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Jüdische Rundschau · 1935-07-09 · Heft 55 (9.7.1935) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 55 (9.7.1935)
Date
1935-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU B<hriftl*itanf;V«rU1g n« Ajn«ig«nvtrwaltaog 1 Berll* W1S, M«lack»1tr.10 Faranü: Samtnel-Nr. ] 1 Bismarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Bezugspreis einscht Bestellgeld je Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,80 bzw. RM 5,39■ - Postscheck-Konten der Vertriebs-Abteilung: Berlin 71573 (iür Gr.-Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich). - Erscheint Jeden Dienstag and Freitag. BERLIN ח׳ תמוז חיצ״ה DIENSTAG, 9. JULI 1935 Anzelgenprelallate Nr. 2 gültig. Di* 12B*.p. mm־Zetle 20 Rpf, für Famibem nachrichten 15 RpL Einzelanzeigen nur bei Vorauszahlung •ul Postscheck - Kante Berlin 71618 oder bar Montag bi* Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr Annahmeschiuß Iür die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag. Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Für Familienanreigen am Tag ▼or Erscheinen 12 Uhr.) Der Zionismus erstrebt fQr das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Die gute alte Zeit Eine Epoche, in der große gesellschaftliche und geistige Wandlungen vor sich gehen, birgt vielfach die Gefahr in sich, daß nur ein Teil der Menschen, die von den Veränderungen betroffen werden, mit der Zeit geht und in seiner geistigen Haltung neue Wege beschreitet, während ein anderer Teil nicht die Elastizität besitzt, um dem Neuen bei sich selbst Anerkennung zu verschaffen. So entsteht die Gefahr, daß Gener a t i o n s u n t e r s c h i ed e in bewegten Zeiten besonders heftig offenkundig werden, ja daß die Generationen völlig auseinanderfallen. Während siel! die einen dem Tempo und Rhythmus der Zeit anpassen und versuchen, ihr Leben seinen Bedingungen entsprechend zu gestalten, klammern sich andere an die Vergangen heit und leben in der traumhaften Sehnsucht nach einer ״guten alten Zeit“, obwohl diese gründlich vergangen ist und es sieh auch immer noch fragt, ob sie wirklich so gut war, wie sie später erscheint. Wir wunden an diese Zusammenhänge erinnert, als wir vor einigen Tagen die J e t tc h e n-G eb e rt-A u f führung im Berliner Kulturbundtheater sahen. In der Tat ist ja dieses Stück, dessen Inhalt durch den ihm zugrunde liegenden Roman weitesten Kreisen bekannt ist, in gewissem Sinne ein Symbol für den soeben geschilderten Tatbestand. Es ist ״d i e“ gute alte Zeit par excellence, die uns in diesem Stück geschildert wird, das Leben unserer Urgroßeltern, das vielen heute als ein Vorbild au Beschaulichkeit und Sicherheit erscheint. Und wenn wir die Zuschauer, die dieses Geschehen vor sich abrollen sahen, genau betrachten, dann bemerken wir, daß viele, allzu viele von ihnen, obwohl sie in einer ganz anderen Zeit leben als die Geberts und Jacobys, mit ihrem Denken und Fühlen — und besonders mit ihrem Wollen in jener Zeit zu wurzeln scheinen. So meinen wir, daß das Publikum im Parkett zum großen Teil geneigt wäre, an den Familienfesten der Geberts teilzunehmen und sich dort so recht heimisch zu fühlen. Allerdings: Die meisten Berliner Juden, die dieses Spiel sahen, können sich eigentlich nicht gut als Nachkommen des Geschlechtes der Gebert betrachten. Was in dem Stück noch abgelehnt wird, nämlich der Liebertritt und der Weg in die große Welt, der damals durch das christliche Bekenntnis erkauft werden konnte, ist von den üebertschen Nachkommen nur allzu gern beschritten worden, und so mancher von ihnen hat eine Laufbahn eingeschlagen, die gewiß äußerlich glanzvoll war, aber mit dem Abfall vom Judentum erkauft werden mußte. Es sind also mehr die Nachkommen der in dem Stück nicht allzu hoch geachteten Verwandten aus der Provinz Posen, die heute den Blick in die Vergangenheit richten und die gute alte Zeit bewundern. Nun soll gewiß nichts dagegen gesagt werden, wenn Wir die Werte einer Zeit anerkennen, die uns nicht allzu fern liegt und die wir aus den Erzählungen von Eltern und Großeltern noch kennen. Aber wir müssen wissen, daß unsere eigene Lebenstendenz darum noch nicht rückwärts gewandt sein darf. Unsere Kinder werden das niemals mitmachen! Und wir, die wir mit ihnen verbunden sein und bleiben wollen, können uns nicht in einem Gehäuse abkapseln, das wir uns aus romantisehen Reminiszenzen selbst zurechtzimmern■ Es ist nicht Romantik, die uns heute helfen kann. Wir schätzen wohl dasjenige Element in ihr, das sich mit dem geschichtlichen Werden der jüdischen Gemeinschaft verbunden fühlt; wir brauchen dic§e Geschichtsverbund c 11 heit als ein Element des Aufbaus jüdischer Zukunft. Aber nicht so darf es sein, daß wir irgendeine willkürlich herausgegriffene und unsenn Gefühl besonders angenehme Vergangenheit wiedererwecken wollen, sondern wir müssen aus unserer Verbundenheit mit der Geschichte lernen, welche Kräfte in uns lebendig sind, und wollen sie im Leben zu meistern verstehen. Und noch eines: Die jüdische Geschichte darf für uns nicht mit den Ideen der Französischen Revolution oder dem Preußischen Judenedikt beginnen! Wir wollen diesen letzten Abschnitt unserer Geschichte gewiß nicht auslöschen oder ihn negativ bewerten — wir, die Kinder und Enkel dieser Zeit, aber müssen wissen, daß diese Periode nur eine unter vielen war, und daß wir zur Erkenntnis unseres Weges in der Zukunft nur dann gelangen können, wenn wir die Gesamtheit unserer Geschichte in allen ihren Verzweigungen kennenlernen. Denn auf Selbstbesinnung kommt es an. Das 19. Jahrhundert hatte sie in unseren Reihen weitgehend ausgelöscht. Das Judentum war aller seiner Inhalte beraubt worden, und es wurde aus einem System des Lebens zu einem G e fühl, voller Sentimentalitäten, gewiß mit der Kraft begabt, den Einzelnen im Judentum zu erhalten, aber nicht mit der Macht ausgestattet, ihn zur Anteilnahme am jüdischen Leben zu verpflichten und zur Formung seines eigenen Lebens nach jüdischen Prinzipien zu veranlassen. Dieses J u d c n t u m k a 1111 unserer Zeit nicht mehr Genüge leisten! Auch wir wollen eine starke gefühlsmäßige Verbindung mit dem jüdischen Volk und dem Judentum, aber sie allein genügt nicht. Gefühl kann nicht wieder nur in Gefühlen wurzeln, sondern es muß in etwas anderem verankert sein. Dies aber ist die Erkenntnis vom Wesen des Judentums, das Wissen um seine Geschichte und um seine Lage und der Wille, das eigene Leben, die eigene Person in dem Prozeß der Neugestaltung seiner Lebensgrundlagcn einzusetzen. Und nun nochmals die Frage nach der ״guten alten Zeit“? Ist sic es, die uns faszinieren darf, die uns ein Symbol auf unserem Wege sein soll? Wir glauben, nein sagen zu müssen, und zwar nicht nur für die Jungen, sondern für alle Angehörigen unserer Geineinschaft. Unsere Zeit ist gewiß härter als die, in der die vorigen Generationen gelebt haben — aber ist sie darum schlechter? Sic verlangt eine andere Haltung der Menschen, und gewiß wird es so sein, wie es stets in Zeiten des Umbruchs gewesen ist, Das meiste, was heute über Palästina gesprochen und geschrieben wird, lädt den Eindruck entstehen, als handele es sich hier um ein Land, das eine völlig selbständige, einmalige, besondere, von seiner geographischen Umgebung völlig unabhängige Entwicklung ilurchmaclie, die es seiner Eigen- Schaft als Land des National Home der Juden verdankt. Selbst in Palästina, wo doch die Realität des Lebens den wirklichen Sachverhalt erkennen lassen sollte, findet man noch genug Leute, die in dieser Vorstellung befangen sind. Aber schon die Beobachtung des palästinensischen Lebens und noch mehr der Blick auf die Landkarte und in die Geschichte fuhrt zu der Einsicht, daß Palästina inmitten einer Landschaft liegt, die sich von Istanbul bis Kairo und v on Haifa bis Bagdad und Teheran erstreckt, also int wesentlieben das Gebiet des zerfallenen Osmanisclien Reiches umfaßt und als der ״Vordere Orient“ bezeichnet wird. In diesem Gebiet vollzieht sich zum Teil schon seit dem Beginn des Id. Jahrhunderts ein Vorgang, wie er in allen außereuropäischen Ländern seitdem vor sich geht: der Prozeß des Eindringens der geistigen und politischen Ideale Europas auf der Grundlage des Vordringens des europäischen Kapitalismus. Diese Entwicklung zeichnet sich mit besonderer Eindringlichkeit seit dem Ausgange des Weltkrieges ab, als das Türkische Reich in seine Bestandteile /.erfiel, von denen jeder jetzt eine selbständige Entwicklung nahm. Die Türkei, Persien, Irak, Libanon, Syrien, Palästina, Transjordanien, das arabische Reich Ihn Sauds, Hedsclias und Aegypten — alle diese Länder haben ein Gemeinsames: die Tendenz zur Verwirklichung europäischer Staats-, Wirtschafts- und Kulturideale auf der Grundlage einer eigenen nationalen, staatlichen Entwicklung. Aber jedes dieser Länder weist Besonderheiten auf, die sich nach Geschichte, Geographie, Bevölkerung und Völkerrechtlicher Stellung bestimmen. Gegenwart und Zukunft Palästinas können aber nur verstanden und beurteilt werden, wenn man dieses Land in jenem größeren Zusammenhänge betrachtet. Die neuen Staaten Die politische Regien! 11 gsform dieser Länder weist die verschiedensten Typen der staatlichen Organisation auf. ln der Türkei Kemal Atatürks ist die — nach der Sowjet- Union erste — ausgeprägteste Form moderner Diktatur vereinigt mit einer radikalen Modernisierüngsbcwegung, die jetzt sogar zu der für orientalische Begriffe scheinbar unerhörten Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts geführt hat. Aegypten hingegen hat sich nach dem Kriege aus daß eine junge Generation die Führung übernimmt. Darum aber braucht niemand von der Eingliederung in ein neu werdendes Judentum ausgeschlossen zu sein. Nur dürfen auch Aeltere nicht den Anschluß versäumen. Mit Sehnsucht, nach etwas Vergangenem allein ist es nicht getan. Man muß in Bewegung geraten und an all dem teilnehmen, was sich an Aufgaben in dieser Zeit bietet. Das ist für diejenigen nicht leicht, die in einer anderen Begriffswelf aufgcwachscn sind, aber gerade ihnen bietet sich die große Chance, noch einmal jung zu werden, noch einmal anzufangen und das eigene Besitztum an Vorstellungen zu überprüfen. Man hat manchmal den Zionismus als ,,romantisch“ bezeichnet und wollte ihn damit verächtlich machen. Heute ist das nicht mehr gut möglich, nachdem sich gezeigt hat, wie sehr diese ״Romantik“ den realen Bedingungen des Lehens entspricht. Darüber hinaus glauben wir, daß diese Bezeichnung überhaupt nicht richtig ist. Der Zionismus hat vielmehr die in der Geschichte gewachsenen Kräfte des jüdischen Volkes erkannt und geprüft, er hat •sie in seinen Dienst genommen, und es hat sich gezeigt, daß er den Juden unserer Zeit, ihnen allen in seinen Reihen Raum zu bieten vermag. Er gibt ihnen eine neue Aufgabe, ein neues Lebensz i e 1, einen Aufschwung des Gefühls und — mehr als das einen konkreten Willen; er bietet ihnen, den Alten und den Jungen im Gegensatz zu der bei uns so beliebten sentimentalen Hinneigung zum Unwirklichen den Weg in ein wirkliches jüdisches Leben. Dieses aber gewährt auch dem einzelnen Mensehen, mag Zeit und Umwelt noch so hart sein, den seelischen Lebensraum, den wir ebenso sehr zum Leben brauchen wie die Luft zum Atmen. K. L. einem englischen Protektorat in eine konstitutionelle Erbmonarchic verwandelt, die jetzt gerade im Begriffe ist, ihre Verfassung zu andern, nachdem das Parlament vom König Fund aufgelöst worden war. In der arabischen Wüste herrsein der U'ahabitenfnrst Ihn Saud als mächtiger Führer arabischer Stamme auf einer noch recht primitiven Grundlage, dem aller im Rahme״ der politischen Konstellation im Vorderen Orient eine bedeutsame Rolle zukommt, Auch der Emir Abdullah von Transiordaiiien repräsentiert eine politische Organisationsfomi, die noch wenig fortgeschritten ist. Dasjenige arabische Land, das allen diesen Gebieten in seiner Entwicklung zu modernen nationalen Formen voraus ist, ist der Irak, der sich unter Führung des begabten Königs Feissal aus einem unter englischer Verwaltung stehenden Mandatsland des Völkerbundes in einem selbständigen Staat mit eigener Verwaltung und Armee verwandelt hat. Dagegen befinden sich die unter französischem Mandat stehenden Gebiete Syrien und Li• banon noch in jenem früher für die Levante charakteristisehen Stadium der Vorherrschaft der Europäer und Amerikaner in Politik und Kultur, begleitet von Assiniilationsströmungen, die dann den wenig geschätzten Tvp des Levantiners her- Vorbringen. Palästina, das doppelnationale Land Das ist die sehr bunte politische Welt, in deren Mitte Palästina liegt und seine Aufgabe zu erfüllen hat. Palästina bietet wiederum ein besonderes Bild. Es steht unter Völkerbundsmandat. Die englische Mandatarregierung folgt den Spuren englischer Kolonialpolitik, die — darin der französischeu Assimilafioiispolitik entgegengesetzt — zu den natives Distanz wahrt, ihnen die Segnungen moderner Zivilisation zu bringen sucht, der Landesbevölkerung aber im übrigen die Möglichkeit eigener Entwicklung läßt. Palästina hat zwar eine erhebliche arabische Bevölkerung, deren Niveau im allgemeinen dem der umliegenden arabischen Länder entspricht, aber bereits von dem starken Aufschwung des Landes becinflußt wird. Es ist aber auf der anderen Seite zum J ü d i s c 11 en Nationalhcini bestimmt. Damit nimmt es unter den Ländern des Vorderen Orients, mit denen cs sonst soviel gemcinsam hat, eine besondere Stellung ein. Denn hier besteht das Problem der geeigneten politischen Organisierung dieser beiden Völker in einem Staate, ohne daß die Aufgabe der Schaffung des Jüdischen Nationaiheims gefährdet wird. Während man etwa in der Türkei den Eindruck einer im wesent* liehen national einheitlichen Bevölkerung hat — im neuen Parlament, das 30b Abgeordnete umfaßt, gibt es je einen Juden, Armenier und Griechen als Vertreter der nationalen Palästina und der Vordere Orient

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