Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 54 (5.7.1935)
- Date
- 1935-07-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr 54, 5. VII 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Rückblick der Ausgewanderten Londoner Eindrücke nach 2 Jahren Von Ur. Leonhard Kirsch London, im Juni 1935 Nun sind cs über zwei Jahre, seitdem man seinen dcutsehen Geburtsort verlassen hat, man hat in dieser kurzen Zeitspanne grollen Geschehens genügend erlebt, um sich über die Veränderungen klar zu sein und zu erkennen, was wir, die wir im professionellen Leben der Reichshauptstadt gewesen waren und nun uns haben ״umstellen‘־ müssen, Gutes und Schlechtes hinter uns gelassen haben und nach unserem Ermessen in Zukunft vor uns haben. Es sind zwar in diesem Blatte schon Erlebnisse und Berichte verüffentlicht, aber soweit wir sehen, kein solcher eines Immigranten in London, der nicht nur für sich, sondern auch für Familie mit Frau und Kindern zu sorgen hat und seinen Wohnsitz in der Metropole des englischen Empire genommen hat. Deshalb erscheint es angebracht, einmal — sine ira et Studio — den Tatsachen ins Auge zu schauen und ein wahres Bild vom Leben eines Juden aus Deutschland hier zu geben. Es sei zunächst vorausgeschickt, dalt Schreiber dieses aus Wirtschafts- und besonders Gewissensgründen — er ist Frontkämpfer, Inhaber des kürzlich verliehenen Ehrcnkreuzes, genießt also innerhalb Deutschlands Grenzen alle Rechte eines Kriegsteilnehmers — vor April 1933 seinen Wohnsitz gewechselt hat. Er war sich von vornherein darüber klar, daß es kein Leichtes war, mit Frau und unmündigen Kindern ein geregeltes, arbeitsreiches und auskömmliches Leben mit einer ״großen Unbekannten“ zu vertauschen. Erste Eingewöhnung Das Lehen für einen deutschen Juden im Ausland, der die betreffende Sprache nicht spricht, ist unendlich schwer, und es ist auch keineswegs leicht, wenn mau die Sprache des Landes versteht. Die Erlernung der betreffenden Sprache ist aber Voraussetzung. Vor allem ist cs weiter nötig, nicht unnütz an das Vergangene zu denken, nicht trauernd dem Geweseneri naeh/uweinen, sich vielmehr viel unter die Einheimischen zu mischen und viel Verkehr mit ihnen zu pflegen. Hierdurch wird der Blick erweitert, und man lernt nicht nur die Sitten und Gebräuche, sondern, was am wichtigsten ist, ihre Mentalität kennen. Man muß den veränderten Verhältnissen Rechnung tragen und seine Gewohnheiten mit diesen in Einklang bringen. Hat man dies überwunden, so ist man ein großes Stück vorwärts. Fs soll nicht geleugnet werden, daß ein erwachsener Mensch, der sein Leben lang in der Heimat gewohnt hat, schwer mit diesen Veränderungen fertig werden kann, aber es ist die Voraussetzung für den gcsellschaftliehen und wirtschaftlichen Aufbau. Wenn man es fertiggebracht hat, nicht mehr rückwärts zu schauen, so beginnt der äußere Kampf mit dem Lehm. Ein wahrlich schwerer Kampf, schwerer als in der Heimat.... Dabei macht es keinen, wie man gemeinhin annimmt, gewaltigen Unterschied, ob man vermögend oder nicht im Besitz von Mitteln ist. Geld verlieren kann man hier wie überhaupt überall sehr leicht. Projekte gibt es hier unzählige, und bestechend sind sie fast alle, besonders wenn eine kaufmännische Kalkulation beigefügt ist, die einen schon nach kurzer Zeit als reichen Mann erscheinen läßt. Es wird sich daher stets empfehlen, nicht nur einen Rechtskundigen, sondern besser einen erfahrenen, lange im Handel stehenden Kaufmann zu befragen und zu Rate zu ziehen, denn es ist das Erfreuliche hier, daß hier ein außerordentlich starkes jüdisches Zusammcngehörigkeits• gefiihl herrscht, und es niemals vorkommt, daß man nicht in vollendetster Weise die gewünschten Ratschläge und Auskiinfte erhält. Ich sagte, daß es keinen allzu großen Unterschied macht, ob man Geld hat oder nicht, denn in diesem Lande muß man schon s c h r vermögend sein, um in den Augen der anderen ״Geld zu besitzen“. Viel wichtiger und viel einträglicher ist der Besitz einer praktischen Idee. Dann hat man auch keinerlei Schwierigkeiten mit der Aufenthalts- und Gcschäftsniedcrlassnngserlaubnis. ״Give him a chance“ Dieser letztere Umstand ist ein besonderes schwieriges Kapitel. England stellt vom ersten Tage nach dem Krieg bis zum heutigen Tage keine geringen Erfordernisse, um die Erlaubnis zur Landung und dann zum Aufenthalt und, was noch schwieriger ist, zur Etablierung zu erteilen. Kann man aber einen neuen Geschäftszweig aufweisen, in welchem man in der Lage ist, Engländer anzustcllcu, so wird man nicht nur geldlich in jeder Hinsicht von den City-Geldleuten unterstützt, man wird sogar von Behörden noch gefördert. Der Engländer schätzt den Erfolgreichen überhaupt und wird ihm alle Unterstützung zuteil werden lassen, mag er Ostjude oder deutscher Jude, Chinese oder Neger sein. ״Give him a chance“ heißt hier das faire Losungswort. Kommt man ohne Idee und ohne Geld, so wird das Leben unter dem Damoklesschwert der täglich einzutreffenden Ausweisung zur Qual; andererseits dürfte London für einen Einwanderer mit obengenannten Vorzügen die heute vorteilhafteste Stadt Europas sein. Gesellschaftlich bietet die Stadt für jeden etwas. Antisemitismus ist in dieser Stadt der vielen Rassen faktisch so gut wie nicht vorhanden. Neben Klubs, u. a. dem rein jüdischen Anglo-Palestinian Club unter der Führung des tüchtigen P. Horowitz, und den üblichen Vergnügungsstätten (Theater, Kino) ist das häusliche Familienleben einzigartig in der Welt. Allabendliche Gesellschaften im größeren Kreise und gegenseitige Besuche im kleineren Zirkel verbunden mit dem unausbleiblichen Bridgespiel spielen eine große Rolle. ״My home is my castle“, dieses Wort gewinnt vor dem offenen Kaminfeuer, wo nebenher an besonders kalten Tagen die von der Küche betriebene Dampfheizung wärmt, in gemütlichster Weise erhöhte Bedeutung. Betritt man gegen 7 Uhr abends nach einer langen Untcrgrundfahrt, deren Netz selbst für den Londoner einen unentwirrbaren Weg bildet, sein Haus •— fast immer ein Einfamilienhaus —, so lebt man nur für und mit seiner Familie. Jüdisches Leben Das jüdische und zionistische Leben ist, wie sich in einer Stadt mit mehr als 150 000 Juden denken läßt, ein intensives. Die kommerzielle Tätigkeit der Juden blüht vorzugsweise in Whitechapel, City und Westend; das Gemein de leben ist sehr ausgeprägt. Die ״United Svnagogue“ besitzt in jedem Stadtteil schöne und große Gotteshäuser (etwa wie Oranienburger Straße und Heidereutergasse). Whitechapel hat Hunderte von östlichen größeren und kleineren Oebetsstätten, vereinigt unter der mächtigen ״Federation of Synagogucs“, geführt von dem energischen Stadtrat Davies. Die Intensität des zionistischen Lehens in England ist bekannt. Die jüdische Presse ist reichhaltig und mannigfach. Das Merkwürdige ist, daß in diesem Lande, das Juden die Tür zu den höchsten Regierungsstellen offenhält (zur Zeit sitzt in der Regierung der Transportminister Höre- Bclisha, bekannt durch seine ״Belisha-Beacons“), ein großes Interesse für rein jüdische Dinge in allen jüdischen Schichten besteht. Von fast allen englischen Juden kann man sagen, daß ihr Assimilationsbedurfnis kein so ausgeprägtes ist wie in anderen europäischen Ländern, an der Spitze dem Deutschland der Vergangenheit. Deshalb ist auch das jüdische Oefühl ein stärkeres, der Hang zur Tradition ein größeres als in anderen Ländern. Die englische judenheit hat es jetzt in der Hand, die Rolle des ehemaligen deutschen Judentums zu übernehmen und führend in der Gestaltung des jüdischen Kulturlebens des 20. Jahrhunderts zu werden. Bestrebungen dazu sind im Gange. Versäumt Englands Judenheit jetzt diese Gelegen• heit so wäre das ein Unrecht und eine Unterlassungssünde, die nur schwer wieder gutgemacht werden kann. Was den aus Deutschland hierher kommenden Juden angeht, so hat er ebenfalls die Möglichkeit, mitzuarbeiten. Sieht er aber iiut resseiitiment-erfüllt zurück, so ereilt ihn das Geschick von — Lots Weib. . * . und Sn Südafrika Cape Town, im Juni 1035 An die Schriftleitung ״Jüdische Rundschau־‘ Berlin W 15 Gestatten Sie mir, als langjährigem Leser Ihres gesch. Blattes in Deutschland und seit etwa einem Jahre in Südafrika, Ihren Lesern einiges über das jüdische Leben und zionistische Arbeit im allgemeinen speziell in Cape Town zu berichten. Die in der Südafrikanischen Union lebenden zirka 75 000 Juden stellen etwa 1,28 ׳• , der weißen Ge.saintbevölkeruiig des Landes dar und sind ein wichtiger Faktor in der Entwicklung des Landes. Man findet Juden in jedem Berufszweig und im Handel spielen sie ihre wichtigste Rolle, Hauptzentren des siklafrikanishcen Judentums sind Cape Town, Johannesburg und Durban. Die zionistische Bewegung ist sehr stark und es gibt etwa 105 Zweigvereine in allen Teilen des Landes. Zionistische Zeitungen erscheinen wöchentlich in den drei obigen Städten und haben große Verbreitung, in Cape Town ist die Bewegung sehr rege. Grolle öffentliche Vorträge, auch Oneg Sch ah bat, finden allwöchentlich in der Zionist Hall, einem modernen Gebäude mit Sälen und Bibliothek, statt. Sämtliche Veranstaltungen sind von alt und jung stark besucht, und ganz besonderen Anklang linden die lltägigen am Dienstag abend stattfindenden sogenannten ״Gonvcrsazione“, bei denen stets ein Redner über jüdische Probleme mit anschließender freier Diskussion spricht. Kürzlich war Dr. Benjamin Schein zugunsten des Keren Kajcmeth hier tätig und gab sehr interessante Berichte über die Entwicklung von Erez Israel. In seinem Vortrag in Cape Town in der Zionist Hall (vor zirka 800 Zuhörern) sagte Dr. Schein, die südafrikanischen Juden sollten (durch Unter- Stützung des Keren Kajcmeth) mithelfen verhindern, daß die Juden Palästinas fast allein aus Städten ohne solide Grundlage einer Landbevölkerung, beständen. Auch der Bürgermcister von Cape Town, Mr. Oradncr, appellierte in diesem Sinne. Dr. Scheins Rede fand großen Beifall und es ist zu hoffen, daß die Kampagne auch in der Cape Province den gleichen großen Erfolg wie in Transvaal bringt. Ein großes Problem ist die neuerdings zunehmende Immigration nach Südafrika. Irt den letzten zwei Jahren sind etwa 2000 Juden aus Deutschland hier angekommen und mit wenigen Ausnahmen haben sie Stellungen, wenn auch allerdings mit kleinem Verdienst gefunden. Man ist gerade Juden aus Deutschland sehr behilflich gewesen und soweit sie nicht über Mittel verfügten, haben diverse Organisationen für sie gesorgt und die notwendige Einreisegarantie gestellt. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß seit einigen Monaten eine gewisse Interessenlosigkeit und Abkühlung eingetreten ist und die in Frage kommenden Stellen lehnen jetzt Garandien usw. strikte ab. Selbstverständlich können wirklich tiiehtige Handwerker, insbesondere im Baufach, sofort unterkommen lind auch gut verdienen, abgesehen von Automechanikern, die, weil sie erst nach mehrjähriger praktischer Tätigkeit im Lande Mitglieder der Union werden können, keine Anstellung finden. Für Kaufleute, aber nur mit wirklich guten englischen Sprachkenntnissen und etwas Kapital, sind gewisse Möglichkeiten vorhanden. Es kann aber nur dringend abgeraten werden, ohne ausreichende Kenntnis der englischen Sprache und ohne Kapital hierher zu kommen, ganz abgesehen davon, daß klimatische Verhältnisse große Anforderangen an Körper und Gesundheit stellen. Mit Zionsgruß si Weil Vor den Wahlen zum Sejm Warschau, 1. Juli. (JTA.) In Warschau wurde soeben eine Tagung des Zionistischen Parteirats für Kongreßpolen geschlossen. Der Parteirat hat eine Reihe von Re- Solutionen zu Problemen der zionistischen Landespolitik gefaßt. Beschlossen wurde u. a., an den bevorstehenden Wahlen zum Sejm und Senat nicht teil zunehmen, weil diese Wahlen nicht auf demokratischer Grundlage vor sich gehen werden. Auf der Tagung wurde ferner die Kandidatenliste für die Wahl zum XIX. Zionistenkongreß aufgestellt. Ehe Liste enthält die Namen von J. Griinbaum, Dr. J. Schipper, Adv. Hartglaß, Dr. Rosenblatt u. a. m. Soe&m vi&cUieH: -... DR. MICHAEL TRAUB Durch Planung zur uerwlrKlichung Aufgaben u. Probleme d.XIX. Zionistenkongresses Pr•!■ nur 25 Rpf. Verlag ״Jüdische Rundschau*‘ G.m.b.H. Bariin W15, MainakaatraBs 10 / dl (Blamarek) 7165 Poatachackkonto: Barlin 16706 Die Konferenz amerikanischer Reform ra bb i n e r, die in Anwesenheit von 300 Rabbmen stattfand, hat beschlossen, ihre antizionistische Haltung zu ändern. Es wurde eine Resolution angenommen, m der erklärt wird, daß die Konferenz keine Stellung zur Frage des Zionismus nehmen, jedoch am Palästina-Aufbau und den kulturellen, geistigen und wirtschaftlichen Aufgaben der palästinens•sehen Judenheit teilnchmen wolle. ln Amsterdam ist im Alter von 45 Jahren die Schriftstellerin Ch. Reis mann gestorben. Ihr letztes Buch, eine Sammlung von Skizzen ״Nicht im Golus und nicht zu Haus“ erschien 1931. SÜHNUNG ״Diesen und auch jenen hat Gott gemacht" (Kohelet 7, 14); Der Heilige, gesegnet sei Er, hat Gerechte und Schuldige gemacht. Warum hat der Heilige, gesegnet sei Er, Gerechte und Schuldige erschaffen? Damit jene für diese die Sühnung bewirken. Pesikta de R. Kahana 191a (lieber*, v. N. V. (ilaizer) Deutsche, Tschechen und Juden Eine irrige Darstellung Die Zeitschrift ״D c u t s c h e s V o I k s t u in“ verüffent• lieht in ihrem Juliheft einen Aufsatz von Philipp Frank über: ״D a s J u d e n t u m in der Ts c h e c 11 o s I o w a - kei". In diesem Aufsatz heißt es einleitend: ״Dir Auf! ich! iln1 ״ je. I -,11.1,!!■״! ׳, hrn S|.1.׳H■, kl.irhU‘ Mir die in <D-. neue <i׳‘hir!!)11! e!!1! ״ v!!;.ynrn Juäen t!!e Srlm ie!!״!,rit. \eauu> ihnen, dir indn! der v,! ii k. >n!!! r ■11r DrrUenm1 ,k.!!. k. ( h '-!errrjrhr!‘ ^r.rhiif/! hu!!!׳, nun!!!! nur Vi'ini׳ u.nlrn -״Hl1׳. Der T>ehrrhen-.!,n1! n׳!/tr dn ■־.■!!! dr!׳!r! .0-11! ׳, i< h he V!:!!!!־ gleich Uli! den! -ehe! \! dk - r Ugr I■!1!,.M.!'. I! ir■, 1\1/ וי.י! ..ein. i-I ,!Ul bei ׳kn T.rhe׳ In n me ..!;,eien V! ke-e. n \ ׳ ■b rinden. V ie h.i!!en .d.1! ׳1!׳ Iu!len , I )!1!!!eu ( ׳1 : י!; k■!:! e׳ i ׳ r' i -! 1 ee!!1! .׳ zu e!'den ging .1!! ' 1, 11 1!!״ ie!e i e!ן. ׳ u . 1. i! Ie i n n i! in.1 ■ ,1 m ■ e! 1 ebge- -ehen. am'!! mein 1mm1 ׳ .!! leulu, \\.!i de■ jeden ilne »!! 1-!!!,111 - lieh׳.׳ N.ilnung \m\\ legend ne- (inl'• in!) ( . ■ -.! n! e -1 ׳ ׳ e 1 rmg׳ ü nb-!einene Ai-n M׳!/!r mm י׳ thi'ih, d.11; die knien in ׳ Ie! '1 .׳ k I h״■ -Imvekei ,1U eigene \ ,! 1!■!!!, 111 ׳ a I mein..I nun!! ln Whrll l)es|1- X-Iien. T-e|״el״״. Mm, •1k״ ׳. M.igmm n. Kt!i ■,!־1 .!״ ■len gl!■! <n aui'h oiii/ii II Inden. AI- -,!I. h« kmum n -iוו!■!! ■׳ innen Maat ihre F1 ge! n n I ie 11 lnne!-en und gknlmeng ׳ F e' d!u! .! hm I ״a-< I!.1 '׳ - ■ Iin und׳ n die km n!!! ,1! 1 n׳k 11:!׳ k n. Mal! 11!!.״ n i׳ 1׳ i mn! h , I -׳ l!e! he ׳«־»״irden." Diese Darstellung beruht auf einer ganz grotesken V c r k e n 11 11 n g der tat s a c 11 li e!1 e 1! V c r 11 a 11 11 i s s <־. In der Vorkriegszeit rechnete sieh die Mehrzahl der auf dem heutigen Gebiet des tschechoslowakischen Staates lebenden Juden zum deutschen Volkstum, wobei sie in erster Linie von ihrer Muttersprache, die deutsch war, und ihrer kulturellen Verbindung mit dem Deutschtum ausging. Die Zahl derer unter den Juden, die die Erkenntnis vom Wesen des Judentums schon damals mit aller Klarheit besaßen und sich zum jüdischen Volkstum zugehörig fühlten, war nur gering. Die Juden gerieten dadurch in *len National!- tätenstreit hinein, der insbesondere in Böhmen heftige Formen annahm. Sie wurden von den einen als ״Deutsche“, von den anderen als ״Tschechen“ bekämpft, und dazu kam, daß die Antisemiten aller Lager ihnen als Juden nicht gerade freundlich begegneten. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an den berühmten Aufsatz von Theodor H e r z I ״Die Jagu in Böhmen“, den wir im Jahre 1933 abgedruckt haben (s. ״J. R.“ Nr. 75 70 vom 20. Sept. 1933) und in dem diese Verhältnisse sehr eindringlich geschildert wurden. Im Laufe des Krieges und unter dem Eindruck des Umsturzes in der österreichisch-ungarischen Monarchie breitete sich unter den tschechoslowakischen Juden die Erkenntnis vom Wesen der Judenfrage und vom nationalen Charakter des Judentums aus. In den Tagen der Gründung des tschechischen Staates übernahm die n a t i o n a I j ii d i s e h e Gruppe die Führung und setzte es durch, daß die Juden als Nationalität anerkannt wurden. Zu ihr rechnet sieh heute etwa die Hälfte aller auf dem Gebiete der Tschechoslowakei lebenden Juden, wobei in dem östlichen Teil die Zahl der N'ationaljuden erheblich stärker ist als in den Sudeteiiländern, in denen sowohl die deutsche wie die tschechische Assiinilationsgnippe noch über erheblichen Anhang verfügt. Dem Verfasser des Artikels kann nicht unbekannt sein, daß die Mehrheit der Sudeteiideutsehen schon seit mehr als 30 Jahren die Juden aus den deutschen Parteien Itinansdrangcn und den Arierparagraph (als private, nicht als staatsrechtliche Einrichtung) hei sieh eingeführt haben. Trotzdem ist es unbestritten, daß zahlreiche deutsche Kulturinstitute wie Theater, Schulen usw., ihre Existenz den Prager Juden verdankten. Die deutsch-jüdischen Assimilnnten haben trotz aller Fußtritte an ihrer Deklaration zum Deutschtum festgehalten. Aber den Juden jetzt vorzuhalten, sie wollten nicht ״Deutsche werden“ (!!), weil dies hei den Tschechen nachteilig wirken würde, das geht denn doeii bei dieser Sachlage etwas zu weit. Schwedische Zionistenkonferenz Stockholm, 2. Juli Am 30. Juni und I. Juli fand in (lotcnbuig die erste Konferenz des $ e h vv e d i s c 11 e n Zionist e 11 v e r b a n - des statt, zu der außer den Delegierten aller zionistischen Vereine Schwedens auch Delegierte der zionistischen Vereine• Dänemarks und Norwegens sich eiugefimden hatten Insgesamt nahmen 32 Delegierte an der Tagung teil. Der Zweck der Tagung war die Bestätigung der Statuten des im Vorjahr gebildeten Schwedischen Zionistenverhandes, Wahl der Leitung und Festlegung vier Riehtlinien für die Arbeit. Ferner hatte die Konferenz die Aufgabe, die Gründung eines skandinavischen Verbanden, zu dem die Vorstufe durch die Bildung eines schwedischen Versandes gegeben war, und die Errichtung eines Sekretariats für diesen skandinavischen Verband zu diskutieren und zai entscheiden. Die wichtigsten organisatorischen Ergebnisse der Tagung sind kurz zusammengefaßt: Bestätigung des Schwedischen Zionisteitverbandcs und seiner — vom Londoner Centralbureau bereits gutgeheißcnen — Statuten. — Wahl des Zentralkomitees, bestehend aus Hugo Valentin, Upsala, als Vorsitzenden, und Herbert Sterner, Gotenburg, Leopold Marcus, Malmö, Emil Glück, Hälsingborg, Herbert Masur, Stockholm. — Beschluß, einen skandinavischen Zionistenverband zu gründen, umfassend Schweden, Dänemark und Norwegen, wobei eine Beteiligung Finnlands noch offen blieb. — Beschluß der Errichtung eines Sekretariates mit Hauptsitz in Kopenhagen und Unterabteilung in Stockholm. Gleichzeitig mit der zionistischen Konferenz fand in üotenburg auch der Kongreß des Skandinavisch-Jiidischen Jugend ver band es statt. Diesem Verbände sind auch mehrere zionistische Jugendvereine aus ganz Skandinavien angeschlossen, und der Verband hat auf Anregung der zionistischen Jugend allen angeschlossenen, auch nichtzionistischen Vereinen, die KKL-Arbeit zur Pflicht gemacht. In der Eröffnungssitzung des Jugendvcrbamles hielt Oberrabbiner Dr. Ehrenpreis, Stockholm, einen Vortrag über Eindrücke von seiner jüngsten Palästina-Reise. Norbert Masut