Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 46-47 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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!1«יויי•«•™!׳;.!!» יויי ■ 9 Nr. 46/47. 6. Vi. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 Franz Rosenzweigs Weg Zur Ausgabe seiner Briefe Felo: Archiv Das ist ein seltsames Erlebnis. Noch bin ich kaum aus Erez Israel zurikkgekehrt. Noch sehe ich, sobald ich nur die Augen schließe, die geschwungene Bucht von Haifa vor mir und die herbe Großartigkeit der, Berge von Juda. Noch liegen aut meinem Tische die zarten Blüten, mit denen der Frühling dieses Jahres die Steinwüste überschüttete, weißgefiedert und blau, wie stumme Boten neben dem knorrigeit Blatte vom Grabe Josef Trumpeldors in Kefar Gileadi ... Aber daneben liegt nun ein Buch, das mir vor wenig Tagen zugeschickt wurde und in dem ich seitdem ״wohne“, tagelang und nächtelang; una zu dem ich fortan, wie mir scheint, immer wieder zurückkehren werde — nicht zu ״kalt staunendem Besuch“, sondern umf ״in den Busen eines Freunds zu sehn“. Denn dies Buch — es ist kein Buch, Papier und Druckerschwärze verschwinden dem Blick: ein Mensch steht vor mir, tut den Mund auf, lacht und weint, liebt und haßt, denkt nach und bekennt ... Und aus jeder Seite dieses Buches ruft es und mahnt es: auch hier ist Heilig Land — auch hier ist Erez Israel, wenn du die Stimme verstehst. Franz Kosenzweig, der Früh vollendete, dessen furchtloses Denken und heldenhaftes Leben einem großen Teile unserer jüdischen Jugend neue Wege gewiesen hat, war eine so irn Innersten lebendige, sich mitteilende Natur, daß der Brief, das Zwiegespräch mit dem Abwesenden, notwendig zu einem wesentlichen Teile seiner Lebensarbeit werden mußte. Dazu kam, daß große Strecken seines an Lust und Leid übervollen Lebens ihn auf schriftliche Mitteilung hin leiteten: aus dem Kriege, aus der mazedonischen Flak-Station hat er auf Feldpost-Kartenbricfen, die von dem ״Unter- Offizier Rosenzweig“ an den ״Dr. phil. Rosenzweig in Kassel“ gingen, den ersten Entwurf seines großen System- Werkes ״Der Stern der Erlösung“ nach Haus geschickt; in den letzten acht Jahren seines Lebens hat ihn die unheimliche Kr!1jkheit, die ihn mit jedem Tage mehr unmittelbare Miterschwerte, zu diesen unvergeßlich inhaltsreichen Briefen geführt, die, wie alle seine Arbeiten aus der Zeit der Krankheit, nur durch die fast übermenschlich einfühlende Vermittlung seiner Gattin, die aus kleinster Bewegung der gelähmten Hand, aus einem Blick des Auges das von dem Kranken gewünschte Wort erriet, ermöglicht wurden. Edith Rosenzweig hat das seltene Werk ihres Lebens, die Vermittlung der Gedanken Franz Rosenzweigs, nun fortgesetzt und vielleicht gekrönt, indem sic aus dem fast unübersehbaren Stoff an Briefen und Aufzeichnungen, der ihr vorlag, unterstützt von Ernst Simon, etwa den zehnten Teil der Briefe auswählte und dies erlesene Geschenk den Mitlcbendcn und Nachlebenden zugänglich machte (Franz Rosenzweigs Briefe, Unter Mitwirkung von Ernst Simon ausgewählt und herausgegeben von Edith Rosenzweig. Schocken Verlag, Berlin MCMXXXV). Entscheidung zum Judentum Damit steigt nun — vor den Augen einer verwandelten Welt! — ein gleichnishaftes Leben aus der eben abgeschlossenen Epoche in der Geschichte des Judentums in Deutschland vor uns auf: ein Leben, das mit allen Fasern dieser Epoche eingewurzelt ist — und *las doch über diese Epoche und über manche andre hinaus weist. So hat Franz Rosenzweig einmal die Existenz des Juden umschrieben: er blickt starr über Welt und Geschichte hinüber auf jenen letzten fernsten Punkt, wo Gott der Herr, ״dieser sein Vater, der Eine und Einzige ,Alles in Allem‘ sein wird... Bis zu diesem Tage aber ist es Israels Leben, diesen ewigen Tag in Bekenntnis und Handlung vorwegzunehmen, als ein lebemies Vorzeichen dieses Tages da zu stehen, ein Volk von Priestern, mit dem Gesetz, durch die eigene Heiligkeit den Namen Gottes zu heiligen ...“ Diese Bekenntnisworte schreibt der Sicbenundzwanzigjährige in einem Briefe an seinen Vetter Rudolf Ehrenberg. zweck dieses Schreibens ist es, dem Vetter mitzuteilen, ״was dich bekümmern und zunächst mindestens dir unbegreiflich sein wird״: daß der Briefschreiber in langer und, wie er ״!eint, gründlicher Ueberlegung dazu gekommen ist, seinen Entschluß (sc.: sich taufen zu lassen) zurückzunehmen: er — d. h. Franz Roscn/wcig — bliebe also Jude. Nimmt man Frage und Antwort in diesem Briefdrama <u8 Franz Rosenzweigs Jugend zusammen, so übersieht man mit einem Schlage den ganzen unermeßlich weiten Weg, den dieser junge Mensch gehen mußte, um ״das, was er werden •ollte“, zu werden, (ln das gleiche Ringen hinein führt in diesem Briefbuche der dankenswerterweise im Anhang vollständig abgedruckte Briefwechsel zwischen Eugen Rosenstock und ״Franz ben Jehuda“, der drei Jahre später mitten im Kriege begonnen wurde und schon die Anfänge des ״Sterns“ in sich einschließt.) Dieser jüdische Weg ist es, der uns hier vor allem angeht — nicht der Weg des Historikers und Meineke-Schülers, der das Buch über ״Hegel und den Staat“ schrieb, oder der Weg des Philologen, der das Glück hatte» in der Bibliothek zu Berlin das ״älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ zu finden u11d es streng wissenschaftlich einordnete und erläuterte. Alle diese Wege werden durch dies überreiche Buch erhellt. Hier aber sei nur auf ein paar Wegweiser auf Franz Rosenzweigs jüdi- *che m Wege hingewiesen: weil sie auch uns — und gerade unserem Geschlecht! — Wege zu weisen' imstande sind. Herkunft und Anfang Die ersten Briefe aus dieser reichen Auswahl stammen aus dem Jahre 1904, und kommen aus dem schönen Elternhause Rosenzweigs, das niemand Vergißt, der jemals dort Oastfreundschart genoß. Und doch nannte cs seine Mutter bet unaerem letzten Gespräch einmal ״sein vielgescholtenes Elternhaus“ — und sie lächelte ein wenig spöttisch und ein wenig traurig dabei. Warum? — Dies alte jüdische Bürgerhaus in Kassel mit seinen sorglich gepflegten Biedermeier-Möbeln aus Familienbesitz und wertvollen Ahnen-Bildcrn war ja durchaus nicht so ״entjudet“ und ״entfremdet“, wie es damals, kurz nach dem Tode des Sohnes, in manchen jüdischen Blättern geschildert worden war. Aber: man sah in diesem Hause das Judentum noch immer ein wenig mit den Augen des UrgroB- Vaters Samuel Meyer Ehrenberg, der Inspektor in der Samson-Schule in Wolfenbüttel gewesen war, und dessen bedeutendste Schüler J. M. Jost, der Historiker, und Lipmann Zunz, der Bahnbrecher der Wissenschaft des Judentums, gewesen waren. Der Ehrgeiz des Urgroßvaters war es einst, aus der Jeschiwah in Wolfcnbiitte! eine moderne, ״talmudlose“ Realschule neu zu gestalten; der Urenkel erfüllt sein jüdisches Wirken, als er das ״Freie Jüdische Lehrhaus“ in Frankfurt gründet — das sicherlich mit der alten Jeschi־ wah innerlicher verwandt war als mit der talmudlosen Realschule. Der Weg eines jüdischen Jahrhunderts liegt in diesen beiden Tatsachen. — Damals freilich, als der junge Sohn in diesem weiträumigen Hause aufwuchs, war man sich der Gefahren dieser sorglich gepflegten Tradition noch kaum bewußt. Der Vater, Georg Rosenzweig, ein fast genial zu nennender Kaufmann, gehörte zu den ersten Bürgern Kassels, widmete seine Kraft aber auch den sozialen Werken seiner jüdischen Gemeinschaft; die Mutter, eine schöne und kluge Frau — ״gutwillig, klug und töehterschulgebildet“, nennt sie der Sohn mit der Keckheit der einzigen Söhne einmal in einem Brief an Cohen — war auf ihrer rastlosen Suche nach geistigem Lebensstoff wohl einmal in die Nähe des Ein- Busses ihrer nicht jüdischen oder nicht mehr jüdischen Freunde und Verwandten gelangt, hatte sich aber wieder zurecht gefunden, indem gerade sie sich eifrig mit der Pflege dieses alten jüdischen Familiengutes beschäftigte. Noch in den Briefen des Sohnes sehen wir sie durch Jahre hindurch mit der Bearbeitung der kulturhistorisch höchst wertvollen Ehrenbergschen Briefe beschäftigt, die in großen Mappen neben der handschriftlichen Selbst-Biographie des Urgroßvaters im Hause aufbewahrt wurden. Dem Kinde waren noch zwei lebendige Zeugen aus der Vergangenheit der Familie Ehrenberg vertraut — wie er denn überhaupt als halbwüchsiger Knabe, so erzählte die Mutter, nichts lieber tat als zu alten Menschen hinzugeheii, mit ihnen zu plaudern und sie zu erheitern. Das war die auch im hohen Alter noch schöne, weißhaarige Tante Julie Ehrenberg, die Witwe Philipp Ehrenbergs, die Freuridin des ״Familienheiligen“ Zu(1z; und der alte Holzschneider, Onkel Adam mit seinem Schildkäppchen, das er im Hause trug und das Franz dann viel später in ICriegszeiten in Warschau als typische ostjüdische Kopfbedeckung wiederfand. Der Neffe hat es selbst mehr als einmal erzählt, wie gerade dieser still für sich lebende, etwas absonderliche Hagestolz es war, der ihn zuerst auf die große Verpflichtung des Juden hinwies: ״Entziehe dich nicht der Gemeinschaft!“ .1 in!isehe«; Erwachen In solcher Lebensluft wächst der schöne Knabe mit der hohen Stirn und dem lockigen Haar auf, der — als Schüler noch und dann bald als Abiturient — die ersten Briefe schreibt, die dieses Briefbuch aufgeiioniinen hat. Musik, Architekuir, Karneval bilden zunächst den Hauptinhalt seiner unbekümmert jugeudfrohen Briefe. ״Mit Dürer, Hans Sachs und Onkel Adam“ in Gedanken vereint, spaziert er durch das alte Nürnberg; an Skilaufen und Faschingsbällen freut er sich w׳ie nur je ein Student der Vorkriegszeit. .. wenn auch hie und da schon ein Strahl aufzuckender Ironie und Bewußfheit seiner selbst den künftigen Menschen vorausahnen läßt. Unterdes wandert sein Studium von der Medizin — mit schon damals philosophischem Einschlag — zur Geschichte und er beginnt, an seinem großen Buch über ״Hegel und den Staat“ zu arbeiten. Von jüdischen Dingen ist in diesen ersten Studienjahren wie es scheint, nicht viel die Rede gewesen weder in seinen Briefen noch in seinem Lehen. ״Ich weide ganz philosemitisch“ klingt es einmal fast ironisch, als ihn der Philosophie• Professor Cohn in Freiburg an Moses Mendelssohn erinnert. — Aber dann erzählt ein merkwürdiger kleiner Brief davon, wie er mit großer Freude an der eigenen Diplomatie es fertigbringt, die Kasseler Gymnasiasten zu freiwilligem jüdischem Religionsunterricht zu veranlassen. ״Siehe: eine Stunde hihihi.....mmim...... יי Aristokratie u gutjüdischem Hause“ in den ersten Jahrzehnten des zwan• zigsten Jahrhunderts. — Nun aber wird dieser glänzend begabte junge Mensch, aber schlecht ausgerüstete Jude zum Kampfe um sein Judentum aufgerufen; und da zeigt es sich bald, dal! ihm passive Begeisterung nichts nützt, wenn sie, wie er selbst es später einmal spöttisch nennt ״von dem ganzen Amhaarazus seiner Ursprünge“ begleitet ist. Es ist sehr bezeichnend für die Art seines Denkens, daß ihm dieser Kampf und dieses neue Erkennen — wie später noch fast jedes neue Ziel! — durch Menschen aufgedrungen wird, die ihm entgegentreten und die für sich einen Weg gegangen sind, der ihm als dem Sohne seiner Eltern und dem Enkel seiner Großeltern sehr leicht auch offengestanden hätte. Er sagt es später selbst einmal HiiiiiinmnmiiiimimnmmmnmmmimHiimHiiiiiiiiHmiiiiHMiimiimHiiiiiNmiiiiiiiHHmiiiiiiHiiiiiiiHHiiHHmniiiini Deutschtum und Judentum ... Ihr hallet euch, wenn Ihr eudi alt Deutsche fühlen wollt, eben auch an die kleine Auswahl von Deutschen, die euch gelten lassen, als da sind 1. die »Deutschen", die in derselben Lage sind wie ihr, nSmlidi die andern Juden, 2. einige Deklassierte und Bohemiens, 3. einige Doktrinär-Liberale und Wohlwollende, 4. die Ver|udeten, 5. eure Abhängigen. Bel Cohen ist alles, weil rein geistig, nodi viel krasser. Er laßt vom ganzen Deulschlum eigentlich nldils übrig als seine Philosophie und das was er aus dem Deutschtum als Kronzeugen dafür anlühren zu können meint. Da hat ers leicht, sich für »einen besseren Deulsdien zu halten, wie die ,eigentlichen". Denn Cohenlaner ist er natürlich ein besserer! Die unendliche Chuzpe, die darin liegt, richtet sich |a eigentlich seihst Was an der ganzen Sache dran ist. habe ich in der kleinen Kritik geschrieben, von der Ich immer bat. Ihr möchtet sie mal abschreiben') Deutscher sein heißt eben die Verantwortung für das eigene ganz zu übernehmen, also nicht bloß mit Goelhe und Schiller unc Kant harmonieren, sondern auch mit den andern und vor allem mit den Minderwertigen und Durchschnittlichen . . . der wirkliche Deutsche muß diese alle in sein Herz schließen, oder an ihnen leiden; den Durchschnittsfranzosen aber kann er ruhig beiseite lassen; so wie wir rot werden über den Durchschnitts)uden. wenn er »uns blamiert". . . . Cohen verwechselt das, was er als Europäer im Deulschlum tindet mit dem, was der Deutsche darin findet, Aus Franz Rosenzweigs Briefen Aus einem Brief an die Eitern vom 20. 9. 1917־ , . . Haas fsf persönlich etn prächtiger Mensch, er hat die schönsten grauen Augen, die ich |e sah, wie zwei blanke Metall- Spiegel. Aber, aber —; ... er setzte uns , . . seine Ansicht von Juden. Judentum, Religionsunterricht usw. In ca. halbstündiger ununterbrechbarer — selbst Zwischenrufe konnte Ich nicht anbringen - Parlamentsrede auseinander, einer ganz vorzüglichen Parlamentsrede. Er hat tür einen Politiker viel Geist, für einen Menschen viel Ehrlichkeit, aber für einen Führer und Vertreter der Juden furchtbar wenig Judentum. Eine grauenhafte Vorsiellung. daß dieser Mann tür die polnischen Juden hat Schicksal spielen dürfen. Ich wurde nachher, als Ich endlich sprechen konnte, etwas ausfallend, aber Immer noch zu wenig. Sein Judentum besteht ln dem Stolz, dieser altfundferten und heut doch recht wohhituterien »sozlologischen Schicht' anzugehören. Er fühlt sich als ,Aristokrat". Es Ist eigentlich Ja genau auch euer Standpunkt, deiner und Vaters. Dabei Ist mir gerade an Haas so klar geworden, wie alles Gute dieser »Westjuden* gar nicht die guten Eigenschaften von Aristokraten sind, sondern grade von homtnes novl- Der kleine Ostjude Ist mehr ״Aristokrat" als so ein Haas. Aus Franz Rasenzweigs Briefen An die Mutter vom 3. 6. 1918 ווווו1וו1!ווווווווווווחיחווווחוווו״וווחוווו!וווווו11וווווווווווווווווחוווו״וחווו1וו«וווווווו״וווווו1ווווו״!וו!!וווו!וו1)1״ו״ו״ווווווזווווווווו»זו| wöchentlich kommt zustande. Worauf ich sehr stolz bin.“ — Ob er selbst in späteren Jahren, als seine Schrift ״Zeit ist’s“ den jüdischen Religionsunterricht neu gestalten wollte, an diese jugendliche Wirksamkeit gedacht hat? — Und dann erscheint ein Jahr später (1908) ein seltsames Selbstbckenntnis: einem Freunde, den er selbst einem ״aktiv begeisterten Juden“ nennt, stellt er seinen eigenen ״passiven Enthusiasmus“ gegenüber — als ein eindrucksloses Ding, das seiner Natur nach schon ״nach außen nichts bewegen“ kann. Also — passive Begeisterung eingewickelt in ein Goethe-Zitat. Nichts ist bezeichnender für die Stimmung des jungen Juden ״aus ') Judentum und Deutsdiium. Bemerkungen tu der Hermann Cohen*then Schrift. Unveröffentlicht. )!(11ו111ווו1ווווו1ווו1וחוו1ו1וחו1וי!וווהחו1חווו!ו!1״ו1ו!ו!וווו!!וו111וווווו!וווחו!וווווווו11וווווווווווווו1ו1ווווווווווווו!ווווווו1וווווו1!ווווווווווו!ו mit aller wünschenswerten Deutlichkeit und Respektlosigkeit ״für Leute, die darauf ausgingen, getaufte Enkel zu kriegen...“ (1918). Diese getauften Enkel sind seine Vettern, ihm nahestehend, ehrlich suchend, um nachträglich und wenigstens für ihre Kinder zu einer Religion zu kommen, wenn mau durch frühere Versäumnisse eine solche vorenthalten bekommen hat. Zu ihnen gesellt sich ein Freund, der gerade in diesen Jahren den gleichen Weg gegangen war. Franz. Rosenzweig ist zuerst völlig auf ihrer Seite, ״ich habe ihm heftig zugeraten“ schreibt er einmal. Und aus einem späteren Briefe schließen wir, daß er den gleichen Entschluß auch für sich selbst erwogen hat... (1909). Endlich aber schreibt er (1913) jenen merkwürdigen Brief an den Vetter und Freund, aus dem wir schon eingangs einen Satz anführ• ten: ״Ich bleibe also Jude...“ ״Lernen” Dieser Brief vom 31. 10. 1913 erscheint mir als der Wendepunkt in Franz Rosenzweigs jüdischer Entwicklung. Jetzt begann für ihn die neue Aufgabe: sicli das Rüstzeug zu erwerben, das ihm frühere Versäumnisse vorenthaltei» hatten — zu lernen. Er geht jetzt selbst den Weg, den er später so vielen gewiesen hat. Es dauert kein halbes Jahr, da finden wir ihn wieder als ,.anerkannten Diskussionsfiihrer“ im Seminar von Hermann Cohen. Und damit hat er den ersten seiner großen jüdischen Führer gefunden. Frei-!ich gehörte er nie zu Cohens eigentlichen ״Schülern“, nie zu der bekannten ״Marburger Schule“. Cohen selbst hat sich manchmal halb gewundert und halb beschwert, daß er zu ihm komme, ohne ein einziges seiner großen System-Werke zu kennen, (17s ist nicht ohne einen pikanten Reiz, daß Rosenzweig selber viel später seinem Freund uml Schüler Ernst Simon gegenüber sich in ähnlicher l äge befindet, der schon lange am Frankfurter Lchrhsus neben ihm wirkte, ehe er den ״Stern“ gelesen hatte.) Warum er trotzdem kam, das hat er später (1917) den Eltern sehr eindringlich geschildert: er hatte von allen Philosophieprofessoren bis dahin den Eindruck gehabt; b.ave Leute... feine Geister — aber kein Philosoph. ״Da saii ich ihn... und wußte sofort: das ist Einer.“ Cohen hat diesen Schiller, der kein Schüler war, später gern den ״Trost seines Alters“ genannt; ob er ahnte, daß das lebendigste Bild seines eigenen Wewrts und Weges später von diesem eigenwilligen jungen Menschen entworfen werden sollte? Im gleichen Briefe (S. 2. 11) kündigt er auch gleich seine Absicht an, Martin Bubcr kennen/uleriien; was dann im sei■ ben Frühling noch ausgefuhrt wurde. — Und m gleicher Zeit lernte er täglich Hebräisch bei dem alten Sonnenschein und las in regelmäßigen Zusammenkünften Jesaias mit einigen Freunden. Aber erst viel später fand er den Mann, der ihn in das talmudische Schrifttum einführen sollte: Anton Nehemia Nobel, den Rabbiner von Frankfurt, dem er sich nun wirklich mit der Hingabe eines Schülers anscltloß — bis Nobcls früher Tod, der unheimlich gleichzeitig mit dem Ausbruch der Krankheit bei Franz Rosenzweig erfolgte, dem Bündnis ein Ende machte. Kriegsjahre - Arbeitsjahre Allen diesen Lern-Absichten machte damals der Krieg ein Lude. Wieder aber führen uns nun die Briefe viel tiefer als wir es bisher ahnten, hinein in Rosenzweigs Art, den Krieg zu erleben; seine Mutter hat sic viel später einmal — und mit seiner eigenen lebhaften Zustimmung! — mit seiner Art in der Krankheitszeit verglichen. Niemals sieht er Leiden, trauert nichts Verlorenem nach; hier wie dort sind es nur Schwierigkeiten, die man überwinden muß und an denen sich seine Widerstandskraft erprobt. Gewiß, er entzieht sich keine Stunde seiner Pflicht; erst als Pfleger, dann als Soldat nimmt er alle Anstrengungen und Gefahren auf sich, dabei immer mit unerbittlicher Klarheit über seine eigenen geringen soldatisehen Fähigkeiten spottend. Aber dabei oder trotzdem sind LUZERN Schiller Motel Garn! Alle Zitnm« «lit Telefon und IH»ß. Wasser od. Bit) Zimmer v. Fr 4,50 an, P«n4i0B tb Fr .1150 Autob©**«