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Jüdische Rundschau · 1935-06-06 · Heft 46-47 (6.6.1935) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 46-47 (6.6.1935)
Date
1935-06-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 46/47, 6. VI. 1935 Sie Kriegsjahre für ihn die Zeit fruchtbarsten Arbeitens und Intwerfens. Endlich aber gestatten die Kriegsjahre auf dem Balkan tind später in Polen diesem Menschen zum ersten Male einen Einblick in jüdisches Volkstum in der Welt des Ostens. Jüdische Kinder im Warschauer Kindergarten: aus proletarischen Verhältnissen und doch keine Proletarier; sie leben ״all in ihrer Fünfjährigkcit schon in dreitausend Jahren“. Und jener kecke kleine scfardischc Junge in Ueslciib —■ der Brief war kürzlich hier abgedruckt der ihm als der erste ״jüdische Volksvertreter“ erscheint und ihn fragt, warum er nicht alle seine Bücher ״pour les Israelites" schriebe.. ״Mir aber war doch das Heulen nahe über diese Mischung von Feierlichkeit und Kindlichkeit; und wenn es nicht auf der Straße gewesen wäre, hätte ich den kleinen ,Volksvertreter‘ — es war das erste Kind, das mir in dieser Eigenschaft begegnet ist, sonst nur Greise — beim Kopf genommen. So nahm ich ihn nur bei den Schultern...“ Freilich ist der kleine Volksbote, wie er später belustigt hört, der Schiller eines ״enragiert zionistischen Lehrers“; und dies ist wieder einer von den immer häufiger werdenden Augenblicken, wo der Zionismus in (iestalt eines Zionisten seinen Weg kreuzt und ihn offenbar nachdenklich macht. Aber noch ist er nicht so weit, daß er die im innersten Herzen von der alten Chihbath Zion erfüllten ״Briefe eines Nicht-Zionisten an einen Anti-Zionisten“ schreiben kann. «Ins!,eben*' ״Dabei habe ich ja für mein Schicksal dankbar 711 sein. Wem wird das gegeben, mit zwciumldrcißig Jahren den kühnsten Traum s ■iner Jungensjaltrc verwirklicht zu sehen, das, worum all meine fünfzehnjährige Verzweiflung ging: ein ,Werk', ein wirklich ewiges (was man so auf menschlich ,ewig• neiiin) Werk fertig hinter sieh zu wissen. Mein vveitere> l eben ist ja mm wirklich mir noch ein großes Geschenk . . .“ Wäre Franz Kosenzweig ein ('!rieche, wie er ein Jude war, so lulle er wahrscheinlich an diesem Sd1ick«alspunkt seines Lebens vom ..Neide der < iotter" gesprochen. Das große Werk war vollendet; und auch das Schlußwort des ״Sterns“, die ,Mahnung■ an sieh seihst und an andere ..!ns Leben!“ schien sieh zu verwirklichen, Die (.lohen gewidmete Schrift aus der krirgs/eit ״Zeit ist’s“ hatte die Gründung der Aka• demie für •iic VuM'iischatt de- Judentums zur Folge, die frnlwh in ihrer Ausgestaltung nicht mehr völlig den Altsichten ihrer Autoren entsprach worüber hier ein Brief an Brmlt sehr Ichenwiab berichtet. Was Kosen/weig in ihr vermißte, das gelang einer zweiten Schöpfung, dem .,Freien Jüdischen I ein iiaiw“, die er durch eine neue Schrift ״Bildüng und kein Minie“ unmittelbar angeregt hatte. Wie folgenreieh die Schöpfung des ersten Lehrhauses in Frankfurt, das er selbst bis zu seiner Erkrankung -- und mit Anspannung aller Klüfte auch noch eine Weile nachher! — leitete, geworden ist, das halten wir alle ir! diesen Jahren der Er- Schotterung allerorts in Deutschland mit tiefer Dankbarkeit erfahren. Das ,,große Deschenk“ des Lebens schien seine Gaben über ihn aus/uschütten; er fand die verstehende Gcfährtin, mit der er ein Haus nach seinem Sinne gründen konnte. Und nun hatte, wie er einmal schrieb, ״sein Sclnvcrt einen Griff“. Krankhcitsjahre — Arbeitsjahre Da erkrankt er. Noch heut ist’s atemraubend, in jedem Brief von mählichen Verschlimmerungen, unheimlichen Zeichen zu lesen, die keiner klarer sah und bewertete als der Patient selbst. Hier aber steht nichts von Empörung und Verzweiflung, wie sie damals manchen Schwächeren gepackt hätte — hier sehen wir nur den Uebcrwinder: den Ar beit e r. Es ist eins der erschütterndsten Denkmäler von menschlieber Seelen kraft, gerade weil es uns so völlig unpathetisch und fast mit einem — niemals gespielten ■- Lächeln dargeboten wird. In diesen Jahren der Krankheit, da er mit grauenvoller Unerbittlichkeit allmählich des Gebrauchs seiner Glieder; der Schreihfuhigkeit, endlich auch noch der Sprache beraubt wurde — da ist er wirklich zum ״M o r e n 11“ geworden, /um Lehrer eines ganzen jüdischen Geschlechts. Um! der Titel des ,Moroni, den er damals erst ablehnte und dann mit ersehimmuli-r Begründung dennoch annahtn — den hat kiiner verdient wie dieser ,Wann. ״Mein kleiner Junge — so schreibt er bei der Begründung dieser Annahme — der soll einmal mit diesem Vatersnamen aufgerufen werden und so hören, doli sein Vater, der sein Lehrer nicht mehr sein durfte, auf dem Wog über ,unser!!‘ doch auch sein Lehrer wird sein können . . .“ In düsen Jaliicn der Krankheit entstanden unter immer grölt,!וויו l-.örpei liehen Schwierigkeiten, die nur die tinbeugsame 1 uergie des Kranken und die grenzenlose Hingabe seiner Frau uberx indei! konnten, die Hebe!Setzungen der Gcdicht des Jcluidn llalevt; es entstand . gemeinsam mit Martin Buher . die Debersetzling der ,,Schrift“, die Buber nun nach seinem Tode weiter fortfuiirt. Fs entstanden jene zaliln k hcn, in Itub—chwercn Briefe, aus denen mancher Oesuiule wohl ein Buch gemacht hätte und die den Empfänger jciiesmai beschämten, erschütterten, beglückten — weil sie so pünktlich wie nie zuvoi kamen und so heiter und gleichmäßig wie nur je zuvor klangen. ״Hier ist kein Krankenzimmer — hier ist ein Arbeitszimmer!“ sagte damals jemand, der ihm sehr nahe stand. Besser kann man diesen Sieg nicht ausdriickcn. Jüdisches erinächinis In diesen Brieten offenbarte sich• denn nun auch noch deutlicher als schon zuvor, welche jüdische Aufgabe sich dieser reiche Geist gestellt hatte. Franz. Rosenzweig kam aus einer Zeit, da der Zionismus verfemt war im deutschen Judentum — aus einer Zeit, da Rabbiner, Professoren und Justizräte öffentlich im ,.Berliner Tageblatt“ gegen diese Volksbewegung ״protestierten“. — Vergessen hafte ich's und vergaß es gern... Er aber vergaß es nicht; zumal unter diesem Prolest auch der vielverchrte Name seines Meisters Hermann Cohen stand. Mit Cohens Worten hat er denn auch den Zionismus immer abgewehrt. ״Die Kerls wollen glücklich sein!" Damit wehrt er sich gegen eine ״kleinjüdische“ Auffassung, die ja auch in den Reihen der Zionisten bekämpft wird. Aber er sieht auch zugleich: ״Israel in der Diaspora verleugnet heute in seiner ungeheuren Majorität theoretisch und praktisch gerade das, was dir heilig ist und möchte sein wie alle Völker; der Z1 o - nismus in seiner Majorität praktisch und In einer großen Minorität auch theoretisch bestätigt und lebt jenes Heilig e.“ Es ist wahrlich kein Zufall, daß Franz Rosenzweigs erste jüdische Schiller sich unter den Zionisten fanden: daß der ״aktiv begeisterte“ Jude aus jenem frühen Briefe ein Zionist war -- ebenso wie jener, bei dem der Gedanke der Schrift ״Zeit ist’s“ zuerst auf fruchtbaren Boden fiel. Trotzdem bat sich Franz Roscnz.weig niemals zu den Zionisten gerechnet: er konnte es nicht, weil er die Aufgabe Basler Hol. Basel I Das gut geführte Haus Zimmer ab Frs. 4.50 | Der Dichter des Zu Thomas Manns 60. Geburtstag Vor einigen Jahren glaubte man den Joseph-Roman entdeckt zu haben, den Goethe als Junge geschrieben und den er als Student mit anderen vorschnell gereiften Produkten seiner Kinderjahre in einem großen Auto da Fe vernichtet hat. Mit der Entdeckung, die alle Erbitterung eines Philologenstreits heraufbeschwor, war es allerdings nichts, und bei allem Respekt vor Goethe weiden wir diesen Verlust nicht schwer tragen. Viel wichtiger als das verlorene Früh werk ist uns in ״Dichtung und Wahrheit“ die Schilderung der Gcmütsiagc eines genialen Knaben, aus der es hervorging. Wenn bei zerstreutem Leben, bei zerstückeltem Lernen ein Gemisch von Fabel und Geschichte, von Mythus und Religion ihn zu verwirren drohte, so flüchtete er gern nach jenen morgenländisehen Gegenden, die seine Gefühle zu einem Punkt stiller Wirkung versammelten, so fand er sich mit der Versenkung in die ersten Bücher Mosis unter den dort ausgebreiteten Hirtcnsfämrocn zugleich in der großen Einsamkeit und in der größten Gesellschaft. Die dort für ihn anhebende Geschichte der Menschheit rückte ihm nahe in der traulich faßbaren Umfangenhcit einer engeren Stammes- und Familiengeschichte. ״Diese Familienauftritte, die sich in die Geschichte des israelitischen Volkes verlieren sollten, lassen uns nun zum Schluß noch eine Gestalt sehen, an der sich besonders die Jugend mit Hoffnungen und Einbildungen gar artig schmeicheln kann: Joseph, das Kind der leidenschaftlichsten eheliehen l.icbc. Ruhig scheint er und klar und prophezeit sich selbst die Vorziige, die ihn über seine Familie erheben sollten. Durch seine Geschwister ins Unglück gestoßen, bleibt er standhaft und rechtlich in der Sklaverei, widersteht den gefährlichsten Versuchungen, rettet sich durch Weissagung und wird zu hohen Ehren nach Verdienst erhoben.“ Man ersieht aus diesem Rückblick des 60jährigen Autobiographen, daß da, was das Bewußtsein späterer Bestimmung anbclangt, auch ein Wunschtraum tätig war, und schließlich ist ja auch Goethe sowohl Prophet wie Minister geworden. Josephs Leben ist ein Roman, /.wischen dem Wunderbaren und dern Wirklichen gelagert, er ist der älteste, den wir kennen, und er hat auch den Vorzug eines höchst befriedigenden Abschlusses. Kein Stoff ist namentlich im 16. Jahrhundert so viel dramatisiert worden; jesuitische Präzeptoren wie protestantische Schulmeister haben gewetteifert, den durch den Fall Potiphar besonders empfohlenen Jiingling ihren Zöglingen als Musterknaben vorzuhalten. Es sind dann noch viele Romane über ihn geschrieben worden, darunter auch von Grimmelshausen, dem großen Dichter des ״Simplicissimus“, der sich in einer zeitgemäß bombastischen Ankündigung außer der Benutzung der Bibel und anderer hebräischen Schriften auch der Zuziehung von arabischen und persischen Quellen rühmte. Wenn Grimmelshausen auch mir ein Hörensagen weitergibt, der Koran hat jedenfalls die Geschichte von Jussuf bei! Jakob märchenhaft ausgedichtet; der persische Hafis hat den Propheten, den Traumdeuter besungen, der schön war wie der Mond von Kanaan, der aus der Grube auffuhr wie aus einem Gefängnis des Leibes, der Sinnenwelt, empor zum Königreich Gottes. In der ganzen Literatur hat Joseph eigentlich nur einen Widersacher gefunden; das war Voltaire, der ihn seine Feindschaft gegen die Bibel überhaupt entgelten ließ. Dann nahm er Anstoß an seiner Vcrivaltungspravis. an seiner Vorsorge für die sieben mageren Jahre und entließ ihn als einen unbrauchbaren Minister. Aber der Roman des Lebens hatte es seiner Künstlerschaff doch angetan, und er nannte die Erkennungszene mit den Brüdern die schönste des Altertums, die in keiner anderen Sprache dann erreicht worden sei. Als ich das letzte Mal mit Freund Jakob Wassermann zusainmentraf, als ich ihn wieder zerquält und unentschlossen tand auf seinem dornigen ״Weg als Deutscher und Jude“, riet icli ihm, der mit dem glänzenden Präludium zu den Juden von Zirndorf begonnen, der ja selbst sein großes Fabuliertaicnt alter orientalischer Erbschaft zuschrieb, mit seiner Dichtung zu dem Aufbruch seiner Jugend und zu seinen Vätern im Orient zurückzukehren. Als ich ihn fragte, ob er noch in der Bibel läse, bejahte er leidenschaftlich. Mag ihm die Rückkehr durch allzu frühen Tod abgeschnitten worden sein, jedenfalls ist ihm ein anderer nach diesem Ziel ztivorgekommen. Thomas Mann, der an diesem 6. Juni seinen sechzigsten Geburtstag feiert, hat von der Trilogie seines Joseph-Romans schon zwei Bände herausgebracht und auch von dem dritten, dem mit dem glücklichen Schluß, schon einige bezeichnende Proben vorausgeschickt. Ich denke, daß wir ihm für dieses Rieseiuinfernehmen, für eine der kühnsten literarischen Expeditionen, die je unternommen worden sind, an diesem Tage ein Wort des Dankes schulden. Es ist ein weiter Weg von den Buddenbrooks, die ein deutsches Hausbuch wurden, von einer hanseatischen Faseines Lebens darin sah: ״ein Generationsproblem oder allenfalls ein Jahrhundcrtproblem: wie ... ״Bindestrich-Juden, wie sie das neunzehnte Jahrhundert geschaffen hat, ohne Lebensgefahr für sie und das Judentum wieder ... Juden werden können.“ Zu diesen Bindestrich-Juden aber rechnet er sowohl National-Juden wie Religions-Juden und Abwehr- Juden. Und so kommt er endlich zu der Grundhaltung seines eigenen Lehens: Judaeus suni. Nil Judaei a me alienum puto. — Ein Jude schlechthin — wenn es je einen gegeben hat. Achnliehen Abstand wie zwischen sich und die Zionisten legt er auch zwischen sich und die Orthodoxie; das geht aus den Briefen an Jakob Rosenheim deutlich hervor. Und doch fühlt er seine eigene Bibelübersetzung keiner anderen so tief verwandt wie der Uebersetzung von Samson Rafael Hirsch; und doch hat er unter den größten Anfeindungen von rechts und links daran festgehalten, sein eigenes Haus streng nach den Forderungen des jüdischen Gesetzes zu gestalten. Nur e i n Buch wollte er noch schreiben, so sagt er einmal: lieber das Gesetz. Nichts bedauern wir so sehr wie daß uns dies Buch geraubt wunde. Denn er hätte hier wohl ausgeführt, was er in den Briefen immer wieder andeutet: die Einheit des Ziels. ״I c h werde erst posthum meinen Mund ganz, auftun. Ich werde, weil ich hinwegsehe über die Wege, den Juden dieser jetzt kommenden Zeit die Einheit des Ziels erleuchten. Wie dies Buch aussehen wird und wann ich es schreiben kann — das weiß ich alles nicht; aber mein Leben stelle ich ganz unter diese Posthumität, In dem Buch wird weiter nichts stehen als dies, daß das jüdische Müssen und das jüdische Wollen (das ,Blut‘ und der ,Geist‘, die ,Rasse‘ und die ,Religion‘ ... Buber und Cohen, Klatzkin und Achad Haam und wie man die Antithese sonst noch belegen will) eins ist, unbegreiflich eins, denn alles was man Geschichte nennt, geschieht so, daß sich ein Wollen über ein Müssen hinausschiebt und dabei selber schließlich ei neues Müssen wird ..." Gibt es für das Wollen und Müssen des Juden in unserer Zeit einen klareren Wegweiser als diese im Jahre 191V geschriebenen Worte? Bertha Badt-Strauß Joseph-Romans miliengeschichtc bis zu der unserer Erzväter, die wiederum zum Hausschatz der Menschheit gehört. Dazwischen liegt, recht verstanden als Wegweiser, der Zauberberg, mit der großen analytischen Aufnahme der Zivilisationskrankheiten., die Europa fieberisch heimgesucht haben. Ich nehme an, daß Thomas Mann, wie es ihm bei jedem großen Unternehmen ging, nicht von vornherein eine dreibändige Geschichte geplant hat, daß er sich auch hier, um gründlich auszuholen, wider den ersten Vorsatz rückwärts dichten mußte, um zu höheren Ahnen zu gelangen. Der Roman vom ״Sohn der Rechten“, der den Schönen, den Hinreißenden, den rührend und fast hermaphroditisch Anmutigen sofort mit der höchsten Anschaulichkeit cinsetzt, muß auch auf die Geschichten Jaakobs zurückgreifen, wie der Patriarch sie dem Lieblingssohne hinterläßt, und diese weisen wieder in ״schönen Gesprächen“ bis auf Abraham zurück, den Mann aus Ur, der auf Gottes Wegen nach Kanaan befohlen wurde. Damit stellte sich ein Thema von ungeheurer Größe, die später in der Offenbarung im Mosaischen (jesetz zusammengetaßte Geschichte eines Gottes, des Gottes der Wüste und der Mondgipfel, der die Seinen sich erwählt, abgeschnitten von der Verbindung mit der Urnatur, der sich ihnen vermählt durch den Ring der Beschneidung — der Weg von Elohim zu Jahwe. Thomas Mann versetzt sich ahn hinter die Redaktion der Bibel in die vollmythische Zeit zurück, in der die Religion noch nicht kodifiziert worden ist, in der die Seele mit dem folgcrcichsten Schritt, den sie je getan hat, es unternahm, auf sich selbst zu stehen, den Gottesbegriff mit einer gewaltigen Abstraktion von allem Sinnfälligen zu scheiden und trotzdem Gott über alle seine Werke hinaus zur lebendigsten Persönlichkeit zu er• höhen. Von diesem Gott, weil er das Ganze, weil er heilig war, gab es nicht mehr, wie von den Göttern Geschichten zu erzählen, Abenteuer von Bedrohung und Rettung, von Usurpation des Thrones, von Vernichtung und Wiederatiferstehung; wenn er eine Geschichte hatte, so lag sie in seiner Zukunft, lag ihre Verwirklichung im Geiste des Mensehen, Aufgabe des Menschen, den er sich geheiligt hatte. Die Götzen Kanaans oder Aegyptens, die Gestirngottheiten Babylons, alle die Dämonen des Unterirdischen, die magisch zu behandelnden, zu beschwörenden, zu bestechenden, führen da auch innerhalb des Stammes Jaakob noch ein seht familiäres Dasein im Volksaberglauben, in den Festen, in den Jahreszeiten, in allen Begegnungen mit der Natur. Wie es im christlichen Europa mit den heidnischen Traditionen nicht anders war. Jeder Grad von Kultur war ehedem religiös bestimmt, und es gibt nach dem Wort eines sehr vorsichtigen Forschers keine echte schöpferische Symbolik in der Welt, die sich nicht formgeschichtlich aus dem Orient ableiten ließe. In dieser Welt zwischen drei Erdteilen, zwisehen den Kultureinflüssen von Babylon, Phöni/ien, Aegypten, aut dieser höchst entzündlichen " Reibungsfläche künftiger Weltreiche, auf der Israel nur ein Pünktchen, einen kaum eingefiigten Nagelkopf bedeutete, ist Thomas Mann völlig zu Hause. Wir verkehren mit den Erzvätern, mit ihren Frauen, mit ihrem Gesinde in ihrem täglichen Handel und Wandel genau so vertraut wie ehedem mit seinen hanseatisehen Vorfahren, wie mit den Dekadenten, den Nachzüglern kranker Romantik im Sanatorium des Zauberberges. Woher kommt ihm diese Sicherheit, diese Unbefangen heit, die sich wie in einem Gegenwärtigen bewegt, ungc• schwächt von aller pedantischen Acngstlichkeit des historisehen Romans, unverkleinert von allem gewohnten Lumpensammlertum in bezug auf Kostüm und Kolorit? Thomas Mann hat es sich einmal für die Dichter verbeten, daß sie nach den Ursprüngen ihrer Werke, nach den Quellen ihres Wissens gefragt werden. Aber die Rücksicht gilt wohl nur für Schriftsteller, die solche Fragen nicht vertragen. Dt( Dichter des Joseph-Romans hatte die Bibel wie die ihr angeschlossene jüdische Ueberlieferung und Auslegung und er hat offenbar auch das ״Alte Testament im Lichte des alten Orients“ benutzt von dem kürzlich verstorbenen I.cipziger Theologen Alfred Jeremias, der während des Krieges den schönen Band über ״Jüdische Frömmigkeit“ schrieb und darin auch den nachhaltigen Satz über den Zionis• mus hinterlassen hat; ״Es gibt keine der Judcnheit kongenialere Bewegung. Er mag sich taktisch noch so irreligiös gebärden, im tiefsten Grunde ist er religiös schon durch seine Bindung an das Heilige Land und muß cs sein, weil für die Judcnheit als eine orientalische Gcisteswelt alles., auch die Politik, von der Religion getragen sein muß.“ Mir scheint, daß Thomas Mann sieh sogar mit dem Hebräischen vertraut gemacht hat. Aber schließlich Bücher wälzen, Sprachen lernen kann jeder, welche Anstrengung es auch kosten mag. Das Wesentliche ist die Intuition. Goethe sagt, daß er in sein verfrühtes jugendliches Unternehmen keinen ״Gehalt“' hineinlegen konnte, weil es ihm an EIN JÜDISCHES WUNDERKIND Englische Musikzeitschriften berichten in großer Aufinachimg über das Auftreten des II Jahre alten jüdischen Geigers Andre Guetta in Alexandrien. Sein Konzert, das unter der Schirmherrschaft des Gouverneurs Exc. Hussein Sabry Pascha stand, fand im Alhambra-Theater statt, und die Hörer, die das Haus dicht füllten, bereiteten dem Knaben eine überaus enthusiastische Aufnahme. An der Hand der einzeln aufgeführten Programmnummern rühmt die Kritik die ton- Foto; Dt. Rubioowit• liehen wtd technischen Qualitäten seiner Kunst, und sie schließ mit einem Appell an die Jüdische Gemeinde Alexandriens, dem Jungen die Möglichkeit zu geben, bei großen europäisches Meistern weiter zu studieren, um seine Begabung zur Ent• faltung zu bringen. Ur* K

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