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Jüdische Rundschau · 1935-06-06 · Heft 46-47 (6.6.1935) · page 17

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 46-47 (6.6.1935)
Date
1935-06-06
Page
– (sequence 17)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Berliner Rundschau NR. 46/47, 6 JUNI 193i Nochmals: Der Fall Prinz Die Fledermaus Erstaufführung im Kulturbund Die sommerliche Spielzeit des Kulturbundes hat mit einem ebenso amüsanten wie wohlgelungenen Auftakt eingesetzt. Wir lassen uns gern von den Walzer- und Polkaklängen der iohann Straußschen Fledermaus in die schönere Jahreszeit ineinbegleiten. Der Erfolg, den die Aufführung im Berliner Theater beim Publikum hatte, zeigt seine Bereitschaft, sich ein paar Stunden von heiteren Klängen und Worten gefangennehmen zu lassen und die Sorgen des Alltags dabei wenigstens etwas in den Hintergrund zu drängen. Den Löwenanteil an dem Erfolg hat Rosen Stocks Stabführung, der es gelingt, die leichten, anmutigen und immer wieder bei aller Vertrautheit so mitreißenden Straußsehen Melodien mit Grazie und musikalischer Abrundung herauszubringen. Das Orchester des Kulturbundes hat mit dieser Aufführung eine prächtige Leistung gezeigt Ihm zur Seite steht der Chor, der gleichfalls außerordentlich disziphniert und freudig sang. Singers Inszenierung bevorzugt das derb Parodistische und trägt mit starken Farben auf. Das Publikum freute sich daran und belachte auch mancherlei Improvisationen, die auf den Ort abgestellt waren. Einige textliche Variationen bekamen der Aufführung gut. Unter den Solisten ist in erster Linie der Eisenstein Julius Kuthans zu nennen, der in einer trefflichen Maske auftrat und schauspielerisch wie auch stimmlich eine abgerundete Leistung bot. Fritzi Jo kl als Rosalinde entfaltete sich erst im Laufe des Abends und bot den stärksten Eindruck als ungarische Gräfin. Paul Feber als Gesang- Jehrer Alfred stellte einen stimmlich schönen, unglücklichen Tenor aut die Bretter. Die Adele der Rita Atlasz erspielte sich die Zuneigung nicht nur der Ballbesucher des 2. Aktes, sondern auch des Publikums, wenn sie auch stimmlich nicht in allen Partien ganz befriedigen konnte. Der Prinz Orlofskv Susanne Steins hielt die Festgäste durch seine dezente Zurückhaltung zusammen. Er ließ sich von einem amüsanten Tscherkessen von übermenschlicher üröße bedienen. Siegfried U r i a s als Oefängiiisdirektor und Walter O 1 i t z k i als Notar, sowie Alfred Olaß als Advokat Dr. Blind gaben ihr Bestes, letzterer schauspielerisch außerordentlich wirksam. Die Maske des Frosch wurde von Gerhard P e c 11 n e r ganz und gar in eine schnapsselige Stimmung eiugehüllt. Seine Späße erweckten die Heiterkeit des wohlgelaunten Publikums. Nellv Hirth, Ruth Anselm und Rolph Rav lieferten eine Tanzeinlage während des Banketts bei ürlofsky und ernteten Sonderbeifall. Heinz Cond eil hatte die Bühnenbilder mit einfachen Mitteln sehr wirkungsvoll gestaltet und versetzte uns in die Atmosphäre einer guten alten Zeit mit einem kleinen Schuß von Wehmütigkeit. Der Schluß des Banketts im 2. Akt bildete einen gelungenen Höhepunkt. Alles in allein: eine anregende, musikalisch und auch schauspielerisch gut durchgearbeitete Aufführung, die den Zuhörern viel Freude bereitet hat. u. o. Talmudisches Denken In dem neugegründeten orthodoxen Rambam-Lehrhaus hielt am Dienstag Rabbiner Dr. J, Jakobovits einen Vortrag mit dem Titel ״Talmudisches Denken“, der außer den wissensmäßigen Hinweisen auf die Entstehung und Bedeutung dieses Werkes auch in weltanschaulicher Hinsicht interessant war. Nachdem der Vortragende ausführlich die mündliche Ueberlieferung des talmudischen Stoffes durch 30 Generationen hindurch gewürdigt und die Vor- und Nachteile dieser Form der wissenschaftlichen Arbeit abgewogen hatte, und nachdem er auch in entschiedener Art für die Erklärung des Talmuds aus den Anschauungskategorien seiner Entstehungszeit eingetreten war, wandte er sich der Auffassirng Bialiks über den Wert dieses Stoffes zu. Für Bialik ist die Hagadah flüssig gewordene Halacha, und er sieht in ihr den großen Erziehungsversuch eines Volkes. Für Bialik ist die Hagadah der grandiose Mythos, der aus den Tiefen der jüdischen Volksseele emporgewachsen ist. Jakobovits lehnte diese Auffassung mit bemerkenswerter Schärfe ab. Die Hagadah ist für die Orthodoxie kein Volksmythos, sondern eine Eine bezeichnende Erklärung des Gemeindevorstandes Die Erregung in der jüdischen Öffentlichkeit Berlins und weit darüber hinaus über das Verhalten des Vorstandes der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Affaire Prinz ist in den letzten Tagen immer mehr angewachsen. Die jüdische Presse hat einmütig ihre Ablehnung der Maßnahmen des Gemeindevorstandes zum Ausdruck gebracht. Der Allgemeine Rabbiiierverband hat sich, wie wir hören, gleichfalls mit einem sehr energischen Schreiben an den Berliner Geineindevorstand gewandt und hat Einspruch gegen die Maßregelung von Dr. Prinz erhoben. Eine spontan durchgefülirtc Aktion, die der Sammlung von Unterschriften diente, die die Wiedereinsetzung von Dr. Prinz in sein Prcdigcranit verlangten, hat sehr starken Widerhall gefunden. In wenigen Tagen sind bereits mehrere tausend Unterschriften abgegeben worden. Der Geineindevorstand seihst hat sich in gewissem Maße dem Eindruck des öffentlichen Willens nicht entziehen können. Er hat in Besprechungen mit den Vertretern der jüdischen Presse seinen Standpunkt dargelegt und hat aus diesen Kreisen eine nicht mißzuverstehemle Antwort erhalten. Zugleich hat die Presse ihre Bereitschaft erklärt, in einer vermittelnden Weise an der Beilegung des Konfliktes init/uarbeitcii. Trotzdem hat der üemeindevorstand seine unhaitirare Situation nicht erkannt. Dies wird eklatant deutlich, wenn man die nachstehende Erklärung liest, die uns vom Vorsitzenden des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde zur Veröffentlichung zugeht: ״Die Kanzelfreihcit der Herren Rabbiner, ihr Recht auf Vertretung ihrer Anschauungen wird in unserer Gemeinde jederzeit gewahrt. Die Kanzelfreihcit darf aber nicht mißbraucht werden, sondern findet ihre selbstverständliche Grenze in der Würde des Predigtamts und in der Rücksicht auf die Zeitverhältnisse. Aus einer ganzen Anzahl von Berichten, die aus den Kreisen der Synagogenbesucher des Frieifenstempels eingegangen waren, mußte entnommen werden, daß diese Grenze in der Ansprache des Herrn Dr. Prinz vom Schöpfung von Gott selber, ebenso wie die Halacha. Am Sinai haben die schriftliche wie die mündliche Lehre ihren wahren Ursprung. Unser Sein gewinne seinen Sinn nur durch den Glauben an die Göttlichkeit der Thora. Dieser Glaube hat den ״Tahnudjuden“ auch ini Unglück glücklich gemacht. Der Talmud habe eine Harmonie zwischen der irdischen und der geistigen Welt geschaffen, so daß tatsächlich nach jüdischer Ansicht diese Welt als ״die beste aller Welten“ an- Zusehen sei; und der ״evolutionistischc Optimismus“, der durch den Talmud seit Jahrhunderten in die Seele des jüdischen Volkes gepflanzt worden sei, sei ein nicht mehr zu entbehrender Bestandteil unseres Wesens geworden. Der ,,Talmud- Jude", so führte Dr. Jakobovits aus, hat das Lehen zu jeder Zeit gemeistert: er müsse darum auch für uns das rieht u n g g e b e n d e Vorbild werden. Notwendig sei eine neue Vertiefung in den Talmud und eine Erneuerung des talmudisehen Geisteslebens, aus der auch eine allgemeine Erneuerung erwachsen könne. Dr. Gerhardt N c u 111 a 1111 Familien - Nachrichten Herr Leopold C ahn und Frau Sophie, Wertheim, begehen am 11. Juli die dlbernu Hochzeit. Herr Moritz Käst a 11, NW 40, Thomasius>tr. 14, begeht am 10. Juni den 70 Hrburt.-tag. 17. Mai überschritten worden sei. Nachdem jetzt von Herrn _ Dr. Prinz eine Wiedergabe seiner Predigt veröffentlicht worden ist, die mit diesen Berichten nicht im Einklang steht, wird eine Nachprüfung des Sach- Verhalts erfolgen.“ Wir meine״, daß diese Erklärung einen Grad von Weltfrem d heit offenbart, der kaum noch iiberboieu werden kann. Der Geineindevorstand begeht den Mißgriff, daß er gegen einen Rabbiner auf Grund von Erzählungen unautorisierter Zuhörer einschreitet, obwohl er die ־Möglichkeit gehabt hätte, durch eine Aussprache mit Dr. Prinz selbst oder mit dem Vorstand des Vereins Friedenstempel ein etwa entstandenes Mißverständnis aufzuklären. Fr erfährt sodann durch die Zeitung, nämlich durch den Abdruck der fraglichen Predigt in der ״Jüdischen Rundschau“ ihren Text, der in jeder Weise unanfechtbar ist. Statt mm das Unrecht e i 11 z u g e s t e h e n, das er begangen hat und es sofort wieder gutzuniaciien, wird eine mehr als dilatorische Behandlung der Angelegenheit gewählt. Wir wollen mit dem Geiiieindevorsfand nicht über Würde streiten, obwohl wir glauben, daß sein Verhalten in dieser Sache . die Uebcrgchung aller zuständiger! Instanzen — der Wurde der Gemeinde nicht angemessen ist. Wenn aber in der oben abgedruckfeii 1 rklärung von der Rücksicht auf die ״Z e i t v e r 11 ä 11!1 iss e“ gesprochen wird, so scheint es uns, daß der (iemeindevorsfand, wenn diese Verhältnisse im jüdischen!.eben wirklich beriickskiitigt werden würden, in der jetzigen Zusammensetzung schon längst nicht mehr im Ami sein könnte! Fs ist bedauerlich, daß er gegen einen Rabbiner und überhaupt gegen diejenigen, die in ihrer jüdischen Arbeit diesen Zeitverhältnisseii Rechnung tragen und den Versuch machen, materiell und ideell die jüdische Existenz zu sichern, mit allen .Mitteln kämpft. Der Fall Prinz ist in Wirklichkeit ein ״Fall (icmciii üevorstand", Die jüdische Oeffeiitlichkeit, die eindeutig gegen ihn Stellung genommen hat, findet es nicht mehr erträglich, ihre Geschäfte von einem Vorstand führen zu lassen, der in so ausgesprochener Weise gegen die Gebote der Zeit handelt und elementare innerjüdische Verpflichtungen verletzt. Eine Führung durch das jüdische Krankenhaus Das Werbedezernat der Jüdischen Gemeinde Berlin hat in diesem Sommer Besichtigungen von Gemcin<leeinrichtungen organisiert. In diesem Rahmen fand am letzten Sonntag eine Führung durch Krankenhaus, Hospital und Altersheim der Gemeinde statt. Es hatten sieb über 4(1 Teilnehmer eiugefunden, die von Moritz Rosen■ thal begrüßt wurden. Die Führung eröffnet״ der Direktor des Krankenhauses, Dr. Co bürg er, mit einem kurzen Vortrag über dessen Entstehung und Entwicklung. Das Krankenhaus der Gemeinde kann auf ein Alter von etwa ISO Jahren zuriickblicken. 1111 Grundstück Oranienburger Str. 7/9 wurde es 1754 von der Gemeinde eröffnet. Es übersiedelte im Jahre 1S01 nach der Auguststrafie. Dort wirkten u. a. James Israel, der Internist Traube, aber auch Niehtjuden, wie der berühmte Krieg.-.chirurg Langeiibeck neben seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor. Das Gebände im Norden Berlins wurde am 1. Juli 1914 bezogen. Das Krankenhaus war damals auf 150 Belten berechnet, am Besuchstage waren in ihm 264 Kranke. Die in der letzten Zeit erreichte Höchstzahl betrug etwa 300. 1 )3 bei ist in Betracht zu ziehen, daß ״Woblfahrfskratike“, auch jüdische, es nicht mehr in Anspruch nehmen dürfen, ihre Zahl -23 ze nelxpji J^äunw des «־־*.* MALEST! NE ■&OHIE.VT LLOYD Genera tl/erUehiug^ ״fit*- א- BERLIN WI5 ni lM KI STIL 2 J 1 BISMARCK 7303!81 . i V'.'/M imiikPigtiß. &senßa£jo, wSh ß&MWk&hachqiegSit' PALÄSTINA REISEN

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