Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 54 (5.7.1935)
- Date
- 1935-07-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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(JÜDISCHE RUNDSCHAU Palästinensische Umschau NR. 54, 5. JULI 193i Tel-Awiw im Wandel Läden, Wohnviertel, Strand, Vergnügungen, Werkstätten, Slums Von uniorom gl.-Korrespondenten Die folgende Zusammenstellung von Eindrücken am dem Cestaltwandel der Stadt Tel-Awiw ist nicht vollstän• dig. Man kann sie nach den verschiedensten Seiten ergänzen. Man kann viel mehr Details über dieses wach• sende Häusermeer Zusammentragen, man kann reizvolle und bedenkliche Einzelheiten aus den llauplvcrkehrsplüt• zen und aus den abgelegenen Armenvierteln Zusammentragen, man kann — und man muß — sich in die neuartigen Probleme versenken, die dieses neue Stadtgebilde in seiner überstürzten Ausdehnung täglich neu schafft, Eine solche genaue Deskription und Analyse geht fedoch weil über den Rahmen der folgenden Schilderung hin• aus. Was hier versucht wird, ist nichts als die Schilderung des wachsenden Gemeinwesens in seinen auffällig• ‘ sten und klarsten Punkten, 30000 Einwanderer im 1. Halbjahr lm Monat Juni wanderten Uber die Häfen Jaffa und Haifa 4200 Personen nach Palästina ein, ausschließlich den Uber andere Grenzen gekommenen Einwanderern und den legalialerten Touristen. In den ersten sechs Monaten des Jahres 1935 sind somit 30 000 Juden nach Palästina gekommen gegenüber 15 630 Einwanderern im ersten Halbjahr 1934. Die Einwanderung ist also in diesem Zeitraum um 90 0/0 gestiegen und stellt einen Rekord In der Geschichte der Palästinaein- Wanderung dar. Von den Ziffern des ersten Halbjahres entfallen 4924 lauf Kapitalisten, 13 716 auf Arbeiterzertifikate, 6594 auf Verwandte. Erkrankung von Oberrabbiner Kuk Der Oberrabbiner von Palästina Raw Kuk Ist schwer erkrankt. Das Oberrabbinat hat einen Aufruf an die Bevölkerung erlassen, seiner im Gebet zu gedenken. Die Prolessoren Zondek und Marcus wurden zu einem Konsilium berufen. Im Befinden des Erkrankten Ist am 3. Juli •ine leichte Besserung eingetreten. Von der Woche Die Studenten der Hebräischen Universität in Jerusalem proklamierten einen Halbtagsstrcik. Sie veranstalteten am letzten Dienstag Demonstrationen und Massenvcr- Sammlungen, die die dringende Notwendigkeit der Schaffung eines landwirtschaftlichen Instituts betonten. Es wurde damit der Versuch unternommen, das Publikum zur Hilfe für die Universitätserweilerung heranzuziehen. Eine Versammlung der Studenten im Amphitheater der Universität beschloß, die Aktion zur Schaffung eines landwirtschaftlichen Instituts sofort zu beginnen, und erließ einen Aufruf an die Oeffcntlichkeit um Elilfe. Die Vorlesungen vurden am Mittwoch wieder aufgenommen. Die Vereinbarung zwischen der Histadruth und dem Waad eumi über die finanzielle und administrative Verschmel* ungder Arbeiterschulcn mitden Schulen der ״nesseth Jisrael bei gleichzeitiger pädagogischer Autonomie dieser Schulen hat die Gegnerschaft der rechtseingc* stellten Kreise hervorgerufen. Die Allgemeinen Zionisten der Gruppe B in der Stadtverwaltung Tel-Awiw und der Bauernverband fordern die Aufhebung der Vereinbarung. DerWaad Leumi soll entscheiden, ob diese trotzdem bestehen bleibt. Eine Tagung des landwirtschaftlichen Rates der Histadruth, die von 60 Delegierten besucht war, beschloß verstärkte Bemühungen, um weitere 3000 jüdische Arbeiter in den Orangensiedlungen unterzubringen. Der Landwirtschaftsrat hörte einen Bericht von Harzfeld an, der sich mit dem Plan neuer nationaler Siedlungen beschäftigte. Der Plan umfaßt die Ansiedlung von 2600 Familien an 34 Punkten, die teilweise bereits an gesiedelt worden sind, mit Hilfe eigenen Kapitals und durch Anleihen. Für einen derartigen Zweijahresplan werden 350 000 Pfund benötigt. Die Entziehung der palästinensischen Staatsbürgerschaft gegenüber Achi M e i r, Yevin und Dwiri wegen Illoyalität gegenüber der Landesregierung ist unter der Bedingung suspendiert worden, daß die Genannten nicht in Konflikt mit der Polizei und den Behörden geraten. In Tei-Awiw wurden 10 Personen freigesprochen, die verhaftet worden waren, weil sie vor einem Schuhgeschäft Wache gestanden hatten, das keine Landesprodukte verkaufte. Diese Entscheidung Ist vom Publikum lebhaft begrüßt worden. In Herzlia und an anderen Stellen ordnete der Bezirks- Kommissar die Entfernung von Plakaten an, auf denen Bodenparzellen, die bisher unbenutzt waren, zum Verkaut angeboten wurden. Diese Maßnahme richtet sich gegen die Spekulation und bezweckt zugleich die Verschönerung der Landschaft. Wie arabische Blätter berichten, wurden 12 Juden, die ohne Ausweis waren, von den syrischen Behörden an der Nordgrenze Palästinas verhaftet. Sir Arthur Wauchopc übernahm die Schirmherrschaft über die nächste Levantemesse, die im April 1936 in Tel-Awiw stattfinden wird. Es wurde eine Kommission eingesetzt zwecks Fortsetzung der Verhandlungen mit Aegypten über Industrieexporte. Die Kommission besteht aus Regierungsbeamten, sowie je drei Arabern und drei Juden. Diese sind: Arie Shenkar, der Vorsitzende des palästinensischen Industriellenverbandes, Tishbk der Leiter der Handelsabteilung der Jewish Agency, und Goldwater von der Palästina-Corporation. Eine Sonderkommission für die Handelsvertrags• Verhandlungen mit Syrien wurde eingesetzt, in der Zwei Juden und zwei Araber vertreten sind. Die Tel-Awiwer Stadtverwaltung beschloß, die größte Mittelschule der Stadt nach B i a I i k zu benennen. Dem amtlichen Bericht zufolge sind die Einnahmen äer Palästina-Bahnen von 591 879 Pfund i. J. 1933 aut 727106 Pfund i. J. 1934 gestiegen. Befördert wurden 2 Millionen Fahrgäste und rund eine Million Tonnen Güter. Ein Drittel der beförderten Güter entfiel auf Baumaterial. Die Ruthenberg-Gesellschaft hat ab 1. Juli die Preise für elektrischen Strom in Palästina verbilligt. Für industrielle Unternehmungen wird der elektrische Strom um 15 <y0> für private Benutzer Lichtstrom um 10 0/0 gesenkt werden, d. h. von 30 mils auf 27 mils pro Kilowattstunde. Die Gesellschaft begann mit Vermessungsarbeiten zwecks Errichtung eines neuen Kraftwerkes am Jordan in Nordgaliläa. Die von der PLDC. ausgegebenen 75000 Pfund Aktien Sind doppelt überzeichnet worden. Es ist beschlossen worden, Weitere 75 000 Pfund Aktien auszugeben. Eine Kabelfabrik in Haifa, die von Juden aus Deutschland mit £ 25000 Kapital gegründet worden ist, soll Ende August im Bau fertiggcstellt werden. Es wurde eine Gesellschaft für palästinensische öelprodukte mit einem Kapital von 200000 Pfund gegründet. Abraham Katznelson, Mitglied der Exekutive des Waad Leumi, wurde zum Mitglied der Regierungskommission für die Programme der neuen Radiostation ernannt Zu dem Bericht über die Gerichtsverhandlung über Einwanderer aus Deutschland in Nr. 49 der ,Jüdischen Rundschau“ werden wir aus Palästina gebeten mitzuteilen, daß die Rolle des ״Staatsanwalts“ von Ben-Chorin, Tel-Awiw, gespielt wurde. Moderner Handel Die für den alten Tel-Awiwer und für den Besucher am stärksten ins Auge fallende Wandlung des Straßenbildes ist durch die Expansion und die Wandlung des Handels geschaffen worden. Noch vor wenigen Jahren erledigte der Tel-Awiwer seine Einkäufe in kleinen Kramläden, die alles mögliche nebeneinander führten, wenig spezialisiert waren und sich auf einen bescheidenen Standard cinstellten. Man sah es oft genug einem Passanten auf der Straße an, ob er gerade frisch von einem Besuch aus Europa zurückgekchrt war, denn in seinem Anzug war dann ein gewisses Etwas, Marhlpplizei bei der. Kontrolle des Brotgewichtes rot«! Z. Klag« «י III» das man auch bei vieler Mühe In Palästina nicht haben konnte, ein gewisser Zug der Eleganz und neuesten Mode. Auch die Geschäfte, in denen man relativ teure Sachen bekam, kümmerten sich wenig um ihre Ausstattung. Kleine Schaufenster, beschränkte Räume, in denen die Waren dicht übereinander gestapelt waren. Alles das änderte sich radikal in den ietzten Jahren. Wo Lücken in den Häuserreihen waren, entstanden neue Läden, die alten wurden ausgeräumt, umgebaut, große Glasscheiben, Marmorverkleidungen, ausgesuchte Dekorationen, weite Verkaufsräume verdrängten die bescheidenen Läden von früher. Mit der Ausstattung zog die Spe• zialisiermig ein, mit der .Spezialisierung die vergrößerte Konkurrenz, die sieh wieder durch noch stärkere Ausstattung durchzusetzen suchte. Neben die großen Läden traten die elegant ausgestatteten Lokale, an die Stelle der Kioske die Eisdielen und Sodawasserhallen, und heute ziehen sich durch die wichtigsten Geschäftsstraßen ununterbrochene Ketten eiegantcr Läden, die sämtliche Waren der Welt neben Palästina- Produkten feilhalten. Auch so etwas wie eine Geschäftsstraße des ״Westens“ hat sich neben der inneren Stadt gebildet, indem viele neue Geschäfte und Filialen von Zentrumsfirmen sich mehr in die am Meer liegende Hauptstraße begeben, um dem Publikum entgegenzukommen. Man bat in dieser Modernisierung, der eleganten Ausstattung und der unbeschränkten Zahl der Unternehmungen auch Gefahren gesehen. Man sprach von zu hohem Standard, zu großen Investitionen, zu viel Konkurrenz. Es steckt viel Wahres in dieser Kritik, denn wenn auch das,Publikum heute bereits sehr viel anspruchsvoller geworden ist, so kann sich ein Unternehmen nur amortisieren und rentieren, wenn es Massenabsatz hat. Jedoch waren eben alle diese Handelsbetriebe auf die künftige Entwicklung zugeschnitten, auf Vermehrung des Publikums, auf weitere Haltung des gehobenen Standards, auf Kapitalimport und Einwanderung. Und wenn eben — Gott möge es verhüten, betet jeder Bürger von Tel-Awiw — die Einwanderung und der Kapitalimport sinken, dann wird alles einen schweren Rückschlag bekommen. Bei einer Wirtschaft wie der heutigen im Lande, die des Planes ermangelt, die noch nicht einmal die Bedürfnisse und Kun* den von morgen kennt, sind Rechnungen auch für die nächste Zukunft fast unmöglich. Bedenklich bleibt in jedem Falle eine zu starke Belastung neuer Betriebe mit kurzfristigen Krediten, die dem Unternehmer bei geringfügigen Schwankungen bereits den Atem beengen. Und man spürt gerade in den Luxusgeschäften der Stadt stark den Duft des Goldgräbertums, Farben und Formen rufen gleichzeitig: Prosperity und kein Ende. Man kann nur wünschen, daß sie recht behaltöl mögen. N«u• Viertel Das so kleine und anscheinend mit einem Blick zu er* fassende Tel-Awiw ist völlig unübersichtlich geworden. Es gibt heute Straßen, die ins Unbekannte führen, ganze Viertel, die wie über Nacht aus dem Sand gewachsen erscheinen, glatte Asphaltwege für die Autos neben grundlosen Sandwegen für die Kamele — der Fußgänger beneidet diese Tiere auf seinen Wanderungen, weil sie nicht so ciusinkcn wie er —, Der vielbeschäftigte Verkvhrsschutzmann %i*em?sm. Foto; Keren Barackenviertei, die neben Häusern der letzten Mode stehen, stille nerven beruhigende Seitenstraßen und bis in die späte Nacht lärmende Verkehrswege. Die Stadt beginnt sich bereits stark zu differenzieren. Nur in wenigen Straßen, die zu den ersten Schöpfun» gen der damaligen Jaffaer Vorstadt gehören, hat sich nichts verändert. 111 den meisten Vierteln, die schon alt, also zehn Jahre, oder sehr alt, also fünfzehn Jahre alt sind, ist um-, an- und zugebaut worden. Die Straßen, die früher die großen Lücken der freien Plätze zeigten, haben sich geschlossen, alte kleine Häuschen, die versteckt in ihren bescheidenen Gärten standen, sind den großen Mietshäusern gewichen. Die Standard• erhöhtuig, die die öesclialtslokale kennzeichnet, erfaßt auch die Wohnbauten. Es beginnt bei elektrischen Klingeln — noch vor wenigen Jahren im Lande als überflüssig betrachtet —, bei Treppenbeleuchtung und endet bei Warm• Wasserversorgung, Frigidaires, Küchen und Badezimmern mit Kachflung. Es ist bezeichnend für den steigenden Standard, daß diese Bequemlichkeiten nicht etwa nur in Eigenhäusem erscheinen, sondern in Mictswohmmgen, die dementsprechend berechnet und —- bezahlt werden- So wie noch vor drei und vier Jahren feuchte Wände und rissiger Bewurf, enge Treppen und primitive Diischräume mit einem Achselzucken als Selbstverständlichkeiten hingenommen wurden, so hört man heute auf, sich über die modernen Bequemlichkeiten zu wun• dem. Und viele der neuen Einwanderer betrachten den heuti• gen Zustand als gegeben und können sich das Frühere nicht recht vorstellen. Eine interessante Erscheinung moderner Bequemlichkeit fr* Tel-Awiw ist z. B. ein Apartment-Haus mit Ein- und Zweizimmerwohnungen, allen Bequemlichkeiten, Bad — Und Küche, Restaurant, Bedienung und Telephon im Hause, wo ef für Junggesellen und junge Paare überhaupt kaum mehr Haus* Wirtschaftsschwierigkeiten gibt. Man stelle sich dagegen vor, daß noch vor drei Jahren möblierte Zimmer in der Stadt 80 ziemlich unbekannt waren, daß jeder, der sich ein Zimmer mietete, sein Bett — manchmal auch einen Schrank — bracht« und niemand auf die Idee kam, daß man es auch etwas ba• quemer haben könnte! Man darf aber bei aller Bewunderung der komfortablem* Bauweise nie vergessen, daß die Schicht, die diese Bequem* Hchkciten bezahlen kann, immer noch dünn ist. Die Masse der Tel-Awiwer Bevölkerung wohnt heute noch immer sehr gedrängt und primitiv, sie kennt die gekachelten Badezimmer nur vom Hörensagen, sie zwängt sich in ganzen Familie« ln ungenügende Wohnräume und gibt dabei einen unverhältnismäßig hohen Prozentsatz für Wohnungsmiete aus. Es zeigt