Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 45 (4.6.1935)
- Date
- 1935-06-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem Reich Von unseren Berichterstattern ,,Channa“ Schauspiel von Martha Wertheimer Uraufführung ln Frankfurt a. M. Der Kulturbund Rhein-Main brachte das in einem Wettbewerb des Kölner Kullurhuiids preisgekrönte Schauspiel ,!Chan 11 a“ von Martha Werth eimer /ur Uraufführung. Biblische Gestalten in «las Licht theatralischer Wirklichkeit hinem/urückeii, ist nicht immer unbedenklich. Martha Wert heim er hat die hier vorhandene Gefahr geschickt umgangen, indem sie der Bibel lediglich die Person ihrer Heldin und den mit ihr verbundenen historischen Hintergrund entlehnt, in der Ausgestaltung der Fabel aber weitgehende. Freiheit für sich in Anspruch nimmt. Das zarte Idyll, wie es im Buche Samuel erzählt wird, weitet sie zu einem allgemein menschlichen, von geschichtlichen Spannurigen erfüllten Drama, das in einer Zeit der Erniedrigung Israels spielt. Chan na ist nicht mehr die schlichte Frau, deren Gedanken einzig um die versagte Leibesfrucht kreisen. Sie ist stolze Herrin über den reichen Hof ihres Mannes E I k a n a, sie gebietet über das Haus P c n i n n a s, Eikanas zweiter Frau, der sie den Kindersegen neidet. Als Aerztin und kunstfertige Handwerkern! ist sie bei Freund und Feind hochgeehrt. Darüber hinaus aber verkörpert sie, mit einem ׳י*ייון|ן Von links nach rechts: Elkana (Jingo Schuster), Clianna (Leni Steinberg), Otniel (Iluilolj Ganz). *״ .1 .,,ו,..׳,h. nt. Zug ins Heroische, das lebendige Gewissen ihres Volkes im Kampf gegen die Peliscluini, in der Abwehr gegen den heidnischen Kult, dem die Israeliten in grober Zahl, einschliefilieh Pcninnas, verfallen sind. Elkana, den Selbstgenügsamen, Komproinilibereitcn zur Führerschaft aufzurufen, gelingt ihr. nicht. Aber sie senkt den Traum von Israels Befreiung in die .Seele «les Knaben E i i i a 11 u, des ältesten Sohnes Elkanas und Pcninnas. Die Ausstrahlung von Cliannas Wesen greift über die Grenzen des eigenen Volkes hinaus: Gas an, der Fürst der Pelischtim, ist ihr in ehrerbietiger Liebe zugetan und erfährt durch sie «las läuternde Ethos der jüdischen Lehre. Der Anstoß zürn eigentlichen Gesellehen erfolgt dadurch, daß C'hanna den Bruder Gasans, Timn a t, vom Tode des Verblutens errettet. Als aber Elijahu, berauscht vom jugendlichen Tatendrange, den Dagon-Tempc! an/ündet und dem Feuertode verfallen ist, wagt Gasan nicht für ihn ein/utreten. Auch Clianna findet nicht die Kraft, das Leben Elijahus als Gegendienst von Gasan zu fordern. Denn Elijahu ruft, unter «ter Qual der Folter, nach der ״Mutter". Mutter aber ist nicht sic, sondern Peuirma. Beieidigtes Icli-Gefühl steht gegen sittliche Verpflichtung! Die Verstrickung in Schuld lost sich: Gasan ringt sich zur Menschlichkeit durch und befreit im Dunkel der Nacht den Elijahu. Clianna erwirkt, in Erkenntnis der eigenen Ueberheblichkeit, die Begnadigung «1er l’rninn.1, «11c von Elkana verstoßen werden soll, weil sic als 1’reL für die Rettung Elijahus ihr jung- Altcnburg-Meuselwiti. Herr Posner, Leipzig, sprach über ״Purim und der Zioni-mus“. Besonders gut gefielen ein von der Jugendgrup!» aufgcfiihrtcs Purim-Lustspiel, sowie die Gesangseinlagen einiger Kinder. Umrahmt wurde die Feier durch musikalische Darbietungen von Geschwister Freilich Altenburg sowie durch Klaviersolos von Frau Strassmann. Herr Koppel, Chemnitz, zeigte Jonglier-Kmiststücke. Diese erste Purim-Veranstaltung «1er Z. O. G. kann als gut gelungen bezeichnet werden. Bamberg. Die dritte Veranstaltung der Z. O. G. wurdedurch Herrn Julius Strauß eröffnet; er begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, besonders den 1. Vorsitzenden der Gemeinde, Herrn Dr. Morgenroth. Kin Palästina-Filmstreifen wurde gezeigt, umrahmt von den Gesängen des JPD. unter Leitung von K. K. Wlesenfekler. Die Veranstaltung machte auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck. Sohr wirkungsvoll war der Song der Nation von Sambursky mit dem Solisten Justin Issner. Breslau. Am 19. Mai ist Adolf Danzigcr nach längerem Leiden im Alter von 75 Jahren dahingeschieden. Im Jahre 1919 trat der Verstorbene in den Vorstand der Israelitischen Krankcn-Vcrpflcgungs- Anstalt und Beerdigungs-Gesellschaft ein. An dieser Stelle konnte er seinem innersten Empfinden folgend werktätige Menschenliebe üben und sich der Fürsorge für artne Kranke, Sieche und Altersschwache in vollem Umlange widmen. 1 rri Jahre 1925 wurde er durch einstimmigen Beschluß des Vorstandes zum Vorsitzenden gewählt, Lampertheim. Atn 11. Mai ist der Lehrer und Vorbeter Jonas Meyer im vollendeten 73. Lebensjahre verstorben. Der Entschlafene war während seines 40jährige11 Wirkens der gchlige Fütirer seiner Genuinde, der er mit seinem großen Wissen und lautersten Charaktercigenschaften mit Kat und Tat zur Seite stand. sfes Kind dem Dagon zun! Blutopfer gebracht hat. Die Selbst- Überwindung Channas, ihre Versöhnung mit Peninna nehmen den Fluch der Kinderlosigkeit von ihr: in seherischer Vision verkündet sie die Geburt ihres Sohnes Schemuel, der ein Gottgeweihter, ein Richter in Israel sein wird. Die hier kurz skizzierte Handlung ist eingebettet in Episoden und breit angelegte betrachtende Gespräche. Jede Gelegenheit, auch den Zuhörer durch Aufruf und Mahnung in das Spiel hineinzuziehen, wird klug genützt. Eine lose, nacli Art einer Legende abrollende Szenenfolge lag wohl mehr in der Absicht der Autorin als die Ballung dramatischer Akzente. Es mag damit Zusammenhängen, daß einige Figuren nicht ganz, die ihnen zukommende Plastik gewinnen. So bleibt 1. B. Gasan — Held ohne Entschlußkraft — etwas zwiespältig. Auch im Charakter Channas scheint nicht alles ohne Rest ineinander aufzugehen. Kann wirklich bei einer so gearteten Frau im entscheidenden Moment der ״Mutterkomplex“ stärker sein als die Regung selbstverständlicher Hilfsbereitschaft? Verkleinert man sie nicht dadurch? Auch sonst ließen sich noch Einwände anführen, die das dramaturgische Gefüge, die sprachliche Diktion und auch •die nicht völlig zum Austrag gelangten weltanschaulichen Konflikte betreffen. Wir dürfet! sie nicht übersehen; die Anforderungen an ein biblisches Drama müssen besonders hoch gestellt werden. Wir brauchen ihnen aber nicht allzu viel Gewicht beizulegen. Die begeisterte, über das gewohnte Maß hinausgebende Zustimmung, die der Urauffülirung zuteil wurde, ließ erkennen, da sie die Gesamt- Wirkung nicht entscheidend beeinflussen. Die A u f f ii h ru n g unterstrich die Bühnenwirksamkeit des Buches durch Straffung und Konzentrierung. Die Regie Franz Oppenheimers überwand die Schwierigkeiten der kleinen Vercinsbühne, die leider nur zur Verfügung stand, und ließ Wort und Handlung nach Möglichkeit deutlich werden. Unter den Darstellern überragte Norbert Schiller als Gasan. Die junge Leni Steinberg bot als Clianna eine fesselnde, verinnerlichte Leistling. Als Vertreter gewichtiger Rollen seien Magda L e n z - H a b e r m e 11 I, Heinz Friedeb e r g, Max K o 11 i n s k i, Hugo Schuster, Rudolf Ganz und Hanns Berk mit Anerkennung genannt. In kleineren Aufgaben waren Ludwig Neugass, Bert Bär und Marietta L u p c s c u angemessen beschäftigt. Dr. E. Ankündigungen Jüdischer Kulturbund Rhein-Ruhr. Konzert: Hermann Schdy (Gesang) in Rccklinghauvcn: 12. Juni 20.30 Uhr, Jüd. Gemeindehaus; m Gelsenkirclicn: 13. Juni 20.30 Uhr, Loge. —- Walther Hertner spricht aus Werken jüdischer Autoren; in Duisburg 11. Juni, 20.30 Uhr, Theodor Laulerhaus; in Aachen: 12. Juni 20.30 Uhr, Weinsaal des Stadt. Kunzerthauscs. — ״Spiel im Schloß“, Lustspiel von Franz Molnar: in Essen: 13. Juni, 20.30 Uhr, Jugendheim. — Malmt Habonim Noar Chaluzi veranstaltet am 19. Juni, 29.30 Uhr, im Gemeindesaal, Josefstraße, einen Eltern- und WcrbcabcndL — Schenk- Icngsfeld: Am 9. Juni feiert die Chcvvra Kadischa ihr lOOjähriges Bestellen. Familien - Nachrichten Frau Wwe. Abraham, Bunttig (Mosel), begeht am 8. Juni Sen 90. Geburtstag. Frau Jeanette B a e r, Buchen (Baden) beging atn 1. Juni den 80. Geburtstag. Frau Flora Michael, Hannover, Bodenstedtstr. 5, begeht am 7. Juni den 70. Geburtstag. Bar Mizwah-Termine Am 1. Juni — 29. Ijar: Kudi Steinbach, Sohn von Gustav Steinbach, Gollnow i. Porti., Stargarder Str. 3. Am 8. Juni — 7. Siwan: Kurt Major, Sohn von Ludwig Major, Hcilbronn, Mozartstr. 7. Am 8. Juni — 7. Siwan: Scev Schwabe, Tel-Awiw, Hebron. Street 6. Die Pegischa des ßachad und Brit Hanoar in Bad Kreuznach. In Bad Kreuznach fand die Pegischa der süddeutschen Gruppen statt. Zu dieser Pegischa waren 75 Chawerim erschienen. ■Sie begann mit einem Neschef, auf dem Eugen Michaelis und Arieh Händler sprachen. Am Schabbatmorgen fand nach der Tefilla eine Arbeitsgemeinschaft unter der Leitung von David Intriligator (Kibbuz Rodges) über den ״Hapoel Hamisrachi in Erez Israel“ statt. Es kam besonders die Notwendigkeit der Verbundenheit der Chawerim mit dem Hapoel Hamisrachi zum Ausdruck. Die zweite Arbcitsgemcinschaft behandelte ״die Grundlagen des allgemeinen und religiösen Kibbuz“. Der üneg Schabbat, an dem ein großer Teil der Kreuznacher jüdischen Bevölkerung teilnahmen, brachte neben dem Singen hebräischer Lieder und Vorlesungen, Schilderungen des Schabbat in Erez Israel von David Intriligator. Während des Sonntags wurden grundlegende Fragen über die Stellung des Bundes im Zionismus von Eugen Michaelis berührt. Der Sortntagnachmittag war den Erzichungsfragen gewidmet. Eugen Michaelis und David Intriligator sprachen über Erziehungsprobleme. \m Sonntagabend veranstaltete die Kreuznacher Ortsgruppe eine Kundgebung, in der David Intriligator und Arien Händler über den ״Weg des Bundes in der Gola und Erez Israel“ sprachen. Am Montagvormittag trafen sich die Chawerim zu einem Tijul. -. Neuzeitliche Führung der Hauswirtschaft. Uns wird geschrieben: Jetzt, wo bei uns die Bewertung einer richtigen hauswirtschaftlichen Schulung des jungen Mädchens im Vor- «!ergründe des Interesses steht, müssen wir das Fernsein Dr. Erna Meyers bedauern. Auch wenn diese Vorkämpfer« aut dem Gebiet der hauswirtschaftlichen Schulung und vor allem der zweckmäßigen Gestaltung des Haushaltungsbetriebes jetzt in Palästina eine nützliche Arbeit leistet, werden wir doch gerade bei unseren heutigen Be- Strebungen das Fehlen einer solchen Persönlichkeit bemerken. Sind doch besonders für die jüdischen Hausfrauen die praktisclien Hilfen, die unter dem Schlagwort ״Rationalisierung der Hauswirtschaft“ zusammengefaßt worden sind und die Dr. Erna Meyer in Wort und Schrift propagiert, von außerordentlichem Wert. N. W. Auf ^Dingen STEHT DIE WELT Erzählung von GERSON 57ERN 18. Fortsetzung Copyright Verlag Erich Reil*, Berlin!.!■,׳mder war in Fahr!. Kr hoffte auf eine Erwiderung von Herrn Julien. Herr Julien läcbelle jedoch, und, wie es schien, sogar verbindlich. Grailineer nahm das Wort: ,.Haben Sie es gehört, Herr Julien? Das fehlt uns, Menschen, die schöpferisch in unserer Zeit stellen. Verlreler unserer Zeit, Herr Julien. Das war ein offenes Wort. Weg mit dem Plunder. Mir haben alle Plunder an uns hängen. Auch ich. Aber ich habe den Mut. die Erkenntnis, die klare, unmnslößliehe Erkenntnis in mein Lehen zu stellen, und es danach zu formen.“ Herr Julien schien nicht!»ereil zu antworten. Er zuckte nur etwas mit den Achseln, das gefiel Herrn Crailinger nicht. ״Ich weiß sehr wohl, Sie stellen Ihr Judentum in den Mittelpunkt Ihres Lehens. Es gibt auch heule noch solche .Menschen. Aber wir dürfen Verständnis für uns erwarten, Herr Julien. Hab ich mich taufen lassen‘? Ich bin auch Jude. Allerdings, ich hin zunächst Mensch und dann Jude. Ich erfülle meine Mensehcnpflichten, und es wäre traurig, wenn ich damit nicht meine jüdischen Pflichten erfüllte.“ ״Ist mein Vater nicht fabelhaft‘?“, sagte Ellen zu Dr, Welter. ״Er ist mein good (11(I fellovv. Ich liehe ihn. Ich muß mich manchmal an seinen llals hängen, so verhehl bin ich. Ja, ich bin verlieb(.“ Und Fräulein Ellen seJiaule merkwürdig offen zu Weller ilin und lächelle, daß die weißen Zähne zwischen den Lippen sichtbar wurden. Weiter antwortete. ,,Es muß ein besonderes Glück sein, gnädiges Fräulein —Er kam nicht weiler. Leander sprach zu laut. Alle schauten zu ihm hin. Aber Ellen Lraiiingpr störte dies nicht. Sie legte eine Sekunde ihre Hand auf Dr. Melters Hand, die daneben auf dem Tiseh lag, Ellen drückte Meilers Hand und sagte: ,.leb danke Ihnen, Doktor. Treiben wir unsere Stollen weiter,“ Und Ellen lächelte wieder und schaute diesmal an sich herunter. Oberstem lachte: ״Herr Crailingcr, Sie sind ein Prachtmensch. Erkenntnis, Mensclienpflk'hten, jüdische Pflichten, das führt, in Ihrem Kopf einen Slcptanz auf. Das ist 1111gesund, Herr Crailingcr. Echte Moral ist von keiner Religion abhängig, sagt Schopenhauer. Und Erkenntnis ist nicht ahhängig von einer M«yal, sagt Leander. Werden wir doch endlich das, was wir sind, unsere Herren.“ Madelainc Julien hatte Georg Bcermann zu ihrer Linken. Trotz seinen 18 Jahren war Georg schon als Reisender für das väterliche Geschäft tätig. ״Man erlebt etwas“, halte er zu Madelainc gesagt. ,,M as meinst, du, ich werde nie für einen Juden gehalten. Ich 1111115 meiner Mutter dankbar sein. Sie ist wie das Urbild einer Deutschen. Aber so ist sie auch als Mensch. Ich sage dir, ein famoser Kerl.“ ״Du hist aber Jude“, hatte Madel,׳line geantwortet. ..Ich hin gehören als Jude. Dafür kann ich nichts. Es kommt darauf an, was man lebt.“ Bei den lelzlcn M’orlen von Oberstem rief Georg ,,Bravo“. Oberstein verbeugte sich lächelnd und sagte: ,,Hört die Jugend. Der Gang der Geschichte ist unaufhaltbar. Die Entwicklung gibt es nicht nur im Lebendigen selbst, auch in «len geistigen Einstellungen gibt es das Gesetz. Es ist durchaus logisch. Heidentum, anerkannteste Blüte: der Hellenismus, Monotbeis- 11ms, anerkannteste Blüte: das Christentum. Und dann? Die Zeit der Aufklärung. 111 dieser stehen wir. Die geistigen Führer stehen da. Die Masse wird folgen. Meinen Sie, Descarles 11ml seine Nachfolger haben umsonst gelebt? Die Religionen sind tot. sie wissen es nur noch nicht. Aber es geht hier, wie es heißt: Le roi est ujort.; vivo 10 roi! Ja, auch wir haben unsereu roi. M ir sind nicht ärmer geworden. Nein. Noch nie, war solcher Reichtum da. Der Mensch wurde entdeckt. Es kommt, das Zeitalter, da der Individualismus eine, neue Ethik gebärt. Jeder Mensch eine M'ell. Jeder Mensch ein Gesetz, ein Beeilt, eine Macht. Un«l doch Individualismus. Nehmt die Gottheit auf in euren Willen, und sin steigt von ihrem M'ellerilhron. Was sagt ihr zu dem Wort von Schiller? Sic ist von ihrem M'eltentliron gestiegen. Die Menschheit stellt nicht mehr ihr gegenüber. Die Menschheit sieht dem Menschen gegenüber. Werde, der Mensch würdig seiner Bedeutung.“ Olwi'slein lehnte sich zurück. Seine Brust blähte sieh, Die Weste prangte in ihrer Pracht. Es wurde still. Oberstem halle mit einer liier fremden Eindringlichkeit gosprorher. Jedes S in einen! Mart wurde gleichsam eine Lanzenspitze. Frau Ilcrhly war die erste, die antwortete, ,,Es ist schwer, sich mit Ihnen auszusprechen. Sic sagen Worte, die mir nicht zugänglich sind. Sie schwimmen in Theorien. Ich weiß nur, daß ich als Deutsche lebe, denke, fühle. Und ich bin glücklieh in diesem Gefühl. Herr Julien sagt noch, ich bin Jude. Ich will ehrlich sein, ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.“ Oberstein lachte: ,,Ist Jude ein Begriff? Die jüdische Religion ist ein Begriff. Und lassen wir hier wieder unseren Schiller sprechen: Welche Religion ich bekenn«? Keine von allen, die du mir nennst. — Und warum keine? Aus Religion, verchrleste Frau Heddy. Bin ich kein Deutscher? Worin atme ich? In der deutschen Sprache. Worin lebe ich? Im deutsehen Wesen. Aber das Große einer Bewegung, der Beweis ihrer Allgemeingültigkeil ist, daß sie sich nicht derart begrenzt. Der Individualismus ist das Gesicht der Welt, der gebildeten, der führenden Welt. Die Aufklärung wurde geboren als Folge einer Entwicklung. Die Zukunft ruht in ihr. Auf ihr stellt die Well." Ellen Crailingcr war Obersteins lautes Sprechen unwillkommen. Sie hatte Dr. M'clter noch viel zu sagen. Und sie fühlte, wie Meiler durch Oberstem von ihr abgelenkt wurde. Sie wandte sieh zu Weiter, der zwischen seinen Fingern eine Gabel hin- und herdrehte. ״Der Mann sollte Artikel schreiben, aber nicht die ganze Gesellschaft vergewaltigen.“ M'clter inernte unter Lächeln: ״Aller warum wurde er eingeladen? AVarum ist er gekommen? Wir hören uns hier genügend. Nur müßte man antworten können.“ Das Letzte hatte Weiter lauter gesagt. Oberstem hörte. Er bog sich zu M eller hin. ,,Aber bitte sehr, Herr, Herr — Frau lleddy flüsterte ״Dr. Weller“. ״Aber ich bitte darum, Herr Dr. Meiler.“ Ellen trug eine Wut in sich. Sie halte verstanden, es unauffällig zu erreichen, daß sie Melters Tischdame wurde. Sie hatte sich auf diesen Abend gefreut. Sie hatte sich darauf vorbereitet. Und dann kamen diese Geistreichcleien 1 Jude, Nichtjude, Aufklärung, Religion —■ M as war ihr dies? Ellen hatte andere ,,Belange“. M'arurn mußten solche, für sic nicht vorhandene Fragen Ober den Tisch geworfen werden, daß man nicht, dazu kam, sich an diesem Dr. Weiter za erfreuen? Sie halte ihn auf der Straße, in ihrem Hause gesehen. Sie war immer wieder betroffen von der, wie sic es nannte, ganzen Persönlichkeit. Ihre Sinne hatten Besitz ergriffen von ihm. Lind endlich konnte sie sich ihm nähern. Sie war entschlossen. Ihre frühere Zurückhaltung war ein Mantel gewesen. Der Mantel war gefallen. Ellen Crailinger trat ihr Leben an. Ellen hatte eine Wut gegen diesen Oberstein, diesen Leander. Sic beugte sich zu Weiter hin. ״Ich glaube, eine tüchtige Dusche wäre angebracht.“ (Fortsetzung folgt)