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Jüdische Rundschau · 1935-06-06 · Heft 46-47 (6.6.1935) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 46-47 (6.6.1935)
Date
1935-06-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Schawnotli-ßeilage NR. 46/47, 6. JUNI 1935 Das Fest der Gesetzgebung Von Dr. Oskar Wolfsberg, Jerusalem. Die Feiertage, die früher in etwas gewaltsamer Weise aktualisiert wurden, um irgendein Zeitgeschehen in homiletisches Gewand zu kleiden, haben seit kurzem eine große Funktion: sie dienen wirklich zur Erhellung dessen, was um uns herum geschieht. Verdunkelte früher gelegentlich die homiletische Betrachtungsweise das Werden unserer Tage, so vertieft sich uns heute in ihrem Spiegel das Verständnis für die Verworrenheit des zeitgenössischen geschichtlichen Prozesses. Unsere durch zionistische Gesinnung und durch historische Leiden geweckte Hellhörigkeit läßt uns die biblischen Darstellungen der Vorzeit als wesens geschichtlich erkennen. Da wir den Geschichtsprozeß nicht als einen naturhaften auffassen, da Wiederholungen nicht die Eigenart der Historie sind, so ist sie für uns keine Lehrineisterin in jenem statischen Sinne, daß gute Kenntnis der Daten uns gestattet, Geschehen vorauszusagen. Wohl aber gewinnen wir aus Kenntnis und noch mehr aus Erkenntnis einen festen seelischen Standpunkt für Individuum und Gemeinschaft. Nicht was geschehen wird, können wir aus der Vergangenheit ablesen; wohl aber können wir uns bei ihr Rat holen, was wir tun sollen, welche Haitung in Uebereinstimtnung mit Geschichte als Prozeß und mit Schicksal als Fingerzeig unseres Weges ist. - Die Feste kommen in diesem Zusammenhang natürlich vur als Verdichtungen der Geschichte unseres Volkes, als Symbole, religiös-nationale, von Ereignissen und Schicksalen, die aus dem Zufälligen in die Ebene des Geltenden, Bedeutungshaften, Wert haften, erhoben wurden, in Betracht. So stark in Erez Israel gerade die andere Seite des Doppelcharakters unserer Feste, die natur/.ugewandte, in die Erscheinung tritt, so wenig sagt diese für die Erkenntnis der großen Umwandlungen aus, die sich an unserem Volkskörper vollziehen. So bewegt die Judenheit heute nicht das הג הבכורים das Fest der Erstlinge, sondern der ׳1מן מתן תורתנו die Zeit der Gabe der Thora. Für diese hohe Bestimmung des Schawuoth-Festcs existiert kein greifbares Symbol. Die Mazzah erinnert an Elend und Freiheit (an den Uebergang) am Peßacli, die Sukkah an Wanderung und Provisorium in einem bestimmten Abschnitt (und bringt eine besondere geschichtliche Haltung, die des Gottvertraucns einer werdenden Nation zum Ausdruck). Schawuoth als geschichtliche Station entbehrt des sichtbaren Merkmals. Unser Renaissancestreben hat sehr wohl diejenigen Stadien unseres Geschickes erfaßt, die durch Peßach und Sukkoth ihren symbolhaften Ausdruck finden. Wofür bereits die graue Vorzeit sichtbaren Ausdruck schuf, das gelingt auch jetzt wieder. Aber in einem sind wir unsicher und noch nicht weit gelangt. Wir begreifen nicht zur Genüge, wie sehr auch diesmal die Gesetzgebung konstitutiv für unser Werk ist. Verkannt wird insbesondere, wie notwendig die frühzeitige Rezeption der geistigen Pflichten ist. Auch diesmal muh von uns das Normative in unsere Arbeit eingeführt werden. Für unsere nationale Erneuerung ist wiederum Genügsamkeit, schneller Entschluß und für nicht wenige die Bereitschaff zu einem Provisorium notwendig — wie einst. Und für unsere geistige Erneuerung finden wir, wie damals, keinen flüchtigen, partiellen Ausdruck. Wieder wird der ganze Mensch gefordert, die Hingabe an das Absolute, an die große, religiöse Forderung. Indem das ewige Volk sein eigenstes Dasein erneuert, muß es sich —- das lehrt der Blick in die Wesensgeschichte — der religiös fundierten Gesetzgebung hingeben, deren Schwerpunkt in der sozialen Ethik liegt. Diese Gesetzgebung ist ein מתן תורה auch dieses Mal und wird wie eine Gabe entgegengenommen, weil tief in uns die Ueberzeugung schwingt, daß wir dem höchsten Postulat uns beugen, dessen Quelle nicht in uns, sondern 1m Unendlichen liegt. Wir erkennen, wie schwer es ist, mit landläufigen Begriffen wie ״heteronom“ und ״autonom“ zu operieren. Die Symbollosigkeit des größten Anspruchs, der Totalität der Lehre bringt viele in Verlegenheit. Leicht ist der Halt, den die geprägte Form verleiht. In der Feier, die uns vom Wege kündet, den wir gehen sollen, von den Grundlagen unseres Daseins als Individuen und Gesamtheit innerhalb des Volkes, dessen Ursprung, Pfad und Ziel uns bruchstückartig bekannt sind, fehlt uns jede bequeme Krücke. Wir müssen in dem Wesen des Tages, im Substantiellen nach Antwort suchen. Das kann nichts anderes heißen, als Verzicht zu leisten auf Nachahmung, Mode, Talmi. Wir werden nicht in flüchtigen Zeitströmungen, in unernstem Spiel oder selbst in wertvollen Partiallösungen den Schlüssel für unsere inneren Entscheidungen finden. Wieder stülpt man uns den Berg auf den Kopf wie ein Faß, uns nur, nicht anderen Völkern und läßt uns nur die Alternative: ״Wenn ihr die Thora annehmt, gut; wo nicht, so wird dort euer Grab sein.“ All denen, die glauben, daß wir so uns anläßlich unserer erneuten Volkwerdung freimachen können von hohen sittliehen Verpflichtungen nach innen und außen, diene die überzeitliche Situation, die die Agadah malt, zur Lehre und Malinung: mag anderwärts es anders sein; wir sind durch Aufgabe und Schicksal — wie eng sind beide miteinander verbunden! — gehalten, unser Heim mit ganz reinen Händen zu bauen. Da wir den Anschluß an die Geschichte wiedergetunden haben und der sorglosen und unkritischen Uebertragung von Begriffen wie Entwicklung, Fortschritt usw., besonders in der Vorstellung kontinuierlichen Schreitens Mißtrauen entgegenbringen, so bedeutet die Erneuerung von מתן תורה keinen Neubruch, besonders keinen Bruch mit dem Akt der Offenbarung, an den Schawuoth erinnert. Sie bedeutet vielmehr die ernste Wiederaufnahme des Gedankens und Gehalts des Gesetzes, das uns einst zuteil ward. Wie wir im alten Land Israel wieder Heimat finden, so soll auch die alte Lehre wieder in unserer Mitte lebendig und wirksam sein. Wir kennen alle Schwierigkeiten, die das für Menschen bringt, die so lange einer anderen Welt zugehörig waren. Die lange Aera der Galuth hat das Leben reduziert und das Gesetz im Verhältnis dazu als hypertrophisch erscheinen lassen; es mag ihm auch manche Tendenz zuteil geworden, die in einer sozial und wirtschaftlich produktiven Atmosphäre nicht aufgekommen wäre. Vieles ist in all den Jahrhunderten nicht gestaltet worden, manches unvollkommen. Die neue Begegnung zwischen Halaehah und Leben, das sich unter schwierigsten Bedingungen erneuert, ist voll der größten Konflikte. Aber die Führer des Volkes dürfen sich dadurch nicht von dem notwendigen Weg abbringen lassen. Das Gesetz hat zahlreiche Handhaben für die Regelung unseres Lebens im Geiste der Gerechtigkeit; es ist zudem ausbaufähig. Eine Kraft aber wohnt ihm noch inne, auf die man keinesfalls verzichten darf: die vielen rechtlichen und sozialen Bestimmungen des Gesetzes sind ein Teil eines gro- Ben umfassenden Ganzen, das geschichtlich ehrwürdig, aber lebendig geblieben ist, systematisch aber den Zusammenhang mit anderen Wertgebieten gewahrt hat. Dadurch ist auch der Teil des Gesetzes, der der zivilen Sphäre angehört, nicht der Nüchternheit und völligen Zwecklosigkeit preisgegeben, die so viele Gebiete unseres Lebens heute beherrschen und auch das große nationale Ideal in der Praxis schnell in einen Interessenkampf verwandeln; wobei zugegeben werden muß, daß der Kampf der Arbeiterschaft in Palästina ein notwendifes sittliches Werk ist (dies ist ein allgemeines Urteil; daß inzelheiten der Kritik unterliegen). Aber auch der Kampf der Arbeiterschaft um einen Neubau der Gesellschaft würde viel gewinnen, wenn er eingefügt würde in die Wiederholebung des totalen, integralen Judentums mit seinem Reichtume der praktischen und theoretischen Sphäre. Oft haben wir es schon ausgesprochen, daß das Eintauchen in unsere Gcistcsgeschichtc uns, neben der Ucbennittlung von Kenntnissen von größtem Wert, zu uns selbst, zur Seele unseres Volkes zurückführen wird. Was für die Sprache gilt, trifft auch aut den Inhalt zu. In der Zwiesprache mit allem, was geschaffen und geschrieben worden ist, offenbaren sich nicht nur Vokabel und Gedanke. Diese sind schon Kristallisierung. Aber etwas an ihnen, besonders wenn man viel sich zu eigen gemacht hat, trägt noch die Kennzeichen des Fließenden und offenbart damit etwas vorn geheimen Leben des Geistes, der Wort und Wortzusammenhang schuf. Ein altes Kulturvolk kann sich erneuern, kann ungeahnte Neugestaltung annehmen. Aber alle Metamorphosen können den Charakter nicht verwischen, der ihm eignet. Ein altes Volk kommt von seiner Eigenart nicht los. Illlllfflinilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllmillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllimimilllllllllllllllllllllllllllllllll VISION VOM JORDAN Von L u d w i g M t־ i d n c r Ich hör’, wenn ich dem iimern Ohr mich neige, ein fernes Rauschen, wie wenn ein Strom in seinem Fcisenbeüc wallt. Ich m*Ii’ das Licht, wie seine Helle fliegt auf Fittichen der KngeLcharen, die überm Rauch und Dampf gen Süden Hieben. Wie eine Hand der andern reicht die Leuchte. so schwingt von Mund zu Mund der Engel Weise: ein einziger entzückter Laut, — der Wind fegt ihn dahin, im dunsiigen Raume seine Spur verweht Ich träum’ mich ein, im Halb-cblaf fühl’ ich deiner Wanderwellen Kreisen. Die Welle leckt und wühlt am grünlichen Gotein, zu meinen Füßen klatscht das Wasser übern Sand. Hier ahn’ ich Wegesspuren, die einst Jehosehuah mit seinen Speerbewehrten in den lehmigen Grund gedrückt. Jauchzt, meine Sinne, jauchzt, die Wölkleiu schwellend treil>en. Hoch hängt der Adler überm Brausen deiner Winde. Der heiligen Ncwiim Zungenreden schall! ins Land wie Hall von Himmelshöhen. Gebückt an leLiger Wand will ich die Hand im Schaum der lauen Wa-ser netzen, mein Spiegelbild erschauen, das mir ein Antlitz, beut, wie nie ein Antlitz strahlt in Galuths bitterer Quak Bedacht hah ich so oft mein Los und wie es kommt, daß ich das Heil von einem fernen Strom erfleh’. Und wenn ich grollend abseits gehe, wenn ich voll Hangens aus der tiefen Nacht mich beuge, dann blitzt du auf im Lichtsfurz grellen Mittags, du Jarden. den ich mir erträumt. du Wutoehiraum meiner späten Zeit, -. ent'chöpf’ mich ganz, verhör’ den Schlummer und weck müh manche düstere Stunde. ferner Mahner Strom. 1)M11111i1!1111t11111t111M1111!n11!1i1tt!11in111!1111m1111Htt111t1M!n111m111!!1n1111m11t!111111m111!״i!111mt1n111111!111111m11M-11׳mL Der Schawuoth-Hymnus ״Akdamut” und seine Entstehung Von Dr, Jakob Meitlis, Berlin In vielen Synagogen hat sich ein altes Lied erhalten, das am ersten Tage des .Schawuoth-Fcstes, also dem Tage der Sinai-Gesetzgebung, als eine poetische Introduktion (רשות) zun! Vorleser! der Thora vorgetragen ' wird. Dieser in aramäischer Sprache abgefaßte Hymnus, der den Namen (wegen seines Anfanges ״ (אקדמות מליןA k d a m u t“ führt, und der sich bis auf den heutigen Tag großer Beliebtheit erfreut, preist den Schöpfer des Weltalls, der zugleich der Gesetzgeber am Sinai ist, als den treuen Freund und Helfer Israels. In einer glühenden, an Farbenreichtum strotzenden Sprache wird das künftige Heil des Volkes und der Frontmen geschildert. Ein Leben voll irdischer wie himmlischer Freuden wird dem leidenden und verfolgten Volke mit einem hellen Lichtblick in die mcssianische Zukunft verheißen. Allein um das Entstehen dieser poetischen Konipasition und die Gestalt des Verfassers hat die Volksphantasic eine von den verschiedensten Motiven getragene Sage gewoben, die seit jeher weit verbreitet und bekannt ist und die in den meisten Gebetbüchern zu dem Schawuoth-Fcste als Ueberleitung zu dem Akdamut-Liedc abgedruckt ist. Bevor wir uns hiermit beschäftigen, wollen wir aber noch einiges über die Person des Verfassers des Liedes sagen. Der Verfasser Es ist der im Deutschland des Mittelalters weif bckannte und sehr verehrte R. M e i r b. Isaak (ר' מאיר בר יצחק שליח צביר) , ein älterer Zeitgenosse Raschis, der in Worms im 11. Jahrhundert n. Chr. als Vorbeter gewirkt hat. Berühmt war er vor allein durch seine liturgischen und religiösen Dichtungen, die bei der damaligen Judenheit in sehr hohem Ansehen standen. Wegen seines großen dichterischen Könnens wurde er auch der Leuchtende, Nohorai, genannt, weil er, wie es wörtlich von ihm heißt, ״die Augen Israels durch seine Piutim erleuchtet hatte“. Und seiner Person nimmt sich die Volkssage mit besonderer Wärme an, indem sie das Entstehen des Akdamiit-I.iedes außerordentlichen und wunderbaren Umständen zuschreibt. Die tagende Es war, wird berichtet, zur Zeit des R. Meir b. Isaak, des Vorbeters, da wurde die Welt in große Unruhe und Bedrängnis durch allerlei Zauberwesen und schwarze Kunst versetzt. Ein Mönch, der sich dieser Künste in ausgiebigster Weise zu bedienen wußte, hat sich «las zunutze gemacht, um die Juden zu bedrängen und nach ihrem Lehen zu trachten. Die Juden aber trugen ihr Anliegen dem herrschenden König vor, der ein Mann der Gerechtigkeit und der Gnade war, und dieser ließ den Bedränger zu sich kommen, um ihn wegen seiner Anschläge zur Rede zu stellen. Der König selbst aber fürchtete seine Kunst und wußte sich nicht zu helfen, als darin cinzuwilligcn, daß die Juden an diesem Tage, nach Ablauf eines vollen Jahres, dem Bedränger einen ihm ebenhurtigen Mann gegenüber zu stellen hätten, damit er versuchen sollte, ihn zu besiegen. Sollte aber der Jude das nicht vermögen, so erhielt der Mönch freie Hand, mit den Juden zu tun, wie es ihm beliebe. Als die Juden das vernahmen, sammelten sie sich in ihren Bethäusern, gürteten Säcke um ihre Lenden, streuten Asche aut ihre Häupter und saßen in Trauer und Niedergcschlagenheit am Boden, fasteten und flehten den Himmel um Errettung an. Da sandte ihnen Gott ein Zeichen durch einen frommen Mann, der ihnen verkündete: Gott hat ihr zerknirschtes Herz, gesehen und will ihnen seine Hilfe nicht versagen. Der Erretter aus der Not befindet sich unter den Bnc Moschum jenseits des Sambatjon-Elusses, wo die zehn Stämme ihr eigenes Land in Unabhängigkeit bewohnen und ein frommes und gottgefälliges I eben fuhren. Von dort .sollten sie sich ihren Helfer aus der Not holen. Keiner war nun würdiger, als Sendbote auserkoren ־zu werden, als der durch seine Frömmigkeit und Gottesfurcht bekannte R. Meir b. Isaak, der Vorluder aus Worms. Diesem gesellten sieh noch drei andere Gefährten hinzu, denen man Sendschreiben und Siegel der Gemeinde an die Brüder jenseits des Sambatjon mitgegeben hatte. Die Boten zogen bald van dannen gegen das Land der Zehn Stämme und kamen bis zum Fluß Sambatjon an einem Dienstag, acht Tuge, bevor das Jahr um war, an dem sie sich dem Mönch gegcnübcrstelleu sollten. Nun hat aber der Fluß Sambatjon die Eigenschaft, daß er die ganze Woche hindurch Steine und. Feuer speit, so daß man ihn nicht passieren kann. Nur am Schabbath ruht er. Wollte aber einer au diesem Tage wagen, den I hiß zu überschreiten, so wurde er jenseits von den Bewohnern ergriffen mul erbarmungslos wegen Verletzung der Schabbathruhe hingerielitct. IHe ganzen Tage der Woche saßen die Sendboten am Ufer des Flusses und warteten. Als der Schabbath herankam und der Fluß /u ruhen begann, da entschied sich R. Meir, sein I eben für seine bedrängte Gemeinde einzusetzen und allein den Fluß zu überqueren. Denn er sagte zu seinen Gefährten: ״Fs ist genug, wenn sie. mich ergreifen und töten, wu/u wollt ihr noch euer Lehen mit aufs Spiel setzen?“ Da ließen sic ihn schweren Herzens ziehen und blieben in banger Erwartung zurück. Aut der anderen Seite des Flusses angelangt, wurde R. Meir sofort ergriffen und ins Gefängnis geworfen. Als er aber von der Not der Brüder in der (1:11a berichtete und die Sendschreiben verlegte, da entließ mau ihn und begann zu beratschlagen, wer den Juden zu Hilfe eilen soll. Und sie losten unter sich und sieiu• - das Los fiel auf ein kleines, altes und hinkendes Männchen, Dan mit Namen. Ihm sollte die schwere Aufgabe zufallen, die Juden aus ihrer Not zu befreien. Zu R. Meir sprachen sie aber: ״Wisse, daß dir nicht erlaubt ist, den Schabbath zu entweihen und in das Land deine!* Heimat, zu Weih und Kind zuräick/ukehren. Die Not gebietet cs, daß Dan noch am selben Tage von dannen zieht, um Erlösung und Hilfe den Leidenden zu bringen. Dort wird er bleiben, ein Weib nehmen und ansässig werden. Du aber bleibst hier und ergreifst Besitz von dem Boden, den Gott unseren Vätern gegeben hat.“ Also zog das kleine rote Jüdlein von dannen und stieß bald zu den früheren Gefährten des R. Meir. Von hier nahmen sie den kürzesten Weg, tun noch rechtzeitig in die Heimat zu den bedrängten Juden zu gelangen. Bald kam der Tag. an dem das rote Jüdlein dem Schwarzkünstler gegen über! re ten sollte. Es versammelte sich viel Volk, und auch der König und sein I lofstaat waren dabei. Alles bestaunte das kleine und unscheinbare Mannlein, das von weit her zugereist kam, um dem berühmten Schwarzkünstler Rede und Antwort zu stehen. Als der Mönch seine Künste versuchte und Schaden anrichtcii wollte, da hetete das ״rot Jtidlein“ zu Gott, und er half ihm, alles zunichte zu machen. Da der Mönch seine Unterlegenheit einsall, hat er das Jüdlein, er mochte ihm doch sein Lehen schenken, da er sonst vor ihm keinen Bestand haben konnte. Sn tat Gott ein großes Wunder durch tlie Hand des Juden aus dem Lande der zehn Stamme, und das Volk Israel war erlöst. Das rote Jtidlein blieb nunmehr hei seinen Brüdern in der Gola und nahm zu seinem Weihe die Tochter des R. .Meir. Dieser Tag war gerade der kurttag zum Sehawuoth-f'oste und da sprach das rote Jtidlein in Anwesenheit von ganz Israel: ״Wisset, als ich von meiner Heimat fortzog, da gab mir der fromme R. Meir das Geleit und gebot mir das Lied, das er auf dem Wege verfaßt hat, euch zu uberbnngen und euch zu bitten, cs in seinem Namen am fest tage zu sagen.“ I );us Lied beginnt: אקדמות מלין und w ird seither an jedem ersten Tage des Schawuotli-Festes gesagt. 4c Soweit die Legende, die auf das Entstellen tlieses eigen■ tiimlichen Hymnus Bezug nimmt. Ihrer inneren Struktur nach haben wir es hei dieser Legende mit einer historischen Allegorie zu tun, der eine Reminiszenz, eines sich wirklich abgespielten Ereignisses aus ferner Zeit zugrunde liegen mag. Hier kommt die düstere Stimmung deutlich zum Ausdruck, in die die Judenheit durch die blutigen Verfolgungen des ersten Kreuzzuges iut Jahre lfKKt versetzt wurde. Auch die weit verbreitete und in verschiedenen Versionen erzählte Sage von dem Vorhandensein eines unabhängigen jüdischen Reidies der früheren zehn Stämme ist hier in ihren wesentlichen Hauptzügen in die Erzählung verwoben. Wir finden noch in dieser Legende eine weit atisholcnde Schilderung der Nöte und Bedrängnisse der damaligen Juden, ihrer Leiden und Hoffnungen mit all den charakteristischen Attributen jüdischer Gläubigkeit und Zuversicht. Das Charaktcristischc der jüdischen volkstümlichen Erzählung tritt uns auch hier deutlich vor Augen: Nicht etwa die rauhe physische Gewalt, die Macht des Schwertes ist für sie entscheidend. Hier wie anderswo steigert sich die jüdische Sage bis zu einer Anbetung und Idealisierung der geistigen Macht, die entsprechend ihrem Vorstellungskreise, allein das Wunder, die erlösende Tat vollbringt. Ihre Helden sind Träger einer höheren Geistigkeit, Kämpfer des Wortes. Sie sind zuweilen die Unscheinbaren, die Einfachen tmd Geringen, die dem Volke in Zeiten der Not als Helfer gesandt werden. Ihre Kraft ist in ihrer schlichten Gläubigkeit, in der Lauterkeit ihres Wesens, in der Reinheit ihres Tuns tief verwurzelt. Und wenn nun am Schluß, als eine Ueberleitung dazu das eigentliche Akdamut-Lied folgt, so klingt cs aus wie eine Apotheose auf Gott, den alleinigen Helfer und Erretter in der Not, der in der messianischen Zeit seinem Volke voll* kommene Hilfe und Erlösung angedeihen lassen wird

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