Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 45 (4.6.1935)
- Date
- 1935-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Berliner Rundschau NR. 45 4 JUNI 1935 DER FALL PRINZ Wir haben zu dem in unserer vorletzten Ausgabe veröffentlichten Schreiben des Berliner Gemeindevorstandes an Rabbiner Dr. Prinz und die von uns in der gleichen Nummer abgedruckte Ansprache, die diesem Schreiben zugrunde lag, eine große Reihe von Zuschriften aus dem Leserkreis erhalten, die sich in ihrer Empörung über die gegen Dr. Prinz verhängte Maßnahme des Gemeindevorstandes eitrig sind und in zum Teil sehr scharfer UYim־ gegen diesen Schritt. Stellung nehmen. Nachstehend veröffentlichen wir einige der bei uns eingegangenen Zu- Schriften, die für die Stimmung Zeugnis oblegen. " (Red.) Jüdische Existenz Ein Vortrag Dr. Baecks Im Lehrhaus Den Abschluß der kurzen Sommer-Vortragsreihe im J ü• dischen Lehr haus und zugleich ihren Höhepunkt bil■ dete ein Vortrag von Dr. Leo Baeck über das Thema: ״Jüdische Existenz“. Ein zeitgemäßes Thema, dem der Redner von unseren heutigen Bedürfnissen aus nahezukommen suchte. Als das Besondere jüdischer Existenz sicht Dr. Baeck, daß wir immer die ״Umgebenen“ sind, immer stärker aLs andere in fremder Umgebung wohnen. So war es schon zur Zeit des eigenen Staatslebens und erst recht in der Diaspora. Wir werden immer mehr beachtet als die anderen, und darum entsteht oft der Anschein, als ob es mehr Juden gäbe, als es tatsächlich gibt. So wird unsere Existenz gefährdet — nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem geistig und seelisch. Die Notwendigkeit, sich immer wieder behaupten zu müssen, birgt die Gefahr der völligen Assimilation in sich. Deshalb ist unsere jüdische Geschichte ein stetes Neu-Anfangen; ob es sich um die prophetische, die hellenistische, die tannaitische Zeit oder uni Mittelalter, Renaissance und 19. Jahrhundert handelt: immer galt es, neu zu beginnen. Die gefährdete Existenz, die bei anderen Völkern stets eine Ausnahmeperiode ist, ist bei uns zur Regel geworden. Aber der irdische Friede der Gedankenlosigkeit ist uns versagt geblieben. Gesättigte Existenz ist ein Heraustreten aus der jüdischen Existenz. Die nach innen gewandte Form dieses steten Sich-Auseinandersetzenmüssens ist das jüdische Parteiwesen, das anscheinend zum Judentum gehört. Aber jenseits der Gefährdetheit hat der jüdische Mensch eine eigentümliche Weite des Blicks, ein undefinierbares Vertrauen in die bessere Zukunft. Auf dieser Ebene erst bekommt seine Auseinandersetzung ihre eigentliche Bedeutung. Das Jenseitige verlangt den großen Gehörsam gegen Gott; und ohne diesen Gehorsam ist kein jüdisches Denken möglich. Erkennen ist für uns nicht Betrachten und Sammlung von Anregungen, sondern Anerkennen und Gehorchen, es schließt das Gebot in sich und ist Gestaltung der Wirklichkeit, Realisierung des Guten. Das existenzielle Denken hat in der neueren Philosophie seinen Platz, erlangt; es bezieht den Erkennenden in die Erkenntnis mit hinein. Auch im jüdischen Denken ist der Mensch mit einbezogen. Das ״Zuhandene“, wie es bei Heidegger genannt wird, ist auch jüdisches Denken: kein Träumen, sondern Verwirklichung des Gebotes. Alles Verpflichtende aber meint den Einzelnen. Der Einzelne ist zum Denken und Gehorsam verpflichtet. Die Frömmigkeit des Einzelnen schafft die Gemeiuoe. Es genügt nicht, zur Gesamtheit zu gehören; sondern es gibt nur soviel Gesamtheit, wie es ge mein sc׳ haftswillige Individuen gibt. Jüdische Existenz, ist immer Existenz vor Gott. Darum kann das Denken des Juden Gehorsam sein. Nur in diesem Gehorsam ist der Blick in die Ferne möglich. Der Gegensatz zu jüdischem Denken ist das Denken, das zu nichts verpflichtet. Man kann nicht mit dem Kopf ein Jude und mit dem Herzen etwas anderes sein. Daß der ganze Mensch erfaßt und bis in seine letzten Lebensäußerungen hinein gestaltet wird, ist das Besondere und Einmalige des jüdischen Denkens und der jüdischen Existenz. Dr. Gerhardt Neu mann -- 4י' Hebräische Sichot. Im Rahmen der von der Kulturabteilung der BZV. veranstalteten hebräischen Vorträge hörten wir Dr. Borodianski über Lag b’omer in der hebräischen Literatur. Wer die Vorträge von Dr. Borodianski miterlebt, weiß, daß sie seinen Hörern viel mehr bedeuten als nur eine Erweiterung und Vertiefung der hebräischen Kenntnisse. Nur zu schade ist es, daß von den Hebräisch- Lernenden in Berlin immer nur derselbe Kreis den Weg zu diesen alle 14 Tage im Heim der BZV., Kantstr. 54, am Schabbat-Abend, 9 Uhr, stattfindenden Vorträgen findet. Zu Ihrem Artikel ״Umstrittene Predigt“ gestatten Sie mir ein paar Worte. Ich war Zuhöreriri der in Frage stehenden Ansprache des Herrn Rabbiner Dr. Prinz im Fricdenstenipel. Ich habe auch Gelegenheit gehabt, die Urteile vieler Synagogenbesucher an diesem Abend zu hören. Nach der Ansprache von Herrn Dr. Prinz herrschte tiefe Ergriffenheit unter den Zuhörern. Man darf wohl annehmen, daß die Worte des Herrn Dr. Prinz nicht ohne Widerhall in den Herzen seiner Zuhörer geblieben sind. Es ist mir gänzlich unverständlich, wie die jüdische Gemeinde — oder besser gesagt, der Vorstand der jüdischen Gemeinde —• zu den von Ihnen wiedergegebenen Maßnahmen kommen konnte. Man sollte annehmen, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde Herrn Dr. Prinz zu größtem Danke verpflichtet sein müßte, denn gerade Dr. Prinz ist es gelungen, den Synagogenbesuchern jedesmal durch seine Predigten oder Ansprachen ins Bewußtsein zu rufen, daß das Judesein auch Pflichten auferlegt, und ich bin auch fest davon überzeugt, daß die Worte des Herrn Dr. Prinz bei vielen seiner Zuhörer auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Sieht der Vorstand der jüdischen Gemeinde nicht, daß bei den Ansprachen oder Predigten von Dr. Prinz die Synagogen bis auf den letzten Platz gefüllt sind? Nimmt der Vorstand der jüdischen Gemeinde an, daß die Synagogenbesucher nur aus Sensationslust zu den Predigten und Ansprachen des Herrn Dr. Prinz kommen? Stellt der Vorstand der Gemeinde seinen Gemeindcmitgliedern ein solches Armutszeugnis aus? Gerade Dr. Prinz hat in seinen Predigten oft genug darauf hingewiesen, wieviel besser es wäre, wenn ein Rabbiner immer nur vor ein und derselben Zuhörerschaft sprechen könnte, gerade er ist es, der wiederholt darauf hingewiesen hat, daß nur dann ein wirklicher Kontakt zwisehen Rabbiner und Zuhörerschaft gefunden werden kann. Wer sich an die Predigten von Dr. Prinz in der Oranienburger Straße mit dem Motto ,,Caspar Hauser“ oder an die Predigt im Altersheim in Schmargendorf am vorjährigen Schäwuoth-Feste erinnert, kann den Schritt des Gemeindevorstandes wohl kaum begreifen, noch weniger ihn billigen. M. E. kommt es dem Gemeindevorstand ja auch gar nicht auf die Wirkungen der Predigten bei den Zuhörern an. Für den Gemeindevorstand sprechen ganz andere Motive, für ihn ist es ein Verbrechen, wenn jemand sich offen und ehrlich zum Zionismus bekennt. L)r. Prinz ist einer von denen, die aufrecht und gerade ihre Ansicht vertreten und daher ist er dem Gemeindevorstand, sagen wir — unbequem. Wer die umstrittene Ansprache von Dr. Prinz' gehört hat, kantj im Ernst keinen Anstoß an ihr nehmen; im Gegenteil, es kann nur jeder wünschen, daß die Forderungen, die Dr. Prinz 111 ihr aufgestellt hat, Wirklichkeit werden, dann erst wird Einmütigkeit und wirkliche gegenseitige Hilfsbercitschaft unter der Judenschaft herrschen. Frau Johanna Marcus, Berlin * Der Brief, den der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde an Rabbiner Dr. Prinz gerichtet hat, in welchem Dr. Prinz aufgeforüert wird, nicht mehr zu predigen, stellt eine Provokation gegen die positiven Elemente in der jüdisehen Gemeinde dar. In diesem Schreiben zeigt sich so recht, wie die assimilatorisch•liberale Mehrheit ihre Machtbefugnis mißbraucht. Es ist daher erforderlich, daß sich hiergegen alle positiven Kräfte wenden und sich zu einem festen Block zusammen• schließen. Gustav Kahn, Hermsdorf * Ich lese soeben die Ansprache des Herrn Rabbiner Dr. Prinz und habe mir die Worte, weil sie von reinstem Menschentum getragen sind, wiederholt eingeprägt. Ich halte cs für Pflicht eines jeden Juden, den die Rede des Herrn Rabbiner Dr. Prinz in tiefster Seele berührt hat, dafür zu sorgen, daß hier von einem kleinlichen Vorstand nicht Unrecht ,תו einem gescheiten hochherzigen Menschen getan wird, der unsere Not erkannt hat und bemüht bleibt, ihr abzuhclfen. Man sollte es als Gnade empfinden, einen Rabbiner׳ zu besitzen, der eine Kraftquelle für viele leidverzehrte Menschen geworden ist und das Wort ״Seelsorge“ in seiner ganzen Tiefe und Schwere erfaßt hat. Gertrud R e i c h m a n n, Eissen * Mit großem Interesse habe ich in Ihrer heutigen Zeitung Ihren Bericht über Herrn Rabbiner I >r. Prinz gelesen. Es ist wahrlich höchste Zeit, 11.aß der Gemeindevorstand in dieser Zusammensetzung verschwindet und daß nichts unversucht gelassen wird, dieses Ziel in Balde durchzufiihfcn. Ich gehöre nicht zur Synagoge Friedenstempcl, muß abe! erklären, daß Herr Dr. Prinz derjenige Rabbiner ist, der in dieser schicksalsschweren Zeit den Mut hat, das zu sagen, was unbedingt zur Aufklärung nötig ist. M. Sims o h 11, Charlottenburg ♦ Mit tiefer Empörung haben wohl die meisten Lese! den Fall Prinz gelesen. Man muß den Kalender mehrmals lesen, um festzustellen, ob wir 1935 oder 1907 schreiben. Denn wenn cs 1907 möglich war, einen Rabbiner wegen seiner zionistischen Gesinnung zu entlassen, so darf es 1935 keine Ruhe mehr geben, um die Meinungsfreiheit auf der Kanzel sicherzustellen. War 1907 der Ausgangspunkt für reges neues Leben in der Berliner Gemeinde, so wird 1935 der Anlaß sein, daß die Reste von 1907 verschwinden. K. L e v i t, Berlin * Wenn ich jemals mich über etwas erregt habe, so war es beim Lesen dieses Artikels, durch welchen bekannt wurde, daß unserem Herrn Dr. Prinz die Amtierung für Juni wieder entzogen worden ist. Die Ankündigung, daß Dr. Prinz den Gottesdienst leitete — selbst wenn er nur die festgesetzten Gebete vorlas —, bewirkte, daß Männer und Frauen und auch die Jugend in Scharen zusammenströmten. Sowohl beim Vorlesen der Gebete und viel mehr noch bei seinen Predigten und Ansprachen erzielte er ein Feuer von Begeisterung. KMXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXM X X א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א א Ein Fox-Movie tone-Fllm der Urim Paiest-ine Film Company Ltd. Jerusalem, hergestellt im Auftrag des Keren Hajossod Nächste Aufführungen in BERLIN Sonntag, den 9. Juni, 11.30 Uhr, vormittags, Märchenbrunnen - Lichtspiele, Friedrichshain 29-32 Sonntag, den 9. Juni, 11.30 Uhr, vormittags, Imperial-Kino, Rosenthaler Straße 40-41 Montag, den 10. Juni, 11.30 Uhr, vormittags, Admirals-Kino, Friedrichstr. 101-102 Eintrittskarten zu RM. 0.80 bis RM. 2.— im Vorverkauf bei? Buchhandlung Poppelauer, Neue Friedrichstr. 59; Buchhandlung Ganzer, Oranienburger Str. 26; Finder, Alte Schönhauser Str. 54 (Laden); Papierhandlung Heppner, Inseistr. 8a; Buchhandlung Salles, Grenadierstr. 30; Atlantic-Expreß, Friedrichstr. 100 (S-Bahn) Und an der Kasse. BERLINER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG ********************************************א************* ALI J AH 7. Auflage Preis 90 Pfg. Zu tniilun durch 031• Buchhandlungen oder tutüglich Porto (Moni 30 Pfg., Ausland 40 Pfg.) durch ii, Verlage-Abteilung dcc Peläitina-Amt$, Berlin W iS, Meineheetr. 10 f Poeteehech Berlin Nr. 16 TOS Veranstaltungen der Bezirke und Gruppen der BZV. Dienstag, 4. Juni 20.30 Uhr Mittwoch, 5. Juni 20.30 Uhr Mittwoch, 5. Juni 20.30 Uhr Mittwoch. 5. Juni 20.30 Uhr Sonnabend, 8. Juni tl 15 Uhr Sonnabend, 8. Juni 15 Uhr Schultheiß-Patzenhofer, Lichterfelder Str. 11 BZV-Heim KantstraOe 54 Germania-Säle Streiowplatz 19 Meinekestraße 10 BZV-Heim örückcnitrsöe 9 BZV-Heim Roscnthaier Straße 44 Adolf Pollak: ״Neue Perspektiven des Palästinaaufbaus" R. -A- Kurt Lewinsobn : ״Zur Geschichte der zionistischen Ideologie“ S. Tschertok: ״Palästina — oha« Zionismus?" Erwin PuUak; ״Der Zionismus tut Zait der Balfour-Deklaration" Oneg Schabbat Le'jlidim, Rabb, cand. H. Meyer Schabbat'Nschmittag für Kinder Leiter: Lehrer Martin Lewin Bezirk Kreuzbcr^-Tcmpeihoi Gruppe Westend Bezirk Spandau Bezirk Wittenbergplati Gruppe Jannowitzbrücke Bezirk Zentrum-Nord Rambam-Lehrhaus Berlin KINO-SPIELPLAN VORTRAG Dienstag, 4. Juni 1935, abends 8,30 ULr Logenhaus, Kleialstraße 10 Rabbiner Dr• J. Jekobovlta Tolmudiscbes Denken Eine Einffthrung Horerkart# RM 1,— in den bekannten Verkaufsstellen. Einzelkarten nur im Sekretariat, W3Ö, ßamberger Str. 18, Tel- B6 Cornelius 5719, und an der Abendkasse. Olivaer- Ollvatr PI.7. . 3, 7, 9 Uhr Greta Garbo in Der bunte Schleier** Kant- Zlgeunertiaron Llchtipi.te,Charl-Kaatstr.54 »11 Adolf Wohlhrflek Wo. ab 5 Uhr. So. ab 3 Uhr. Jugondfrel! Besuchen 81• die obigen Kinos Photo-Apparate seltene Gelegenheiten, samt!. Photo• bedarf £Ün5ti?st Schlesinger, NO 18, Gr. Frankf, Str. 77. E9 Frtedrichih. IM VERNIETUNGEN 1 ANGEBOTE 1 Kitwel. Komf.-Pension gr. Vorder*, auch#. 2 Per». 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