Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 48 (14.6.1935)
- Date
- 1935-06-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653872--26973-2688387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
- Hrodna 1× ep/1044655
- Isaiah 1× ep/1005097
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
A 1975 J ־־/ ■F-trm Weg j umpfem istina JÜDISCHE Preis 25 Rpf. RUNDSCHAU Bdtrlftlaltnng.Vgrlas a. AnK«Igenverwaltnng1 BerllnWl5,McInrk*»tr.tO Femru!: Sammel-Nr■ J1 Bismarck 3181/82,7165/70. 7240/42. — Bexußspreis je Monat RM 2.-. je Vierteljahr RM 5,75• ־* Postscheck ־ Konten der Vertriebs-Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (lür das übrige Reich), Ausland•- bezug in jeweiliger Landeswährung. — Erscheint jeden Dienstag und Freitag. BERLIN י״ג פיון חרצ״ה FREITAG, 14. JUNI 1935 Anxeigenpreisliste Nr. 2 gültig. Die 12ßeSp. ״״״-'/«•.Ir 20 Rpf, für Stellen«•« 10 Rpf, für Familiennachrichten 15 Rpf, Einzelan/eigen nur eegen Vorauszahlung *rti Schalter oder au! Postscheck-Konto Berlin 71 618 Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr. Annahmeschluß für die Dienstag Ausgabe Montag 10 Uhr. für die Freitag *Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familienanzeigen bis Donnerstag 10 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) 1ru־U lomitenrBisa Juli Bozen—Men. 11a — Bozen —- lausen; Fahrt 13 Tage volle Hotels von t) u. St. Ulrich —. Verlange- I GmbH. liitraQe 106 r 2915 u. ideal en* Korsen ״, D. R. G. M. toller bei Lebef-> Bruchleiden, niere und Sen* nur ״Eviva“ tras cingearb. Bin<fe tarken Leib. Be* übu. nachOpera״ ml meine besond. et. Korsetts ״nich. Seit Jahren, sich getragen• Anerkennungen. 1»1a1.R1n.rwfr liance-Pl. ׳. Tele- 7 Dönhoff «95 tan, Wanzen, Fliegen ■sw. abriUfttion er Str.86» . bewährt! r ihren :icbtnaek in! Laden a• «/** b Uro Friedrich*!׳. K 5 B*rjfm. 47V! Iimgefi * Diktat® seur“ IFALLBAUM!Iserallee 205 iraen u. Herren I Bavaria 3186 Jerusalem gslage. bis 16 J h f * divid. Erriehuoß Handwerk, lushalt fienerai erfrefnnl der nzeigen* rwaifnoi Paifisfina triaönoi t rrKtimaS Slree! rei-nvw P.O-S.1S4 Shmarya Levin Shmarya Levin ist am 9. Juni in Haifa gestorben und am 10. Juni in Tel-Awiw begraben worden Vor sechs Wochen schrieben wir an dieser Stelle: ״Es gibt Menschenleben, in denen eine E p o c 11 e s i c h verkörpert hat.“ Damit war Shmarya Lev in gemeint, dessen Haus (zuletzt in Jerusalem) auch jetzt noch ein Brennpunkt des jüdischen Lebens unserer Zeit war, der noch auf seinem Krankenbelt Menschen anzuziehen, im Bann zu halten, in jener bezaubernden und fruchtbaren Art seelisch und geistig zu bereichern vermochte, wie kaum ein anderer. Dieses Leben ist nun zu Ende gegangen; damit ist die Epoche zu Ende. Wir stehen erschüttert an seinem, an ihrem Grabe. Zwar wußten wir alle, daß Levin schwer krank war. Während seines Besuches in Deutschland vor einigen Jahren ist er erkrankt und mußte die schon angekündigten Vorträge absagen. Seitdem hat er sich nie wieder ganz erholt. Und obwohl wir darauf vorbereitet waren, können wir es kaum fassen, daß dieser Mund für immer verstummt ist. Shmarya Levin war ein Liebling des jüdischen Vol* kcs. Die Seele des Volkes war das Instrument, auf dem er zu spielen verstand, und das ihm antwortete. Die Liebe für diesen Mann war ein Element, das die Teile des jüdischen Volkes in der ganzen Welt vereinte. Kaum ein Mann hat so viele Judengemcinden der Welt besucht wie er, kaum einer vermochte überall in der gleieben Weise die Herzen zu gewinnen. So ist denn heute auch das ganze jüdische Volk in allen Weltteilen von tiefer Trauer erfüllt. Der Schmerz um diesen Verlust vereinigt uns mit unseren Brüdern jenseits der Meere und in allen Teilen der Welt. Er war nicht der Typus des Politikers, auch nicht im strengen Sinne der Typus des Denkers, er war kein Dichter und kein Künstler, und doch war er etwas von allen! diesem. 111 ihm haben die tiefen seelischen Werte, die uralten und stets neuen Träume des jüdischen Volkes sich aus allen Fesseln befreit und wieder Leben gewonnen. Nicht umsonst hat er einmal darauf hingewiesen, welche große Rolle der Traum im jüdischen Denken spielt, angefangen von Jakobs Traum bis zu dem großen Interesse moderner jüdischer Psychologen an der Traumdeutung. Aus den Tiefen des Unbewußten, das durch den Traum sich in unserem Bewußtsein spiegelt, kommen die Kräfte, die das jüdische Volk tragen, und Shmarya Levin war ein Deuter und Verkünder dieser Kräfte. Er war ein begeisterter Jude, der, obwohl ein Weltmann von weitem Horizont, mit allen Kulturen der Völker vertraut, irn Judentum die höchsten Werte und hochsten Gedanken verwirklicht sah. Wenn Shmarya Levin von der Bibel, von der Agadah, von dem Buche Hiob oder den Visionen des Jesaja sprach, dann fühlte man, daß ,hier kein angelerntes Wissen ist, sondern ein echter Erbe-spricht, in dessen Innern all dies neues Leben ge- Wonnen hat, erschütterndes, neu beseeltes Loben; das war ganz anders als alles, was wir westliche Juden etwa in Predigten und Vorträgen über jüdische ״Altertümer“ zu hören gewohnt sind. Es war vulkanisches Hervorbrechen, nicht soigniertes Gehaben. Hier war etwas von ״Renaissance“ im wahren Sinne. Und ebenso war sein Glaube an die jüdische Ethik. Levin wußte, daß alles Jüdische vor einem strengen Richterstuhl zu bestehen hat; daß nicht ״nationaler“ Wert allein, sondern menschlicher und ethischer Wert entscheidet und auch das nationale Wesen sich nur in menschlicher Vollendung־ erfüllen kann, ohne dieses Ideal aber eine Karikatur zu werden droht. In seiner Jugend schon hat Levin die Gemütswerte der jüdischen Welt in sich aufgenommen. Er lebte in der Landschaft und im Gedankenkreis der Bibel und der jüdischen Tjradition, und seine Phantasie wurde leidenschaftlich erregt durch die Feierlichkeit des jüdisehen Brauchtums. Und in diese stille Welt drang damals die revolutionäre Begegnung mit dem Geiste Euro* pas und der Aufklärung. Während andere ihr Judentum wegwarfen, um sich ganz dem als überlegen empfun* r Letzte Aufnahme Jerusalem Frühjahr 1035 Foto; Soanenfeld £׳fkr:.ä; Älflll denen Neuen hinzugeben, hat die Generation Levins, der Kreis der noch im Judentum wurzelnden russischen Juden jene eigentümliche Synthese zustande gebracht, die zur Entstehung des modernen jüdischen Nationalbewußtscins führte. Shmarya Levin hat sein Leben selbst erzählt. Vier Bände Memoiren vermochte er noch abzuschließen. (Davon sind bisher drei in englischer und zwei in deutscher Uebcrsetzung erschienen.) Was an wesentlichen Ereignissen und wesentlichen Menschen in den letzten fünfzig Jahren jüdischer Geschichte enthalten ist, ging durch Levins Leben. Er kam frühzeitig in den Kreis der ersten Chowcwe Zion. Die Begegnung mit Ach ad Ha am ist das entscheidende Erlebnis seines Lebens, er wird fortab dessen Schüler. Mit Deutschland und den deutschen Juden kommt Levin frühzeitig in Berührung; er studiert in Deutschland und gründet in Berlin mit einer anderen Gruppe russisch-jüdischer Studenten den ersten lieber den Tod Shmarya Levins liegen folgende Nachrichten vor: Im Sanatorium Dr. Löb in Haifa ist Shmarya Levin am 9. Juni, 8.15 Uhr abends, einem Herzschlag erlegen. Levin war am Morgen desselben Tages in dem Sanatorium zu einem Freundschaftsbesuch eingetroffen. Den ganzen Tag über fühlte er sich durchaus wohl und war in ausgezeichneter Stimmung. Gegen Abend wurde er von einem plötzliehen Unwohlsein befallen und verschied nach wenigen Minuten. Er hat ein Alter von 68 Jahren erreicht. Die Nachricht vom plötzlichen Ableben Levins verbreitete sich in Palästina mit großer Schnelligkeit. In allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung entstand tiefe Trauer. In Haifa fand um 9 Uhr morgens eine Trauerieier statt, an der viele Tausende Einwohner teilnahmen. Montag früh hatten sich in Haifa im Hofe des Technikums Tausende Schulkinder versammelt, um Levins angekündigte Ansprache anzuhören. WShrend der Ueberführung der Leiche zum Bahnhof, von dem um 11 Uhr der Sonderzug nach Tel-Awiw׳ abging, blieben sämtliche Geschäfte geschlossen. In den Werkstätten ruhte die Arbeit. Am 10. Juni, 2 Uhr nachmittags, ist der Sonderzug mit der Leiche Levins aus Haifa in Tel-Awiw eingetroffen. jüdischen Studentenverein, dem so viele Persönlichkeiten allgehörten, die später im Zionismus führend wurden. In dem zweiten Band seiner Erinnerungen schildert er austühriieh diese Studentenzeit in Berlin (vgl. die Wiedergabt* in Nr. bl der ״Jüdischen Rundschau“ löjj) und den Eindruck, den die deutschen Juden auf ihn machten. Auch später hatte er in Berlin und in Königsberg, wo er studierte, Gelegenheit zum Kenuenlenieii der deutsehen Welt, und im dritten Band der Memoiren hat er beschrieben, wie nach fünf Jahren ״eine tiefe Anhänglichkeit an die deutsche Umwelt“ sieh in ihm zu entwickeln begann. Er kehrte dann nach Rußland zurück und nach einem Schicksalsrcicheu Lebensabschnitt, der ihn vom Großrabbiner in Grodno, Jekatarinoslaw und Wilna bis zum Deputierten der ersten russischen Duma machte, hat er später, nachdem er nach der Niederschlagung der russischen Revolution 1905 verbannt worden war, wieder in Deutschland seinen Aufenthalt gefunden. Shmarya Levin war einer der Männer, die nach Herzls Tod den Umschwung in der zionistischen Bewegung herbeiführten. Der Zionismus drohte damals ein bürokratisches organisatorisches Gebilde ohne inneres Leben zu werden. Die Organisation verwandte zu Viel Energie auf Aeußerliehkeiten und zwischen ihr und dem jüdischen Volksleben tat sich eine Kluft auf. Damals wurde Shmarya ein rastloser Eiferer für die Idee der Erneuerung des jüdischen Geistes und vor allem auch der hebräischen Sprache. Er haßte alles Mechanistische, alle trockene Pedanterie, alle leblose Dialektik; die Seele galt es zu wecken und mit Leben zu erfüllen, und darum mußte immer wieder an das Beste im jüdischen Menschen appelliert werden. Wenn Aehad Haams Lehre der ״Auferstehung der Herzen“ einen Vollstrecker gefunden hat, dann war es Shmarya Levin. 111 einer Periode (1901 )911), wo sieh nur sehr wenig sachliche und noch weniger politische Aufgaben für den Zionismus ergaben, war Shmarva Levin, der Verkörperer der geistigen Renaissance, die zentrale; Figur des Zionismus, in dessen Leitung er 1911 eingetreteil war. Das Volk vorbereiten, im Sinne einer geistigen Vertiefung, einer menschlichen Läuterung und einer Erfüllung mit lebendigen jüdischen Werten, das erkannte Levin als die grundlegende Vorbedingung des Zionismus, und dieser Aufgabe hat er sein Leben gewidmet. Er ist der unermüdliche Erzieher im Ziouismus gewesen. Bis 1914 war Levin im Engeren Aktions-Comite eines der Mitglieder der höchsten Leitung des Zionismus und kam, da die zionistische Leitung in Berlin ihren Sitz hatte, in engen Kontakt mit deutschen Zionisten. Diese Periode einer fruchtbaren Wechselwirkung ist aus der Geschichte des deutschen Zionismus ebenso wenig weg- In dem schwarz drapierten Eisenbahnwagen hielt eine Abordnung des Makkabi die Ehrenwache. Auf den Bahnhöfen von Athlit, Benjaniina, Chcdera und Ludd erschienen jtidischc Abordnungen der Bevölkerung aus der Umgebung und legten Kränze auf. In Tel-Awiw wurde der Sarg unter großem Geleite, unter dem sich führende Persönlichkeiten des Jischuw befanden, nach dem Ohcl Schern überführt, wo der Sarg aufgebahrt wurde. Tausende von Menschen drängten zu dem Saale, um dem toten Führer die letzte Ehrung zu erweisen. Um 5 Uhr begannen die Beisetzungsfeierlichkeiten. Eine große schwarze Trauerfahne flatterte vom Tel- Awiwer Rathaus. Die ganze Stadt stand in! Zeichen einer vollkommenen Verkehrsstockung, als sich die enorme Prozession vom Ohel Schern zum Friedhof bewegte. Der High Commissioner, der sofort an die Zionistische Exekutive ein warm gehaltenes, herzliches Beileidstelegramm sandte, ließ sich bei dem Begräbnis vertreten. Am Grabe sang lediglich der Kantor Kwartin das El mole rachamim und Oberrabbiner U s i c 1 sprach das Kaddischgcbet. Grabreden wurden nicht gehalten. Die Prozession und die Feier verliefen in ergriffenem und ergreifendem Schweigen. Die letzte Ruhestätte Levins befindet sich auf dem Friedhof von Tel-Awiw in nächster Nähe der Gräber Achad Haams, Bialiks und Arlosoroffa. Die Beisetzung 69955