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Jüdische Rundschau · 1935-06-14 · Heft 48 (14.6.1935) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 48 (14.6.1935)
Date
1935-06-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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■V יי Seite 2 zudenken wie aus Levius Leben. Eine ganze Generation von deutschen Zionisten, heute auch keine Jünglinge mehr, sind Shmarvas Schüler und Jünger gewesen und haben aus seinem Munde das empfangen, was sie in Deutschland nicht.finden konnten: den Kontakt mit dem lebendigen Judentum, das keine Distanzen der Zeit und des Raumes kannte, denn in Levin waren alle Jahrhunderte der jüdischen Geschichte nebeneinander lebendig. Levin wußte aber auch zu schätzen, was die deutschen Zionisten aus ihrer Eigenart zur Bewegung beibringen konnten. Er ist bis zu seinem Tode ein treuer Freund des deutschen Zionismus geblieben. Ein neues Kapitel seines Lebens brachte der Weltkrieg, von dem er während einer Propagandareise in Amerika überrascht wurde. Er konnte nicht zurückkehren und blieb vier Jahre lang in den Vereinigten Staaten, wo er der Kern und Träger einer neuen zionistischen Bewegung wurde. Er bildete dort das Provisorische Zionistischc Komitee, an dessen Spitze Justice Brandeis trat und das für die zionistische Sache so gewaltige Dienste leistete. Nach dem Weltkrieg, als durch die Balfour-Dcklaration der Aufbau des Nationalheims in Palästina eine reale Aufgabe geworden war, war Levins Platz nicht in jenen Komitees, die der unmittelbaren politischen und administrativen Durchführung der Aufgabe galten. Seine Berufung blieb nach wie vor die Propaganda, die Verkündung der Idee, der Aufruf an die Massen des Volkes. So war nichts natürlicher, als daß Levin einer der ersten unermüdlichsten und erfolgreichsten Propagandisteu des Keren 1 lajcssod wurde. Das Wort Propagandist paßt nicht für ihn; er war ein Apostel, ganz und gar Diener der Idee, mit dem Bewußtsein, daß sein Leben nur Werkzeug eines Höheren ist. Wenn er sprach, brach es aus ihm hervor, eine Fülle von Visionen, Gedanken und Bildern, stets genährt von einem phänornenalen jüdischen Wissen, aus dein er seine Gleichnisse und Zitate schöpfte. Viele seiner Vorträge und Reden werden den Hörern unvergeßlich bleiben, angefangen von jenem berühmten ,,Peter Schlemihl“, wo er geistvoll das jüdische Volk als den Mann ohne Schatten darstellte, bis zu den Vorträgen über die Apotheose des jüdischen Geistes in Zion, worin er das gegenwärtige Geschehen tncssianisch durchlebte. Denn Zion hatte für ihn einen messianischcit Sinn. Ihn so erbitterter war er gegen diejenigen Juden und Zionisten, die in die jüdische Bewegung und nach Palästina wesensfremde Elemente bringen wollen. Er war ein unversöhnlicher Gegner des Revisionismus, iri dem er -. ebenso wie sein Freund Bialik — eine furchtbare Abirrung vom wahren jüdischen Weg erblickte. 111 die zionistische Politik hat Levin selten eingegriffen; wo er cs tat, kam es ihm darauf an, gegen Engherzigkeit und Kleinlichkeit, für eine weite, große Volksbewegung zu wirken. Er war in den Nachkriegsjahren ein treuer Freund und Anhänger Weizmanns; dieser Mann einer visionären Phantasie war ein Feind politischer Illusionen und großsprecherischer Phrasen. Von praktisch-geschäftlichen Dingen verstand er wenig. Der den Versammlungsbesuchern bekannte Shmarya Levin war aber nicht der ganze Levin. Vermochte er Versammlungen hinzureißen, so hat er im persönlichen Verkehr durch den unwiderstehlichen Charme seines Wesens und durch den Reichtum seines geistreichen, niemals banalen, immer aus der Wärme des wirklichen Erlebnisses an'Strömenden Gesprächs bezaubert. Er war ein Meister der Anekdote und des Witzes, kein Freund eines hysterischen, heroischen Pathos. Der politische Betrieb war ihm verhaßt. Bei den Nachkriegskongressen, bei denen die Parteipolitik immer stärker überhandnahm, fühlte er sich vereinsamt, und oft konnte man ihn stunilenlang in einer Cafesluhe der Couloirs bei seinem geliebten Schachbrett sehen. Oder aber er zog einen Freund ins persönliche Gespräch- Er fühlte sich Unglücklieh Ina dem Gedanken, daß viele diesen Betrieb, wie er bei Kongressen in Erscheinung trat, als einen Ersatz für die wirkliche jüdische Renaissance, die nur ein Werk des Geistes und der höchsten menschlichen Anspanmmg im wirklichen leben sein kann, nehmen konnten. In diesem Sinne suchte er auch in Palästina zu wirken. Seit zehn Jahren wohnte er dort und hat mit Bialik zusammen den Verlag ״Dwir“ gegründet; in dieser kultnrollen Institution, für die er seit Jahren warb, sah er die Krönung seines hebräisch-kulturellen Strebens. Tiefe Trauer und Sorge erfüllt uns bei dem Gedanken, daß sic alle nun von uns gehen, die Lehrer und Meister des jüdischen Volkes unserer Zeit waren. Achad Haam ist tot, Bialik ist tot, nun ist auch sein Freund Shmarya Levin ihm gefolgt. Die Stimme aus der Tiefe, die Stimme des Gewissens und des Herzens scheint zu verstummen. Wir haben dafür zu sorgen, daß wir sie hören und 11 ö ren machen übers Grab hin• aus. T rauerkuudgebungen Die Londoner Zionistische Exekutive hat anläßlich des Ablebens Dr. Shmarya Levins eine Trauer- Kundgebung veranstaltet, bei der Nahum Sokolow, Dr. Ghaim W e i z in a n n und Berl Locker die Persönlichkeit des Verstorbenen würdigten. Nach dem Eintreffen der Nachricht vom Tode Dr. Shmarya Levins hat die Zionistische Organisation Amerikas gemeinsam mit •der Hadassa und dem Jüdischen Nationalfonds eine Trauerfeicr veranstaltet. Aus allen Teilen Amerikas laufen Beileidskundgebungcn zionistischer Verbände und zahlreicher jüdischer Persönlichkeiten ein. In der New-Yorker Tageszeitung ״New York Times“ wird eine ausführliche Darstellung des Lebens und Wirkens Shmarya Levins veröffentlicht. Am Beginn der Sitzung des Geschäftsführenden Aus- Schusses der ZVID. gedachte der Vorsitzende Dr. Siegfried Moses des schweren Verlustes, den die Bewegung durch das Ableben Levins erlitten hat. Dr. Martin Rosenbitith sprach einige warme Worte des Gedenkens. m _jüdische Rundschau_Nr.48,14.vi. 1935 Der ״Große Maggid“ erzählt sein Leben Mit Shmarya Levin ist uns vielleicht der letzte ״Große Maggid“ geraubt worden, dessen sich unsere Zeit rühmen konnte. Wie jener größte Schüler des Baal Sehern, Dob Bär von M cs ritsch, dem dieser Name zuerst verliehen wurde, gleich seinem Lehrer niemals ein Buch schrieb, aber seine Reden auf/ciehncn ließ, damit sein Wort den Schülern als dauernder Halt verbliebe, so wünscht heute, da die Kunde vom Verstummen dieses lebendigen Mundes uns alle ergreift, wohl ein jeder, der das Glück hatte, Shmarya Levins lebendige Rede auch nur einmal zu hören: daß doch die Rede dieses grollen Maggids aufgezeichnct werden könnte, daß dieses Wort, das er beherrschte wie kein anderer neben ihm nicht mit ins Grab versinken möge. Diesen Wunsch der Schüler hat Slunarya Levin in seinem arbeitsreichen, viel umhergetricbenen Leben vielleicht niemals so schön erfüllt, als in der Stunde, da er — endlich im Lande seiner frühen Sehnsucht, in Erc/ Israel, zur Ruhe gelangt — begann, sein Leben zu erzählen. Ich kann cs nicht vergessen, wie vor einer Reihe von Jahren der erste Band dieser Lebenseriniierungen, die bisher nur in jiddischer und englischer Sprache erschienen waren, nun auch in deutscher — leider sehr mangelhafter — Ueber- Setzung erschien: es war eine neue Welt, die sich uns da auftat - eine neue Welt in der alten, längst schon als veraltet beiseite geschobenen Welt des Golus. ״Kindheit im Exil“ hieß dieses Buch (es ist kürzlich durch die Jüdische Buch-Gemeinschaft nochmals vielen Lesern 711: :inglich gcmacht worden); aber was darin geschildert wurde, in einer Farbigkeit und Fülle wie wir sie seit Schalom Asch nicht sahen — und in einer Tiefe erfaßt, wie Schalom Asch sie nie erreichte — das war das Golus, aus dem unsere Väter Freud und Leid, Stärke und Beglückung sowohl wie Einengung und Bedrückung erfuhren. Denn hier zum ersten Male wieder seit den jüdischen Volksbüchern des 17. Jahrhunderts - der ״Zcnrie Renne“, dem Maasse-Buch — ersland die Do ק ק e I w e 11, ■in der das Kind des GoluS lebt jenes Nebeneinander von Zeit und Ewigkeit — Einst und Jetzt — Swislowitz und Erez Israel. Der Schuljunge Shmarya träumt einmal, wie sich das Rote Meer spaltet: das Wasser steigt gleich zwei Mauern in die Flöhe, in der Mitte ist ein breiter Sandweg. Auf diesem Wege aber schreiten die Juden in Feiertagsgewändern — und unter ihnen erkennt er seinen Großvater, den alten Raw der Stadt, und andere vertraute Gesichter. Und es kommt ihm nicht in den Sinn, dafl der Großvater zur Zeit des Auszugs aus Aegypten noch nicht auf der Welt war — iin Gegenteil: auch’der Großvatcr und der Vater und er selbst ist ja — hier erlebt ein Kind das Wort der Peßach-Haggada — selbst aus Aegypten, dem Flause der Knechtschaft, mit in die Freiheit gezogen... Wie kann sich diese Doppelwelt in einem Kindernerzen aufbauen? In einem Knabenherzen, das doch den Lockungen der Wälder und des Flusses mit Schwimmen und Eisläufen, durchaus nicht abgeneigt ist? — Tag und Nacht sind hier dicht umhegt durch die lebende Hecke der jüdischen Sitte — so dicht, daß das Gebot zum Leben wird. So weiß das Kind, daß die beiden Flüsse, an denen Swislowitz liegt, ihren jüdischen Beruf haben: Natürlich sind sie zum — Taschlidi machen im Revier: alle die Juden aus Lapitz und Choliti und anderen armseliger, Orten ohne fließendes Wasser müssen hierher kommen — wir aber gehen an die Sisla und schleudern unsere Sünden hinein in dem beruhigenden Bewußtsein, daß sie bis zum Schwarzen Meere getragen werden...“ Dies merkwürdige Golns-Geheimnis bildet vielleicht den größten Reiz der Levinschen Kindheitserzählung; daneben aber die rührend schöne Gestalt seiner Mutter, der Frau Elke, der Tochter des Rabbi Mendel, der ״Doktorin“, die selbst von den Nicht-Juden so geliebt wird, daß, als sie krank wird, alle Glocken für sie läuten, ״wir gehen zur Kirche, für Elke zu beten!“ sagen die Nachbarn. — ln dieser merkwürdigen traumhaften Doppelwelt vollzieht sich dann das rasche Erwachen des ״Wunderkindes“ seine Erweckung zum Schriftsteller und Mann des Wortes. Ein zweiter Band ״Jugend im Aufruhr“ führte dann aus der russischen Kleinstadt in die große Welt; erst zu den Mittelpunkten russisch-jüdischeu Lebens nach Wilna und Minsk, dann auch nach Berlin und Königsberg. Aus dem Ghetto-Schüler wird der Politiker und Zionist, der Soldat, der Student in Berlin, der Doktor und junge Ehemann in Königsberg. Ueberall aber finden sich diese ״Sprüche“ des Maggid, die aus dem gedruckten Buche gesprochene Rede machen ... und das ist sein hochster Reiz. Freilich gehört zu diesen ״Sprüchen“ ein Geist, der nicht nur blitzschnell das Wort zu meistern versteht, sondem der auch aus dem reichen Schatze von Jahrhunderten — von jüdischen Jahrhunderten! — schöpft wie der Sohn des Scltemuel Chajini aus Swislowitz. — Als ich vor ein paar Wochen in Jerusdtalajim war, da veröffentlichte die ״Palestine Post“ allwöchentlich Kapitel aus dem vierten Band der Lebenseriniierungen in englischer Sprache. (Die hebräische Ausgabe erscheint im ״Haarez“. — A. d. R.) Dem Leser ist dabei zumute, als hätte sich die lebendige Rede des toten Shmarya Levin freigemacht von seinem irdischen Teil und flöge nun als ein leuchtender Vogel weiter, in die Unendlichkeit hinein, der sein sehnsüchtiger Geist zustrebte. Bertha Badt-Strauß Aus der Selbstbiographie ״Da hast •inen besseren Kopf“ Die Tage meiner Freiheit, meines ungetrübten Frohsinns nahten ihren Abschluß. Ich erinnere mich deutlich jenes Abends, der ■den zweiten Akt in dem Drama meines Lebens einleitete. Am Ende eines Schabbats, als das Gebet zum Abschiedsgeleit des heiligen Tages verklungen war und wir mit Freunden um den Samowar saßen, nahm• mich mein Vater an seine Seite und sagte: ,,Mein Sohn, die meisten Kinder beginnen ihren Cheder mit fünf Jahren. Ich glaube, du hast einen besseren Kopf als die , meisten, wir wollen dich also ein Jahr früher anfangen lassen. Von morgen ab bist du ein Cltcderknabe. Genug mit dieser wilden Freiheit! Es wird Zeit für dich, mit dem Lernen der Thora zu beginnen.“ Die Neuigkeit, die mir so unerwartet kam, war wie ein Licht, das in meine Seele drang. Mit einem Schlage wurde ich in meinen Augen ein anderer, warf die Eigenschaft des unbekümmerten Wildfangs ab und legte die Würde des Chcderknaben an. Ich sollte mit dem Lernen der Thora am nächsten Tage beginnen, der Thora, von der mir meine Mutter so viel Liebes und Herrliches erzählt hatte, der Thora, die int Refrain so manches der Lieder vorkant, die sie am späten Nachmittage vor dem Abendgebet zu summen pflegte. Die Welt öffnete sich vor mir, und ich sah mich schon als berühmten jüdischen Gelehrten, als Weltwunder, als Heiligen: und zugleich öffneten, sich mir die Tore der zukünftigen Wdt: die Welt des Jenseits, das Paradies, die goldenen Throne — alles Worte, die mit der Struktur unseres Lebens, unseres Heims aufs innigste verwoben und mir durch häufige Wiederholung vertrauter waren als tausend Dinge der materiellen Welt. Du siebenjährige Talmud!■! Wenn ich mich recht erinnere, war ich sieben Jahre alt — bestimmt nicht älter als siebenundeinhalb —, als ich den Talmud zu studieren anfing. Und ich begann nicht mit der aus verschiedensten Traktaten zusanimengeflickten üblichen Anthologie — die in allen Gliedern benutzt wurde — sondern mit dem Originalwerk selbst. Ich machte mich sofort an das Traktat Berachot — die Segenssprüche. Mein Rebbe sagte, um mich wäre ihm nicht bange, nur schwächliche und angstliehe Kinder müßten mit Vorsicht ins kalte Flußwasser geführt werden. Kräftige Kinder dürften sich jählings hineinstürzen, sie könnten es ertragen. Der Anfang war aber nicht so leicht, wie ihn sich mein Rebbe vorgcstellt hatte, und ich fühlte mich nicht sehr wohl, während ich bei meinen ersten Schwimmversuchen herumzappelte. Der Stoff an sich war für mein junges — allzu junges — Hirn nicht schwierig; aber ich hatte mit einem seelischen Widerstand zu kämpfen. Ich war zu‘eng mit der Welt der Bibel verwachsen, einer Welt, in der das Gefühlsmoment vorherrschte, einer Welt der herrlichsten Geschiehten und Begebenheiten, die in einer eigenen innigen Sprache zu der zarten Seele des Kindes redeten. Die talmudische Welt, insbesondere ihr kodifikatorisch-theologisches Gebiet, Halacha genannt, ist der Welt der Bibel diametral entgegengesetzt. Sie ist trocken und logisch wie eine mathematische Formel; nicht von Gefühlsmomenten, sondern von ernster und düsterer Logik wird sie beherrscht. Der Scherz, das Gleichnis, die Sentenz, die feurige Rede verschwanden, und an ihre Stelle trat der intellektuelle Syllogismus, kalt und unbiegsam wie starres Eisen. Und der Uebergang von der Emotion zum Intellekt war schmerzlich. lau Benne de■ Meisters Am ersten Freitagabend meines Odessaer Aufenthaltes wurde ich in ein Haus eingeführt, das in einer Vorstadt lag. Der Gastgeber war ein junger Kaufmann mit dem gewohnlichen Namen Ascher Ginzberg. Ich sage ״gewöhnlich“, weil damals noch nicht jener berühmte Aufsatz erschienen war, der diesen Namen in die vordersten Reihen der hebräischen Bewegung rücken sollte. Allein schon zu jener Zeit genoß Ascher Ginzberg in engeren Kreisen der hebräischen Nationalbewegung einen besonderen Ruf. Man sprach von ihm bereits als von einem aufgehenden Stern am jüdischen Himmel. Schon gab es Leute, die seinen Namen mit derselben bebenden Stimme, derselben Ehrfurcht aussprachen, die für das Verhalteil der Jünger eines großen chassidischen Rabbi bezeichnend ist. Wunderdinge erzählte man sich von seiner Gelehrtheit in jüdischen Materien und seiner Bildung auf weltlichen, nichtjüdischen Wissensgebieten. Aber eine noch größere Hochachtung zollte man seinem außergewöhnlich scharfen Ver- Stande und seinem eisernen Charakter, der Kompromissen unzugänglich wär und ihn in allen Problemen unaufhaltsam bis zum Kern der Wahrheit trieb. Ich kam zu Ascher Ginzberg nach dem Abendessen und fand bei ihm eine größere Gesellschaff versammelt. Der Eindruck, den dieses winzige Männchen in dem Augenblick auf mich machte, als wir uns Auge in Auge gegenuberstandi-n, war von solcher Plötzlichkeit und Tiefe, wie ich ihn vorher oder seitdem nie von einem Menschen empfangen habe. Auf seinem Gesichte lag einfach und zugleich feierlich ein merkwürdiger geistiger Glanz. Es war ein offenes und ausdrucksvolles Gesicht, über das der Flug seiner innere!) Gedanken eine deutliche, nicht mißzuverstehende Spur zog: eine klare, natürliche, ungezwungene, streng logische und darum harmonisch wirkende Aufeinanderfolge der Gedanken. Im Gegensatz zu Mendele, sprach er nur wenig und überließ die Kosten der Unterhaltung seinen Gästen. Es war aber dcutlieh zu sehen, daß sich die Gäste in seiner Gegenwart wie Schüler 1m Beisein ihres Lehrers betrugen: in welchen Bahnen ihre Unterhaltung sich auch bewegte, schien sie immer darauf gerichtet, seine Zustimmung zu finden. Unter den Anwesenden waren manche, die hochtrabende Phrasen und tiefsinnige, verwickelte Gedanken liebten, welche sie überreichlich und verworren aufeinander häuften. Wehe dein, der sich beim Reden in seinen Gedanken verwickelte! Das Wort des Lehrers war dann gleich einer scharfen Klinge, die das Gewirr glatt durchschnitt, so daß die imposante Gedankenmasse plötzlich in ein elendes Häuflein Schnitzel und Fetzen zerfiel. Er führte den Schnitt wie ein geschickter Chirurg mit einem Minimum an Blutverlust und dein Maximum an Wirkung aus. Kurz nach unserer ersten Begegnung veröffentlichte Ascher Ginzberg eine scharfe, fast vernichtende Kritik der Methoden der Chibbat Zion-Bewegung. Der Aufsatz trug den Titel ״Lo-zu-ha Derech“ — Nicht das ist der Weg — und war mit dem vom Autor gewählten Pseudonym Achad Haam — Einer aus dem Volke — unterzeichnet. Es ist ganz, sicher, daß Ginzberg dieses Pseudonym aus instinktiver Bescheidenheit angenommen hatte.. Aber man deutete das Pseudonym allgemein als ״Einer, der das Volk repriisen• tiert“ — Repräsentant im vornehmsten Sinne des Wortes aufgefaßt. Der stille, bescheidene, zurückgezogene Ascher Ginzberg wurde nun geistiger Führer. Er hatte die Führerschaft nicht gesucht, sie hatte ihn ausfindig gemacht, ln seiner Natur lag auch nicht der Schatten eines Wunsches nach Größe, er war aber ein großer Mann. Mir persön-!ich blieb er für immer Leiter und Führer, und viele Jahrzehnte gemeinsamen Wirkens und intimer Freundschaft konnten die Distanz zwischen uns — die Distanz zwischen Schüler und Lehrer — niemals vermindern. Es war — so werde ich initiier glauben — einer der glücklichsten Umstände in meinem Leben, daß ich während seines große• ren Teils mit Achad Haam an einem Werke zusammen• arbeiten durfte, das uns beiden teuer war. Und es ist für mich ein Quell des Stolzes, daß ich in seiner Gegenwart nie auch nur für einen Augenblick vergaß, daß ich der Zeitgenosse des großen Denkers und noch größeren Juden Achad Haam war. Wenn Gott das ist meine tiefinnerste Ueberzeugung — aut das Gewimmel der Menschheit Seiner Schöpfung herniederblickt und ihre Einförmigkeit und Trockenheit zu spüren bekommt, so wirft Er zur Linderung einen der Oroßen aller Zeiten in ihre Mitte, uni die drückende Oede des täglichen Kreislaufs für einige Zeit zu beleben. Ein solcher Sendling des Himmels war Achad Haam. Hauptschriftlciter: Dr. Robert Welt sch, Berlin-Charfottenburg 0• Stellvertreter: Kurt Loewcnatein, Berlin W15. Anzeigenleiterm und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Rut Posen er, Berlin W 30. Gültig: Anzeigen-Preisliste 2 vom 1. Januar 1035. Verlag und An&eigcnverwalumg: Jüdische Rundschau, Berlin W15, Mcinckestr.. 10. D.-A. Mai 33 388. — Druck: Siegfried Scholcm, Berlin-Schöncbcrg. I a

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