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Jüdische Rundschau · 1935-06-18 · Heft 49 (18.6.1935) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 49 (18.6.1935)
Date
1935-06-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49, 18. VI. 1935 JOÖtSCHI RUNDSCHAU Seif• 7 Der XIX. Kongreß des jüdischen Volkes Ein Vortrag von D®. Michael Traub Im großen Saal des Logenhauses Kleiststraße sprach am letzten Mittwoch Pr, Michael Traub zu dein Thema: ״Per XIX. Kongreß des jüdischen Volkes“. Unter Verzicht am alle Schönfärberei verstand es der Redner, in eindruckvollster Weise den Hörern di;e gewaltige Entwicklung näherzubringen, in der sich die Zio/Tistische Organisation und mit ihr das iüdische Aufbauwer’g jn Palästina seit dem letzten Kongreß im Jahre 1033 befind et. Finanzlagen Pr. Traub schilderte die schwierige finanzielle Lage der Jewisli Agency im Herbst 1033, als sie mit •C 5701)00 Sen ul/den und nur £ 175(MX) Hoffnungen vor den XVIÜ, Kongreß trat. Pie Realisierung dieser Hoffnungen hing vom,, guten Willen und der Einsicht des jüdischen Volkes ab. Pi•-' jüdische Welt war aber verarmt und der Zionismus in seinen eigenen Reihen uneinig. So nahm unter schwersten! äußeren und inneren Druck die zionistische Exekutive die Lösung von Problemen in Angriff, deren Bewältigung die ■Machtmittel eines Staates erfordert hätte. Seit dem Jahre 1033 ist es der Exekutive gelungen, unsere Einnahmen trotz aller Schwierigkeiten zu erhöhen und auf der anderen Seite durch Anspannung aller Kräfte die drückende Schuldenlast zu verringern. Poch der großartigste Markstein in dieser Entwicklnngsreihe war die Verwirklichung de Planes des verstorbenen Arlosoroff, internationalen Kredit für den Aufbau Palästinas zu erhalten. Während die jüdische Welt kaum die Kraft findet, auf weite Sicht für das jüdische Palästina zu arbeiten, hat ein nichtjüdisches Finanzinstitut, die Lloyds Bank in London, durch die an die Jewisli Agency gewährte Anleihe von £ 500 000 für 15 Jahre ihren festen Glauben an die Zukunft unseres Werkes dokumentiert. Pie Anleihe is.t ein Maßstab für das Anwachsen unserer polifischen und wirtschaftlichen Kredit w ii r d i gk e i t, da wir «inen geringeren Zinsfuß zu zahlen haben, als manche curopüischeii Staaten. Als Sicherheit geben wir die von manchen Zionisten in ihrem Wert angezweifelten Vertrüge mit den einzelnen Kolonien und als zweites die Einnahmen des Keren Hajessod. Wir verpfändeten das Kopfnicken der Juden in der Welt und die englische Bank akzeptierte dies als Sicherheit und Pfand. Die Anleihe hat es uns ermöglicht, fast unsere gesamten alten Schulden zu tilgen und außerdem ein wesentlich höheres Budget aufzustellen. Allerdings werden diese und ähnliche Anleihen für uns nur dann einen Segen bedeuten, wenn das nationale Kapital stark genug sein wird, die Einflußnahme des internationalen Kapitals zu kontrollieren. Einwanderung Daneben hat die Exekutive eine Reihe weiterer Erfolge errungen, die vor zwei Jahren noch nicht erwartet werden konnten. Zirka 100 000 Juden, darunter zirka 23 ÖÜ0 Juden aus Deutschland, sind im Laufe dieser zwei Jahre nach Palästina eingewandert. Pie Zahl der Zertifikate, die wir von der Mandatsregierung erhielten, ist wesentlich gestiegen. Pie pa- Instincnsische Prosperity ist zum ausschlaggebenden Faktor im wirtschaftlichen Kräftespiel des nahen Orients geworden, und selbst der landwirtschaftliche Sektor, der die Grundläge unseres Lebens in Palästina bildet, hat eine erfreuliche Entwicklung genommen. Auf politischem Gebiete ist cs vor allein aber gelungen, die Entscheidung bezüglich des Legis. 1 ה t i v e Council zu vertagen, — ein Erfolg, der uns indessen der Sorge um die kommende Entwicklung nicht entheben darf. Die Juden als Volk Pie Zionistische Exekutive wird ihre Prüfung vor dem Kongreß bestehen. Die Frage, die uns aber aul diesem Konpreß in erster Reihe beschäftigen wird, ist nicht die nach der Vergangenheit, sondern die nach der Zukunft. Bei allem Bestreben, die Not jüdischer Menschen durch Palästina zu lindern, wird der Kongreß das zionistische Endziel nicht aus dem Auge verlieren dürfen. Pie Errichtung der Nationalen Heimstätte in Palästina geht Hand in Hand mit der Wiederherstellung des Status derJuden als Volk. Diesem Status wird der Kongreß erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Per Zionismus hat dem jüdischen Volke in Form der Zionistischen Organisation eine Adresse gegeben, die von niemand unleserlich gemacht werden darf und all deren Stelle auch keine anderen Adressen gesetzt werden dürfen. Deshalb gilt cs, die politische Autorität unserer Instrumentc zu garantieren. Wer hiergegen Stellung nimmt, vergeht sich gegen das jüdische Volk. Reale Faktoren Unsere Palästinapolitik erfordert nationale Zielsetzung und klare Erkenntnis geebener Realitäten. In dieser Erkenntnis treiben wir calpolitik und treten so den Realitäten Palästinas gegenüber. Die erste Realität, die zugleich unseren wichtigsten Machtfaktor in Palästina seihst darstellt, sind die 330 000 J 11den in Palästina und die Tatsache, daß wir bereits ca. 2(! ״ der Oesamtbevölkerimg bilden. Unserem Kampf um die Frhöluing der Finwanderungsquote kommt daher primäre Bedeutung zu. Allerdings wird es 11ns nur durch eine sinnvolle Selektionspolitik gelingen, aus den vielen hunderttausenden jüdischer Einwandcrungskandidatcn in der ganzen Welt die in kultureller tind beruflicher Hinsicht für den Aufbau des Landes geeignetsten Menschen nach Palästina zu bringen. Von gleicher Bedeutung sind die Fragen unseres Verhältnisses zu England und zu den Arabern. Pas Interesse des britischen Weltreichs an Palästina ist durch die Schaffung wichtigster englischer Stützpunkte im Lande weitgehend erhöht worden. Palästina ist zum Brennpunkte politischer Interessen Englands im nahen Orient geworden. 111 diesem Zusammenhang dürfen wir mit Genugtuung darauf hiiivveisen, daß nach den Aeußerungen maßgebender englischer Politiker das britische Imperium uns heute in Palästina als Wirtschaftliehen und politischen Faktor ernst nimmt und unseren Erfolgen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung bcimeisen. Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, loachimsthaler Straße 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telefon Bi*m*r'V 6506 Zusendung necli allen Stsdtleilen Ebenso ist auch in der Ara her frage die Politik der Tatsachen das wirksamste Mittel, um die bestehenden Probkme einer positiven Lösung enfgegenzubringen. Die Realität des palästinensischen Lebens und des jiulisehen Lebens außerhalb Palästinas stellt uns aber auch vor Aufgaben, deren Bedeutung und Schwere wir nicht verkennen dürfen. Der Darstellung dieser Probleme und Aufgaben der Außen- und Innenpolitik war der zweite Teil des Vortrages gewidmet. Zum Schluß stellte Dr. Traub die Forderung nach einer möglichst weitgehenden Regulierungdes pa I ä s t i n e nsischen Wirtschaftslebens auf. -Mit Hilfe der durch sie kontrollierten Finanzinstitute ist die Jewish Agency bereits jetzt in der Lage, auf wichtige Wirtschaftsgebiete Palästinas richtunggebend einzuwirken, Aufgabe des Kongresses muß es daher sein, eine Planung der nationalen und privaten Wirt- Schaft nach Möglichkeit zu veranlassen mul die neue Exekutive mit seiner Durchführung zu betreuen, gleichzeitig auch einen Arbeitsplan des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth für eine Reihe von Jahren aufzustellen und seine Verwirklichung zu ermöglichen. Die Organisation All diese Probleme des jüdischen Palästina können aber nur durch eine starke und vernntwortungsbewußte Zionistische Organisation gelöst werden. Ihre Aufgabe muß es sein, ausgleichcnd zu wirken und die Interessen der privaten Initiative mit denen der Nation in Einklang zu bringen; vor allem aber dafür zu sorgen, daß die Zukunft unserer Heimstätte nicht durch eine Diskrepanz zwischen jüdischem Kapital und jüdischer Arbeit gefährdet werden soll. Die Richtlinien und D i r e k t i v e 11 für die konkrete Gestaltung dieser Politik wird die Zionistische Organisation vom kommenden K o n g r e II erhalten. I )011 Jude n D e ti t s c h I a 11 d s steht es frei, sich durch ihre Stimme an dieser Willcnsgestnltimg des obersten Organs des jüdischen Volkes zu beteiligen, um beim Aufbau Palästinas nicht nur Objekt, sondern auch gestalte!1 d e s S ti b j e k t zu sein. Die Versammlung, die den temperamentvollen und äußerst wirksamen Ausführungen des Redners nahezu zwei Stunden hindurch mit angespanntester Aufmerksamkeit gefolgt war, bewies ihre starke innere Anteilnahme in stürmischem Beifall. Anschließend dankte der Vorsitzende des Abends, Rechtsanwalt Benno Colin, Pr. Traub im Namen der Zuhörer für seine instruktiven und von höchstem zionistischen Vcrantwor- Itmgsgciiilil getragenen Worte. Er ermahnte die Anwesenden eindringlich, sich mit aller Kraft in den Dienst der Sehekelaktion zu stellen und dafür Sorge zu tragen, daß die Juden Deutschlands auf dem Kongreß durch eine entsprechend starke Delegation für eine nachdrückliche- Vertretung ihrer Interessen sorgen können. 111 der Hoffnung, daß dieser Appell seinen Widerhall finden werde, schloß der Vorsitzende den gcwinnreidien Abend. Tagesschulen für Berufsvorlehre Ein Beschluß der Reichsvertretung Die R e i e 11 s v e r Ire! 11 11 g d e r <1 e u t s c!1 e n J u den teilt mit: Auf Grund von Anregungen des Präsidenten der Reiclisvertretung der deutschen Juden, Herrn Pr. l.co Baeck, hat der Präsidialausscliuli der Reidi'Venrctung sich mit der frage der Ausbildung der jüdischen J ti g e 11 11 n a c 11 V o I 1 v n d 11 11 ״ d e s s c 11 11! p f I i c h t ig e 11 Alters befaßt. 1111 Anschluß;111 die Vorschläge Dr. Baecks, die vom Pr.'iGJialuuwhuß einstimmig g e ־ billigt wurden, werden die Lin/elheitcii des Entwurfs von der Schulabteilung der Reichs!ertrduiig ausgearbeitet. Per neue Plan zielt darauf ab, grolle Teile unserer lugend, die über ihre Zukunft in Sorgt mul Ungewißfteit sind, aut das |UtiiMc!k׳i1 vor/ubemten. In ״Tagess c 11 u I e n i 11 r B e r 11 f s v o 1׳ I e 11 1׳ e", die .111 der (irolUtadt- Peripherie innerhalb von < iarteiigrundsliieken liegen, werden die Jugendlichen körperliche und geistige Arbeit, die in sinnvollem Wechsel aufeinander abgestiinuit ist, /u leisten haben. Unterrichtsziel ist die 11 n m i 1 t e 1 h a r e V o r b e r c 1 * tung auf praktische Berufe (Landwirtschaft, Hand• werk und Gewerbe, kaufmännische Betriebe), und zwar unter Berücksichtigung des Umstandes, daß für einen erheblichen Teil der Jugend die Auswanderung tuuuisweiehlich ist und daß unter den Aiiswamleningsl.ändcrn Palästina an erster Stelle steht. Demgemäß wird neben die praktische Berufsvorbikhmg die Erlernung des Hebräischen und des Englischen treten; hinzu kommt die Fortbildung in Mathematik, Naturwissenschaft und Zeichnen — alles dies unter klarer Begrenzung der Stoffgebiete, wie sie voll der Praxis der künftigen Berufe diktiert wird. Die Er• z. i e 11 11 ח g s z i e 1 e sind die s e 1 b e 11, die heute i m ganz c n d e u t s c h e ti J u d e n t ti in —über alle rieh• tung s m ä IS i g e 111 w i c k e 11 c n Ab \v a n d 1 u 11 g e 11 hina u s י i n E 11 e r n h a u s, Schule und B u n d a n g e - strebt werden. Pie Beschäftigung mit jüdischem und deutschem sowie allgemcin-ciironäiscTiem Geistesgut, mit Musik und bildender Kunst wird der erzieherischen For• mung zu dienen haben; neuer Lernstoff darf hieraus nicht erwachsen, weil die praktische Schulung im Vordergrund stellt. 111 den neuen Tagesschulen werden an unsere Jugend hohe Anforderungen gestellt werden, Acht Arbeitsstunden täglich sind vorgesehen. Line Ueberlastung wird vermieden durch den Wechsel körperlicher und gci.siigcr Arbeit und dadurch, daß Sport und Turnen in den Stundenplan eingefügt sind. Ebenso werden die ״Schularbeiten“ (Unterrichts• Vorbereitung des Schülers) im Rahmen des Stundenplans unter Aufsicht von Lehrkräften ausgefiihrt. Auf .D1NGF.N STEHT DIE WELT Erzählung von GERSON STERN n. FortaeUung Copyright V«ri»g Erich Re!••. Berlin Mm sali zu fünft um den Tisch. Blumen schauten aus allen Vasen, Sonnenschein gh'lt durch die Fenster und erhöhte die Helle des Zimmers. Ilcdda halle r״le Mangen, aber dio Blässe, der Jlaut erzählte von der Kranklteil. ״Mir sind 90 glücklich“, sagte Meller. ״Alle sind so glücklich, Fräulein lledda.“ ״Es wurde auch für dich gebetet, in der Synagoge“, hemerkte Madehiine. Man glitt darüber hinweg. Man war froher Laune. Man scherzte. Alan erzählle lustige Dinge. Nathan und Feldinger hallen gemeinsame Erinnerungen. Aber lledda kam auf die Worte Madelaines z.urück. ״Man hat für inieli gebetet? Mas wurde gebetet? Und wer hat gebetet?“ Madelaine fühlte, daß sie die Morte besser nicht gesagte hätte. Sie schwieg, und auch die Herren schwiegen, bis Feldinger sagte: ״Ich glaube, nicht was gebetet wird, sondern um was und wie gebetet wird, ist das Entscheidende.“ Nathan hob seinen Arm. ״Du weißt, Leo, hier scheiden sieh die Geister. Ich verslcckc meine Gesinnung nichl. Wer für dich gebetet hat, lledda? Dr. Fromm hat für dich gebetet, und ich habe für dich gehelei, und deine N’alur. dein Organis- 111ns stand für dich da. Das heißt nicht, daß du 11ns danken sollst, sondern daß ich nun mal nichts hinnehme, was vernuufIswidrig ist.“ Alle blickten auf Nathan hin. ״Ihr dürft euch nicht wundem", sagte Feldinger. ״Er war schon damals bekannt als Verneincr.“ ״Leo“, antwortete Nalhan sehr ernst, ״<lu darfst mich nicht so nennen. Ich bin ein Rejnher, nur anders als ihr. Ich kenne keine Konzession, kein N'aehgeben an das Gefühl, an Ueberliefertes, an das, was ihr Tradition nennt, sofern Schwäche, Inkonsequenz oder Unwahrheil darin liegen. Ich verneine nichl. Ich will es klarer sagen. Ich beurteile und verurteile. Ich verlange klare Prüfung und endgültige Entscheidüng.“ ״Das heißt, du machst deine Vernunft zum Papst“, rief Fehlinger, ״Es klingt richtig, was du sagst, und ist doch falsch“, erwiderlc Nallum. ״Es ist Ehrlichkeit, was ich verlange. Nicht meine Vernunft ist der l‘u|>st, die Wahrheit ist es, die aus lausend Dingen spricht, die Einsicht in das geseizmiißige Geschehen. Mir sind so reich;111 Tatsachen, daß wir nichts mehr zu erdichten brauchen.“ In lledda schuß die Erinnerung an die Kindertage auf, die sie im Hause von David Knlz verlebt linlle. Sam sluml vor ihr. Die Freitagabende kamen wieder, da der liebe Holt sei Hst die Stunden zu weihen schien. Es war ihr so lern geworden. Aber jetzt in der Süße der Genrsiing, in der so leicht Erlebles und Erfühltes cinsinken in die Stunde, wurde cs bei den Morien von Nallum lebendig. Eine Sehnsucht ergriff sie nach dieser unergnindbareu (ilüchseligkeil. ״Ich glaube, Traum und Sein ergehen erst das Leben“, sagte ilcdda, ״Darf ich Fräulein Heddas Worte anders misdrtirken?“, bonierkle Dr. Meller. ״Ich denke mir ei au M aage. 111 der einen Schale liegt das M issenkönnen und in der anderen das (ilaubciidiirfcn. Wenn das Gewicht ausgeglichen isl, wenn beides in sich enlschicdun isl in seiner Meile und Bedeutung, daß der Zeiger nicht mehr schwankt, so 11 urIle der Mensch eine Lösung gefunden bähen. Ich spreche '1*111 Menschen und nicht von der Wissenschaft, denn die Wissenschaft isl für den Menschen da.“ ״Nein, mein Lieber״, warf Nalhan ein. ,.Die. M issenschaft ist um ihrer selbst willen da. Eine arme "Wissenschaft, die eine Dienerin isl.“ ״Ich möchte meinen Freund Nalhan von einer anderen Seile aufspießen“, fiel Feld innrer ein. ״AVoinit hat seine. Wandlung begonnen? Mit dem Zweifel. Ist Zweifeln zu verwerfen? Nein, der Zweifel ist ein Triebrad des Denkens, ist eine Kraft der Verliefuug. Aber Zweifel als Iragende Flüche des Seins ist eine Lauge, die alles zerfrißt. Die vermeintliche Sicherheit den Dingen und »Irr Welt gegenüber isl, recht besehen, Hochmut. Aber llodiinut ist nur eine Verkleidung. Jede Verkleidung ist. eine Viidrherheit, Und sie ist das Tragende deines Lebens, mein Freund. Das isl der Circulus viliosus. Ich will aus diesem Zirkel heraus. Ich hin aus diesem Zirkel heran«, und ich siehe da befrei len Herzens. Hinter der Erkenntnis, Nalhan, hinter jeder Erkenntnis steht das Eigentliche.“ Nalhan mnrhle mit der Hand eine Heregung, 01a wollte er sagen, nun hör schon auf. Laut. Iiemrrkle er: ״Ich spreche nicht über etwa», was du suchst, wünschst, anniinrnst. Ich spreche über das, was isl. Und ich habe noch nichts gofuii den, was dem wirklichen Sein gegeiiülwrslclii als das Sein.“ Nathan bemerkte Heddas Müdigkeit, Man verabschiedete sich. Man war froh zusammen gewesen. ״Aber die Aussprache war sinnlos“, bemerkte am nächsten Morgen Nathan. ״Jeder isl in seinem Ich gcl'arnren. Dh-a׳« Ich geben wir uns nicht seihst. Es is( nach einer niaIliemali-riien Formel zu herechneu. wenn wir die Formel haben. Das Gesetz liegt fest. So ist cs mit allem." Nalhan erlaubte lledda keine weilen־ A 11"|>1׳ache. ״Denke lieber darüber 11,uh, was wir heule zu Mittag essen und welchen Mein wir InnLen wollen. Das ig das Eirrentl ielie“, sagte Nathan lächelnd in Erinnerung an L<‘ldi>)g1־r« M orte. Es heseliiil'ligli■ lledda zu sehr. Sie nnil.'de darauf zurückkommen. ״M ie ist cs möglich“, l'ragle de, ״du, der Sohn des frommen Daöd balz In-esl dich um allem? Hast du gar keine Bindungen mehr'?" Nalhan aulw nrli'liiiugerii. ..lledda, du soille-l alle |׳'r,igelt bei-rile sehlehen und dielt mit mir jeder Stunde Irenen, dich nur freuen. Du1 beste Medizin verubreielil der Meii'eii sieb selbst. Ich antworte dir“, lügto Nathan hinzu, als er Heddas Unruhe sah. 11(1״ gebrauchtest eirt irriges Wort. Ich habe mich nichl um allein gelöst, ich 1111111! es überwunden. Es isl sehr traurig für meinen Vater, doch ich kann nichl un.mfrichiig׳ sein.“ ״Ich hin wie Fehlinger, Nalhan. leb suche und wünsche und nehme an und verwerfe und suclu■ weiter. Ich weiß nicht, was isl. Ich habe eine Sehnsucht in mir, die mit Missen nicht zu sälligeii isl. Ich glaube, es wenigstens. 1)11 lachst vielleicht darüber, Nalhan. leb muß andere matheumlisehe Grund- Ziffern haben. M issenkönnen mul (ihuihetuliirfen, M eller sagt« es so schön. Ich stolpere hei beiden. M ie weil kann ich wissen, welcher Baum bleibt zum Glauben'? Ich suche den Glauben, doch je mehr ich ihn suehle, deslo mehr entglitt er mir. Ich verlor ihn und habe nichts anderes gefunden. Und bist du so sicher in dir. wie du sprichst, Nathan?“ ״Irl! *()reelle sicher, lledda, aber nichl aus mir. Aus den Dingen, aus dem Geschehen, aus dem Geselz, in dem das Sein isl, aus alledem heraus spreche ich sicher. Dieses (iesetz sieht für alle Menschen, für alles Lebendige, für alles, was ist. Ich hin der Bruder des Sirius, der am M cg>» liegt, in dessen kleinsten Teilen das gleiche Geselz wallet wie in meinen kleinsten Teilen. Es ist das IJnerhöiieste, das wir erdenken können.“ ״Bleibt denn noch etwas übrig. N.allmn, uni Jude zu sein?“ ״lledda, kleines Mädchen, was heißt Jude sein? Denke dir die absolute Einheit des Alls. In dieser Einheit sind die verschiedenslen Gliederungen. Das henihrl iiiolit. das Gesetz, das Prinzip. Eine der Gliederungen ist der Mensch. Es ist die einzige Gliederung, die über das Eigenbewußtsein hinausschreitet. Jetzt soll ich in diese Gliederung mit einem Seziermesser hineinschneiden, statt zu binden?“ (Fortsetzung folgt)

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