Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 46-47 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 46'47, 6. VI 1935__J0D1SCHE RUNDSCHAU _ Zur jüdischen Situation in Deutschland Eine Kundgebung: der ZVfD. Die innerjiidischen Ereignisse der letzten Wochen ließen es geboten erscheinen, die Anschauungen, die von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland vertreten werden, einer größeren jüdischen Öffentlichkeit darzulegen und Rechenschaft über die Aktionen zu geben, die von der ZVfD. gegenwärtig durchgeführt werden. Diesem Zwecke diente eine Kundgebung, die gemeinsam von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und der Berliner Zionistischen Vereinigung einberufen worden war und am 3. Juni im großen Saal des Logenhauses in Berlin, Kleiststraße, stattfand. Die Veranstaltung war lange vor Beginn überfüllt, so daß eine große Zahl von Besuchern keinen Einlaß mehr finden konnte. Namens der Einberufer eröffnete der Vorsitzende der ZVfD., Dr. Siegfried Moses die Versammlung, begrüßte insbesondere Kurt Blumenfeld und wies auf die besonderen Anlässe hin, die zu dieser Kundgebung geführt hatten. Er führte sodann etwa folgendes aus: Vor einigen Wochen faßte eine Tagung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland — besucht von den Hunderten deutscher Zionisten, die jetzt Träger der zionistischen Arbeit im ganzen Reich sind, — einmütig und einstimmig folgenden Beschluß: ״Wir deutschen Zionisten (ordern eine personelle und organisatorische Umgestaltung der zentralen und örtlichen Instanzen der deutschen Judcnheit, die den Zionisten den ihnen 7.113t ehenden Einfluß auf die Gestaltung der jüdischen Arbeit in Deutschland verschafft und sichert.“ Aus welchen Voraussetzungen heraus sind wir zu diesem Beschluß gekommen? Was besagt er? Wie werden wir ihn durchführen? Wir haben uns nicht leichten Herzens zu dieser Aktion entschlossen. Die Bewältigung der Aufgaben, die uns in unserem eigensten zi. istischen Bereich gestellt sind, verlangt von uns unablässige, verantwortungsbewußte Arbeit. Auf uns ruht die Arbeit für den Aufbau Palästinas, für die berufliche und menschliche Vorbereitung der nach Palästina auswandernden Jugend, für die Palästina-Auswanderung selbst. Wenn wir uns trotz dieser überwältigenden Fülle schwerer und beglückender Arbeit jetzt noch zu einer Aktion entschlossen haben, die eine Umgestaltung der Gemeindekörperschaften und der zentralen Instanzen der Judenheit in Deutschland zum Ziele hat, so beruht das auf den Erfahrungen von zwei inhaltsschweren Jahren. Seit 1933 hat sich das Verhältnis der Juden in Deutschland zu jenen Instanzen entscheidend gewandelt, weil sie für das reale Leben eine bis dahin ungeahnte Bedeutung gewonnen haben. Das Leben der Juden in Deutschland erschien den meisten bis 1933 als ein breiter Strom, von dem nur ein bescheidener Teil in eine schmale, abseitige Rinne geleitet wurde, die ihnen damals ,,jüdisches Leben“ hieß. Das änderte sich 1933 mit einem Schlage und dann von Monat zu Monat, von Woche zu Woche mehr: es weitete sich der jüdische Bezirk, und diese Ausweitung machte die jüdischen Instanzen zu immer wesentlicheren Faktoren für unser Leben. Sie waren plötzlich in großem Maße zuständig geworden für die Erziehung unserer Kinder und für die Berufsausbildung der Jugend, für die Erhaltung jüdischer Existenzen, sowie für die Schaff u n g neuer Existenzen außerhalb Deutsch- 1 a n d s und nicht zuletzt auch für unsere innere und äußere Stellungnahme zu den Dingen der Umwelt, die uns angehen. Dieser neue Aufgabenkreis erforderte eine völlige Um- Stellung: unerläßlich erschien ein grundsätzlich neues Wollen der jüdischen Instanzen, ein neues Tun von äußerster Intensität. Aber an den meisten Stellen fand die neue Aufgabe überwiegend Kräfte am Ruder, die nach ihrem Vorstellungskreise einer vergangenen Zeit angehören; Kräfte, die vielleicht eine aus der Vergangenheit überkommene formale Rechtsposition besitzen, zweifellos aber heute nur eine Minderheit der Juden in Deutschland hinter sich haben. Diese Konstellation hat uns Zionisten nicht verhindert, wns mit der jüdischen Gesamtheit auch in der praktischen Arbeit solidarisch zu fühlen und allenthalben mitzuarbeiten. Wir brauchten die Leitmotive für diese Arbeit nicht erst zu suchen; es galt, die in Jahrzehnten zionistischer Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zur Grundlage für eine Umgestaltung des gesamten jüdischen Lebens zu machen. Für diese Neugestaltung traten wir in allen Körperschaften ein, überall nach besten Kräften mitarbeitend — sachlich und ohne persönliche Ambitionen, in dem Wunsche und in der Hoffnung, so eine Solidarität des gesamten Judentums in Deutschland schaffen zu helfen. Allein unsere Hoffnung erfüllte sich nicht. Zwar erwies es sich, daß die Juden in ihrer großen Mehrheit durch die jüdischen Erlebnisse dieser Jahre im Innersten erschüttert sind und zu den jüdischen Problemen eine neue durch den Zionismus entscheidend beeinflußte Einstellung gewonnen haben. Aber die Menschen, denen ohne ihr Zutun die Aufgabe zugefallen war, in den jüdischen Instanzen die neue jüdische Arbeit zu tragen, zeigten nicht das gleiche instinktive Verständnis für die neue Situation wie die Mehrheit der Mensehen, die formal ihrer Führung unterstellt sind. Sie sprachen Donnerstag, den 13. Juni 1935, 20,30 Uhr Singakademie, Am Fcstungsgraben KUNDGEBUNG DER BZV Grundsätzlidies zur Maßregelung des Rabb. Dr. Joadiim Prinz Was darf und soll heute ein Rabbiner seiner Gemeinde sagen Es sprechen: Dr. Salli Hirsch Mitglied des Gcmcindcvorstandes Dr. Franz Meyer Dr. David Schloßberg Vorsitz: Benno Cohn BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG und handelten, als stehe nicht eine großenteils innerlich gewandelte Judenheit hinter ihnen, sondern noch die alte Wählerschaff, die sie um das Jahr 1930 herum an die Wahlurne getrieben hatten — vielfach durch das Sehreckbild eines Zionismus, der die Zugehörigkeit der Juden zum deutschen Volke gefährden könne! Sie ließen sich unsere Anschauungen und Forderungen vortragen und glaubten, ihnen genug tun zu können durch unzureichende Maßnahmen, die sie als freiwillige Konzessionen betrachteten, während sie ihnen in Wahrheit durch die Verhältnisse abgenötigt wurden. So haben wir jetzt — nach den zwei Jahren feststellen müssen, daß unsere bisherige Methode der sachlich-internen Mitarbeit die zionistische Komponente in der jüdischen Arbeit ganz unzulänglich zur Geltung gebracht hat — zum schweren Schaden der Arbeit und damit der Juden in Deutschland in ihrer Gesamtheit, Unser Drängen brachte Anfänge eines systematischen jüdischen Schulwesens zustande, die dem Bedarf von gestern allenfalls genügen; vor dem Bedarf von morgen und dem Erfordernis eines umfassenden Aushaus des Sc hui Werks, wie er sich aus dem Bedarf von morgen ergibt, verschließt man die Augen. Wo in der Gcmeimiearheit radikalere Maßnahmen unvermeidbar waren, ״- wie auf dem Gebiet der Ik e r n f s p o I i t i k_ - hielt mau Ausschau nach Gelegenheiten, bei denen man sich docli vielleicht den Frforderttissen der Zeit widersetzen könnte. Scheinbar akzeptierte man zionistische Vorstellungen auf manchen Arbeitsgebieten, versuchte aber gleichzeitig, ihre Verwirklichung zu vorhindern oder zu beeinträchtigen, indem man die gegebenen Träger der Verwirklichung — die Zionisten aus der Arbeit nach Möglichkeit ausschaltete. Und auch in den zentralen Stellen - in denen an sich ein erhöhtes Verständnis für unsere sachlichen Forderungen vorhanden ist - glaubte man gerade in wichtigen Augenblicken Verbeugungen vor p e - r i p 11 e r ־ j ii d i s e h e n Anschauungen machen zu müssen, die sich als ideologisch zeitgemäß und praktisch erfolgversprechend ausgeben, während sie in Wahrheit praktisch sinnlos sind und zugleich das Gefühl für jüdische Würde missen lassen. Alles in allem sind organisatorische und personelle Ver• ändcrimgen unerläßlich geworden, nachdem sich hcrausgestcllt hat, da(1 unsere sachliche und amhitionslose stille l:inwirkung mul Mitarbeit die Inhaber formaler Machtstellungen nicht hindert, von ihren verjährten Rechtspositionen Gebrauch Seife 3 Aus der׳ Haftara für den 2. Tag Sdiawuoth Mag denn die Feige nicht blühn, kein Ertrag an den Weinslöcken sein, der Trieb des Oelbaums versagen, die Fhlr Speise nidit (reiben, die Schale der Hürde entrissen und kein Rind mehr sein in den Ställen: ich, freuen will ich mich SEIN, jubeln des Goils meiner Freiheit. ER. mein Herr, ist meine Macht, er läßt meine Füße wie der Hindinnen werden, über meine Kuppen läßt er mich schreiten. Chabakkuk 3, 17 — 19 Vr.tdeuisthl von Mattin Bubet zu machen, wann immer Neigungen oder I ieiiiinungeii oder gar Kofijuiikturumstäiicle es richtig erscheinen lassen. Aus den Gründen, die uns zu der Aktion genötigt haben, ergibt sich zugleich auch Inhalt u!111 Ziel der von uns beschlossenen Aktion. Nicht um Führerpositionen fiir Zionisten geht es uns, sondern wir erstreben sachliche Führung fiir den deutschen Zionismus. Das ist das Ziel (und /!!gleich übrigens auch die Grenze), die wir uns gesetzt haben. Die organisatorischen und personellen Veränderungen, die wir ondem, müssen sicherstellen, daß im I inklang mit ilen jetzigen MehrlieiDverhältnissen in der Judenheit Deutschlands und vor allem mit den sachlichen (iegebeiilieiten und Notwendig!,eiten die jüdische Arbeit in!)eutselilaml in alb.11 ihren ]eilen von den /ionistiseilen Erkenntnissen und (icdauhengängei! entscheidend hestimmt und beeinflußt wild; in allen ihren I eilen: gewiß auf dem Gebiet der jüdischen S e 11 11 1 e, d 1 Berufs- und W i r t s 111 ׳ a f t s p o I i t i k, der I in denn!:; d es Palästina-;1 u f b a 11 s und der A 11 s \v a 11 d e r 11 11 g, aber auch auf den übrigen ( iebieten des jüdischen Lehens. Wie das im einzelnen dun lizniniiren Pt, kann und soll nicht einheitlich festgelegt werden, \\ 11־ sind bereit, mit der gleichen Sachlichkeit, mit der wir bisher mitgearbeitet haben, Vorschläge zu prüfen und zu beurteilen. die wirklich geeignet sind, den zionistischen Einfluß auf die Arbeit in den verschiedenen Körperschaltcii zu sichern. Nicht bereit sind wir, uns damit einverstanden zu erklären, daß man uns jetzt unztllängliche T e i 1 k o n / e s s i o n e 11 aut organisatorischem und personellen! Gebiete Vorschlag!, wie man das bisher auf dein sachlichen Gebiete getan hat. Dies ist auch der Grund, weshalb wir unseren Entschluß, die Umgesialtung zu fordern, sofort der jüdischen Oeffentliehkeit unterbreitet haben, statt etwa zunächst in Kon vcntikel-Vor ha ml hingen festzustellen, wie weit man vielleicht bereit sein könnte, uns cntgcgeuzukominen. Wir werden den von uns neu eingeselilageiien Weg mit unbeirrbarer Kraft und Entschiedenheit gehen — in der Gewißheit, daß wir durch unsere Aktion nicht etwa in Konflikt mit den Geboten jüdischer Solidarität geraten, sondern im Gegenteil für wahre jüdische Solidarität kämpfen, die mir in der Verwirklichung eines wahrhaft jüdischen Programms entstehen und bestehen kann. Die Versammlung nahm diese Erklärungen von Dr. Sieg■• fried Moses mit starkem Beifall auf. Hierauf ergriff Kurt Blumenfeld zu einem umfassenden Referat über die Tendenzen des jt'idi scheu Lebens in I)eutselilaml das Wort. Immer wieder von stürmischem Beifall der Zuhörer unterbrochen, gab der Redncr ein packendes Bild von Vergangenheit und Gegenwart der Juden in Deutschland und von den Kräften, die unter ihnen wirksam sind. Einen ausführlichen Bericht über den Inhjilt seines Vortrages veröffentlichen wir in der nächsten Nummer. Dr. Siegfried Moses schloß sodann die eindrucksvolle Kundgebung mit Worten des Dankes für Bhuncnfelds Ausführungen. Eine Abordnung der Juden des Städtchens Kur• schau itn Kreise Schaiilcii sprach beim Minister des I 1! 11 e r e n vor mul bat וחוו Hilfe gegen die unaufhörlichen lieber falle auf Juden des Ortes. Die Mitglieder der Abordnung erklärten, daß jetzt seit etwa einem Jahre die Juden von Kurschan unter einem unaufhörlichen Terror stri 11 - den. Der Minister versprach. Abhilfe zu schaffen. Die Juden I itaiiens hoffen, daß diese Abhilfe sieh auch auf viele andere Ortschaften der Kreise Tnuroggen und Sehaulen erstrecken wird, wo die Juden unter Terror leben und oft Mißhandlungen ausgesetzt sind. יין•'»* WiüGn* je** יל*«► irSllli M^uer, Müllabfuhr-Wagen dar Stadt. Tel-Awiw. Fahrkarten-Automat an einer Tel-Amiwer Autobus-Haltestelle. «M ״. •*״***