Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 52 (28.6.1935)
- Date
- 1935-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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JOOlSCHE RUNDSCHAU Seite 3 r Nr. 52, 28. V». 1935 Im Wirbel der Geschichte Zu Dubnows zweitem Memoiren-Band Mit überraschender Schnelligkeit laßt soeben der unermüdliche Altmeister der jüdischen Geschichtswissenschaft, S. M. Dubnow, den zweiten Band seines ״Lebensbuches“ erscheinen (dessen erster in Nr. 64 der ״jüdischen Rundschau" des Jahrgangs 1934 unter dem Titel ״Ein fruchtbares Leben“ besprochen wurde). Dieser zweite (ebenfalls russisch geschriebene) Band zeichnet sich aber durch einen weitaus dramatischeren Charakter aus. Während der erste Band im wesentlichen das geistige Werden des Verfassers schilderte und eine Periode umfaßte, die uns heute als idyllisch anmutet (an ihrem Schlüsse taucht freilich das Blutgespenst Kischinews auf), umfaßt der Inhalt des gegenwärtigen Bandes die Jahre 1903 -1022, d. h. die bewegteste Periode der neuesten russischen und jüdischen Geschichte. Die erste russische Revolution mit den Judenpogromen der Jahre 1905/06, der Weltkrieg und der parallele Krieg der russischen Behörde mit den Juden im Gebiete des Kriegs- Schauplatzes, die Februarrevolution des Jahres 1917 und die ihr folgende Diktatur der Bolschewik!, — alle diese Ereignisse haben diesem zweiten Bande des ״Lebensbuches“ ihren Stempel aufgeprägt. Wenn der Verfasser, dem cs bei seiner Abreise aus Sowjetrußland Ende April 1922 geglückt war, alle seine auch während der letzten stürmischen Jahre mit treuer Konsequenz geführten Tagebücher mitzunehmen, meint, in seinen Erinnerungen und Aufzeichnungen sei nicht nur subjektives Material, sondern and! Stoff für die Geschichts- Schreibung dieser Epoche enthalten, so wird man ihm, gerade vom jüdischen Standpunkte, beipfliclrtcn müssen. Wir können hier nur einige Hauptzüge herausgreifen. Der sogenannte ״politische F r i'1 h I i n g“, d. h. jene fahre nach dem russisch-japanischen Krieg, in denen neue Hoffnungen und blutige Reaktionen in Gestalt von Judenpogromen im Ansiedlungsrayon (Oktober 1905) einander ablösten, haben der russischen Judenheit überaus starke politische Impulse gegeben. Bereits iin Zusammenhang mit den Pogromen von Kischincw und Hornel war von jüdischen Anwälten ein “Schutzbund“ gebildet worden, dessen Zweck die Verteidigung der Juden war, die der Teilnahme an der Selbstwehr ״angeklagt“ waren. Aus Verteidigern waren diese Anwälte zu Anklägern gegen die Regierung geworden, die die Pogrome inszenierte. Jetzt kam aus diesem ״Schutzbund“ die Initiative zur Bildung eines jüdischen Volksb und es im Hinblick auf die bevorstehende Verfassungsreform. Die populärsten Vertreter des ״Schutzbundes“: Winawer, Sliosberg, Bramson, Ratner kamen nach Wilna (dem damaligen Sitze Dubnows), wo Ende März 1905 die bekannte Konferenz der jüdischen Vertreter aller Richtungen stattfand, an der auch der damals in Wilna als Synagogalprediger lebende S h m arya L c v i n, M. Dizengoff, W. Tem- Kin u. a. teilnahinen. Das Ergebnis war die Bildung des ״Bundes zur Erlangung der Gleichberechtigung des jüdischen Volkes in Rußland“. Diese, heiß umstrittene, Formulierung, in der die nationale Auffassung Dubnows Ausdruck fand, drang schließlich durch. Der ncugcgriindctc Bund entwickelte in den nachfolgenden stürmischen Monaten eine vielseitige Tätigkeit: mußte er sich doch mit der Untersuchung der Pogromtätigkeit der Regierung, mit der Organisation der SelDStwehren und Vorbereitung einer die ganze jüdische Bevölkerung Rußlands umfassenden Vertretung befassen. Die innere Unstimmigkeit der in diesem Bunde verfretenen jüdischen Gruppen führte aber bereits Ende 1906 zu seiner Zersetzung. Den Anstoß dazu gab die Heisingiorser Konferenz der russische״ Zionisten (November 1906), die auch den Kampf um Gleichberechtigung unter eigener Flagge zu führen beschlossen; darauf bildeten die Antizionisten mit Winawer an der Spitze die ״J ü d i s c h e Volksgruppe“, während die Autonomisten sich zu einer ״V o I k s p a r t e i“ zusammenschlossen. Und daneben ging der Kampf zuerst des ״Bundes“, dann seiner Nachfolgerinnen mit den jüdischen Sozialisten. Dieser Kampf ist vielleicht noch von größerer Bedeutung, weil er die Schatten jener gigantischen, 12 Jahre später erfolgten Umwälzung vorauswarf. ״Tief traurig machte es mich“, schreibt Dubnow in dieser Zeit, ״daß die jüdischen Revolutionäre in den Reihen der russischen sozialistischen Parteien und sogar in der jüdischen Arbeiterpartei (״Bund“) ausschließlich mit allgemein-politischen oder mit klassenkämpferischen Forderungen auftraten, nicht aber mit nationalen, wie es die Polen, die Finnen und Vertreter anderer bedrückter Nationen taten. Ich nannte es ״Sklaverei in der Revolution“... Aus der Geschichte habe ich die tiefe Ueberzeugtmg geschöpft, daß die politische Revolution der sozialen vorangchen muß.“ Diese Epoche ist daher auch die Zeit intensiver publizistischer Auseinandersetzung Dubnows mit den bew egenden Zeitproblemen. Insbesondere entsteht jetzt die Abhandlung ״lieber die Souveränität der nationalen Politik im Leben der verfolgten Völker“, die später auch in die ״Briefe über altes und neues Judentum" aufgenomnien wird. Die Jahre von der Auflösung der ersten Duma (Juli 1906) bis zum Ausbruch des Weltkriegs bedeuten im Lehen Rußlands die Wicdcrerstarkung des Zarismus. Diese Epoche der Reaktion wirkt abkühlend auf die politischen Leidenschaften. Dubnow׳ erhält וווו Sommer 1906 die Berufung, an der bekannten Lcshaft'schcn Hochschule in Petersburg Vor- Icsungcn über jüdische Geschichte zu halten, und siedelt noch im gleichen Jahre nach der russischen Hauptstadt über. Diese Dozententiitigkeit, intensive Weiterarbeit an der jiitlisehen Geschichte und an der von Efron in Angriff genommenen jüdischen Eiicyelopädie, publizistische Tätigkeit, Redaktion verschiedener jüdischer Zeitschriften, Betätigung in einer Reihe jüdischer Organisationen, - das alles füllt die nunmehr ruhigere, aber mit fruchtbarer Arbeit erfüllte Periode bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Für die Art, w׳ie manche Ideen gewissermaßen unterirdisch wirken, ist die Gründung einer jüdischen ״Historisch-ethnographischen Gesellschaft“ im November 1908, 17 Jahre nach dem Aufrufe Dubnows zu einer Gründung dieser Art, bemerkenswert. Der Weltkrieg bringt neue Gedanken mit sieb — und neue Sorgen. Der Ansiedlungsrayon wurde zunächst zuni ״Operationsgebiet“ unmenschlicher russischer Machthaber gegen die dortige jüdische Bevölkerung. ״Man erzählt“, so heißt es im Tagebuch des Verfassers unterm 10. November 1914, ״daß, als die aus Skernevice und Grodsisk vertriebenen Juden unterwegs (Greise, Frauen und Kinder mußten 80 Werst bis Warschau zu Fuß marschieren), einem russischen Regiment begegneten, sie sich an die jüdischen Soldaten dieses Regiments mit der flehentlichen Bitte wandten: ״Seht, Brüder, was man mit uns macht!־‘ Die jüdischen Soldaten brachen in Tränen aus, konnten aber nichts ausrichten. Das teilte ein Berichterstattcr mit, der dieser Tage aus Warschau zurückkehrte.... Vor mir liegen Berichte aus einer Anzahl von Städten Konreßpolens über Gewalttaten des russischen Militärs an den uden. Diese Berichte gingen von den Delegierten des ״Hilfskomitces für jüdische Kriegsopfer“ aus, die mit Erlaubnis der Zentralbehörde die betreffenden Gebiete aufsuchen durften. Der neben jenem ״Hilfskomitee“ aus Vertretern aller iüdischer Parteien (mit Ausnahme des sozialistischen ״Bundes") gebildete ״Politische Rat“ blieb, trotz allen bei der! Ministern erhobenen Vorstellungen, im Grunde ohnmächtig. Massenausweisung und Massenflucht der Juden aus den Frontgebieten, Verdacht der Spionage für Oesterreich und Deutschland und, als in der Hauptstadt die Lebensmittelvorräte immer knapper werden, auch der Verdacht, die Juden hätten sie vernichtet, um Rußlands Sieg zu sabotieren.... All diese Greuel dauern an — bis die Februarrevolution dem alten Regime ein Ende macht. Ein neuer ״politischer Frühling“ scheint in das Land einzuziehen. Alle Menschen sind wie von einem Taumel erfaßt. ״Und doch empfinde ich innerlich keinen Frühling“, heißt es in der Tagebuchaufzeichnung des Verfassers (8. März 1917>. ״Ungeheure Perspektiven, aber auch die dunkelsten Abgründe tun sich auf“ (12. März). ״Die Erhabenheit der Revolution und die Ohnmacht im Kampfe gegen den Hunger — w׳ie wird dieser Kontrast auf die unwissenden Massen einwirken?“ (22. März). ״Ich habe mich in die Geschichte des arabischen Kalifats vertieft und die Wirklichkeit eine Zeit lang vergessen. Dann aber wirkte diese auf mich furchterregend. Meine Stimmung ist dieselbe, wie in den Tagen vor den Pogromen des Zarismus: damals wurde der unwissende Pöbel von der Polizei aufgehetzt, heute ist er von politischer Anarchie und wirtschaftlichem Terror berauscht“ (14. Mai). Dieser inmitten des allgemeinen Taumels ertönende Kassandraruf ist wirklich bemerkenswert. Der Historiker ahnt hier richtig das Kommende voraus. Auf einem großen jüdischen Meeting (am 8. Juni) formuliert er aber klar, wo die Kampfgefahr steckt: ״Hypertrophie der Klassenkampfidee“. Einige Sätze dieser Rede verdienen festgchalten zu werden: ״Kann das älteste Kulturvolk, das schon vor 250(( Jahren seine Revolutionäre in Gestalt der Propheten besaß und seinen Königen dasselbe vorwarf, war wir heute dem gestürzten Zaren vorwerfen, — kann ein solcher Veteran der Kultur mit der Anarchie sympathisieren?... Gewiß, auch aus unserer Mitte sind einige Demagogen hervorgegangen, die sich den Straßcnhelden anschlossen. Sic treten unter russischen Pseudonymen auf, da sie sich ihrer jüdischen Abstammung schämen: Trotzki, Sinowjew und andere. Aber eher sind ihre jüdischen Namen Pseudonyme: denn in unserem Volke haben sie keine Wurzeln.“ Im folgenden Jahr ist der Bürgerkrieg schon in vollem Gange. ״Kiew ist mit Blut überschwemmt, es brennt und gerät bald in die Hände der Ein Hagadah-Oratorium Text: Max Brod — Musik: Paul Dessau Wir haben in Nr. 91 der ״J. R.“ vom vorigen Jahre von dem Plane des Komponisten Paul Dessaus und Max Rrods, ein Oratorium auf Grundlage der Peßach-Ilagadah zu verfassen, berichtet. Max Brod hat dieser Tage den Text des Oratoriums fertiggestellt; unser Prager h. I.-Korrespondcnt richtete aus diesem Anlasse einige Fragen an Brod, der über das Werk im allgemeinen ausführte; Das Oratorium heißt ״Hag ad ah“. Der Text ist tat- Sächlich fertig und mein Freund Paul Dessau schreitet in seiner Komposition rasch vorwärts. Er hat sich in den letzten Monaten ganz auf diese Arbeit konzentriert und mir soeben den fertiggestellten vierten Abschnitt geschickt, von dessen dramatischer Kraft ich entzückt bin. In dieser Be- Ziehung hat sich nämlich unsere Arbeit seit dem Entwürfe sehr verändert. Sic ist zu unserer eigenen Ueberraschung immer mehr ins Dramatische hineingewachsen, ohne dabei den Oratoriumstil zu sprengen. Es wird also möglich sein, sie entweder in der strengen Konzertform eines Oratoriums aufzuführen oder auch mit Andeutung des Szenischen in kühner Stilisierung, z. B. Durchzug der Juden durch das Schälfmeer. Diese wahlweise Möglichkeit ist nichts Neues, da ja auch die Oratorien von Händel rein konzertmäßig oder auf der Stilbühnc aufgeführt werden. Wie ist nun der Inhalt und Aufbau Ihrer Ha• gld a h? Das Werk zerfällt 1'n sieben Abschnitte, vielleicht ist dieses Zahlensymbol nicht unwichtig. Der 1. Teil ist die Ouvertüre, der 2. Teil bringt einen Kinderchor im Dialog mit dem Sprecher, Baal Hagadab. Die Stimmung ist frohlieh, die Kinder freuen sich auf das Peßachfest, sind begeistert dabei, wenn das Chomez gesucht wird und stellen allerlei Fragen, wobei schon die vier Typen der Kinder aus der Hagadah verwendet sind. Zum Schlüsse verweist der Sprecher auf den Sederabend, bei dem alle Erklärungen gegeben werden und die ernsten Worte der Hagadah: ki lo echad bilwad amad (denn nicht einer allein stand gegen uns auf). Diese Worte hat Dessau in faszinierendem Marschtempo komponiert; sic bilden ein Leitmotiv des Werkes. Sic z i 11 e r c n hebräisch; in welcher S p r if c K e ist denn überhaupt das Werk a b g c f a IS l? Natürlich hebräisch. Ich habe den Entwurf deutsch geschrieben und mein Freund Georg Langer, ein ausgezeichneter Hebraist, der auch mit hebräischen Gedichten hervorgetreten ist, der Verfasser eines Buches über die Kabbalah, hat den Text ins Hebräische übertragen. Dessau komponiert den hebräischen Text. Später werden wir vielleicht der Musik gemäß Ucbersetzungcn in andere Sprachen vornehmen. Aber der Originaltext des Werkes ist hebräisch. Es unterscheidet sich überhaupt unser Oratoriumtext von Oratoriumtexten, wie sic etwa Händel benützt hat, dadurch, daß wir nicht nur die Bibel herangezogen, sondern den ganzen Schatz der jüdischen Tradition mitverwendet haben. Wie ist der weitere Inhalt des Werkes? Der dritte Teil bringt den Hausvater und den kleinen Chor der Sedergenossen. Der Hausvater singt Ho lachmo; ein Kind fragt Mah nischtanc; es antwortet erst der Hausvater, dann der Chor: ״Knechte des Pharao waren wir in Aegypten“. Hier schließen wir uns ganz an die Hagadah an bis zu den Worten, bei denen die Weisen von Bne Berak auftreten. Von da an ist unsere Arbeit gleichsam selbständig. Aus der Tiefe der Zeit tauchen diese weisen von Bne Berak auf und das Werk verläßt gewissermaßen den Familientisch, um zu einem großen heroischen Rückblick auf die Leiden in Aegypten und die Erlösung zu werden. Die Voränge in Aegypten werden in unmittelbarer Darstellung ramatisch vorgeführt. Wir haben einen Chor der Aegypter, einen Chor der Juden, Pharao, Moses, die Stimme Gottes, die durch einen Chor unisono hinter der Szene angedeutet wird. Die 5 Weisen werden jeder Einzelne individuell charakterisiert — Elieser der Strenge, Jehoschua DAS GANZE Unsere Meister sagten: Audi die Wesen, die du als überflüssig in der Welt erachtest, wie Fliegen, Flöhe und Mücken, auch sie gehören zum Inbegriff der Weltschöpfung; durch alle bewirkt der Heilige, gesegnet sei er, seine Sendung, auch durch die Schlange, auch durch die Mücke, auch durch den Frosch. Genesis rahba X. 8 (liebers. v, N• M Glaixer) Ukrainer, bald in die Hände der Bolschewik! In Weißrußland kämpfen polnische Truppen mit bolschewistischen. In Bcssarabien führen die Rumänen Krieg. Ich traure über das sterbende Land“ (27. Januar 1918). In der Ukraine zieht der Bürgerkrieg die jüdische Bevölkerung in schwerste Mitleidenschaft. Die blutigste Zeit der Vergangenheit, das Jahr 1618 scheint wieder aufzustehen. In Nordrußland aber stabilisiert sieh unterdessen das bolschewistische Reg i 111 e — und die Hungersnot immer mehr. Die wissenschaftliche Arbeit, das Sicli-Vcrtiefen in die Vergangenheit, wird dem Verfasser jetzt geradezu zur ״Narkose", in der er die schauderhafte Wirklichkeit vergißt. Allein diese wird immer gebieterischer. Immer wieder muß er die Arbeit unterbrechen, tun Holz zu hacken, um Kartoffeln und Brot heran/uhoien. Ein kaum beheizbarer Raum wird gleichzeitig /!! Küche, Schlaf-, Eli- und Studierzimmer, in dem der Verlasse! im Reiz, mit Gummischuhen an den Füßen und einer Mutze auf dom Kopf arbeitet. . . . Unter solchen Bedingungen muß die ״Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ weiter und zu Ende geführt werden. . . . Unterdessen vollzieht sich unabwcmlhar!las Schicksal des bisherigen großen östlichen Zentrums der Judenheit —׳ parallel mit der politischen Umformung Osteuropas: es zerfällt. Inmitten all dieses Zusammenbruchs taucht nur ein Lichtpunkt am Horizonte auf: ״Die Vertreter ries Zionismus“, heißt es im Tagebuch unterm 1(1. März 1919, ״erhielten das Versprechen der Gründung eines jüdischen national bome in Palastina. Eine freudige Kunde einer neuen Aera unserer Ge* schichte: die Entstehung eines alt-neuen nationalen Zentrums inmitten des Zerfalls der bisherigen Zentren.“ Immer wieder kehren seine Gedanken zu P a I ä s t i 11;1 zurück. ״< (l't überdenke ich meine Stellung zu Palästina und Zionismus im Laufe der Jahrzehnte... . Gerade jetzt aber wird es sich heraussteilen, daß Erez Israel zu einer Zuflucht werden kann, freilich nur für einen Teil unseres Volkes, während die Diaspora mit der ganzen Härte ihrer Probleme da bleiben wird.... Ich möchte unter den sich Rettenden sein, darf ich aber die Umkommenden im Stich lassen?“ (16. Juli!919). Sein Blick richtet sich in den nächsten Jahren immer mehr nach B e r I i n, wo ihm die Möglichkeit der Herausgabe seines Lebenswerkes geboten wird, aber noch am 7. Mai 1921 notiert er wieder: ״Es besteht für mich die Aussicht, eine Reiiie von Jahren in Berlin zu leben, aber meine Sehnsucht ist die allerletzten Lebensjahre in Ruhe in Erez Israel zu verbringen. Zur Arbeit wird es für mich dort schon zu spät sein, aber vielleicht wird es mir noch vergönnt sein, vor dem Tode den l limmcl zu sehen, der meinen Almen ihre prophetischen Gedanken eingab... Anfang Mai 1921 wurde Dubnows vierzigjähriges literarisches Jubiläum feierlich in Petersburg begangen. Aber ,,das war wie ein feierliches Begräbnis. Wir trugen das jüdische Rußland zu Grabe, das russisch-jüdische Schrifttum das zerstörte Petersburger Zentrum, die ganze Vergangenheit unseres Geschlechts, das sich jetzt in alle Winde zerstreute... Ich sprach von dem Spalt der jüdischen Welt, der durch das Herz unserer Generation geht, über unsere neue Zcrsplitterung, und schloß mit der Versicherung, daß, wohin auch das Schicksal uns versetzen mag, wir uns als Teile eines großen Ganzen fühlen werden. Die Luft war von Traurigkeit erfüllt, es verlangte mich, beiseite /u treten und miefi am Grabe der Vergangenheit aus/uw einen". Ein Jahr später glückte der ״Auszug aus dem Lande der Sklaverei". ״Vor 42 Jahren“, so lautet die letzte Aufzeichnung des Verfassers in Petersburg, ״bin ich in diese Stadt zum erstenmal gekommen. Heute erfüllen mich, statt der damaligen Visionen der Morgenröte, Visionen des Sonnenuntergangs, statt des Feuers der Jugend die Flamme des Alters mit dem Abglanz der kalten Ewigkeit... Oft freilich ist der Sonnenuntergang schöner als der Tagesanbruch. Aller ist mir ein solcher Abend am Schluß eines sturmerfuiiten Lebens beschieden? Werde ich in mir noch Kräfte finden, um am Abend das Werk zu beenden, das ich am Tagesanbruch begann?״ Das Leben selbst hat auf diese bange Fragen eine bejähe 11 d c Antwort erteilt. Auch i!1 Gestalt dieses ,.Lebensbuches“, das dem Gcschichtswerlu• des Verfassers nach״ gefolgt ist. I)r. Elias llurwicz der Milde, Verzeihende usw. — knüpfen;111 die historisch sieh abrollenden Vorgänge ihre Diskussion und die Er- Zahlung von Legenden. So ist also der L, '1. und (!. Teil unseres Werkes ein großes (ieschichtsgemäldc, gegliedert nach dem Ritual des Seilers, nach der Vorschrift des Rabbi Gamliel: 4. Teil Maror, die Leiden in Aegypten, 5. Teil Pcßach, die Plagen, 6. Teil Ma/a, der Aufbruch aus Acgvpteil, woran sich die Szene am Schilfmeer anschlicßt. Hier verwenden wir die schöne Legende,!laß Gott den Jubelgesang der Engel mit den Worten unterbricht: ..Die Geschöpfe meiner Hand versinken im Meer und ihr wollt Lieder singen.“ Der Ausklang des nationalen Kampfes ist also ein allmenschlicher. Der 6. Teil endet damit, daß die Schüler am Morgen die Weisen zum Gebet rufen; die Musik geht in eine Morgenstimmung über. Im 7׳ Teil kehren wir wieder an den FaamilientiscH zurück und hören einige wesentliche Bestandteile, z. B. das Lämmchen und den großen Lobgesang, mit dem das Werk schließt. Die Stimmung dieses 7. Teiles ist wieder eine kindliche und familiäre, so daß das große teilweise düstere Geschichtsgcmäldc der mittleren Teile umschlossen ist vom gemütvoll sinnigen Rahmen der Festesfreude und des kindliehen Frage- und Antwortspieles. Können Sic no <: h c I w a' s über die Musik sage n? Paul Dessaus Musik geht eigene Wege, wie inan dies nach dem großen Palästina-Film ״Awodah“, den er eben fertiggestellt hat, nicht anders erwarten konnte. Seine Musik ist herb, packend rhythmisch ungemein bewegt, an wesent* liehen Stellen von großer melodischer Kraft. \V eiche P I ii 11 c b c s I c ti c n h i n s i c!1 11 i c h der Auf« £ ii h r u n ״ d c s O r a t o r 1 11 m s •־* Wir hoffen, daß das Werk im Juni vollendet vorliegcrt wird. Für die Aufführung interessieren sich jüdische Chöre und Orchester in Tei-Awiw, Berlin, Frankfurt, Prag und anderen Orten. Wir erhalten sehr viele Anfragen, möchten aber eine endgültige Entscheidung über die Aufführung erst dann treffen, wenn wir mit der Gestaltung des Werkes voll* kommen fertig sein werden.