Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 48 (14.6.1935)
- Date
- 1935-06-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 2 ו JÜDISCHE *UND-SCHAü Nr. 48, 14. VI. 1935 Neuer Scholem Alejchem Fundamente jüdischer Gottgläubigkeit mit ihrem Kern der absoluten, nicht fragenden Gesetzes treue früheren Generationen die Kraft gab, allen Anforderungen gerecht zu werden, die der eigene Lebenskreis an sie stellte und den Lockungen und Drohungen der feindlichen Umwelt auch unter stolzer Aufopferung des Lebens zu trotzen. Auf jeden Fall verdient ein solcher Anruf — der würdigste lind tiefste, den wir seit langem gehört haben — mit dem grollten und ruhigsten Ernst gehört zu werden. Wir müssen diesen Anruf überall verbreiten, noch einmal versuchen neben längst säkularisierter jüdischer Politik und Verwaltung, über allem Parteienwesen hinaus einer solchen Stimme Gehör zu verschaffen. Es handelt sich dabei kompromißlos um die Frage, ob wirklich die Thora die letzte Instanz sein kann für alle jüdischen Fragen, die methaphvsixchen und die der praktischen Werktätigkeit, ohne verschwommene allgemeine ״Religiositiit“ und ohne wortreiche Mystik. Oder ob wir nicht schon zu viel vom Raume der Erkenntnis gegessen haben, also nicht mehr zurück können? Und ob wir uns nicht dann Sinn und Halt in dem nun einmal so-Seicnden, von uns nicht geschaffenen und gewählten Meer widerstreitenden Geschehens und widerspruchsvoller Deutungen, einsam, gegen eine vielfaltige Front, jeder für sich neu erstreiten müssen. Ludwig Feuchtwanger Selbstanzeige Sofrejnu, Schriftenreihe aus der neu-hebräischen Literatur für Schule und Selbstunterricht. Bearbeitet und mit deutsehen Erläuterungen versehen von Dr. S. Kaliko. Verlag Kedcm, Berlin. Die Frage, des Lesestoffes beim Unterricht für Er- Wachsen 0 ist bei allen Fremdsprachen eine schwierige, um so mehr hei der hebräischen. Um das Interesse des Erwachsenen an dem Lclirgegenstand zu wecken, ist cs nicht genug, ihm Vokabeln wahllos bei/ubringen, sondern das im Lesestoff behandelte Thema muß mehr oder weniger für ihn interessant und anziehend sein. Der Lehrer stoßt daher bei der Auswahl . des Lesestoffes, insbesondere bei den Schillern, die bereits die ersten Sprachkenntnisse erworben haben, aui große Schwierigkeiten. Ferner habe ich aus der Erfahrung gelernt, daß die Schüler zwar bei einem längeren hebräischen Unterricht eine Vorstellung von tler hebräischen Literatur und den hebräischen Schriftstellern bekommen, jedoch fehlt ihnen die klare Vorstellung über den Entwicklungsgang der lud Schon Literatur, und ihnen ist das Bild der wichtigsten Schlüpfer der hebräischen Literatur sehr unklar, tim dem abzunelfen, habe ich mich zur Herausgabe der Schriftenreihe ״S o f r e j n 11“ entschlossen. Zweck dieser Schriftenreihe ist es, denjenigen, die die Anfangskenntnisse tler hebräischen Spracht■ bereits besitzen, eine Möglichkeit zu bieten, die Dichter der niodernen hebräischen Literatur aus ihren Werken näher kennenziilernen. Jedes Heft soll einen Schriftsteller behandeln und neben einer biographischen Darstellung und kurzen Würdigung seines Schaffens eine knappe Auslese aus seinen Werken enthalten sowie eine kurze bibliographische Anweisung. Dem Bedürfnis eines weiten Kreises Rechnung tragend (die Hefte können bereits von Schülern, die vier bis fünf Monate hebräischen Unterricht hatten, gelesen werden), sollen diese Hefte in größerer, klarer Schrift und zum größten Teil punktiert mit deutschen Erläuterungen der schwereren Ausdrücke und Begriffe erscheinen. Diese Schriftenreihe beginnt mit Ji/cliak Leib l'crc/, der als der ״Vater des modernen hebräischen Stils“ angcsprachen werden kann, und dessen jetzt sich zum 20. mal jährender Todestag überall in der jüdischen Welt gedacht wird. Perez ist außerdem einem breiteren Kreise der deutsehen Juden aus (.Übersetzungen ins Deutsche bekannt, und cs war unser Wunsch, daß nunmehr weite Kreise den großen Künstler Perez auch im hebräischen Original kennenlernen. Ich glaube, mit dieser Schriftenreihe einem großen Bcdiirfnis nach leicht faßlichen Lesestücken aus der modernen hebräischen Literatur, wie ich cs aus zahlreichen Briefen an mich empfunden habe, gerecht zu werden. Dr. S. Kaliko ״Marien bad — kein Roman, sondern eine sehr verwickelte Geschichte, die zwischen Warschau uhd Marienbad spielt, ln 45 Briefen, 14 Billetdoux und 47 Telegrammen von Scholem Alejchem“, — das ist der langatmige Titel eines ungemein kurzweiligen Buches (R. Löwit-Verlag, Wien-Leipzig). Es fängt bezaubernd einfach an, und ehe man sich! versieht, sind die Beziehungen der Paare, Pärchen und derer, die es beinahe geworden wären, so vertcufelt durchcinandergehasoelt, daß die routiniertesten Ver- Wechslungskomödien kindliche Geduldspiele dagegen sind. Ja, es ist ein amüsantes Buch, natürlich eine Satire, aber nicht auf den oder jenen, sondern auf allerlei menschliche Schwächen, wie Verliebtheit älterer Herren, Mlunersucht junger Frauen, Redseligkeit, Spiel-, Kauf- und Verschwcndungssucht, Prahlerei und dergleichen Laster, welche die bravsten menschlichen Raubtiere auch noch Im Zirkus der gesittetsten Konventionen frei betätigen können. Das wird aber nicht mit bombastischem Zirkustamtam inszeniert, sondem lachend aus dem Aermel geschüttelt, boshaft, doch ohne Widerhaken, schadenfroh, doch nicht kompromittierend, kein Racheakt, keine Moralinspritze, kurzum eine ganze Portion Humor. Dabei ist ״Marienbad“ keineswegs Scholem Atefchems gelungenste Erzählung. Man spürt schon die hohe Schule des Virtuosen; sein Herz, seine Kunst, Einzeischlcksale bis zur Allgemeingültigkeit zu entwickeln, die Liebe zu seinen Leuten — von denen hier nur eine leicht übergegangene Creme serviert wird —, die berühmte Träne in seinem Lachen fehlt hier fast. Die beste Wirkung erreicht er hier durch den Kontrast zwischen der Behaglichkeit der Darstellung und der Das Leben des Maimonides Zur Biographie von Abraham Hesdicl Unter der Fülle der Maimonkles-Literatur der letzten Zeit wird der biographische Versuch ״Maimonides“ von Ahraham Heschel (im Erich Rciß-Verlag, Berlin 1935) gewiß eine der anziehendsten Lektüren für den durchschiuttliehen Leser sein. Immer wieder konnte man während der zahlreichen Maimonides-Feiern die Erfahrung machen, daß die Philosophie dieses Denkers dem nichtfachphiiosophisch vorgebildetcn jüdischen Menschen eine fremde und ferne Sache ist. Was wertvoll für den jüdisch interessierten Mensehen ist, ist die Persönlichkeit des Maimonides, der Einblick in die Vielfalt seiner Schicksale und in die große Linie seines Lebens. Ais Persönlichkeit vermag der Rambam zu fesseln und anzuregen. Mit besonderer Spannung nimmt man deshalb das Buch Heschels zur Hand, in dem auf HOTEL Sia/UA■ Ätfr ZÜRICH Lage, Einrichiung und Führung begründen seinenWeltruf Zimmer ab Fr. 9.— Pension ab Fr. 18.— über 200 Seiten breit ausladend der Versuch gemacht wird, dieses Denkcrlebcn der Spannungen, der Auseinander- Setzungen, der Kämpfe, der Anerkennungen und der Arbeit vielfarbig darzustellen. Heschel faßt den Begriff der Biographic sehr weit. Er beschrankt sich nicht auf das Persönliche, auf die Daten dieses Lebens, sondern er zeichnet seinen Maimonides auf dem interessanten geschichtlichen Hintergrund seiner Zeit, er zeigt ihn in der Auseinander- Setzung mit geistigen (und ungeistigen) Gegnern, aus der heraus ihm die Anregungen zu seiner philosophischen Arbeit erwachsen. Er sucht den Leser in die seelischen Tiefen dieses Mannes mit hinabsteigen zu lassen, um zu erfahren, wie eng tler Denkprozeß mit den Erlebnissen des Tages und den aufwühlenden einmaligen Erlebnissen verbunden ist, wobei z. B. freilich das berühmte Erlebnis des Seesturms auf der Verve der dargestellten Handlung, Die Raketen der Briefe, in denen das Buch geschrieben ist, steigen nacheinander auf, ziehen scheinbar gemächlich mit aufblitzenden Einfällen ihre Bahn und explodieren am Ende nahezu gleichzeitig In den Telegrammen. Der oft bewährte Uebersetzer Siegfried Schmitz folgt seinem Meister aut den Fersen erstaunlich geschickt über Stock und Stein, nur manchmal übersetzt er inst Wienerische statt ins Deutsche und manchmal klebt er allzu dicht am Original, z. B. (S. 23): ״Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich mich gekränkt habe, daß du nicht über Wien, statt über Berlin, gefahren bist." Wichtiger erscheint die Frage, warum dies Buch gerade jetzt erscheint. Die Satire auf die ״Sorgen“ des polnischen Vorkriegsiudentums muß jetzt, da das polnische Judentum vor wirklichen Sorgen buchstäblich um kommt, entweder beziehungslos wie eine Verulkung der Krinolinenmode oder wie eine — Satire, wie blutiger Hohn wirken. Fast jedes andere Buch von Scholem Alejchem wäre heute aktueller. Allerdings stellt man fest, daß das jetzige Erscheinen von ״Marienbad“ in deutscher Sprache keine Premiere, sondern eine neue Auflage Ut, aber die Frage bleibt, sie verschärft sich’, die Frage nach dem Buch stellt uns selbst in Frage, stellt unsere Humorempfänglichkeit unter Beweis. Der Humorist ist immer Gulliver bei den Zwergen, wir aber, wenn wir überhaupt unser Los und uns selbst ernst nehmen, haben eher die Empfindungen Gullivers unter den Riesen, reagieren also mit allem anderen als mit Humor. Wie aber reagieren wir auf Humor? Man versuche es, man versuche sich einmal mit diesem Scholem Alejchem. > u Fahrt nach Palästina in der Darstellung Hwchels etwas zu kurz wegkommt, weil es, wie wir wissen, auf Maimonides einen so unauslöschlichen Eindruck gemacht hatte, daß er zur Erinnerung daran fn jedem Jahr an diesem Tagp fastete. Der weite Rahmen, in den Heschel seine Auseinander- Setzung hineinstellt und der außerordentlich wertvoll ist bei der Betrachtung der Lebensschicksale des Maimonides, wird zu einer gewissen Gefahr bei der Behandlungder philo sophischcn Seite. Die Darstellung entgeht gerade in dieser Hinsicht manchmal nicht dem Feuilletonismus, well sie natfirlieh nicht so befriedigend auf die Einzelheiten ein gehen kann, wie es wiederum vom philosophischen Standpunkt aus wünschenswert wäre. Immerhin kann auch hier dem Autor nachgerühnit werden, daß er mit feinem Verständnis und gerade durch die psychologische Durcharbeitung des Stoffes und die eindrucksvolle Gegenüberstellung von Maimonidca und den Menschen, die ihn zum Denken gleichsam ״reizten“, auch den Leser, der der mittelalterlichen Philo sophie nicht nahe steht, in diese farbig-ferne Welt hinein* führt. Auf das! was in dem Buche gegenüber der bisherigen Maimortides-Literatur neu und als eine Erweiterung unserer Kenntnisse angesehen werden kann, vermögen wir hier im einzelnen nicht einzugehen. Erwähnt sei nur die überraschende Darstellung des Verhältnisses Maimonides’ zur Prophetie, aus der erst die Hinneigung eines Mystikers wie Meister Ekkchart zum ״Rationalisten“ Maimonides bc» grdflkh׳ wird; sowie die interessante Kontroverse mit dem’ geistig unbedeutenden Gaon Sutta, die der Anstoß ־zu nettem geistigen Schaffen für den Philosophen wird. So ist das Buch, das übrigens sehr reichhaltig mit Qucllenzitatcn ausgestattet ist, eine wertvolle Bereicherung der Maimonides-Literatur und gewiß auch für Laien eine Möglichkeit, dem Wesen dieses großen jüdischen Denkers näherzukommen. Dr. Gerhardt Neu mann Der 11. Band der hebräischen Sammlung ״Klassiker der Philosophie“, die Metaphysik des Aristoteles, j*t. in der Ucbertragung von Professor J. Roth, von der Universität Jerusalem veröffentlicht worden. Auf. :Dingen steht die Welt Erzählung von GER50N STERN 20. Fot־ti«!*ann Copyright V•«ן»!־ Erich FUtit, Bcrlia Weller schob die«•* Erinnerung weit von sich. Er wollt« Ix'i Heiiila *ein, nur bei Hedda. Sie war in der Nacht zu ihm gekommen. War sie schon im Fieber gewesen? Wenn auch, Iledda war zu ihm gekommen und halle sich ihm anvertraut. Halle er sich nicht vor lleddn nicdergelxujgt an jenem Abend, vor diesem Aufruf, vor dieser« Weckruf, vor dieser Köstlichkeil? Hatle, er sieh niehl niedcrgebeugl in dieser blauschworcn Nacht und ihre Hand geküßt? Der gestrige Abend taucht« wieder auf. ״Ich gehn nicht zu Fällen Crailinger, wenn »io allein ist. Nein, ich gehe nicht hin.“ Weiter fühlte «ine große Erleichterung. ״Hedda ist in Lebensgefahr", sagte Madelaino, und Tränen liefen über ihre Wangen. ״Herr Doktor, ich bete, mein Vater betet, Golt, wird uns erhören, 1 ledda darf nicht sterben, Herr Doktor.“ Madelnino weinte. ,,Man soll nicht an rufen, man soll nicht hingehen. Man muß warten, bis Dr, Katz anruft. Die Tage sind furchtbar.“ Hedda darf nicht sterben. E* war Weiter, al» ob er diese Worte gesprochen hätte. Nein, sie darf nicht sterben. Aber was konnte er für Hedda tun? Sind wir so arm? Können wir nicht», nicht» tun? Himmel, sind wir »o arm? Oberstem hatte gesagt, ״werden wir endlich unsere Herren“. Wo war Oberstein, daß er Rede stehen konnte? Beten? Zu wem sollt« er beten? Madelaine betete zu Gott. Zu welchem Gott? ״Herr de• Himmels“, rief Weiter und wies «einen Ausruf gleich zurück. Aber was sollte er nusrufen? Zu wem sollte er rufen? Er war in Bedrängnis. Wohin sollte er mit »einer Bcdrllngni»? Weiter lief in »einem Zimmer hin und her. Die Juden hatten ihren Gott. Sie sagten cs, und «elbst die. v*ekhe nicht in den Tempi gingen, sprachen nicht wie Oberstem. Sie sagten, es gibt, einen Goll, und damit war die Angelegenheit erledigt. Weiter empfand, die Angelegenheit ist damit nicht erledigt. Sie fängt, damit an. — ״Ich will Hedda retten. Was kann ich tun? Bin ich machtlos wie ein Wurm, der im Slnnbe kriechI?“ Weller war Von der Erregung gepackt. Ein Men* Seitenteilen! W ellers Denken, sein Fühlen, sein Wünschen, es 1.111(1■ in ihm: eins stand gegen das andere; was heißt, Gott? El was Namenloses. Wie kam er zu diesem, wie kam es zil ihm? Wie sollte er beten? War es ein (!oll, der das Kontobuch in Händen hielt, und seine Eintragungen machte? Konnte er (!0(1 so erniedrigen‘״* Nein, W eller konnte niehl beten. Ober- »toin halte recht, jener Gott war tot Aber Oberstem halt« unrecht, denn e* war etwa» vorhanden, irgend etwas ohne Namen, ״Wir *ind nicht die Herren", rief Welfer. Madelaine Julien hatte Dr. Fehlinger ongernfen. Sie mußte sprechen. Ihr Schmerz war zu!artend, Dr, Fehlinger kam. ״Ich hin traurig wie Sin“, sagte er. .,Frltulcin ße»8ingcr ist eine seltsame, eine wundersame Blüte int unserem Stamm. Ich erinnere mich jene» Abend*. Whig können wir für einen Menschen in Not, in Gefahr tun, Fräulein Madelaine? Wir können unser ganze» Herz hingeben. Sie belon, und Sie geben Ihr Herr. hin. Sin können nicht mehr tun.“ ״Und Sie, Dr. Fehlinger?“ ״Sie dürfen »o fragen, Fräulein Madel tune. Ich bete nicht wie Sie. Ich »preche nicht ,Gott‘, wie Sic 0» »prechcn. Ich weiß, e* müßte »o »clbitvergtändlich, so voraussotzungslos ge- *prochen werden. Aber das Wissen um die Sache, isL nicht das Wissen der Sache. Ich frage nicht den Verstand, Fragen schon ist irren. E» ist eine Stimme in mir. Ich muß ihre Sprache erlernen.“ ״Und Hedda?“ ״Ich verstehe, was Sie meinen, Fräulein Madelaine. Es ist so ander» mit mir. Ich »ehe nicht Gott, diesen Gott di r Juden, den ich doch suche. Ich weiß eine Allmacht Ich fühle mich in dieser Allmacht. Ich bin geborgen in ihr. Ich gebe mich an da» Sein. Ich gebe mich an da» Geschehen. Ich werde mit all meinem Denken und Wünschen, da» doch auch in der Allmacht ist, bei Hedda Bessinger sein. Wo ist unsere Kraft? Auch in unserem Denken und Wünschen. Ich werde mit dieser Kraft »ein um Hedda Bessinger," Hedda wurde matter. Sie hatte fast den ganzen Tag die Augen geschlossen. E» kamen Minuten, da sie einig« Worte sprach, zu Fräulein Müller, zu Nathan. Standen ihre Eltern just am Bettende, so sah sie freundlich «1 ihnen hin. Bertlichen krumpfte die Fingernägel in ihre Hand, um nicht aufzuhmilen. Besiinger und Berthchen ging«! »tat» zusammen, in das Krankenzimmer. Sie stellten sich an den unteren Bellrand und sahen stumm auf Hedda. Es war ihr Fleisch, ihr Blut, das mit dem Tode rang. Keiner sprach zum anderen. Jeder trug es für sich. Berthchen dachte an Worte, die ihre Mutter gesprochen hatte. Bessinger hatte an den Lehrer Levi geschrieben, und al» Levi kam, schloß Bessinger die Türen, galt Bessinger Levi einen großen Betrag. Levi hatte eine sohin: Summe noch nie in Händen gehabt. Sein Herz klopfte. ..Sie mögen verteilen“, sagte Bessingcr. ״Und beten, beten Sie. Ihre Summe wird Gehör finden.“ Es kam eim> Nacht, da Hedda sich unruhig hin und her warf. Nathan blieb wach. Er saß neben dem Bett. Er hatte Spritzen bereit. Nathan mußte eingreifen, der Herzschlag setzte aus. Er rief Fräulein Müller. Dr. Fromm wurde angerufen. Die Ellern waren wach geworden. Sie standen auf dem Flur. Sie durften nicht ins Krankenzimmer. Dr. Fromm kam. Stunden vergingen, Din Ellern »landen frierend im Flur. Sie wichen nicht von der Tür. Dr. Fromm kam nicht heraus, Nalhan kam nicht heraus. Nur Fräulein Müller kam und ging. Sie hatte verweinte Augen und brachte kein Wort heraus. Die Ellern standen an der Tür. Bessinger halte nach Berthehrns Hand gegriffen. Er wußte nicht, daß er die Hand oft krampflc und drückte. Er dachte an den Tag, da Berlhcbcn darniedergelegen hatte, da Dr, Fromm nach Stunden horsusgekommrn war und nichts gesagt halte als ״tot“. Der Morgen dämmerte, die Tür öffnete sieh, Dr. Fromm •tand vor den Eltern. Er sah matt und alt aus. Er sagte: ״Sie hätten nicht hier stehen sollen. Gehen Sie zu Bett. Hedda schläft. Schlafen auch Sie.“ Die Besserung kam langsam, aber sie kam. Täglich ging es ein wenig voran. Es war eine Pracht, cs war ein Jubel. Der Lehrer Levi wurde gerufen. Er bekam nochmals einen Betrag, wenn auch diesmal einen viel kleineren. Bessinger sagte:. ״S>e sind ein guter Mensch“, und drückte Levi einen Schein in die Hand. ״Das ist für Sie. Den Minjanmann bezahle ich weiter.“ Levi verstand nicht, warum er ein guter Mensch war, Er dachte: ״Was verstehen wir schon? Der Allmächtige vorsteht.“ Weitere Wochen waren vergangen. Nathan war noch geblieben. Es schien ihn nicht In das Vaterhaus *urückzuziehcn. Hedda ging oft mit ihm durch die Anlagen. Sie gingen langsam. Sie gingen von Bank zu Bank. Die Kräfte kamen all* mählich. Madelaine durfte täglich ein paar Stunden mit Hedda zusammen sein. Man plauderte. Es stellte sich heraus, daß Nathan Dr. Fehlinger von der Universität her kannte. ״Le« muß her“, rief er. ״Du bist kräftig genug, Hedda. Ich schlage ein Kaffeekränzchen vor. Madelaine, du, Leo, Weiter und ich.“ Als Hedda den Namen Weiter zum erstenmal wieder aussprechen hörte, stockte ihr Atem. Sie wurde »ehr blaß• Nathan iah es; Also erinnert sie sich, dachte Nathan. (Fortsetzung Mgw