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Jüdische Rundschau · 1935-07-09 · Heft 55 (9.7.1935) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 55 (9.7.1935)
Date
1935-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette ל JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 55, 9. VII.1935 Unlauterer Wettbewerb MtmleriR'iten — die unter einer zielbcwuUtcn, eindeutigen Leitung steht, und auch in Aegypten — abgesehen von den uberah in der Levante spürbaren europäischen Eiinflüssen — der Luidruck. eines Landes von arabischen Aegvptcrn vorherrscht, fallt in Palästina auf den ersten Blick diese Doppelnationalität, das Nebeneinander von Arabern und luden, ins Auge: nicht nur das .Straßenbild der Städte und die durcheinanderiiegenden Siedlungen beider Völker auf dem Lande, sondern auch die Mehrsprachigkeit der Stations- und Straßenschilder und amtlicher Bekanntmachungen zeigen das auf Schrift und Tritt. Und gelegentliche Spannungen, die sich!hebst an Bodenbesitzf ragen knüpfen, lassen keinen Zweifel, daß hier eines der politischen Probleme des Landes liegt, das noch weit entfernt ist von einer Losung. Denn dieses spezifisch palästinensische Problem kann auch nur einer Lösung nabergebracht werden, wenn man dabei berücksichtigt, dal! die palästinensischen Araber Angehörige der großen arabisehen Welt sind, die sich in anderen Staaten, in denen sie allein oder nahezu allein leben, eine eigene politische Organisation geschaffen haben. Auf der anderen Seite darf man nicht aus dem Auge verlieren, dal! in Palästina - auch anders als in den umliegenden I.andern die in ihr N'ationalheim einw ändernden Juden diejenigen sind, die zugleich mit ihrem Nationalheim den Staat Palästina aufbatien und entwickeln, und zwar mit Mitteln und Erfolgen, die von den andern; Landern dis Nahen Ostens auch nicht entfernt erreicht sind. Jede Hemmung die>er Aufbauarbeit der jüdischen Iiinwanderer wurde ein / u r u c k b 1 e i b e n P a I;1 s t i!! a s auf dem M'Cge der nllgenirinen M!Hicrnioerung des Vorderen Orients und damit eine Schwa: innig seiner Positum den Nachbar- Staaten gegenüber bedeuten. Ls wird als(* wohl noch längere Zeit der Mandatartatigkeii England' bedu! fen, um diesen Ausgleich zu überwachen und d״el1 zugleich die endgültige politische (Jrganisationsforin des Staates Palästina vorzilberciten, der in dieser f!;nsieht den meisten vorderorientaiischen Staaten noch nachsteht. Wandlungen der Wirtschaft Anders hegt cs auf dem (icleete der Wirtschaft. Hier hat Palästina ohne /.«,eitel m der letzten Zeit eine Entwicklung du! chg: inaclit, die es an die Spitze der!■:’Inder lies Vonßrrn Orients gestellt hat. Das östliche Mittelniccrbecken mit seinem Himcriami befainf sich bis vor kurzem und bctimict sieh vielfacli noch heute in einem sehr zurückgebliebenen I 11!« i! kl1mg"tadiwm. Allein in den I Lifcnstadtcn konnte sieh ein reges 1 landeisleben entwickeln. Int Lande aber lassen nonudi-ie! ende Beduinen mit ihien charakteristisehen schwarzen Zelten, und Araber, die wie in biblischer Zeit an der Zisterne ihren Wasserschlaueh füllen, erkennen, mit welchen Vei I1:1!tni"1׳n man hier rechnen muß. Jene Gebiete stellten wirtschaftlich typisches Kolomalland dar. Sie dienten dem immer afi'at/bedurttigcn Erzeuger der Ihh!)kapitalistischen Welt als Absatzgebiet seiner industriellen Erzeugnisse und lieferten dafür Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte. Die ganze Organisation der orientalischen Wirtschaft war auf die Interessen von Welthandel und Weitfinanz zugeschnitten und völlig abhängig von diesen Wirtschaftsmächten. Es gab eine kleine Oberschicht, wahrend die grolle Masse einen unbeschreiblidi niederen Lebensstandard hatte und noch hat. Diese Zustände sind in einem IJ ni w a 11 d 1 u n g s - p r o z e f! hegriffen. Die politische Unabhängigkeit muß auch eine wirtschaftliche Befreiung nach sich ziehen. Kapitalbilclung und -Verteilung, Industrialisierung, Rationalisierung der Landwirtschaft, Ausbau des Verkehrs, moderne Erziehung — all das sind die Faktoren, die dem Aufbau einer modernen Nationalwirtschaft dienen und die jetzt in all diesen Ländern des Nahen Ostens nach Kräften gefordert werden. Die kur/luh in Betrieb genommene grolle Petroleum- R ö h r c!1 1 1׳ i t 1! 11 g, dm von Kirkuk im Irak durch Trans- Jordanien und weiter einerseits durch I ibanon und Syrien nach Tiipolw, anderer-! In durch Pakwtina nach Haifa fuhrt, kann als S\mbol iiie-egegenwärtigen Stadiums angesehen werden. Feierlich ciiigew eilit vom König Ghazi vom Irak, Eine Gesellschaft, deren Hauptaktionär und Vorstandsmitgiieder Nicht arier sind, beantragte im Wege einer einstweiligen Verfügung einen! arischen Beklagten zu verbieten, gegenüber ihren Kunden zu äußern, sie sei ein jiid i s c 11 e s U 111 e r 11 e h m c n. Während das Landgericht den Antrag abwies, hat das H a 11 s c a t i s c h e O b e r 1 a n d es g e r i c 111 auf die Bertifimg der Klägerin dem Beklagten durch einstweilige Verfügttng untersagt, zu Zwecken des Wettbewerbs im geschäftlichen Verkehr mitzuteilen, daß die Klägerin ein jitdisehes Unternehmen sei, jedoch ausgenommen gegenüber Behörden und Parteistellen, ln tatsächlicher Hinsicht hat das Gericht im Gegensatz zur ersten Instanz für glaubhaft gemacht angesehen, daß der Beklagte sich nicht nur aus rein «eltanschaulichen, sondern auch ans geschäftlichen Gründen über die Klägerin ausgelassen hat. Im übrigen heißt es in den Gründen dieses in der Hanseatischen Rechts- und Gerichtszcitschrift vom 22. 29. Juni veröffentlichten Urteil des Hanseat. OLG. vom 3. April 1935: nmü jedoch, -oweit ,irr BeUag!(.׳ ,Jjc Klajnmii als j1i1li«:he.s l. liü'rnebmen lms״e«e;k hat. unu im hielten werden zwi-ehm Behörden und f’atu■!■.feilen auf der einen umI mischen lhivaljzu , irn-n und I'limen au! de! auderen Seite. Behörden und P;!1!ei.tr1h׳n werden nich! der für die selbständige wirtschaftliche Entwicklung seines Landes hiervon viel erhofft und auch erhebliche Abgaben von der iraq Petroleum Company erhält, mündet sie in Mandatsgebicten, die völkerrechtlich auf den Grundsatz der offenen Tür verpflichtet sind und keinen direkten finanziellen Nutzen aus diesem bedeutsamen Unternehmen des mächtigen internationalen Oelkapitals ziehen. Die Türkei Kenia! Atatiirks steht, was Energie und Planmäßigkeit anbelangt, ohne Zweifel an der Spitze jener Länder des Vorderen Orients, die den Aufbau ihrer nationaien Wirtschaft betreiben. Eine besondere Industriebank, die Sumer-Bank, hat die Aufgabe, alle zur Förderung der Industrie erforderlichen bankmäßigen Transaktionen durch/uführen. Der erste Fünfjahresplan, der im Januar 1931 von 11er türkischen Regierung beschlossen wurde, will nach der offiziellen Mitteilung ״eine wirtschaftlich unselbständige und primitiv ackerhauende Nation in eine der höchstkultivierteii Nationen der Welt“ verwandeln. War die Türkei bisher auf die Einfuhr von Fertigwaren angewiesen, so sollen jetzt nur noch Produktionsmittel eingeführt werden, während man Nahrungs- und Gehrauchsartikcl selbst herstellen will. Beim Zocker, bei der Schokolade, bei Wollstoffen und Schuhen ist dies für den überwiegenden Teil des Bedarfs heute schon gelungen. Nach der Durchführung des Fünfjahresplans wird die Türkei über neue Fabriken für Papier, Kunstseide, Keramik, Glas, Chemikalieii, Kunstdünger und Stahl verfügen. Drei elektrische Ueberland/entralei! werden die Industrie und die Eisenbahn mit Elektrizität versorgen. Der Bergbau wird erheblich modernisiert werden. Ein Agrarprogramm soll (Jas industrielle ergänzen. Ein Gang durch die Straßen Istanbuls zeigt deutlieh den Charakter des Regimes: moderne Hochhausbauten, Männer und Frauen in europäischer Kleidung, Schilder, Plakate und Zeitungen in lateinischen Buchstaben, eine starke Hervorliebung inländischer Produkte zu verhältnismäßig hohen Preisen. Soviel über diese Form der Auswirkung: nationaler Aktivierungsaktionen, wie sie in mehr oder weniger veränderter Weise überall in jenen Ländern vor sich gehen. Andere Probleme stehen bei einem Lande wie A e g y p - ten im Vordergründe. Wenn man von Aegypten im Wirtschäftlichen Zusammenhänge spricht, denkt jedermann so'fort an die Baumwolle. Die Baumwolle ist in der Tat das Produkt Aegyptens. In Zeiten der Konjunktur war dies eine Quelle des Reichtums. In der Zeit der Krise und des Preisbei jüdi-chai Firmen kaufen wollen und kaufen dürfen. Wenn trat** dem zu den Kunden der Klägerin zahlreiche Behörden und Partei- .stellen ׳)״hören, so muß angenommen werden, daß sie sich ülier den jüdische» Charakter der Klägerin, die durch ,׳irische, m ö g 1 i c 11 sit der Partei angehörende Vertreter werben läßt, im Irrtum befinden. Diese Kunden haben mithin an der Mitteilung de* wahren Sachverhalts ein berechtigtes Inleres-c. Soweit der Beklagte daher ihnen gegenüber die Klägerin als jüdisches Unternehmen hezeichnet hat, handelt er nicht sittenwidrig, mag auch der Wettbewerbs- /weck dir ihn dalwi k! im״׳,'»'־- eine untergeordnete Rolle gespielt lutlK'rr. Soweit 11er Beklagte dagegen Prävutprrsonen und Finnen g׳׳genü!>er den jthli-chcn Charakter der Kkigcrm betont hat, liegt ein V er-faß gegen die guten Sitten vor, denn liier kann ein berechtigtes Intere-se nicht uoerkaimt werden, vielmehr tritt dir Wettbewerbs- /week eindeutig in den Vordrrgi und. I«, enl-prieht den Verlauttrasinigen de- Reichs« in.vhalt -1mni-u׳nmn., daß jüdisch(1 Lärmen in der beien Wiii-ciinM nielit behindert weiden sollen, wobei naturgemäß nur an den geschäftlichen Verkehr mit Privatpersonen und Privatlinnen gedacht i-r. item Antrag auf Lrhiäi einer ein-fweihgen Wrfügung war hiernach mit der Lin-cliränkung stattzugeben, daß dem Beklagten nicht verboten wird, Behörden und P.trtei-tellen gegenüber auf den (Iharakler 11er Klägerin als einer jüdischen Firma hinzuw, i en.“ rüekgangs aber wird diese einseitige Wirtschaft zur Gefahr. Aus dieser Erkenntnis heraus sind die Aegypter dazu übergegangen, diese einseitige Kultur der Baumwolle durch immer stärkeren Uebergang zur gemischten Landwirtschaft zu er-, setzen, die ihnen eine zunehmende Selbstversorgung gewährleistet und die Ausfuhr auch von Früchten und Gemüse ermöglicht, so dal! Aegypten nicht mehr in vollständiger Abhängigkeit von dem einen Weltmarkt bleibt, sondern eine eigene Wirtschaft aufbauen kann. Träger dieser Tendenz wurde die im Jahre 1920 gegründete Bank Misr, deren Ak• tionäre nach dem StaJut Aegypter sein müssen. Diese riationale Bank schuf sich schnell einen großen Einfluß auf das Wirtschaftsleben Aegyptens und wurde das Organ der Re• gierung zur Förderung der nationalen Industrie, der Laud- Wirtschaft und des Verkehrswesens. Wahrem! so in der Türkei und in Aegypten, aber ebenso auch im Irak und in Persien (das seit kurzem offiziell Iran heißt) unter zielbewußter Leitung und Förderung dtitch den Staat die nationale Wirtschaft aus den meist schwierigen Verhältnissen sich entwickeln kann, ist Palästina ganz auf die Initiative und die Leistung der einzelnen . überwiegend Juden - und der zionistischen Instanzen angewiesen, während die Mandatarregimmg zwar noch für Ausbau der Wege und des Verkehrs etwas tut, aber von jeder Förderung oder planmäßigen Leitung des wirtschaftlichen Aufbaus absieht uni nach den Vorschriften des Mandats nicht einmal durch Zollschütz die junge Wirtschaft des Landes vor den Gefahren ausländischer Konkurrenz, wie sie etwa besonders von Japan her droht, zu bewahren. Nichtsdestoweniger hat sich die palästinensische Wirtschaft - in Landwirtschaft und Industrie, in Handel und Verkehr bereits jetzt zu einer beträchtlichen Höhe entwickelt. Ucber Einzelheiten ist soviel gesprochen und geschrieben worden, daß hier darauf verzichtet werden kann. Dr. Rudolf Lev«,. Kann die Orangenproduktion wohl immer auf dem Weltmarkt auf Absatz rechnen — obwohl für sie die Erfahrungen mit der Baumwolle in Aegypten zu beachten bleiben —, so nrr:!p!M־hr i;r!rHcr: Dr. Robert W e I t $ c h. Berlin־CharloUenburg 9. Stellvertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W15. AnzeigenleitetLn und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Rot Posenir, Berlin W 30. Gültig: Aruelgen-Preisliste 2 vom 1. Januar 193S. Verlag und Anzeigenverwaltun״: Imlischc Rundschau. Berlin W 15, Mcinekc-tr. 10. D.-A. Juni 34 000. — Dmck: Siegfried Scholern. Berlin Schöneberg. Jerusalem - ganz ohne Zahlen... Von M > c I! a K a I c k o Statt einer langen Einleitung!las i-t «> eine S:1׳'l1c mit RaU/tina-Rei-endcn. F.s gibt ״snm un i .,Milche". t '!ul da/ '11:1! die schümni'ten. D! ::!ni bekommen automati'ch den trauerumflorten Vi rzüfkun,:!■., '!ig't ־du da' eine Wort: Jerusalem. Die .mdern «1!d rei'etuelitig, kodakhewaffiict. sie kommen mit dem IN i-ch.mdbik!! zur Welt. Kein stein im Lande, der! ihr um i nnidh( he■ Nagi-Ni huli ni! 111 betreten, kein Stern im Baedeker, der ihm n nicht geleuchtet hat. Sie klettern auf jeden Tiii:!!, kr;• :een 1:1 -eml.'iehe Holl!!•;) hinein. Haargenau kennen sie das .■','!■;י,־ der imir-ihen König.grüner, ja sie wissen ganz bestimmt, weleher König wo. 11-w. Keine Jahreszahl bleib! ihnen verborg!•!!, keine Statistik ihnen geheim. Sie haben sieh mit der Vermehrung der Malariamücken genauestens (in Rro/eiitt n 1 bc*al>t und die Baukosten des pompösen Hotelpalastes King-David zu Jeni-ak׳;!! bis auf den letzten Mil berechnet. Zah!et1-Autom:1t׳׳n. Weift mir den Groschen ״Salomanische Teiche״ hinein, prompt fallt die Angabe heraus, wieviel Kubikmeter Va'-er jede״ einzeln 1* Becken faßt, warum, woher und wozu, auf den Tropfen genau. Ganz klein mul unscheinbar wird n!;m ob solcher Klugheit. Schlägst du aber tiefbesehämt im kleinen Reiseführer nach: Gott sei Dank es stimmt so selten. Du hist nur noch halb so klein und unscheinbar, kannst wieder respektvoll ״Sie“ zu dir sagen. - ■ Und dann gibt es noch eine kleine Abart von Reisenden. Die fahren still vor sich hin, mit nicht viel mehr versehen als einem Paar sehliungriger Augen. Es kann geschehen, daß diese St ill-vor-sich-hin-R eisenden allerlei sehen und erleben, Dinge, von denen die viel zu ״umsichtigen“ Mitreisenden nicht einen Schatten wahrgmiomnien haben. Es ist wahr: die Stillen haben, als sie jüngst den Tabor erblickten, unglaublicherweise noch nicht einmal die akkurate Höhe des Berges gewußi. Sie sahen nur das lichtumspieltc Kuppenrund mif fedrigen Himnielswolken darüber. Aber, wenn sie später einmal sekundenlang die Augen schlossen, tauchten die hügeligen Mulden und Falten .im Gest ein wieder auf, — und das ist zuweilen auch ein Reise-Mitbringsel. Man fahrt doch immer wieder /11 sich selber, wenn man in die Ferne fahrt. Wem! du von Kindheit an einen Heidenrespekt vor Zahlen hast ( wie erst, wenn sie gar in strammen Kolonnen aufmarschieren, und das ganze Bataillon ״Statistik“ heißt....!), tut es dir gewiß weh, mitansehen zu müssen, wie Menschen, die so ganz und gar nicht zum Ziffern-Befehlshabet geschaffen sind, wild draufloskommaniliercn. Ist das nicht Sache der Zahlcn-Weiseti? Wir wollen keine Anleihen aufnihmen, - sie werden so billig abgegeben in jedem Reisehandbuch. Verzichten wir darauf - wenngleich ein paar geschickt verteilte ״statistische Angaben“ einem Reisebericht gut ״zu Gesicht“ stehen mögen.... Bleiben wir bei bescheidenen Randbemerkungen zum Riesenthema: Jerusalem. Wer etwas gründlich wissen will״ wird sich nicht oberflächlich mit ihnen begnügen. Den ״Grundliehen“ diene die lJehcrschriff als Information, den Oberflächlichcn gereiche sie zur Warnung: ״Jerusalem — ganz ohne Zahlen... Wir fahren nach Jerusalem ... ״Wir fahren nach Jerusalem / Und wer kommt mit?“, so gellt ein altes Kinderlied, das fällt mir wohl nur darum ein, weil ich in einen Kinder-Omnibus geraten bin. Eine Tel- Awiwer Schulklasse hat mich mitgenommen auf ihrem ״Tijul“ 11 in auf; denn Jerusalem liegt bekanntlich 800״ m über dem . .. Aufbau Palästinas". Ich darf neben dein Chauffeur sitzen (in Klammern: ein Riesenlob auf die Palästinenser Ommhus-Chaub'etire!), dem ebensoviel - oder ebensowenig Respekt ent gegen gehr acht wird wie dem Lehrer, ich darf mich als vollberechtigtes Mitglied dieser Schulklasse fühlen, aber: ich muß mich ״hochanständig“ benehmen, das heißt: nichts als Iwrith sprechen. Infolgedessen werde ich als ״reicher Mann“ ankommen in Jerusalem, vorausgesetzt, daß ״Schweigen“ wirklich ״Gold“ ist. Zunächst allerdings komme ich noch nicht allzu sehr zum Schweigen. Wenn eine Schulklasse einen Ausflug macht, findet Chorgesang statt. Das ist überall so. in der Welt. Eine günstigere Gelegenheit, mein« mageren Iwrith- Kenntnisse zu verbergen, gibt es kaum. Ich kenne von allen Liedern ein paar Brocken, und, da nach der Sitte Tcl־A\vi\vs weniger gesungen als gebrüllt wird, kann ich mich nicht gar so sehr blamieren. Das Repertoire besteht aus einem Halbdutzend Melodien, die bei jeder Gelegenheit dran glauben müssen. Man kann sie an den Fängern einer Hand aufzählen: ״Ernek, Etnck“ (epidemisch verbreitet iin ganzen Land als: ״Ämäk, Äniäk, awodaaa, Ämäk, Ämäk, hooorrraa . ..), ״Anu bann“, das schöne ״A11u alinu“, dann vielleicht noch ״Ix: pcle“ oder ״Kuma eclia“, wunderschöne Horra-Nigunirn. Wenn du kreuz- und quergereist bist durch die Kibbuzim, klingen dir die Melodien im Ohr, ein Gemisch von slawischen und monoton-orientalischen Tönen. Wir fahren nach Jerusalem / Und wer kommt mit? - Ein Scheich auf windesschnellem Pferd. Ein Hirt mit flatterndweilkm Schal. Eine wolligweiße Schafherde. Und dann und wann ein kleiner blauer Ford, Wenn's gut geht: mit dem Autozeichen IA, das heißt: Berlin Läßt grüßen. Von oben herab, — der Wagen schlängelt sich schon den Serpentirienweg bei Moza hinauf über halsbrecherische Gehirgspfatle (ein zweites Lob den palästinensischen Wagenführern), von oben herab sehen wir auf das Zickzack zwischen den Felsen hinunter, und ganz tief unten schaukelt eine Karawann Kamele, die durch hellen Sand ■wie alte graue Schiffe segeln.... ״Sightseeing" ohne Baedeker Nun bin ich in Jerusalem. — Wirklich. ״Jerusalem“, wie ungewöhnlich das klingt! — Und die hier׳sagcr1 so mir nichts, dir nichts: ״Muß rasch mal nach Jerusalem telephonieren,.. .״ Sie haben gar kein Verständnis für meine Greenhorn-Sentimentalität. ״Warte, du gewöhnst dich auch rasch daran“, lachen sie. Hin, ich weiß. Man gewöhnt sicli dran. — Ich will aber nicht! Ich habe mich nicht an dich gewöhnt, Jerusalem. Siebenmal bin ich hinauf ״gepilgert“, und sieben Male war es fast wie zum erstenmal. (Ich sagte: fast.) Es ist mir sonderbar ergangen mit dieser Stadt. Dort, wo es sich ziemt, stellenzubleiben und anz.ubelen, war es oft stumm in mir. Nicht weil, sondern obgleich es die berühmten ״berühmten Stätten“ waren, A11 ganz uuvorschriftsmäßigen Ecken aber, in der winkligen Altstadt oder an einem Stück Mauer draußen vorm Jaffator, war sie mir plötzlich nah, die hochgebaute Stadt. Da regte sich etwas, obgleich das Reisehandbuch nichts forderte. Wir sind den Weg zum Toten Meer hiuuntergefahren, zur Seite die heroische Oedc der Wüste Juda: — im Schattendes Haines Mattire, wo Abraham die Engel empfangen, gab uns ein russischer Mönch Eicheln vom heiligen Baume mit, mm Gedenken an diesen Ort, zahllose Legenden haben wir vernommen auf dem Wege nach Hebron, biblische Namen tauchten auf und Bilder aus der Geschichte Abrahams, Isaaks und Jaakovs. Hie und da sind wir jenen Reisenden begegnet, die einen eiligen Blick auf die ״Sehenswürdigkeiten“ .warfen, einen noch eiligeren in den Baedeker; sie freuten sich, daß alles stimmte, und fuhren munter wieder fort. Wir sind. Treppen hinauf- und hinabgestiegen, manchmal schlich sich ein ketterischer Zweifel ein; nicht jede Stätte hielt, was sie versprochen, — es wäre fast zuviel gewesen — und doch: oft genug waren Jahrtausende gegenwärtig, emporgestiegen aus dem Staub und Schutt der Steine um Jerusalem. Da war der Tcmpelpiatz, hoch oben vom Dach der alten Synagoge gesehen, da war Kotel-Maarawi, die Wesfwand. Es w ar mir wohl bekannt, daß ein 1 ourist, der auch nur ein wenig ״mitzählen“ möchte, zu finden hat, daß man an der Klagemauer ״eigentlich nichts findet“. Ein paar Steine, sonst eigentlich nichts. Aber ״uneigentlich“? Lange stand ich vorm ״Goldenen Tor“, der alten Pforte, durch die dereinst der Messias einziehen wird auf seinem schlohweißen Pferd. Ich betrachtete es genau, vorsorglich, ich merkte mir jede Windung, und siehe da: das Tor war fest mgemauert. Da konnte man selbst in ״reiferem Alter“ nach-

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