Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 52 (28.6.1935)
- Date
- 1935-06-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 52, 28. VI. 1935 Von der Woche Die hebräischen Tageszeitungen haben ihre Ausgabe vom 21, 6. dem Andenken Arlosoroffs (anläßlich der zweiten Wiederkehr seines Todesjahres) gewidmet. Die Jcwish Agency veranstaltete eine (iedenkfeier in Jerusalem, bei der Wilkansky eine Ansprache hielt. Die Institutionen der Histadruth waren schwarz geflaggt und schlossen ihre Büros bereits mittags. Am Abend wurde das Cirab Arlosoroffs in Tel-Awiw sehr stark besucht. In Tel-Awiw sprachen bei der Gedenkfeier Ben Zwi und David Reine/; dieser verlas die letzten Briefe Ariosoroffs. Am Grabe hielt Alexander Süßkind Rabinowitz eine Ansprache; eine weitere Versammlung fand am Abend statt. Die Wahlen zum Kongreß finden in Palästina am 21. Juli statt. Die ״Emica", eine gemeinsame Organisation der lea und des nach den Unruhen im Jahre 1929 geschaffenen Palästinaflilfsfomls hat einen Siedlungsplan in Angriff genommen, der den Ausbau von B e e r t u v i a, der südlichsten jüdischen Siedlung Palästinas zum Inhalt hat. Becrtuvia war im Jahre 1929 zerstört worden und wurde 1931 durch den Hilfsfonds wieder errichtet. Der Erweiterungsplan im Werte von L 30 000 sieht die Ansiedlung von -15 Familien vor einschließlich einer lung von 10 Familien von Juden aus Deutschland. Mit Pflügen des neuen Bodens und dem Häuserbau wurde its begonnen. Die Subskriptionsliste für die il 75 000 neuen Vorzugsien <1 e r PLI) (2. ist geschlossen worden, bevor die ieüe Subskription eröffnet wurde. Die Nachfrage überr sehr stark das Angebot. I)ie Bautätigkeit in Tel-Awiw hält ungeschwächt an. Seit Jahresanfang bis 15. Juli wurden Baulizenzen über 210000 qm erteilt; das ist ebenso viel wie im ganzen Jahre 1934. ln Hartuv, einem Dorf zwischen Jerusalem und Tel-Awiw, wurde mit den Vorbereitungen zur Errichtung einer neuen X. e m e n t f a b r i k begonnen. Das Kapital von 250 000 Pfund ist von Kapitalisten aus Amerika, England und Polen bereit• gestellt worden. Infolge vier a u s g e / e i r h n c 1 c n Ernte in den P? I a 11 / 11 11 g e 11 v erden dringend mehr jüdische Arbeiter für das Land verlangt. Die Histadruth wird mit Ansuchen für die Stellung von Arbeitern überschwemmt. In Pal,:!:.tin,1 (abgesehen von Jerusalem, wo ein besonderes elektrisches Kraftwerk besteht) wurden beim Ruthenberg- Werk i. j.!0 11 durch )5 397 Konsumenten Q385575 Kwst. Strom verbraucht, gegenüber 2 973 701 Kwst. durch 8382 Konsumenten i. J. 1028. Einem offiziellen Bericht vier Regierung ist zu entnehmen, daß seit dem Jahre 1920 rund 39 000 paläst i• n e 11 s i s c 11 e P a s s c a u s g e f o 1 g t wurden. Die Immigrationsahtcilung der Jewish Agency instruierte die Palästina-Aemter, sie sollten die € h a I u 11 i n w a n d c - rung der neuen Quote beschleunigen. Wie verlautet, ist ein Gesetzentwurf in Vorbereitung, durch welchen das Hciratsalter für Mädchen auf mindestens 15 Jahre festgelegt wird. Der Entwurf ist den religiösen Führern des Landes zur Rückäußerung übergeben worden. Er sieht Strafbestimmungen für solche Geistliche vor, die Trauungen von Mädchen unter 15 Jahren vollziehen. Das Gesetz, ist das Ergebnis ebnes Kampfes, den die jüdischen Frauenorganisationen seit 1920 gegen die Kinderheiraten fuhren, bei denen Mädchen unter 12 Jahren zur Heirat gezwungen wurden. Das Gesamtergebnis der Schekel-Aktion in1 Paa s,t i n a betragt 110 525 Schekatim gegenüber 67 000 im etzten Kongreßjahr, in dem auch die Revisionisten an der Campagne teilnalmien. Einige Tage vor Schluß der S e h e k c I a k t i o n in Paläsiina sandte der Bauernverband ein Rundschreiben an seine Ortsgruppen, in dem er sie zur Verbreitung des Schekels aufforderte. Tine Versammlung der Judenstaatspartei, die nach Tel-Avv iw für ׳den 22. Juni einberufen war, wurde vom Distriktskommi'-ar verboten, weil die Partei infolge der Weigerung der Regierung, ihren Programmpunkt auf Schafhing eines Judenstaates in Palästina an/uerkennen, noch nicht registriert ist. Wie uns aus der K w u z a I! H u 1 d a, Station Wadi cs Sarar, berichtet w ird, sind dort mehrere schwere T v p h u s falle zu verzeichnen. Ein C.hawer der Kwuzah ist gestorben. Die Arbeit m der Kwu/ah ist durch die Krankheit sehr bchindert. Neue Firmen Nach Veröffentlichungen im palästinensischen Amtsblatt. Aktien gesell »chaften: X 1 n 11 1 11 e P a I c s t i n e National Insurance Com pa n v, Ltd (Versicherung), Kapital CP 60(WO. — M a I e m F i n a ״ c e O o m p a n y 1.1 d. (Investierung, Treuhand), Kapital CP 30900. - Eime and Stone Produktion Cimipaiiv Ltd. (Erzeugung von Zement, Kalk, Asphalt u. a, Baumaterialien), Kapital CP 20000. .. ,.A t i d“ N a v i g a t i o n (. o m p a 11 y 1.1 d. (Schiffahrt, Passagier- und Frachttransport), Kapital Cf* 10 000. — The Gcncrcl Insurance Office Ltd. (Versicherung), Kapital CP 7500. — N e a r Last B o n d e d Warcnhoiises C o. L t d. (Lagerhaus), Kapital EP 10 000. — ״Otic“ The Grient a I Trust ft I n v e s t c m c n t Coitipm y L t ci. (Landerwerb und -etitvv icklung), Kapital CP 15 000. — The Par- Keves Tann in g Company Ltd. (Herstellung von 1 läuten, Fellen, Leder), Kapital CP 6000. The Israel (A f 11 I e h) D c v c I o p m c n t Company L t d. (Grundstuckserwerb und -entwicklung), Kapital EP 5000. — The IJ 11 r a g a s Distributing Corporation Ltd. (Gascr/cugung), Kapital CP 5000. — Rieger ft Wifcntzik 1.1 <i. (Eisen-, Metall-, Leder-, Haushaltswaren), Kapital El'6000 ׳. Senoatenachaftan: Zwei Genossenschaften für gemeinschaftlichen Wohnrmgsbau in Haifa, zwei Wasserversorgungsgenossenschaften in (iciiera und Raanana, ferner Genossenschaften für vorstädtische Entwicklung, Citrusabsatz (Ramatajim), Transport, landwirtschaftliche ti. a. Spar- und Kreditgenossenschaften, Klein- Handels- und Arbeitergenossenschaften. Tallhabargasallachattan: ״Rubtext“ Palestine Rubber Textile ft Bandage Factory of Haifa, Record, Tel-Awiw (verstärkte Betondächer); Astra Film, Jerusalem (Filmherstellung, -vertrieb); Record, Tel- Aw iw (Ofenfabrikation); Dvuk, Tel-Awiw (Maschinenherstellung und -renaratur); Ha’oreg, Tel-Awiw (Handweberei). THEATER UND KUNST Josef Budkos Wandlung In Tel-Awiw ist die ״jentei Bialik“-Tarb11t-Ausstel!ung nun zu Ende, ln ihrem Rahmen fand auch die erste Kunstausstellung in I re/ Israel statt. Es war eine recht respektabie Schau. Gewiß, es war manches Primitive und auch Negative darunter, aber dafür waren einige Spit/enleistungen ausgestellt, um die cs sich allein gelohnt hätte, hinzupilgern. Ich nehme an, daß es die in Europa (Deutschland, Berlin) wohnenden Juden interessiert zu erfahren, wie sich einer der aus Berlin gekommenen alten jüdischen Kunstpionierc hier entwickelt und verändert hat. Joseph Budko, der Umgewandeltc, neu (iestaltete, hat sich uns hier vorgestellt. Wir alle kennen seine früheren Werke, die mit sehnsüchtigen Augen aus den Bildern herausseliauenden Chederjungen, diese anklagenden, immer auf etwas wartenden Juden, und seine immer etwas ins Graue verdunstenden rosa, blauen Mattöne. Von all dein keine Spur mehr! Zwei Jahre har er still und beharrlich gearbei- Josef liudLo in *(•man Atelier tet Und gesucht, das Foto: Dr. Anni Mainz I icht, die Erde, und den Rhythmus dieses Landes cinznspanncn. Er hat sich' ־zur Erde Palästinas gewendet, seine Menschen sind erdgebundene ״Lrdensöhne“ geworden. Er zieht in seine Kompositionen die Landschaft meisterlich hinein, die hier so besonders schwer zu fassen ist, auf seine eigene Budko-Weise. Auch seine Technik ist gänzlich vom flächig Formalen ins Pastose gewandelt. Da sind zwei Bilder ״Altstadt Jerusalem'‘, darin er die flimmernde Hitze, die getürmten und geschichteten Mauern, den Blick über die Berghäiige uns nahebringt, dies Herunterdrucken des Himmels vor t«'eherfülle des Lichtes, der allen Blick an seinem Rande enden läßt. ״Zion wird durch Arbeit erlöst werden“ heißt ein Bild, darauf ein Arbeiter in einer verwaschenen blauen Bluse, mit herb trotzigem Mund, der ״Aufbau“ in Person, angelehnt an ihn, wie aus weiter Ferne, ein alter Kaftanjude, etwas lockerer und ferner im Ton. liier hat Budko noch einmal sein Generationen-Motiv gewandelt, um i1״ nächsten Bild; ,,Und Abraham und Sara wurden alt", einen großen Sprung ins biblische Thema zu tun. Da steht Abraham breit in der Mitte, Patriarch eines Beduinenstainmes, und hört sich skeptisch schmunzelnd die Verheißung der lebhaft zu ihm sprechenden drei Gesandten an. Sara horcht heimlich lila in der Nähe. Hinten dehnen sich die Bergrücken Kanaans wunderbar braun und erdig. Hier ist Budko ein ganz, großes Werk gelungen, besonders dies, den Beschauer in das Geschehen hincinbcziehendc. Sein ganzes Werk ist malerisch von eigener subtiler Art der Tonwerte, gediegen irn Können, und von fanatischer Ehrlichkeit. Man muß wünschen, daß er so in großen Schritten weiterschreitet, und sich nicht beirren läßt vom Tagesstreit, dann habet! wir noch Großes von ihm zu erwarten. Paula Landauer, Jerusalem Palästinensische Komödie: Drei Frauen T el-Awiw, Mitte Juni 1935 Das jüngste palästinensische Theater ist sichtlich bemüht, sich möglichst schnell ein Repertoire zu schaffen und bringt in sehr kurzer Zeit bereits die dritte Neueinstudierung heraus. Mit dieser Auflührung, deren Manuskript, aus dem Polnischen kommend, von Mrosovitz-Szcz epkowska stammt,verläßt man den bisher im Zeichen der batire oder des Schwankes stehenden Weg und begibt sich in eine schon fast ״strindbergisch“ angehauchte Spielatmosphäre. in dem Stück, in dem nur drei Frauen agieren, spielt die Hauptrolle — der Mann. Monika, die Gattin, Kinderärztin von Beruf, unterzieht sich einer Operation, um ihm ein Kind zur Welt bringen zu können, während Antosia, Dienstmädchen, hübsch, sinnlich und berechnend, eine Draufgängerin, die noch eine Karriere vor sich hat, von dem gleichen imaginären Herrn Jurek ein uneheliches Kind trägt, von dem sie befreit werden will. Die dritte hingegen, Anna, ist Architektin mit Herrenschnitt, Krawatte und Zigarette, interessiert sich nicht für Männer (oder etwa auch für Herrn Jurek? — das läßt der Autor gegen Schluß hin leise durchblicken), kennt nur die Arbeit, gewinnt schließlich den ersten Preis eines Bauwettbewerbes und steht der verstiegenen, weinerliehen l.iebessentinientalität der einen Geschlechtsgenossin ebenso ablehnend gegenüber wie der spekulativen Vitalität der anderen. Ein normaler Frauentyp, der hätte zeigen können, wie die glückliche, gesunde, klare, helfende Lebenskameradin des Mannes aiissehen soll, ist nicht vorhanden, denn — dann hätte der Autor eine vierte Rolle schreiben müssen. Die Regie füllrt Mirjam Bcrnstcin-Cohcn, die auch gleichzeitig die Rolle der Monika verkörperte. Es gehört sehr viel Konzentrationsfähigkeit, Können und vor allem Selbstkontrolle dazu, um einer derartigen Doppelaufgabe wirklich gewachsen zu sein. Hier ist man es nicht, und ■wenn die ״Komödie“ auf die Dauer als ernster Theaterfaktor gewertet werden will, dann wird es nicht gehen, daß die Schau* Spieler — mit mehr oder weniger Begabung für die Einriclitung der Szene — abwechselnd ihr Spiel selbst beauf« sichtigen, sondern es wird eine Lebensfrage der Bühne sein, daß man sich einen Regisseur verschreibt. Dieser hätte im vorliegenden Fall wohl zunächst die Wahl der Kostüme nicht gebilligt, die in krassen! Gegensatz, zu dem einfachen und geschmackvollen Bühnenbild von Isa Herschkowitz standen. So wie Antosia im dritten Akt erscheint, darf man nicht auf die Straße gehen, ohne einen Auflauf zu erregen. Um uns die Monika sympathisch zu machen, muß man sie vor allem jeder Verstiegenheit und Hysterie entkleiden. Die Wirkung hätte um vieles gesteigert werden können, wenn der Ton der Schauspielerin um einige Grade sachlicher und frei von jeder Pathetik gewesen wäre. Hier ist das an* zuwenden, was wir mit ״verhaltener Intensität“ bezeichnen, so daß also der Zuschauer davon überrascht und ergriffen wird, daß die Darstellerin in Ohnmacht fällt, nicht aber schon minutenlang vorher darauf wartet und aufatmet, wenn es so weit ist. Lena Man erweckte mit ihrer Leistung als Anna starkes Interesse. Es strahlt viel Ruhe von ihr aus. Man glaubt ihr die Kraft zur gesammelten Arbeit, die durch keine Emotionen verringert werden kann. Stärker hätte man sie gewünscht in der Auseinandersetzung mit Antosia. Einige technische Kleinigkeiten wie zum Beispiel schlechtes Stehen in Szenen, wo sie nur zuzuhören, nicht aber zu agieren hat, wären auszubessern. Antosia ist Rachel Markus; sie kommt in dieser Rolle zu der stärksten Leistung, die sie auf der hiesigen Bühne bisher zeigen konnte. Sie bleibt dieser besten Rolle des Stückes weder in Ton noch Geste etwas schuldig, ist frei und unverkrainpft und beweist, daß sie für ernste und größere Aufgaben prädestiniert ist. Manfred Geis Ein Rambam-Jugendbudi Daß Rabbiner Dr. J. Münz mit den Fortschritten der Maimonidcsforschung selbst fortgeschritten ist, erkennt man aus der kur/gefaßten Darstellung über Leben und Werke des Maimonidcs, die der Gelehrte, der in Tel-Awiw der wissenschaftlichen Mulle lebt, soeben in hebräischer Sprache im Verlage ״Oiiianuth“ erscheinen ließ. Die Drucklegung hat der Rat der ,,Kulturahteilung der Kcncsseth Jisrael in Erez-Jisrael“ veranlaßt. Das Büchlein hat den doppelten Vorzug, ein Lehr- und Unterhaltungsbuch für die Jugend zu sein, die geistige Werte des Judentums in sich aufnehmen möchte, und zugleich eine Vertiefung der hebräischen Sprachkenntnissc für solche herbeizuführen, die zwar schon eine gewisse Berührung mit der lebendigen Sprache, aber noch nicht den Weg zum Eindringen in den Sprach ge ist gefunden haben. In enger Fühlung mit dem Verfasser hat der als vorziiglicher Hebraist bekannte Dr. J. L. Baruch das Werk hebräisch bearbeitet. Es ist das ein nicht wortarmes, aber für moderne Palästinenser verständliches Hebräisch. Der ganze Text ist in sorgfältiger Weise grammatisch genau vokalisiert worden. Heinrich Loewe, Tel-Awiw Jacob Fichmann, einer der begabtesten und kultiviertesten hebräischen Schriftsteller, ist auch darin ein Schüler Bialiks, daß seine Liebe vor allem den Kindern gilt. Wir erhalten soeben sein neues Märchenbuch ״El Hajam“ (״Zum Meere“, Stybel-Verlag, Tel-Awiw). Fichmann vereinigt hier eine Reihe von Erzählungen, die aus dem unmittelbaren Leben des Kindes stammen, die palästinensische Wirklichkeit als selbstverständlich einbezichen und in einer einfachen und doch gepflegten Sprache erzählt sind. Ein solches Buch hat heute gerade auch für deutsche Juden, die auf einer Uebergangsstufe zum Hebräischsprechen sind, ein Interesse, denn da es punktiert gedruckt ist und einfache Geschichten enthält, kann es für Jugendliche aller Altersstufen auch beim Lernen Dienste leisten. Mögen sich viele daran erfreuen. sch. r Die Grundsteinlegung des Habimah- Hauses am 20. Juni Der Oberkommissar unterzeichnet die Gründungsurkunde Von links nach rechts: Bürgermeister Dizcugoff, High Commlssloner Sir Arthur Maudhope, Ghana Rowina, der Vertetef der Jewish Agency Mosche Sdiertok Foto: Uxr Donner