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Jüdische Rundschau · 1935-07-05 · Heft 54 (5.7.1935) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 54 (5.7.1935)
Date
1935-07-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 54, 5. VII. 1935 sich eben immer wieder sehr deutlich, daß die Hebung des Standards in der Stadt nicht den dringendsten Bedürfnissen folgt, sondern der Rentabilität, und daß diese nicht dahin tendiert, die Wohnungsnot des kleinen Mannes zu mildern, sondern dem größeren seine Neigungen zu erfüllen. Einen interessanten Versuch in großem Maßstabe findet man in den neuen Arbeitervierteln (Schchunoth Ha* poalim) in Tel-Awiw. Sie wurden vor einigen Jahren als ein Versuch begonnen, als man mit Hilfe von Boden des Keren Kajemeth, billiger Privatflächen und langfristiger Kredite versuchte, Mitglieder der Arbeiterorganisation von den Hausbesitzen! unabhängig zu machen und ihnen zu Eigenheimen zu verhelfen. Die ersten Versuche gelangen, und es folgten ihnen andere in großem Maßstabe mit dem Erfolg, daß wir heute große Arbeiterviertel besitzen, die sich vielfach durch gefällige Architektur, gepflegte Gärtchen und einheitliche Linie vorteilhaft von anderen Vierteln abheben. Diese städtische S i e d I 11 n g s t e 11 d e n z hat zwei Hauptformen: sie schafft kleine Einfamilienhäuser, die von kleinen Gärten umgeben sind oder große Reihenbloeks, wo sich jeder eine Wohnung von zwei oder drei Zimmern nach seinem Geschmack bauen läßt. Diese großen Blocks sind in der Regel von einem großen Garten umgeben, es gibt auch Versuche, hier Kindergärten, Wäschereien usvv, einzurichten. Sowohl die Gruppen der Einfamilienhäuser als auch die Reihenblocks findet man vor allem im Norden der Stadt, wo sie sich deutlich von ihrer Umgebung abheben, aber auch an anderen Stellen, in Außcnvicrteln. Die Konjunktur hat viele der kleinen Leute dazu ermutigt, sieh bei solchen Vierteln oder Oemeinsehaftsbauten als Mitglieder cinzuschrciben, und die Kredite ermögliehen ihnen eine langsame Abzahlung, die sie nach bestimmter Zeit von der Last der Miete befreit. Daß in diesem System viel für gesunde Behausung geleistet wird, leuchtet ein. Man beobaditet aber liier, daß nur die Beamte« der Arbeiter• schaft und die stark g c 11 o b cncn Arbeitcrschi c h - teil imstande sind, diese Gelegenheiten auszunutzen. Der gewohnliche Arbeiter kann trotz der Kredite und Erleichterungen nur schwer die nötigen Einlagesummen aufbringen; ihm ist nur mit einer sozialen Wohnungspolitik der öffentlichen Hand zu helfen. Während in der inneren Stadt die großen Bauarbeiten ziemlieh beendet sind und die Mischmaschinen langsam aus dem Straßenbikl verschwinden, kann man deutlich beobachten, wie a!1 den Außenrändern die Stadt alle Anstrengungen macht, ihr Weichbild zu vergrößern. Nach der Straße nach Petach-Tikwali zu sind die großen Mietshauten bis hart an die Böden der deutschen Siedlung Saronah herangerückt, und wo vor zwei Jahren noch unbebautes Gelände war, wo mir die uralten Sykomorcn standen, drängt sich heute ein dreistöckiges Haus an das andere. In schneller Folge durchqueren die Autobusse die neuasphaltierten Hauptstraßen, die Häuser stehen mit ihren Straßenschildern, den Nummern und eckigen Balkons wie frisch aus der Fabrik gegossen da, hier und da drängt ich eine verwitterte Baracke dazwischen, die bisher dem anrängenden Sturm des Neuen standgehalten hat. An einem nderen Außenviertel, wo sich die neubenannte King Georgetraße ins unbebaute Land schiebt, schaukeln die Kamele, die en Schotter und Sand zu den Rauten bringen, zwischen den och nicht gerodeten Kaktushecken, dicht an Plantagen vorei; hier sind überall massige neue Blocks entstanden, Mietsäuscr, alle nach dem heutigen Muster mit gleichen oder hnlichen Fronten erbaut. Hier wächst das umfangreiche neue iebäude der Arbeiterkrankenkasse, nicht weit davon ׳urde vor einigen Tagen der Grundstein für das Theater der Ha bim ah“ gelegt, lieber die angrenzenden Felder und lantagen hinweg sieht man das Band der Straße von Petach- Tikwah, wo sich die Autos eines hinter dem anderen drängen, durch die Vororte von Tel-Awiw, die sich immer mehr an die Stadt anlehnen. Der Häuserring schließt sich von allen Seiten. Der Strand Am Meer ist der sich ausbreitenden Stadt eine Grenze gezogen. Hier kann sie nicht weiter. Und hier wird es von Monat zu Monat enger. An den schmalen Sandstreifen, der die Häuser vom Wasser trennt, drängen sich Tag für Tag nach der Arbeit die Tausende, die im und am Wasser ein wenig Ruhe lind Erfrischung suchen. Der Strand hat sich trotz aller Konjunktur nicht entwickelt. Er ist nicht überall bequem zugänglich, und so stauen sich die Massen in der Hauptsache an einem bestimmten Streifen, um zu baden, zu ruhen und sich zu vergniigen. Der Sand ist jeden Nachmittag von Tausenden von Liegestühfen bedeckt, die aus Platzmangel dicht aneinander gestellt werden, an den Badeplätzen drängt sich alles spritzend und planschend durcheinander, die verschiedenen Sportler betreiben ihre Spiele, w0׳ sich ihnen nur eine Handbreit Platz bietet, durch die Menge drängen sich die Verkäufer, die Brezel, Eis und Getränke feilbieten — es ist alles sehr eng und lärmend und einigermaßen unbequem. Am Samstag vormittag, wo so ziemlich alles, was sich rühren kann, zum Strand zieht, wird das Gedränge beängstigend, wer später kommt, findet nicht einmal einen Liegestuhl und damit auch kein Eckchen Schatten. Die Badeanstalt ist so primitiv geblieben, wie sie war und hat außerdem nicht entfernt genug Platz für die vielen Tausende, so• daß man den lieben langen Tag lang die ßadclustigcn in den verschiedensten Stadien der Entkleidung nicht nur ain Strand, sondern auch in den anliegenden Straßen wandern sehen kann. Es hat eine ganze Reihe von Projekten zum Ausbau des T e 1 - A w i \v e r Strandes gegeben, in denen große Schwimmbassins, Badeanstalten und Vergnügungsstätten eine Rolle spielten. Aber es ist vorläufig bei den Projekten gebliebeu. Das Privatkapital scheint bisher nicht die entsprechenden Konzessionsbedinguiigen gefunden zu haben, die ihm eine Rentabilität der Investitionen in Auslicht stellten, und von der Stadtverwaltung aus hat man auf diesem Gebiet bisher kaum Initiative entfaltet. Der Strand von Tel-Awiw ist jedoch für die Stadt, die — immer noch — keine öffentlichen Gärten und Erholungsstätten besitzt, die wichtigste Stelle zum Ausruhen, die jedoch in ihrem heutigen Zustand, der Enge und Beschränktheit des Raumes, der Unsauberkeit und dem zu Stunden stark spürbaren Lärm dieser Aufgabe nicht gerecht werden kann. Solange die Stadt nur einige zehntausend Einwohner besaß, konnte man sich ohne Ausbau der Gegend gut durchfinden. Jetzt macht die wachsende Stadt Tel-Awiw auch liier ihre neuen Ansprüche geltend. Vergnügungen Vor 2 Jahren ungefähr, mit Beginn der starken Modernisierung, begannen in Tel-Awiw die ersten Lichtreklamen zu spielen. Sie wurden angestaunt, diskutiert, bewundert, vielleicht auch von dem kleinen Kreis der alten ״Unbestechlichen“ verurteilt. Heute gehören die bunten Lichtstreifen, die Piakate, die Lampionsketten der Vergnügungsstätten wie selbstverständlich zum abendlichen Stadtbild. In den letzten Monaten hat die Stadt zwei große, elegante Kinos bekommen, bewußt nach Großstadt aufgemacht, mit weiten Reklameflächen, weithin leuchtenden Streifen von Neonlicht, mit künstlich gekühlten Räumen, Glasziegeln und Polstersitzen. Neben ihnen sind die Vergnügungslokaie aus dem Boden gewachsen, T anzlokale mit Kapellen, in denen man alle Sprachen durcheinander hören kann. Tel-Awiw gibt sich Mühe, nach einer Großstadt auszusehen, und an manchen Ecken gelingt es ihr, freilich mit einem starken Einschlag von Levante, mit einer Erinnerung an die Hafenstädte der Mittelmeerküste, die, gleichgültig, welcher Nation sie angehören, alle ein ähnliches Flui• dutn haben. Werkstätten Wie ein Gegenbild der dem Vergnügen ergebenen abendliehen Hauptstraßen wirkt die an Jaffa anschließende Gegend, die dicht nebeneinander gedrängt, eine Unzahl von alten und neuen, kleinen und großen Materiallagern, Großhandlungen und Werkstätten enthält. Hier hat die Konjunktur in den letzten Jahren scharf ausgegriffen, sie hat die Stadt mit ihren Straßen bis an das benachbarte arabische Dorf und bis nach Jaffa herangetricben, hat die Straßen verlängert, bis sie direkt auf die große Chaussee nach Jerusalem führen, durch die halbierten Dorfliäuser hindurch. Die Masse der Werkstätten dient dem Baugewerbe. Holzlager, Möbeltischler, Glasereien, Ziegel- Herstellung, Fliesen, Kacheln, sanitäre Anlagen, Schlossereien, sic schließen sich eng aneinander, okkupieren die eben ent- Baracken in einem Außenviertel der Stadt inmitten der Sanddünen (Foto : Karen Kajemeth) vft U-“ Standorten Häuser, die sich ohne Zwischenraum aneinander schließen, unten Läden und Werkstätten, oben Wohnungen, die wenig anziehend sind, Betonwürfel ohne Zwischenräume, ohne Grün, die in der stickigen Luft des palästinensischen Sommers glühen. Diese Ecke, deren Florieren in großem Maße auf der Bauindustrie beruht, ist durch die Raschheit dieses Gewerbes besonders fieberhaft in der Expansion, alle Räder schwingen, alle Maschinen surren, die schweren Lastautos gleiten über die neue Asphaltstraßen, pflügen sich durch die holprigen und sandigen Wege der Nebenwege. Die Pessimisten hören in dieser Gegend der Werkstätten und Fabriken mitten in der heutigen Betriebsamkeit die Stille der Krise, die Optimisten sehen diese Gegend weiterwachsen, in die umliegenden Plantagen hinein, über die spärlichen Palmen hinaus, die man hier und da in einem grotesken Gegensatz über die kahlen Betonwände blicken sieht. Slums Es gibt verschiedene Gegenden in dem funkelnagelneuen, wachsenden und elegant sich gebärdenden Tel-Awiw, die man nur mit Slums bezeichnen kann. Es sind richtige Armenviertel, wo die niedersten Schichten der Bevölkerung in bedrückender Enge und mit oft unfaßbarem Mangel an hygienischen Einrichtungen zusammenkriechen, wo in den.winzigen Holzhäuschen, die mit Blech und Lumpen geflickt sind, riesige Familien beieinander hausen. Eine derartige Ecke bildet Ltnhx oben: Gewimmel am Badestrand. — Links unten. Ein vor nursem ferlig gestellte* Geschäftshaus an der Kreuzung der Allen by und Nachlatn BenjaminstreM, — Rechts! Sehr häutig 4»1uf Verkehrsstockungen an dem Verhehrsmitlelpunkt der Allenby—Ecke NachUdh BenjaminstTeet, im Volksmund scherzhaft ״Potsdamer Platz" genannt (Foto•: K,r«n Kajemeth, La••! Danaer, Z. Klager) ״fr•-, »mm י .• ■% ־#• - .״;־׳" -'י־•**■■****!- ' ׳ •>*»» nöeix־ m * :mm ... SÜÜ '*SfJ ׳ ^®־5- ■׳*•*־ '׳ .',*•*-יי >׳ .< **,־׳*£ - ■ % .

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