Dyscntcrie und Typhus und mit Fortsclireiten des Sommers macht sich die Malaria ebenfalls stärker bemerkbar. Es sind daher in dieser Periode spezielle sanitäre Maßnahmen erfordcrlicli, um die Gefahren zahlreicher Erkrankungen abzuschwächen, und die verantwortlichen jüdischen Körperschaften —- Hadassah, Kupat Ciiolim usw. — müssen ihre Aktivität steigern, um den vergrößerten Anforderungen gerecht zu werden. Audi die Säuglings- und Kinderpflege verlangt im Sommer verstärkte Aufmerksamkeit, um Hitzeschäden möglichst auszuschalten. In den letzten Wochen hat sieh sowohl das Gesundh c i t s a m t beim Waad Lcumi als auch die Krank cnkassc der Arbeiterorganisation mit dringenden Appellen an die Öffentlichkeit gewandt, (jei Verhütung von Krankheiten und Bekämpfung von Epidemien aktiv mitzuwirken. Zugleich werden eine Reihe von S i c 11 e r 11 e i t s m a ß!1 a h m e 11 gefordert, die jeder Einzelne zu befolgen hat — Entkeimung von Früchten, Mcidung verdächtigen Trinkwassers, Sauherlialtimg der sanitären Anlagen usw. —, und vor der Verschleppung der Krankheiten von einem Platze zum andern wird gewarnt. 1rsachen Das Ansteigen der Krankheitsziffern in diesein Jahre hat vermutlich verschiedene Ursachen. Die urigewohnliche Hitzewelle zu Beginn des Sommers mag viel dazu beigetragen haben, noch vor der programmältigen Zeit die Widerstandskraft der Menschen Iierabzusctzen und sie für die verschiedensten Krankheiten empfänglich zu machen. In diesem Sinne hat man sich im Lande mehrfach von ärztlicher Seite geäußert. Die Malariaerkrankungen sind noch eine Folge des ungewöhnlich nassen Winters, der die Sumpfgebiete vergrößerte und die Fiebergefahr so anscliwellen ließ, daß sowohl Regierung wie auch die jüdischen verantwortlichen Stellen zu besonderer Wachsamkeit gezwungen waren. Außerdem haben die sanitären Dienste keineswegs überall mit der vermehrten Einwanderung Schritt halten können. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die hygienischen Fragen ln Zeiten starker Immigration akuter werden. Der Neuling muß sich erst akklimatisieren, was seine Körperkräfte oft stark 111 Anspruch nimmt, er kennt häufig nicht die einfachsten Vorsiehtsmaßregeln, so daß er sich stärker gefährdet als ein ״Eingesesscner“, der sowohl die Gefahren als auch die Vorbeugungsmittel aus Erfahrung kennt. So muß man häufig die Notwendigkeit, Früchte nicht nur zu waschen, sondern auch in eine Dcsinfeküonslösung zu legen, dem Neueinwanderer wiederholt einhämmern, bis er sieli an diese Prozedur gewöhnt. Und von derartigem Obstkonsum stammt vermutlich ein guter Teil der Dysenterie- und Typhus-Erkrankungen. Außerdem befindet sich eine große Zahl der Imniigratifeil in sanitär ungenügenden Bedingungen. Die W 0 h n 11 n g snot, insbesondere in den Kollektivgruppen (Kibu/im) ist sehr groß. Man ist gezwungen, in großer Enge in Baracken lind Zelten beieinander zu hausen, so daß die Saiibcrliaitimg der Räume und die Aufbewahrung der Sachen große Schwierigkeilen macht; die Einrichtung entsprechender Waschräume und Toiletten kommt vielfach viel zu spät, die Bekämpfung der Fliegen, die zu den stärksten Verbreitern der Infektionen geenthaltenen Bestimmungen betreffend die japanischen Mandatc und den besonderen Zolltarif des abgeänderten Art. 8 des Vertrages von 1911. Die Mandatskommission des Völkerbundes, die eine besondere Prüfung der hier behandelten Frage beschlossen hat, wird gut lun, nach Feststellung der Rechtslage die praktischen Probleme der in Art. 18 des Palästina-Mandates enthaltenen Bindung der palästinensischen Handelspolitik eiligehend und dringlich zu untersuchen. hören, ist oft ungenügend. Unter diesen Umständen ist e!rt Fall einer Infektionskrankheit häufig genug der Beginn einer Epidemie an einem Ort, deren Bekämpfung nachher viel mehr Geld und Arbeitskraft verschlingt, als es die Bereitstellung entsprechender Wohngdegenliciten und sanitären Beding ungen getan haben würde. Eine Verbreitung der Krankheiten wird auch durch die massenhaften Fahrten und W a 11 d c r 1111 g e 11 verursacht. Man ist vielleicht — gerade auch unter den Arbeitern — in keinem Lande der Welt so viel unterwegs wie in Palästina. Die Siedlungen sind zu allen Jal!resz.eifen voll von Gästen, die vielfach die ohnedies kargen Wohnbedingungen noch enger machen. Auch von den Schulen aus werden Wanderungen in großem Umfange veranstaltet, ebenso von den verschiedenen Jtigemlbiiiiden. Eine entsprechende Unterbringung und Verpflegung ist aber hei diesen Fahrten sehr viel schwieriger als in Europa und die Gefahr der Krankheitsübertragung beträchtlich. Es ist wichtig, daß der Waad Lettini in seinem Warnruf auch auf diesen!,unkt eingeht und jetzt, wo überall die Sommerausfliige und -Lager beginnen, dringend die nötigen hygienischen Vorsichtsmaßregeln fordert. Wenn man bei den bertehemlen sanitären Verhältnissen die Hauptschuld an den Krankheiten dmi schweren Lehens- Verhältnissen ■/!!schreiben muß Wohnungsnot, Enge, sehwierige Wasserheseliaffung, komplizierte Verpflegung - - so kann man auch einen gewissen L e i c 11 t s j 11 n in diesen Fragen beim Publikum beobaelilen. Ls seheint auch hier zu gelten, daß die meisten mir durch i rfahriing klug werden und nur langsam lernen, dali unter den palästinensischen klimatischen Bedingungen andere und strengere Vorsichtsmaßregeln notwendig sind als in mitteleuropäische!! 1.,ändern. Man sicht diese leichtsinnige Haltung, die auf einer erschreckenden Unkenntnis der LandesverhültnPsc beruht, and! in anderen Dingen. Der Fall von fünf jungen Unternehmungslustigen, die, ohne genügend Wasser und I.eiiensinilfel bei sidl zu haben lind ohne einen Führer 1 ׳rotz scharfer vorheriger Warnung —• in dieser Jahreszeit eine Wanderung in die Wüste des Toten Meeres unternahmen und i!11 letzten Moment noch in Siche!■• heit gebracht werden konnten, nachdem sie ihre Kräfte verlassen hatten, ist ein flagrantes Beispiel fiir diese Mentalität, die gründlich bekämpft werden muß. Mangelnde Hospitalisierung Man muß im Zusammenhang mit der Gesundheitslage nochmals auf die in angelnden liospifalisicrungsin ö g I i c h k e i t c n hinweisen. Bei der wachsenden Bevölkerung genügen die bestehenden Krankenhäuser in keiner Weise. In Tel-Awiw, das auch die vielen umliegenden Kolonien versorgt, ist es nahezu unmöglich geworden, einen Kranken auf normalem Wege und ohne Zeitverlust im städtischen Kraukenhaus unterzubringen. Das bedeutet hei den vielen Infektionsfällen nicht nur eine ungeheure Belastung der Familie•!* oder der Gruppe und oft auch eine Gefährdung des Patienten, sondern auch weitere Verbreitung der Epidemien. 111 Palästina hat seit langem ein K.uupf um die Vergrößerung der Ii o s p i t a I i s i e r u n g s m ö g 1 i c 1! k e i t e!1 eingesetzt; inan hat von allen zuständigen Stellen, angefangen von der Stadt- Verwaltung bis zur Regierung, eine ausreichende und rasche Lösung dieses brennenden Problems verlangt, aber die Rcsulfafe sind bisher höchst mangelhaft,!die Privatinitiative beginnt jetzt, dem Bedürfnis nach Krankenhäusern entgegenzukommen, aber es liegt i!1 der Natur der Sache, daß sie gerade die a r in e Bevölkerung, die es am nötigsten hat, nicht aus ihren Nöten reißen kann. Der Sommer erweist mit erschreckender Deutlichkeit die Notwendigkeit einer großen und durchgreifenden Aktion auf diesem Gebiete. Eine Anleihe für Haifa Haifa, 9. Juli. (JTA.) Die Stadtverwaltung von Haffa steht in Unterhandlungen mit einem Finanzkonsortium, das der Stadt eine Anleihe von einer halben Million Pfund gewähren soll. Die Anleihe soll zum Ausbau und zur Modernisierung der Stadt verwendet werden. Geräusche der Stadt Haifa ist wie alle orientalischen Städte — auch in seinen europäischen Teilen — voller Geräusche. Schon morgens um 5 Uhr wird man geweckt durch die iautliallenden Rufe des ״fliegenden Schuhmachers“ der sein ״Naalajim letaken“ (״gibt cs Schuhe zu reparieren?“) mit eindringlicher Stimme fragt. Er muß ja als erster früh auf sein, weil er die Schuhe derjenigen ausbessern will, die bald darauf zur Arbeit gelten. Sein Arbeitsgerät und sein Material trägt er in einem Kasten bei sich. Werkstattmiet« braucht er nicht zu bezahlen, er setzt sich einfach auf die Straße vor das Haus seines Kunden, und so kann er billig sein. Der Leser muß wissen, daß man in Palästina im Sommer bei weit geöffneten Fenstern und Türen lebt und schläft und so alle Geräusche besonders stark empfindet. Kaum verhallt das Geschrei des Schusters in der Ferne, als schon die Lastautobusse heranrattern, die das Baumaterial auf die Bausfelle bringen. Solche gibt es überall, in allen Vierteln, und man entsetzt sich jeden Morgen von neuem über die starken Geräusche, versucht aber immer wieder sofort durch Erwägungen der Vernunft, wenn auch nicht den Lärm, so wenigstens das Entsetzen darüber abzuschwächen, indem man sich überlegt: ״Wir leben doch in einem Lande des Aufbaues, es liegt doch im Interesse der Gesamtheit, daß viel gebaut wird und inan muß doch eigentlich wünschen, daß möglichst viel Autobusse auf möglichst viel Baustellen am Hause vorbeifahren.“ Haifa ist eine bergige Stadt, die Stra ßen liegen übereinander und durch die Umschaltungen der Gangart der Last- und Personenwagen bei jeder der zahlrcieben Steigerungen wird das Geräusch noch erheblich verstärkt. In den inneren Streit widerstrebender Empfindungen schallen die schrillen Rufe der arabischen Händler in ianggezogener! Tönen, ״Bandorra“ (Tomaten), ״Mischmisch“ (Aprikosen), jiAnawim“ (Weintrauben), ״Tyras“ (Mais), ״Berr“ (Eier) usw. sie rufen ihre Ware in die offenen Fenster hinein und würden bestimmt kein Verständnis dafür haben, wenn man ihnen lagen würde, daß auch «ine weniger laute Stimme noch Ws *um letzten Stockwerk des Hauses und bis zur hintersten Wohnung vernehmbar sein würde. Schon rattert auch Tewje, der Milchmann, auf seinem Motorrad heran und hält vor dem Haus. Er läuft treppauf und treppab und verteilt seine Milch. CHaim, der Brotmann, kommt auf einen Esel angeritten, dessen Glöckchen lustig klingelt, und während sein ״Brotherr“ das Brot In die Wohnungen bringt, stößt der Chamor jene langgezogenen klagenden imd schluchzenden, durch Mark um) ein dringenden Laute des palästinensischen Esels aus, die man niemals wieder vergißt, wenn man sie einmal gehört hat, leider höchst unähnlich seinem edlen Ahnen, dem Esel Buridans, der nur nachdenklich vor siel! Iiinsah, lind dem Esel Bileams, der vernünftiger sprach als ein Mensch. Wer bis dahin etwa noch trotzköpfig im Bette geblicben ist, für den ist jetzt bei den Tönen des Esels kein Halten mehr. Häufig traben auch ganze Trupps von Eseln im Galopp durch die Straßen mid klingeln mit ihren Glocken und veranstaiten im Chore das oben geschilderte Konzert. Am Schluß reitet der Eseltreiber, der auch nicht gerade mit leiser Stimme seine Tiere zum Eselsgalopp antreibt. Hat der so geplagte Palästinenser sich zum Frühstück gesetzt und gerade die Kaffeetasse zum Munde geführt, so ertönt ein bombenähnlicher Schlag und mit dem ersten Schluck Kaffee ist es vorerst noch nichts. Neue Ankömmlinge meinen, Haifa sei ein Kriegshafen und vermuten die Beschießung durch eine feindliche Macht. Die Alten aber wissen, daß dieser Bombenschlag das harmlose ״Warda" ist, die Sprengung des Felsen- Untergrunds, auf dem Haifa stellt, tun die Fundamente fiir neue Häuser zu legen, Kanalisationskaniile zu graben und dergleidien. Es folgt wieder die oben beschriebene innere Debatte mit dem Thema ״Land im Aufbau“ und erneut besiegt durch die Erwägung für das gemeinsame Ganze beginnt und beendet man das Frühstück. Aut dem Weg ins Büro gelangt man bald zu solchen Sprengstellen, hört schon von weitem das aufgeregte Schreien der Straßenarbeiter und iiire Rufe ״Warda-Warda״; nach allen Seiten laufen sie und schwingen ihre roten Fähnlein, um die Passanten zu warnen und inf Weitergehen zu verhindern. Geduldig muß man jedesmal drei Donnerschläge vorübergehen lassen, Steine fliegen hoch in die Luft, Rauch steigt auf, Brandgeruch verbreitet sich, und man setzt seinen Weg fort. In der ersten Verkehrsstraße, in die man kommt, schm ettert schon in früher Morgenstunde das Grammophon — meist abgespielt und keine sehr neue Konstruktion — seine lauten Töne in die Luft, arabische und hebräische Lieder, englische Songs, meist durch Lautsprecher noch verstärkt Keine Polizei verbietet das, und wenn man das Glück hat, in der Nähe zu wohnen, hört man täglich das ganze vorhandene Repertoire. Am Abend werden auch die privaten Orammophone und Radioapparate in Betrieb gesetzt. Sicher gibt es hier ein wirklieh musikliebendes Publikum, das sich am Abend an guter Musik erfreut, aber hier wie in der ganzen Welt kann niemand der Kulturschande wehren, die die Musik lediglich zur Ausfüllung toter Stunden benutzt und von der Kunst zum Lärm erniedrigt, und in die offenen Fenster dringt mit der erfrischenden abendlichen Kühle leider auch das manchmal schlechte Repertoire des nachbarlichen Grammophons. Das Ohr und die Menschen wollen sieh atisrnhen. Endlieh hallen die unentwegten Musikmachcr Schluß gemacht. Man hofft, die ersehn((■ Ruhe zu finden, und in den erstell SeilIat hinein ertönt es lauf von der Straße: ״Einek, I 111 eh, awodah“, eine Gruppe noch sehr munterer Jugend, die vom Karmel herunterkonimt oder von einem Neselief (Abendveranstaltung) nach Hanse geht, singt die fröhlichen Lieder des neuen Palästina. Sicher beginnt man auch hier wieder die Debatte mit sich selbst, man weiß ja, daß es nirgends auf der Welt eine so frohe und freie jüdische Jugend gibt wie liier. Sehr nett hat dies ״Matatc׳־ in seinem iet/lci! Stuck Chaglojada (Fest ohne Ende) zum Ausdruck gebracht. Die Jugend singt nachts auf der Straße, die Anwohner beschweren sich, ein Schutzmann kommt herbei und ruft den Anwohner 11 zu: ״Ruhe, Ruhe, es ist Nacht, nicht stören!“ Man träumt voll einem ״Mischpath", einer Gerichtsverhandlung, der in Palästina üblichen Form, Fragen, die die ganze Bevölkerung iutcressicreu, zur öffentlichen Besprechung zu bringen. 111 der Mitte der Tisch mit den Richtern, zur einen Seite der ,.Kategor“, der Ankläger, ist man seihst, und in!.־inger, wohlgeordneter Rede — versteht sieh in Hebräisch klagt man alle die Cieräuschmacher an, die Chauffeure und die Straßenhäudler, die Grammophonspieler und die singende Jugend. Man vernimmt Zeugen und Sachverständige, und dann ergreift der ״Sauegor“, der Verteidiger, das Wort man selbst ist merkwürdigerweise auch der Verteidiger und widerlegt sich selbst. Wenn man morgens vom ״Naalajim letaken“ aufwacht, hat man vergessen, ob 1m Gericht Freispruch oder Verurteilung erfolgt ist, zu neuem Lärmen lockt ein neuer Tag. Nachwort: Sei nicht ängstlich, neuer Einwanderung*• kandidat! Und verlasse nicht in Triest das Schiff wie jener Leser meines Artikels ״Wüstenwind über Palästina“ von dem die Fama hier bcrichlet. 1311 hast dich in Berlin an das Gcrausch der Elektrischen am Potsdamer Platz, in Paris all die lauten Schreie der Zeittingsausrtifer, in Amsterdam an die entsetzlichen Riesenleierkästcn gewöhnt, vielleicht wird auch dir einmal der Klageruf des palästinensischen Esels lieblich in die Ohren dringen. Schlimmstenfalls hilft Oropax, Wachs in die Ohren, wie schon Odysseus wußte, der Vielgewandert" (welcher die Geräusche vieler Länder gekannt hat). Leider ist Oropax ein etwas mechanisches Mittel. An die Erfinder: Wer erfindet den elektrischen Oeräuschverzehrer? Dr. Albert Baer. Haifa

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