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Jüdische Rundschau · 1935-06-14 · Heft 48 (14.6.1935) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 48 (14.6.1935)
Date
1935-06-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 48, 14. VI. 1935 Jüdische Rundschau Seite 1! Wege zum Glauben Neue Gedichte Franz Werfels Franz Werfel, der Lyriker, als der er vor etwa einem Vierteljahrhundert in die Literatur eingetreten ist, gibt jetzt unter dem Titel ״Schlaf u ni d Erwachen“ im Paul Zsolnay Verlag seine Gedichte des letzten Jahrzehnts heraus und legt mit ihnen die Vermutung nahe, daß er dereinst — denn er steht ja erst in der Lebcnsinitte — als Lyriker über sein ganzes übriges Werk an Drama und Roman hinausreichen wird. Schon in diesem Gedichtband ist Reife, Meisterschaft und, im Anschluß an den Titel des Buches, ein wahrhaft dichterisches Erwachen aus dem Schlaf der Lebens- und Literaturprosa zum Ereignis geworden. Das in drei Abschnitte geteilte Dichtwerk wächst aus dem Erlebbaren und Schaubaren in eine edle Ordnung hinein, in einen geistigen Ring und Rang, in dem alles Aeußere, alles Sinnliche über die Schwelle des Innern und Uebersinnlichcn treibt — treibt! und nicht etwa getrieben wird. Denn der Trieb dieses Dichters geht ganz sachlich zuerst auf die Erklärung der Welt und des Menschen und dringt, ohne Drängeln und sonstiges Zutun, bis zur Verklärung vor und empor. Er erzielt die Erhebung ohne menschliehe ucberheblichkeit und er endigt im Erhabenen, das die Erhobenheit jedweder Kreatur in Gott in sich begreift. Das G o 11 s 11 c h c r i s c 11 e, das der Lyriker Werfel in seinen frühen Gedichten schon zeigt, hat in der neuen Samrnhing einen neuen Sinn bekommen. Er peroriert nun den Schöpfer und Höchsten nicht mehr, sondern er erkennt ihn und stellt ihn fest als den selbstverständlichen Ausdruck des der Welt Inneseins und Darinncnscins. Er hat dabei, von der Konzeption her, manchmal eine erzählerische Geste, die Haitung nämlich und das Wissen des Schilderers. Auf diesem Weg saugt sein Gedicht Stoffe des Alltags in sich ein — sie werden wie durch einen Filter geleitet, der ihnen das Zufällige, Willkürliche und sogar Willentliche nimmt und sie dafür mit dem Hauch einer höheren Gültigkeit umgibt. Das Auge des Dichters wird den Dingen gegenüber, die es sieht, seherisch, und sein Wahrnehmeit wird zu einem wirklieh Wahrnehmen seines Erlebnisbereichs. In diesem Prozeß ist die Spannung, fast möchte man sagen: das Dramatische vieler Gedichte Werfels enthalten, in der Doppelgesichtigkcit und Viclsinnigkcit nämlich aller Dinge und Funktionen, die er zum Gegenstand seiner Aussage und Aussprache macht. Er läßt dabei das Problematische und Diskutable so weit hinter sich, daß es niemals zu dem kommt, was man Auseinandersetzung nennt. Wenn Werfel, der Werfel von heute, ein Gedicht beginnt, so ist er bereits von allem Anfang an mit dem, was er zu bedichten hat, einig und eins f'cwordcn. Anders gesagt: er erdichtet nichts. Die Intuition at die Intention restlos aufgezehrt. lind hiervon wiederum die Folge: alles individuelle oder gar personelle Erlebnis schwindet in einen höheren Zustand hin, in den Zustand des Chorischen. Daraus entsteht eine Art des Dichtens und des Gedichts, die man oft, zumal bei Dichtern aus Oesterreich, mit katholischer Luft, Haltung und Umwelt in Zusammenhang gebracht hat. Das mochte bei Hofmannsthal bis zu einem gewissen Grad richtig sein. Bei Werfel aber wiegt als anti-individualistisches Element die Bindung an die jüdische Tradition vor. Sie spricht sich in dein unbedingten Festhalten an der göttliehen Unität und an der unteilbaren Allmacht des Göttlichen sowie an einem zugleich triumphal und demütig geäußerten Wissen von der Durchdringung alles Dinglichen und Krcatürliehen durch das Göttliche aus. Man darf behaupten, daß Werfels dichterische Verhaltungsweise wie auch die Form seiner Dichtung in alttestarnentarischem Grund wurzelt. Daran kann auch eine gelegentliche neiitestanicntliche Wort- und Sinnsetzung als Einfluß der Umwelt nichts ändern. Die Dreiteilung des Bandes ist nicht ganz überzeugend in ihren Motiven. Werfel nennt die Teile: Totenpsalter, Unruhe, Hymnarium. Am wenigsten überzeugt die Benennung Unruhe. Sie mag biographische Anlässe haben, aber psychologisch gesehen ist das Elegische, das vom Tod und von Töten handelt, von der gleichen schöpferischen Unruhe, die nichts anderes als einen höheren Grad der Ruhe anstrebt, durchwirkt wie das Hymnische und die Gedichte der Unruhe selbst, sowie auch Elegisches und Hymnisches unauflösbar ineinander gewirkt sind. Der Dichter ist da wohl der Lust einer nachträgliehen Ausdeutung erlegen, die mit seinen dichterischen Dcu- ,hingen wenig Zusammenhang hat. Dies festzustellen, scheint notwendig von diesem Buch, weil seine hohe Bedeutung darin liegt, daß cs uns eine so feschlossene Persönlichkeit, ein so maßgebendes und maßaltendes Fühlen und Wissen von der Welt entgegenstellt, wie schon lange kein lyrisches Buch es vermacht hat. Und wir hinwiederum haben Ursache, uns dieses Phänomens mit aller Kraft zu versichern, weil in diesen Zeiten jüdischer Unruhe das Dasein eines selbstsicher!! jüdischen Schöpfertums zu einer tröstlichen gegenwärtigen und zukünftigen Tatsache wird. Hinzu kommt, daß den Gedichten Werfels all׳ das radikal fehlt, was man oft genug und immer wieder als Wesen jüdischer Literatur auszugeben versucht hat, so etwa artistisches oder gar journalistisches Jonglieren mit der Sprache oder die Jagd nach der Pointe, dem Witz und dem Bluff oder vollends die Glaubens- und Haltlosigkeit. Das Gegenteil von alledem zeigt und bewährt in hohen Graden der Lyriker Werfel. Und warum? Weil er urväterlich jüdischen Geist in sich trägt und über dessen Reichweite hinaus keinen Schritt zur Anschauung macht und keinen Laut zur Form hingibt. Er bleibt im Ring einer, wie schon gesagt, edlen und, wie nur hinzugefiigt sei, frommen Ordnung, die das Göttliche und somit das edel und fromme Menschliche zur selbstverständlichen Voraussetzung hat. Was nun die Sprache anlangt, so hat für sie Werfel selbst sein Programm in dem ״Gebet um die Sprache“ niedergeschrieben: ״Gib mir nicht Macht über die Sprache, Gib der Sprache Macht über mich! Laß mich an überraschender Biegung Dir begegnen irn Dornbusch des Worts, Im stotternd zerrissenen Strauch, Der mit der bläulichen Flamme Deines Gleichnisses brennt!" Schön? Das ist mehr als schön! Denn es ist ein Bekenntnis und ein Langen über die Kunst hinaus. Es klingt ins Biblische hinüber und — wiederum in die jüdische Anschauung von der Herrschaft des Wortes über den Menschen hinein. ״Dinge sind vielleicht nur Zeichen - Doch das Wort ist mehr als Schein — In sein Herz liineinzurcichen -- Heißt der Gottheit näher sein.“ So sagt Werfel in einem anderen Gedicht: ״Legende von der Sprache“. in mehr als zufälligem Zusammenhang mit dieser Sprach- Heiligung steht die Tatsache, daß einige der schönsten Gedichte des Bandes altbibiisclieii Stoffen und Visionen gewidmet sind: Elia, Ezechiel, Jesaia u. a. Und ein Gedicht, wenn es auch nicht zu den besten gehört, läßt unter dem Titel ״Mysterium der Auserwählung“ Gott zum Volk Israel sprechen und so enden: ״Geschöpfen nicht, auch nicht den Engeln oben Ward kundgetan in ihrem Slrahlenchor, Wozu du dreifach sein wirst aufgehoben, Werin der Atome letztes sich verlor, Wenn die Posaune durch die Tiefen schauert, Und du dein Uebcrstehn hast überdauert." Franz Werfel ist in seinem letzten dramatischen Werk, das in diesen Spalten zum größten Teil abgedruckt war, bei der biblischen Geschichte gelandet. Daß dies nicht eine Notlandung war, sondern eine Ankunft von langer, klarer Sicht und Fahrt, das beweist sein Gedichtband, in dem er uns, um mit seinem schönen Wort zu sprechen, den ״Becher der Deutungeh“ reicht — von Deutungen, die Landschaft und Haus, Tier und Mensch und den Ablauf des Lebens in einer lyrischen Schrift verklären — einer Schrift, die überkommenen Sinn und Glauben in eine neue große Anschauung hineinstellt. Die Zeile, mit der er sein ״Gebet in der Dämmerung‘׳ abschließt, wurde erhört: ״Herr, hier bin ich! Faß’ mich an und schreib!" Hermann S i 11 s h e i m e r Anda Pinkerfeld veröffentlicht in Tel-Awiw ein kleines Büchlein ״Die Geisha Lian-Tang singt“. Es handelt sich um japanische Liebesgedichte des 12. Jahrhunderts, mit Anmut und Geschmack ins Hebräische übertragen. Die äußere Ausstattung ist ganz japanisch, übrigens auch mit Bildern des japanischen Malers des 15. Jahrhunderts, Soschu. Wege zum Glauben, Vortrag zur sechsten Eröftnungstefcf des Jüdischen Lehrhauses in Köln, gehalten von Professor Dr. med. Bruno Kisch. Köln. (Verlag P. Fink, Köln, Dasselstraße 22.) Gott ist kein Wisscnsgegenstand. Nur das Seelenleben der Menschen und ihr Versuch, sich über sich selbst zu erhöhen — aus den verschiedensten oft beschriebenen Motiven und Bedürfnissen —, ferner die verschiedenen historisch gewordenen Reiigionssysteme können zum Objekt des Wissens gemacht werden. Die Frage aber: Glaubst du daran? oder: Wäre alles umsonst? Das Leben ein einziger großer Unsinn? kann erst recht nicht beantwortet werden. Nur die Frage nach den Wegen zum Glauben ist sinnvoll. Mit dem Vorspruch ״Die religiöse Gegenreform muß das, durch nichts anderes ersetzbare Kernstück der jüdischen Gegeneinanzipation sein“, zeigt Bruno K i s c 11, der bedeutende Kölner Physiologe, vernehmbar und mit dem Gewicht des ernsten wissenden Walirhritssuchers den gottgläubigen Standpunkt als den Kernpunkt des Judentums. Gegen rituelle Werkpcdaiiterie und gegen inhaltlosen Wortzauber! Kisch ist legitiiniert, es mit aller Wucht auszuspreelien: ״Keine Geistes- oder Naturwissenschaft hat uns Tatsachen kennen gelehrt, die mit den! positiven Gottesglauben unvereinbar wären.“ Kischs Gesamtlialfmig und Beweisführung im einzelnen ist diametral entgegengesetzt der eines anderen bedeutenden jüdisehen Arztes, Naturforschers und Psychologen, der von Sig-_ mund F r e u d, der kühl, aber mit dem gleichen leidenschaft-• liehen Wissensethos wie Kisch, auch mit der gleichen, großen Menschenliebe und Erfahrung es formuliert hat: ״Eine besondere Bedeutung beansprucht der Fall, daß eine größere Anzahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücksversicheruiig und Lcidensschutz durch wahrhafte Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen. Als solchen Massenwahn müssen wir auch die Religionen der Menschheit kennzeichnen. Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst teilt.“ Die Kon segne 11/ einer solchen streng voraussetzungslosen und nichts als wissenschaftlichen 1 )on-Uuichotterie mit umgekehrtem Vorzeichen wäre nach Vernichtung jeglieber Metaphysik und aller menschlichen Illusionen das nackte Nichts. Also an der Not Wendigkeit der cliarakterologsschen und metaphvsischen Uchc!wimlung des psychoanalytischen Menschenbildes möchten wir keinen Zweifel lassen. Wir wollten uns nur!neiden und eimverfen, daß der apodiktische Satz von der restlosen Vereinbarkeit der reinen Naturerkenntnis mit dem jüdischen Gottesglatiben nicht unbestritten ist. Die Wege des (jl.'iuheiis, die Bruno Kisch weist, nachdem er den Stein des Anstoßes, der voll der naturwissenschaftliehen Seite kommt, wrggeräumt hat, sind zweierlei: der amor fati, die Liehe auch zu dem harten Richter unseres Lebens (El diu), also die würdige, starke mm demütige Hinnahme und Bejahung auch eines widrigen Geschicks; niui zweitens vor allem die unablässige Beschäftigung mit der Lehre, das Lernen. Denn Glaube läßt sich nicht befehlen und nicht erzwingen. Wir können uns die (iottesliebe mul den Glauben nicht willkiirlich, unmittelbar auf Befehl aneigneii; auch ein lückenlos schlüssiger und zwingender Gottesbeweis ist für den ungläubigen Menschen weder empirisch-naturwissenschaftlich noch logisch möglich. Wie das dauernde Sichbefassen mit profanen Dingen zu einer inneren Verbundenheit mit ihnen führen kann, so auch das Versenken in die Lehre und in das Wissen vom Jüdischen. 1111 Gegensatz zu einer Heilslehre ausschließlieber Gnadenwahl ist Tür die Gottesfurcht 11ml den Glauben beim Juden der Wille des Menschen seihst maßgebend. ״Man muß den Mut haben, das Licht in seinem Innern umzustellcn, wenn man die Fülle der Lebenserfahrungen auch iri anderer Beleuchtung sehen will als in der bisher gewohnten.“ ״Nur in der praktischen Durchführung des werktätigen Judentums der Lehre kann der Mensch die unbeschreibliche Wirkung, die diese Werktätigkeit.... ausübt, erleben.“ Dieses knappe Gerüst der schönen und ergreifenden Eröffnungsrede vor dem Kölner jüdischen Lehrhaus kann nicht die Fülle der Gedanke!! wiedergehen, mit denen der Redner, auch aus seinem Fachgebiet schöpfend, für den jüdischeu Gottesglauben und das richtige, gesct/eslreue Tun vor einem Kreise warb, dem die Selbstverständlichkeit der jüdisehen Lebensform längst abhanden gekommen ist. Diegroße Frage bleibt, ob eine echte religiöse Zumekbewegung auch hei bestem Willen und der denkbar umfassendsten Vermiftlung jüdischer Kenntnisse allgemein möglich ist, selbst bei rückhaltloser Anerkennung der historischen Tatsache, daß die VOR DEM XIX. ZIONISTEN-KONGRESS IN LUZERN Das Kongreßgebäude in Luzern, F01«:Friok«1. Same Gesamtansicht von Luzern am Vierwaldstädter Sea Foto; Friu su״!״»«־, L«m iliSI Dr. Fritz Ullmann, stellvertre■ tender Leiter des Kongreßhüros, Foto : Archiv Dr. Franz Kahn, Leiter des Kongreßbüros. Foto; MetUer, Basel IfeM אט^ייי־MMMHCbll

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