Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 46-47 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 46/47, 6. VI. 1935 Produktionsmitteln, die der Volkswirtschaft Palästinas alltäglieh neu zur Verfügung stehen, die gesamte Kapitalsbasis ,und damit die Produktivität des Landes geradezu revolutionär erweitert und erhöht wurde. Das Land, das im Hinblick auf seine dürftigen natürlichen Hilfsquellen früher mit Recht als arm und wenig ergiebig bezeichnet werden konnte, ist von dem Kapitalimport so angereichert worden, daß die ursprüngliche Lirischät/ung seiner Möglichkeiten überholt ist. Das, was ihm an natürlichen Schätzen fehlte, ist durch die Kapitalbewegung der letzten Jahre mehr als kompensiert worden. Auch hier wieder ist es natürlich die Sphäre der städtischen und der jüdischen Wirtschaft, die in erster Linie befruchtet wurde. Trotzdem zeigt auch die arabische Wirtschaft an zahlreichen Indizes, daß auch sie an der neuen Kapitalbiklung gebührend beteiligt ist. Die stürmische Entwicklung der letzten Zeit hält nach V'ic vor an. Die in den Umrissen zum Teil erst schwach sichtbaren Verschiebungen und Umwälzungen der sozialökonordischen Grundlagen, werden in den nächsten Jahren mit weit größerer Deutlichkeit hervortreten und die (icstait des künftigen Palästina entscheidend formen. Wird diese Gestalt dem gleichen, was von den Pionieren des jungen Palästina einmal als Wunschbild erdacht und erträumt wurde? Werden die zeitgemäßen Kriterien wirtschaftlicher Bewährung, die sich beute durchsetzen, die Maßstäbe menschlicher Bewährung, die in dem stilleren Palästina vor 10 Jahren galten, verdrängen? Die Beantwortung der Frage entzieht sich jeder Berechnung. Sie verlangt den gleichen (Hauben an die inneren Triebkrälte der Bewegung, wie in der Zeit, in der das Werk in Palästina aus Mangel an Quantität, an tragfähiger matericller Basis cmzusclirumpfen drohte. Die Amnestie Der durch die Amnestie befreite Jude Simcha Hink i s, der seit den Unruhen im Jahre 1929 im Gefängnis saß, besuchte das Bur״ der Jewish Agencv und sprach Mosehc Seliertok gegenüber seinen Dank für die Bemühungen tun seine Begnadigung aus. Er bat um eine Intervention der Agencv zwecks früherer Befreiung des noch im Gefängnis befind!!’clien Orphali, der infolge der Entscheidung noch nicht frei gelassen worden ist, wonach die zum Tode verurteilten (iciatigenen, die durch den ()berkommissar seinerzeit begnadigt worden sind, nicht sofort befreit werden. Das ursprüngliche Todesurteil gegen llinkis war vom (ierieht selbst gemildert worden. Nach einer offiziellen Mittcilimg soll Orphali erst im August 19JO in Freiheit gesetzt werden. Hiukis wurde, als er in Tel-Awiw zu einem Besuch des Grabes liialiks und des Arlosoroff-Hauses erschien, von einer großen Menschenmenge eine Ovation bereitet. Orphali ist im Jerusalemer Gefängnis, als er erfuhr, daß er erst im Jahre 1056 lrcigelassen wird, erkrankt. Wie verlautet, unternimmt die Jewish Agencv Schritte, um eine Beschleunigung seiner Befreiung zu erzielen. Von der Amnestie anläßlich des Königsgeburtstages wurckn insgesamt 79 Gefangene betroffen — darunter ein Jude —, die zwei oder weniger Jahre abzusitzen haben. (Palcor.) Konflikt in der Stadtverwaltung Tel-Awiw Jerusalem. (Palcor.) Bei der Behandlung des Er- *ichungsbudgets kam es in der letzten Sitzung des Tel- Avviwer Stadtrates zu scharfen Ausei nandersetzun• gen zwischen den Arbeitervertretern und den Majoritäts- Parteien. Die Majoritätsparteien faßten den Beschluß, die religiösen Erziehungsanstalten mit größeren Beträgen zu subyentioniert:11. Ein Antrag der Arbeitervertreter, ihre Schulen in das Budget der städtischen Schulen mit cinzube/ielien und für diese Subventionen zu bestimmen, wurde von der Majoritat abgefeimt. 1 ur die religiösen Erziehungsanstalten wurde ein Betrag von '23tttו Pfund bewilligt. Von den Arbeiterinstitutionell wurde nur die Faclischiiie auf den Namen Max Fein mit 509 Pfund und die Schule des 1״ ianoar Haovcd“ mit ton Pfund bedacht. Als Protest gegen diese Haltung haben die Arbeiter- Vertreter gegen das gesamte Erziellungsbudget gestimmt. Das Bauprogramm des Arbeitsdepartments der Jewish Agency Jerusalem. (Palcor.) Das Arbeitsdeparhnent der Jewir-h Agencv beendigt gegenwärtig den Bau einer größeren Anzahl von (!( bänden und Baracken für verschiedene Arbeiterp'uppci! in Rischon le Zion, k'far Saba, Raanana, Beer laakow, viadar und Ness /,;״na, und zwar insgesamt zehn Baulichkeilen fur 311) Personen der Gruppen ״Akiba‘‘, ״Machugim“, ״Barak“, ״I la/ioni Hainedinati", ianoar Ha/ioni“ und ״Ha-;ehomer f la/air1 .״ ertier w erden in Magdiel, Raanana, Kfar üab,־p und k'erkur sieben Doppelhäuser für 175 einzelne Arbeiter und sechs Baracken für!08 Personen in Rechoboth [Hapoel 1 lamisraehi), Migdal (Hanoar Haowed), Herzlia (Hakihbu/. liameuchad) und Chedera (Haschomer Haza'tr) gebaut. Das Arbeitsdepartment hat ferner 600 Pfund für Hygienische Einrichtungen und die Wasserversorgung in den Kibbuz in Chedera, Migdal und Beer Jaakow investiert, 1600 Pfund in Zelte für 000 Personen; sic hat sich ferner mit 100(1 Pfund an der Ausbildung neuer Einwanderer bei landwirtschaftlichen und Regierungsarbeiten beteiligt. Die palästinensische Zitrus-Ausfuhr London, 1. Juni. (JTA.) Im Unterhaus richtete Abgeordneter Morgan an den Kolonicuminister die Frage, »b die Verhandlungen zwischen englischen Schiffsinteressenlen und und palästinensischen Orangenexporteuren über die Idcbertialmie eines wesentlichen Teils der Ausfuhr der pafistincusisclien Zitrusernte in der nächsten Saison durch eng- Ische Schiffsgcscllschaften zu einem Resultat geführt hätten. Der Kolonicuminister Sir Philip Cunliffc-Lister erwidert«, daß die Arrangements über eine Verfrachtung jew ähnlich privat getroffen würden. Er besitze hierüber teine Information. Er wisse nur, daß der Hig Commissioner für Palästina kürzlich eine Kommission eingesetzt habe, in der iie Zitrusindustne vertreten ist, und die die Aufgabe habe, lie A!t des Transports der Zitrusernte von der! Plantagen zu len Bestimmungshäfen sowie die Heranführung der Früchte tu den Märkten im allgemeinen zu studieren und Vorschläge iür Verbesserungen zu machen. Die Palästina-Exekutive der Jewish Agency hat mit den Revisionisten ein Abkommen geschlossen, dem zufolge diese Palästina■';inwandertmgsZertifikate auf Grund des bisherigen ichlüstels erhalten sollen. Kampf um das Land Aus den Anfängen der Siedlung ln der Geschichte der Palästinasiedlung sind zwei Gedanken grundlegend: der Gedanke der jüdischen Arbeit und der der jüdischen Arbeiler-Sicdlung, die naturgemäß aujs engste miteinander verknüpft sind. Der geistige Kampf um die jüdische Arbeit und die jüdische Siedlung wurde Jahrzehnte hindurch in dem hebräischen Organ der Arbeiterschaft ״Hapoel llazair" (der junge Arbeiter) ausgetragen. Es erscheint demnächst in Palästina eine Anthologie der frühen Jahrgänge des ״Hapoel Hazair“, aus der wir hier einige kurze Auszüge bringen. — Die Arbeiterführer, die im folgenden zu Worte kommen, sind: A. D. Gordon (kam als Fünfzigjähriger nach Palästina, wo er Landarbeiter wurde. Er lebte in Daganiah und hat in seinen Schriften und vor allem durch sein Leben die Zielsetzung der palästinensischen Arbeiterschaft hestimmt. Insbesondere ist seine Proklamierurig der ״Heligion der Arbeit" (״Dal Awodah“) und des Organischen Nationalismus (״Am Adam") in der Geschichte Palästinas und der Jugendbewegung des Galuth von großer Wirkung gewesen.) — J. Cb. Brenner (hebräischer Schriftsteller, wurde 1920 bei den ersten Unruhen nach der Halfour-Deklaration in Jaffa erschlagen). — Elieser Schochat (Siedler in Nahalal). — Joseph W i t - kin (hebräischer Lehrer, eine der führenden Gestalten der ״'/,weilen Einwanderung" von ,1905). Red. Die Anfänge der Siedlung im Emek Nahalal 1921: Ich bin in der Siedlung angekoinmen und habe zu arbeifen begonnen. Es fing an, wie in jener guten Zeit, da wir von Siedlung noch nicht viel wußten. Es hatte geregnet, die Wege waren unbrauchbar und an der Station war kein Wagen zu sehen. So mußte ich zu Fufi«durch den Schmutz zmn Moschaw gehen. Das Gepäck ließ ich an der Station, bis die Wege wieder passierbar wurden. Noch habe ich mich nicht eingcrichtet. Es fehlen Zelte und andere wichtige Dinge. Ich habe auch Billige Kuren an den heißen, hochrad. Thermen BAD TEPLITZ-SCHÖNA ü bet Gicht, Rheuma, Ischias Auskunft: Städtische oder Clarvsche Kurdirektion noch kein Belt. In der ersten Zeit kaufte man einfache Betten und verteilte sic. Jetzt, ist kein Gehl da und so wird nicht gekauft. Vorläufig J>in ich im Zelt, eines Freundes. Zwei Bretter habe ich schon, und wenn ich noch zwei Kisten finde, so wird mein Bett komplett sein. Alle wohnen in Zelten. Jo zwei haben eines. Auch gegossen wird in einem großen viereckigen Zelt. Eine Baracke dient als Küche, Waschküche und Magazin. Jetzt haut man noch einen alten Pferdeslall. Ungefähr 50 Mann sind schon hier, die Frauen und Kinder noch in Nazareth. Das Essen in der Küche ist nicht schlecht, aber es wird uns wohl zu teuw* zu stehen kommen... .u Doktor Jaffc kam, setzte sich auf den Boden, 11m ihn herum die Siedler und er begann: Vor allem, warum habt ihr mich hergerufen? Irl! weiß ja schon vorher, daß ihr nicht tut, was ich anordne. Viele von den Siedlern haben mich schon an die verschiedensten Orte gerufen, um meine Ansicht iil>er die hygienische Lage der Gegend zu hören, aber wenn ich sie warnte und ihnen Verhaltungsmaßregeln gal», so taten sie genau das Gegenteil. Und ihr werdet, sicher auch gerade das tun, wovor ich euch warnen werde.... Diesmal aber v e rlange i c h, daß ibr auf mich hört. Die Sache sicht, hier sehr ernst aus. Ihr seid dabei, ein Werk zu gründen, das seinesgleichen nicht hat im ganzen Lande. Hört also und richtet euch danach. Dieser Ort gehört vom sanitären Standpunkt aus zu den schlimmsten. Er ist nicht schleehter als Jessod llainaalah und nicht besser als Chederah. Wer sich hier;«»siedelt, ist bedroht, wenn der Boden nicht vorher saniert wird, wenn die Sümpfe nicht, radikal trockengelegt werden. Es ist auch möglich, daß die Malaria noch Jahre nach der Entsumpfung wüten wird. Daher halte ich cs für unmöglich, daß ihr zu Beginn im Tale siedelt. Richtet euch zuerst auf den Bergen ein, über 200 ru hoch und einige Kilometer von den Sümpfen entfernt. Von dort könnt ihr täglich ins Tal gehen, um den Boden zu sanieren, die Entsumpfung (lurchzui’fthren und die Dinge so weit zu ordnen, daß ihr eure Familien herbringen könnt. Fünf Wochen nach Ucbeniahmc von Nahalal beschloß die Versammlung der Siedler, die Berge zu verlassen und ins Tal zu ziehen. Die Sümpfe, so meinten sie — seien ja nur ein vorübergehendes Ucbel — dagegen sei cs von lebenswichtiger Bedeutung, die Siedlung mitten in den Feldern aufzubauen usw'. So begann man, mit Eifer die Sümpfe trocken zu legen, zu pflügen und die Zelle an dem für die Siedlung bestimmten Platz äufzustellon. — (Einige Jahre später war das Tal durch die Sanierung fieberfrei geworden. — Anmerkung der Redaktion.) Ueber Siedlungsarbeit Joseph Wltkin: Man muß dafür sorgen, daß die Arbeiter, die sich für Ansiedlung eignen und danach streben, ihr Ziel erreichen können, nachdem sie eine gewisse Zeit als Lohnarbeiter in den Siedlungen gearl»eitet haben. (Nur so wird die Zahl der Arbeiter in den Kolonien wachsen.) Diese Ansiedlung muß auf einer gesunden kolonisatorisch-gesellschaftlichen Basis erfolgen — keine Philanthropie, keine Abenteuer — und nur, wenn die Arbeiterschaft als solche die Sache in die Hand nimmt, wird dies möglich sein. Unser öffentlicher Boden muß Besitz des Keren Ka - ן e m e 111 I, e j i s r a e 1 sein. Für die ersten kolonisatorischen Schritte brauchen wir eine Bank oder einen entsprechenden Agrarfonds. (1908.) jüdische Arbeit A. D. Gordon: Für uns ist es eine Lebensfrage: Sein oder Nichtsein, Ar• beiten oder U n t e r gehen. — Wie wollen wir Juden da! moralische Recht, in Palästina als Volk zu leben, erringen wenn nicht durch eigener Hände Arbeit? Mit Geld vielleicht? Das wäre, weiß Gott, eine Schmach und eine Schande. (1904.) m Was wollen wir In Erez Israel? Nichts anderes als mit unseren eigenen Händen alle Jene Dinge schaffen, die zum Leben gehören, mit unseren eigenen Händen alle nur mögliehen Arbeiten verrichten, die komplizierten, sauberen und leichten ebenso wie die gewöhnlichen, groben und schweren. Wir wollen all das empfinden, was der Arbeiter empfindet, der diese Arbeiten tut, wir wollen denken, was er denkt und leben, wie er lebt — auf unsere eigene Weise. Dann haben wir Kultur, dann haben wir das Leben. Von nun ab sei die Arbeit unser höchstes Ideal. Unsere Einstellung zur Arbeit war unser Unglück (nicht unsere Sünde, denn nicht durch eigene Schuld kamen wir dazu) und in der Arbeit wollen w ir Genesung linden. Die Arbeit stehe im Mittelpunkt unseres Strebcns, sie sei der Grundstein unseres Baues. (WH•) I, Ch. Brenner: Wenn die Hände der Juden nicht fähig sind, Arbeit zu leisten, wenn wir auch hier von der Arbeit anderer leben sollen — dann sind wir verdammt samt unserem Aufbau und samt unserer Bereitschaft zum Bauen..« * Die Sicherung Jüdischer Arbeit erfordert fanatische Hingäbe. AVer darauf nicht achtet — und sei er in jeder Beziehung ein noch so guter Jude — ist unser Feind, unser Todfeind. (1912.) Elieser Schochat: Erwerben wir das Land mit unserem Gelde und lassen wir die Arbeit durch andere verrichten, so bleibt alles, was hier geschaffen wird, uns ewig fremd. Niemals werden wir ein Gefühl der Leere im Herzen verlieren, wie ein Schatten wird uns das Bewußtsein der Schande begleiten, wie die Unfruchtbare, die ihr Pflegekind zwar liebt, es aber stets als fremd empfindet.... Eine nationale Tal kann man nicht durch einen Boten ausführen lassen. Nach Hunderten von Jahren wird ein neues Geschlecht in den Büchern unserer neuen Geschichte blättern und wehe uns, wenn es mit Verachtung seiner Väter gedenkt, die die Arbeit der heiligen Wiederbelebung ihres Landes andem überließen, (1910.) Die große Synagoge in Tel-Awiw während eines Vorbeimarsches Fot•( Z. Klag«, lel-Awi* \