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Jüdische Rundschau · 1935-07-09 · Heft 55 (9.7.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 55 (9.7.1935)
Date
1935-07-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 55, 9. VII. 1935 jüdische Rundschau Seit* 3 Dem Kongreß entgegen Die Wahlbewegung Wahlergebnisse in Oesterreich Die Wahl der Delegierten zum XIX. Zionistenkongreß hat in Oesterreich bei einer Beteiligung von 70 «;0 der Wahlberechtigten stattgefunden. Die höchste Stimmenzahl erreichte die Liste des Zionistischen Landeskomitees, das dem Krakauer Weltverband de r Allgemeinen Zionisten angeschlossen ist. Auf die Liste entfielen zwei Mandate, die Zuteilung eines dritten Mandates ist noch möglich. Ebenfalls zwei Mandate erhielt die Vereinigung ״Binjan Haarez“, in der die der palästinensischen Arbeiterbewegung nahestehenden Kreise zusammengefaßt sind. Die von Stricker geführte Judenstaatspartei hat ein Mandat erlangt. Sie hat Aussicht auf ein weiteres Mandat, falls der Liste des Zionistischen Landeykomitees das dritte Mandat nicht zuerkannt wird. Ein Mandat entfiel auf die Liste der ״W e 11 v er e i n i g 11 n g Allgemeiner Zionisten“, für die die Gruppe der Progressiven, die Radikalen und der ״Adolf Stand-Klub“ stimmten. Die englisch• KongreBdelegstion Auf Grund der Ergebnisse der letzten Schekelaktion wurde festgestellt, daß die Zionist Federation for Great Britain and Ircland berechtigt ist, zwölf Delegierte zum bevorstehenden Zionistenkongreß zu entsenden. Kandidaten der Weltvereinignng Allgem. Zionisten In die Weltwahlliste der ״Weltvereiiiigurig Allgemeiner Zionisten“ wurden außer dem Listenführer i>r. Chaim Weizmann die Führer der Zionistischen Organisation Amerikas, die soeben auf ihrer Jahreskonferenz den Anschluß an die Weltvereinigung erklärt hat, als Spitzenkandidaten aufgenommen, und zwar der Ehrenpräsident Louis Lipski, der Präsident Morris Rothenberg und Rabbi Stephen S. W i s e. Weitere Kandidaten der Weltliste sind u. a.: J. Naiditsch, der Hauptschriftleiter des ״Haarez“, M. Glücksohn und Dr. Alexander G o I d s t e i n. Die Schekel-Aktion in Griechenland In Griechenland sind insgesamt 4648 Schekalim, davon 3367 in Saloniki, 1281 im übrigen Land abgesetzt worden. Zum XV111. Zionistenkongreß waren es nur 2913, davon 2033 in Saloniki und 880 in anderen Städten. Die Kongreß wählen in Frankreich Von unserem Berichterstatter K. Paris, im Juli Der Wahlkampf für den Kongreß, der in Frankreich vor etwa zwei Monaten eingesetzt hat, beginnt in letzter Zeit abzuschwächen. Es war von vornherein klar, daß von den aufgestellten Kandidaten zum Kongreß nur zwei ernsthaft in Betracht kommen konnten, der Kandidat der Allgemeinen Zionisten, N aiditsch, und der Kandidat der Arbeitergruppe, J a r b 1 u m, der Frankreich auf dem letzten Kongreß vertrat. Der Parteigegensatz innerhalb des französischen Zionismus wird durch die parteipolitische Orientierung der Allgemeinen Zionisten in Frankreich gemildert, die den progressiven Zionisten nahestehen. Die Resolutionen, die für die Einheit der Histadruth in Palästina eintraten und die — vorläufig wenigstens — die Gründung eines allgemein-zionistisehen Hechaluz in Frankreich ablehnten, sind auf der anderen Seite als Entgegenkommen und Willen zu einer Verständigung empfunden worden. Ferner wirkt auch der Druck von außen zusammenschlie- Bend auf die Gruppen. Die Revisionisten stellen in Paris einen erheblichen Teil der Zionisten. Jabotinsky lebt einen großen Teil des Jahres in Paris, sie haben ihr eigenes Presseorgan und haben in der letzten Zeit unter der Führung von Wolfgang von W e i s 1 einen propagandistischen Vorstoß unternommen. Es muß bezweifelt werden, ob der Erfolg dieser Werbeaktion sehr groß ist. Das revisionistische Problem ist schon so ausführlich diskutiert worden und die Positionen sind so fest bezeichnet, daB auch die neue Aktion der Revisionisten kaum noch eine neue Zustimmung unter den zionistisch interessierten Juden in Frankreich hervorgerufen hat. Es ist also zu hoffen, daß nach dem Kongreß die Basis einer dauerhaften Zusammenarbeit zwischen den zionistischen Gruppen im Rahmen einer zionistischen Föderation in Frankreich gefunden werden wird. Erst nach dem Wahlkampf wird die Zeit gekommen sein, sich mit den aktuellen Problemen der zionistischen Bewegung in Frankreich zu befassen, die durch die Intensivierung der zionistischen Arbeit, durch das Wachsen der Zahl der Zionisten, durch die Haehscharah-Bewegiuig usw. gestellt werden. Die Wahlen werden in Paris am 21. und 22. |uli, in der französischen Provinz am 21. Juli .stattfinden. Führer der Agency in Wien Von unserem Korrespondenten J. R. Wien, 5. Juli Auf ihrer Durchreise nach London weilten zwei Mitglieder der Jewish Agrney-Exekutive, Berl Locker, Leiter des Organisationsdepartements in London, und Ji/chak G r ii nbäum, Leiter des Einwandcrirngsdepartemeiits in Jerusalem, dieser Tage in Wien. Im Festsaal des Hotel Continental sprach J. Grün bäum über die jüdische Einwanderung nach Palästina in den letzten Jahren und über die kommende Aufbauperiode. Die jüdische Einwanderung, führte Grünbaum aus, bewege sich in aufsteigender Linie. Ini Jahre 1934 sind 42 000, in den ersten fünf Monaten das Jahres 1945 bereits über 23 (WO Juden nach Palästina eingewandert, so daß man für das Jahr 1935 mit 50 000 bis 60 000 Einwanderern rechnen könne. /'Nein es handle sich nicht nur um das Problem der Einwanderung. Viel wichtiger erscheint die Verwurzelung neuer Menschen im Lande, und vor allem die Seßhaftmaehung zahlreicher Einwanderer in der Landwirtschaft, Die unbefriedigenden Erscheinungen im Aufhauprozeß von Palästina können nur dadurch geändert werden, wenn man jene Jugendorganisati o 11 e 11 b e sonders f 6 r ־ d e r t, die sich d er H e r a n b i 1 d 11 n g v o n C h a 1 u z i m widmen, die nicht mit dem Ziele nach Palästina gehen, ihre persönliche Lage zu verbessern, sondern jene Arheitsarmee zu vergrößern, die das Land durch Arbeit erobert. Der kommende Kongreß in Luzern wird dieser Arbeit seine besondere Auf m erksamkeit schenken müssen und auch die Mittel für eine gründliche landwirtschaftliche Vorbereitung dieser Pioniere schon in den Ländern der Diaspora herbciscli affen. Grünbaum stellte fest, daß von der gesamten Zertifikatszahl 50 Prozent für die Clialu/im reserviert bleiben müssen und die anderen 50 Prozent für alle anderen K a t e g o r i e 11 zur Verwendung gelangen. Oesterreich sei bei der letzten Zertifikatszuweisung deshalb so knapp bemessen worden, weil es bloß eine geringe Zahl von Chaluzim stellen konnte. * 111111111111m111H1m11m11111111111nn11111111M11111111m11M1111i1111111111MM1m11111111M11N1m11111111111m111111H1m11mm111m11111!1111 ZUR REISEZEIT Unsere Freunde bevorzugen die Hotels, Pen־ sionen und Sanatorien, deren Empfehlungen sie in jeder Freitag ־Ausgabe unseres Blattes finden Zu dein Kongreß-Wahlausgang in Oesterreich, über den wir an anderer Stelle berichten, wird uns aus Wien berichtet: Das Ergebnis entspricht im großen und ganzen den Er- Wartungen und bringt das Kräfteverhältnis richtig zum Ausdruck. Es bedeutet einen Erfolg der progressiven Gruppen, die unter weit schwierigeren Bedingungen den Wahlkampf bestritten. Von symptomatischer Bedeutung sind diese Wahlen auch deshalb, 11 a sie zum ersten Male die zwei allgemein-zionistischcn Gruppen im Kampfe gegeneinander sahen und der ״Wcltvereinigung“ zweifellos einen Erfolg gebracht haben. Man darf nicht vergessen, daß auf Seite des ״WeitVerbandes“ die ״Wizo“ stand, die allein zumindest die Stimmenzahl von einem bis anderthalb Mandaten auf sich vereinigte. Schließlich darf man bei Beurteilung des Resultats nicht übersehen, daß der ״Weltvereinignng“ im ganzen 10 Tage zur Vorbereitung ihres Wahlkampfes zur Verfügung standen. Recht Bemerkenswert, vielleicht sogar initentscheidend, war die Sympathieerklärung von Adolf Böhm mit den Zielen der ״Weltvercinigung“. Reform des Kongresses Nach einem Vorschlag Chaim Arlosorofls Anläßlich der zweiten Wiederkehr des Todestages von Ch. Arlosoroff, der in Palästina eindrucksvoll in Wort und Schrift begangen wurde, geben wir nachstehendem Bericht Baum, der besonders mit Rücksicht auf den bevorstehenden XIX. Zionislcnknngreß von Aktualität ist. Vier Wochen vor seiner Ermordung weilte im Mai 103) Chaim Arlosoroff zu kurzem Aufenthalte in der Tschechoslowakei. Die zionistische ()Öffentlichkeit war zu jener 7,eil angesichts der Nähe des Zionistenhongresses bereits von einer nervösen Spannung erfüllt, die Arlosoroff mit einer gewissen Besorgnis empfand. Diese kam auch in einem längeren Gespräch mit unserem Prager Korrespondenten Dr. Hans Lichtwitz zum ,1u.sdrucke, in dein Arlosoroff auf die Gefahren <‘ines Kongresses, der sich in überholten Tonnen ahspielt, Itimvies und einige Vorschläge zur Anpassung der Kongreßform an Forderungen 11er /.eit andeutetc. Der Verlauf des Äl III. Kongresses hat dann die Berechtigung der Warnungen Arlusorojjs bestätig!. Seine Rcfornivorschläge sind nach seinem Tod unbeachtet geblichen. Sie siml jedoch heute genau so aktuell und wirklichheitsnuhe, wie zu dem /eilpunkte, da ihre Realisierung von Arlosorof j als dringlich empfunden ivurde. Arlosorof f führte unter anderem aus: ״Der Kongreß vier Nachkriegszeit hat in hohem Maße aufgehört, eine Tribüne zur Erörterung der Judenfrage als Weltprobleni zu sein imei hat sieh in immer steigendem Maße mit komplizierten finanziellen und organisatorischen Fragen und iinier/ioiiistisdien Auseinandersetzungen beschäftigt. Es ist nun meine Meinung, daß wir in der heutigen außerordentlichen Stunde radikal eine Anpassung unserer K o 11 g r e ß a r b e i t a n d i e E r f o r d e r 11 i s s e dieser Zeit durchführen müssen. Wenn der Kongreß der Welt ein Bild der Zerrissenheit und rücksichtslosen Parteileidenschaften bieten sollte, dann hätte er wohl den Zweck verfehlt, den er heute erfülle*!! muß. Die jüdische Jugend in der ganzen Welt, die vom Zionistenkongreli moralische und politische Führung erwartet, hätte dann das unerquickliche Schauspiel eines chaotischen Quasi-Parlamentarismus vor Augen, in dem die inneren Gegensätze so zugespitzt sind, daß sie auch in einer schweren Krisis der Nation nicht mehr zu einem einheit liehen und stoßkräftigen Ganzen ziisaimncngefaßt werden können. Diktatorische Mittel sind bei uns unmöglich; eine Bewegung, die auf dem freien Willen ihrer Anhänger und auf ihm allein beruht, ist ein untaugliches Objekt für solche Gesten. Die Situation verlangt also eine sofortige planmäßige U m s t e 11 u 11 g 1! n s e r c r K o 11 g r e ß 111 a s c h i 11 e r i e. Was ich mir vorstelle, ist ungefähr, daß mail noch vor Eröffnung des Kongresses auf Grund der Wahlen das neue Aktions- Comite, das ja immer mathematisch genau das Kräfteverhältnis des Kongresses widerspiegelt, konstituiert. Dein Akdenklich werden, was aber sollte wohl ein gläubiges Kindergemüt von einer verrammelten Messias-Pforte halten? — Die Jeschiwa-Bachurim mit ihren schaukelnden Schläfcnlockcn, an denen ich in ״Mea Sehearim“ scheu vorübergegangen, hätten auf diese Fragen gewiß einen treffenden ״Passuk“ gewußt. Man muß so schrecklich viel ״wissen“ in Jerusalem. Müßte man. Dreierlei zumindest sollte man gut kennen: T’nacli, Koran und Neues Testament. Manchem genügt es schon, daß er sich nicht einmal im Pentateuch zurechtfindet, jenem Elementar- Reiseführer durch das gelobte Land. Was mich betrifft, so bin ich durchaus nicht in jeder berühmten Moschee gewesen, ich weiß auch nur das Allernotwendigste von den Baustilen der verschiedenen Religionen und Jahrhunderte. — Aber in der Schul der alten Chässidim bin ich gewesen zu Pcßacli, bei den bucharischen Juden sah ich die festlich geschmückten Beterinnen in buntem Atlas mit schwersilbernem Ohrgehänge, hörte die gutturalen Singsang- Melodien und ließ mich einladcn, hinter dem Frauengittcr auf flachen Betpfühlen zu kauern, die Beine übergeschlagen im Türkensitz. Einen Jemeniten lernte ich kennen, der sah aus, wie von Hermann Struck gezeichnet. Fünfzig war er wohl. Oder siebzig. So genau läßt sich das bei Jemeniten nicht bestimmen. Ich traf ihn kurz vor Kerem Awraham und fragte ihn nach der Synagoge. Er nahm mich mit. Im JemenitenviericI guckten uns die Kinder neugierig nach. Frischgewaschene Mädchenköpfe erschienen an den Fenstern, auf den Höfen unten promenierten die Schönen in ihren Feiertagskleitlern. Manche unter ihnen war braun und schlank und fremdländisch anzusehen, als wären sic vom Stamme jener Asra, von denen Heinrich Heine singt. An einem Brunnen gewahrte ich zum erstenmal eine nargilchrauchendc Frau. Kreuz und quer zogen wir, mein jemenitischer Freund erklärte mir auf meine Frage, daß das Rauchen nicht verboten, weil ja heut nicht Schabbat sei, sondem Peßach. Er geleitete mich die bröckligen Steinstufen hoch hinauf, wir kamen an eine Art Gitterbalkon, der mündete in das winzige Bethaus, hoch oben auf dem Dach. In der Frauenschul wurde mir ein buntgewebter Schemel hingestellt. Ich bekam ein altes Gebetbuch in die Hand gedrückt. Drin blatternd dachte ich: wie gut, daß ein Siddur nichts als ein Siddur ist, überall in der Welt, daß diese kantigen Buchstaben nicht bucharisch sind noch jemenitisch, nicht sefardisch noch aschkenasisch, sondern schlicht jene Buchstaben, die man kennt, in denen man zweierlei gelernt: ״Mode ani“, früher einmal, und ״Lainadti, lainadta“, jetzt. So geriet man nicht in die Verlegenheit, das Gebetbuch verkehrtherum zu halten, wie meine erschrockene Nachbarin aus München, die sich zuletzt ganz verzweifelt in ein kopfstehendes ״Lcha dodi“ vertiefte. Ich habe meinen mißtrauischen Freunden in Rechawia nie recht erklären können, auf welche Weise ich mich mit »einem Jemeniten verständigte. Ich weiß es selbst nicht recht, ich bot ihm mein perfektes Hebräisch, und er schien es zu verstehen. Was er mir sagte, habe ich wohl mehr erraten als begriffen, dann und wann grüßte mich in seinen sprudelnden Sätzen eine Vokabel, die mir entfernt bekannt schien, doch klang es stets, als ab er die Vokale vertauschte. — War das ״echt jemenitisch“; oder hatte mein Freund sich eine Privat- Aussprache zureclitgelegt: er sagte ״godall“ wenn er ״gadol“ meinte oder ״ruehakk“, wenn er ״rachok“ sagen wollte, - und auch den Konsonanten erging es nicht gut bei ihm. Jemenitisch, huch arisch, sefardisch, aschkenasisch . .., es ist nicht ganz so einfach mit der Sprache unserer Väter. Kleine Rii<ksdu111 Jerusalem. Noch stehe ich manchmal in Träumen auf der Höhe des Skopus und blicke weit hinüber auf die Berge, in das Land, das Transjordanien heißt. Wenn die Stadt uns wohhviil, schickt sic uns einen ihrer märchenhaft ließen Tage mit glasklar durchsichtiger Luft, daß wir wie durch Zauberbrillen endlos in die Ferne schauen. Noch geht die Sonne unter im Jordantal, blaut das Tote Meer, und alle Ferne ist nah und mit Händen zu fassen. Noch steige ich die kletternden Treppenstraßen der Altstadt hinter der Mauer hinauf und hinab, trödle mich durch einen langsamen Schabbat-Vormiftag, da die Patriarchen in schwarzen Gewändern mit wallenden Bärten wie Schatten schleifen im Sonnenlicht, treffe auf Juden mit Kaftan und Pcjes, die lieimkelm-11 von der alten Synagoge des Rabbi Jchuda Heehassid, die man jetzt die ״Churva“ nennt, die Ruine. Chcderjtingen, Knirpse in Samthut und Scliläfenlocken mit Gesichtern, denen noch die Blässe der Gaiutli scharf ins Gesicht geschrieben ist, schreiten ernsthaft zur Seite frommer Väter. ״Moje, Moje“ singt der arabische Wasserträger zum rhythmischen Geklapper seiner Mcssingteller; für einen ״Chazi- Grüsch“, eine gelochte Nickelmünze, wird er dir kühles Trinkwasscr eiiischenken, extrafrisch vom.... Zicgenfell-Schiauch. Noch streife ich am späten Nachmittag um das Damaskustor herum, den scharfgcschnittenen Schattenriß seiner gezackten Türmchen und Spitzen gegen den blassen Himmel zu hestaunen, wandte am arabischen Cafe vorüber mit seinen strohgeflochtenen Hockern und sonderbaren Wasserpfeifen, die das Nichtstun zu einem köstlichen Kulte machen. Noch schmecke ich den brenzlichäligen Hammclfcttduft der arabischen Garkiiehe hinter der ■Wölbung des Basars, höre das Geklapper der schweren Münzcnkcftcn, des silbernen Schmucks über dem Gesicht der Beduinen, erhasche im Vorüberstreifen die kehligen Laute verhandelnder Araber über einen buntgestreiften Stoffballen im ״Shuk“, stolpere über scharfduftendes Pfefferminzblatt auf dem Clemiisetnarkt, an der fliegenumschwärmtcn Zuckerbäckerei vorüber in die kühle Wölbung der Silberschmicd-Gasse. Filigran-Ringe und Halsketten, kleine Kunstwerke liegen in den staubigen Glaskästen, auf dem primitiven Holzseliemvl, Schmuckstücke, die sich gut ausnelimen würden im Prachtschaufenster eines europäischen Weltstadt-Juweliers. .Wo haben Sie dieses bezaubernde Armband her?“ — ״Echt orientalisches Stück. Arabische Arbeit..,.“ Schwindel! Jüdische Arbeit ist es, vor! einem flinken Jemeniten ••»«gefertigt, hier in der < iasse der Silberschmiede, auf dem Slnik zu Jerusalem, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. ״Wie gefällt Ihnen Jerusalem?“ — Ist es einer aus Jerusalem, der so fragt, dann wird ihn dein Lob her/lich erfreuen. Beim Frager aus Haifa oder Fel- Awiw darfst du etwas zurückhaltender sein mit deiner Begeisterung. -- Gewiß: sie lieben Jerusalem auch — aber nur ״auch", vor allem sind sie schwer lokalpatriotisch (eine der ״Infektionskrankheiten", die leicht chronisch werden). Wo du hiiikommen magst, überall findet sich sofort einer, der dich heimlich beiseite nimmt und dir geheimnisvoll zufliistert: ״...Sie müssen nämlich wissen: dies hier ist der allerschönste Ort im ganzen Lande!“ — Es ist ein Segen, daß es so viel ״alU'rscliönste Punkte•‘ hier gibt, und es will einem zuweilen wirklich scheinen, als sei gerade ״dies liier“ wieder einmal ״der allerschönste“. Bis dann ein noch schönerer kommt. — ״Wenn Sie zu wählen hätten unter den ״drei Städten“! - würden Sie in Jerusalem wohnen?“ — Ja, ich würde. Hoch oben, in einem der Häuser mit ״Blick“. Es muß nicht unbedingt ein wikUuuwachseues, verwunschenes Araberhaus sein, wie meine Freunde es haben, mit dicken. Gittern vorm Fenster, -■ nicht unbedingt! In Jerusalem wird einem die ״Romantik“ überall frei ins Haus geliefert. Ueberall, mir nicht in Rechawia. Nichts über Rechawia! Es hat die modernsten Villen, den komfortabelsten Komfort, die gentlemanlikesten Umgatigsformcn, die kultiviertesten Bücherschränke und flottesten Sechszylinder. Es gibt kluge Zionisten in Rechawia, gute Freunde und allerbeste Gastfreundschaft. Nur liegt Rechawia in -- ״Palästina“. Und nicht in ״Erez Israel“. Gewiß: die Hitze ist liier ebenso echt wie anderswo, vier Chamssin verschont die Rechawianer ebensowenig wie tlie drunten in den Stadien. Und selbst die stechen* den Sandfliegen richten sich nicht nach der Höhe des Bank* kontos. Dennoch Rechawia... das ist Palästina mit ״mildernden Umständen“. Und ich halte es mit jenem Uebcrsee- Passagier der, vor der Ueberfahrt gefragt, ob er eine Kabine mit oder’ohne Seekrankheit wünsche, ohne Ueberlegen erwiderte; Wenn schon, — dann mit Seekrankheit!“

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