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Jüdische Rundschau · 1935-06-04 · Heft 45 (4.6.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 45 (4.6.1935)
Date
1935-06-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 4. VI 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Memorandum der Jewish Agency ' London, 2. Juni. (JTA.) Die Jewish Agency for Palestine hat dem Gencralsekretariat des Völkerbundes wie alljährlich ein Memorandum über die Entwicklung Palästinas im abgelaufencn Jahre als Informationsmatcrial für die Mandatskommissiori, die am 3. Juni Zusammentritt, übergeben. Das Memorandum ist von einem vom Präsidenten der Jewish Agency, Nahum Sokolow, Unterzeichneten Mantelschreiben begleitet. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung Palästinas Ende 1*534 wird in dem Memorandum mit 300 000 angegeben gegenüber einer Bevölkerungszahl von 245 000 Ende 1033. 42 350 jüdische Einwanderer hätten im Jahre 1034 in Palästina ihre Heimstätte gefunden. Die Einwanderer kamen aus etwa 50 verschiedenen Ländern, hauptsächlich aber aus Polen und Deutschland, die 60 ״/<> der Oesamteinwatiderer/ahl stellten. Die Zahl der eingewanderten Juden deutscher Staatsangehörigkeit betrug (1011, die Oesamteinwanderung aus Deutschland einschließlich der Einwanderer anderer Staatsangehörigkeit 0120. Jüdische Boden kaufe im Jahre 1034 betrafen insgesamt 110070 metrische Dunam im Werte von 7 001 420 Pfund, verkauft wurden von Juden 48 856 Dunam für einen Preis von 5 353 584 Pfund, so daß der Nettobodenerwerb 62 110 Dunam und die Reinausgahc für Erweiterung des Bodenbesitzes 1 647 836 Pfund beträgt. Die Gesamtzahl der jüdischen Siedlungen ist zur Zeit 160; der im jüdischen Besitz befindliche landwirtschaftlich genutzte Boden umfaßt 1300 000 Dunam mit einer Bevölkerung von 70 000 Seelen, von denen 40 000 landwirtschaftlich tätig sind. Rund 200 000 Juden, zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung, sind in den Städten Tel-Awiw, Jerusalem, Haifa und Jaffa konzentriert. 170 neue Industriebetriebe wurden im ahre 1034, vorwiegend durch Neueinwanderer, errichtet. In ast allen Zweigen der jüdischen Industrie war ein zufriedenstellender Fortschritt zu verzeichnen, obwohl die Ent- Wicklung durch die den Erzeugern erwachsenen Schwierigkeifen, die notwendigen geschulten Arbeiter zu bekommen, gehemmt war. Verläßlichen Schätzungen zufolge, so wird in dem Memorandum weiter ausgeführt, wurden in dem abgelaufenen Jahr etwa 10 Millionen Pfund neues jüdisches K a - ital zu Investitionen in verschiedenen Unternehmungen des augewerbes, der Industrie und der Landwirtschaft gebracht. Der Keren Hajcssod hat seit seiner Gründung i. J. 1021 5,152.257 Pfund aufgebracht, die Bruttoeinnahmen des Jüdischen N a t i ח ס a 1 f o n d s im letzten lahr betrugen 283.128 Pfund; von dieser Summe sind 31 Pfund in Palästina selbst gesammelt worden. Begleitschreiben Sokolows In dem Begleitschreiben zu dem Memorandum erklärt Präsident Nahum Sokolow, die Jewish Agency stelle zwar mit Genugtuung fest, daß die Zahl der auf Grund der in den letzten drei Halbjahrsperioden bewilligten Arbeitcrcinwandern ngsquoten zur Einwanderung Zugclassenen gestiegen ist, sehe sich aber genötigt, nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß auch die erhöhten Quoten den dauernd wachsenden Bedürfnissen des palästinensischen Arbeitsmarktes durchaus nicht angemessen sind. Der nun schon fast drei Jahre andauernde akute Arbeitermangel beweist unbezweifelbar, daß die Regierung bei der Festsetzung der Wirtschaftliehen Aufnahmefähigkeit des Landes, den tatsächlichen Bedarf wesentlich unterschätzt hat, und daß die von der Jewish Agency vorgelegten Anforderungen nicht auf bloß vorübergehenden Bedürfnissen aufgebaut waren. Die Folge dieser Arbeiterknappheit war nicht nur eine Erschütterung des Arbeitsmarktes und eine Hemmung der wirtschaftlichen Unternchrnungstätigkdt auf jedem Gebiet, sondern auch eine Kon- I 11■. Zum Tode eines großen Rabbi Ostjüdische Brüderlichkeit In der ,.Rundschau“ las ich mit Trauer die Nachricht vom Tode des Bialystoker Oberrabbiners F a j a r! s, eines der führenden Persönlichkeiten des polnischen Misrachi. Raw Fajans, den der Kreis der im ״Hawdoloh und Zapfenstreich“ Beschriebenen im Jahre 1016 kennen lernte, war damals wohl schon ein Fünfziger, muß also ein hoher Siebziger geworden sein. Ich erinnere mich nicht, jemals einen schönereit und würdigeren Greis — denn auch damals wirkte er schon wie ein bejahrter Mann — gesehen zu haben. Line hohe Erscheinung, ein edelgeformter Kopf mit wundervollen großen und warmen braunen Augen und ein breit und lang herabfließender seidenweicher weißer Kart. Dazu ein mildes, immer gütiges Wesen und eine freundliche Stimme. Wenn er, im langen pelzbcseiztcn Rock und mit dem zobelbesct/ten Strcimci als Kopfbedeckung würdevollen Schrittes, wenn auch oft sorgengebeugten Hauptes, durch die Straßen ging, dann drängte sich immer wieder der Eindruck einer Rcmbrandtsehen Figur auf. Er verkörperte in seiner Erscheinung und seinem Lebenswandel die Idealfigur eines Patriarchen und eines strenggläubigen Raws. Manchmal schloß sich ihm auf seinen Pflichtgängen durch die Stadt noch sein älterer Freund Manaschch an, das Oberhaupt der Chewra. Kadischah und vieler anderer frommer Vereine, ihn beinahe an Körpergröße noch überragend, und an Schönheit und Würde — ebenfalls weißbärtig — ihm nur wenig nachgebend. Wer dieses Männerpaar einmal in sich aufgenommen hat, wie es. — immer nur Werken der religiösen und werktätigen Liebe geweiht — in die Quartiere der Aermsten ging, dem hat sich ein Eindruck des wahren und besten ostjüdischen Lebens eingeprägt, der für immer standhielt. Es ist wohl mir noch der so früh verstorbene hochgelehrte Kaüschcr Raw Lifschitz, der nach der äußeren Art der Milde und Würde zugleich in Schönheit ausstrahlenden Erscheinung einen solchen adligen Eindruck hinterließ _ ein Manu, dessen Kopf und unaussprechlich herrliche Augen immer an Rabindranath Tagore erinnerten. Bel Raw Fajans ist die Geschichte passiert, die ich später oft als Beispiel bester ostjüdischer Auffassung von Brüderlichkeit erzählt habe. Peßach im Jahre 1917 fiel in die Zeit schwerer Hungersnot der jüdischen Bevölkerung Polens. Das Elend war unbeschreiblich. Am Erew Peßach versammelte sich im großen Beth Hamidrasch, wo Raw׳ Fajans zu beten pflegte, und wo, da es an der langen Nikolaistraße lag, die zum außerhalb der Stadt gelegenen Friedhof führte (auf dem auch Raw Mohil e w c r ruht), unausgesetzt die schaurigen Leichenzüge mit Klagefrauen vorüberzogen, eine gewaltige Beterschar. Aber ehe man noch beginnen konnte, war Raw Fajans auf den AIcmor gegangen und sagte: ״Was? Ihr wollt beten? Mit welchem Rechte? Habt ihr schon eure Schuldigkeit getan gegen eure Brüder und Schwestern? Habt ihr schon alles, was ihr während des Jomtou׳ an Lebensmitteln mir entbehren könnt, denen gegeben, die ärmer sind — (noch ärmer hätte er getrost sagen können!) —> habt ihr das getan? Wenn nicht, dann geht schnellstens nach Hause, verteilt Zentrierung der jüdischen Arbeit in städtisch e 11 Berufen auf Kosten der Landwirtschaft, bedingt durch die entstandene Diskrepanz, des Lohnniveaus in Stadt und Land. Während die gegenwärtige Periode des Fortschritts in sehr hohem. Maß der arabischen B e v ö I k e r u!1 g Palästinas zugute gekommen ist, indem durch sie ihr Lehens- Standard gehoben und die Arbeitslosigkeit unter arabischen Lohnempfängern faktisch beseitigt wurde, ist ein neues beunruhigendes Moment dadurch entstanden, daß Eingeborene aus Transjordanien, Syrien, Aegypten und anderen Ländern auf Arbeitssuche in großer Zahl nach Palästina einströmen. Dieser Zustrom wird hervorgeriifen durch die Fülle der Arbiitsmöglichkeiten und das höhere Niveau der Löhne in Palästina und erhält einen weiteren Anreiz, durch das auf dem palästinensischen Arbeitsmarkt infolge der unzureichenden jüdischen Arbeitereinwanderung geschaffenen Vakuums. Er geht nicht nur in der Form einer bloß saisonrnäßigen Wanderung vor sich, sondern nimmt auch die des Zuzugs einer wachsenden Zahl von Personen an, die dauernd im Lande bleiben und ihre Familien zur Anstellung mitbringen. Es erscheint schwierig, einen Zustand mit den Bestimmungen des Mandats zu vereinbaren, bei dem nichtjüdische Einwanderer aus den Nachbarländern die Möglichkeit einer ziemlich ungehinderten Infiltration haben, während jüdische Einwanderung nicht im vollen Ausmaß der Aufnahmefähigkeit des Landes zugelassen wird. Die unstabilen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt, schreibt Sokolow weiter, waren auch die Ursache für das Ausscheiden jüdischer Angehöriger der Polizei und des Eisenbahnpersonals aus dem Dienst. In letzter Zeit wurden von der Jewish Agency besondere Bemühungen unternommen, weitere jüdische Aiigehörige für die Polizeitruppe zu werben. Aehnliche Bcmiihungen wurden in bezug auf die Anwerbung jüdischen Personals für den Eisenbahndienst unternommen. Der fortgesetzte Erwerb von Boden durch Juden hat, bemerkt Nahum Sokolow׳, nicht zu einer Vermehrung der landlosen Elemente unter den Arabern geführt, sondern war irn Gegenteil _ die unmittelbare Ursache steigender Wohlfahrt bei der arabischen Landbevölkerung in jenen Gebieten, wo jüdische Siedlung sich vollzog. Der dem Zufall überlassene Kauf kleiner verstreuter Parzellen zu Preisen, die von Boden- Spekulanten dauernd in die Höhe getrieben werden, kann jedoch den Anforderungen der Lage nicht entsprechen. Es ist notwendig, daß unter Mitwirkung der Regierung bcsondere Vorkehrungen getroffen werden, um den jiidisehen Kolonisationsinstanzen größere Gebiete für Siediungszxvecke zur Verfügung zu stellen, entsprechend dem Artikel 6 des Palästiuamandats, wobei stets auf die Befriedigung des Bodenbedarfs der vorhandenen arabischen Landbevölkerung Bedacht zu nehmen ist. Das Arbeitsprogramm der Mandatskommission Genf, 3. Juni. (ITA.) Die am 3. Juni unter dem Vorsitz von Marquis Theodoli beginnende XXVII. Tagung der Spindigen Mandatskommission des Völkerbundes wird die Jahresberichte der nachstehenden Mandatsgebiete zu prüfen haben: Palästina, Syrien (französisches Mandat), Tanganyka (britisches Mandat), Südostafrika (Mandat der Südafrikanischen Union), Nauru (Inseln im Stillen Ozean unter australischem Mandat), und Ncu-Guinca (Inseln im Stillen Ozean unter australischen; Mandat), fn ihrer Eröffnungssitzung wird sie die Wahl des Vorsitzenden und des stellvertretenden Vorsitzenden vornehmen. Als Vorsitzender wird Marquis Th e o d o I i (Italien) wiedergevvählt werden. Als stellvertretender Vorsitzender wird an Stelle des verstorbenen Holländers van Rees wahrscheinlich der Belgier Orts gewählt werden. unter die Armen, was ihr nur noch geben könnt, und erst dann kommt zurück!“ — Im Nu war das Bethaus geleert. Jeder lief nach Haus, sah, was er noch irgend unter seinen Vorräten entbehren konnte, verteilte es an die Frauen der Armen und kam dann zurück. Wieder stand Raw Fajans auf der Kanzel. ״Jetzt habt ihr das Recht, zum Allbarmherzigen zu beten“, sagte er. Und dann erst begannen die alten starken Gebete auf/usteigen — von Mensehen, die durch das Erlebnis wahrhaft für das ״Wir“ der Gesamflieitsgcbctc aufgerüttelt waren. Raw Fajans’ Kinder sind •— und gewiß hatte er seine Freude daran — fruh nach Ercz Israel gegangen. Er ruhe in Frieden! Er war ein treuer Diener seines Gottes und seines Volkes in schwerer und zermürbender Zeit! Hans Goslar Kinderfürsorge der Wiener Gemeinde. Bei der dieser Tage stattgefmidenen öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes erstattete der Vizepräsident und Finanzreferent der Gemeinde, Dr. Josef L ö w e 11 h e r z, den Bericht über den Ausbau der diesjährigen Kinderferienaktion der Gemeinde, der ein überaus erfreuliches Bild der Kinderfürsorge der Wie- 11er Kulfusgemeiiide ergab. Dr. Löwenherz teilte dem Plenum mit, daß nunmehr nach langjährigen Verhandlungen und Ueberwindung auch zahlreicher Schwierigkeiten es dem Vorstand gelungen sei, im S e 111 in e r i n g g e b i e t zwischen Payerbach und Kiib ein Objekt zu erstehen, welches der staudigen Erholung der im Rahmen der jährlichen Kimlerferienaktion der Kultusgemeiude vorgesehenen 2000 jüdischen Kinder dienen soll. Die Erwerbung dieses Objekts läßt aber auch die Möglichkeit zu, die Kinder h i I f s a k t i o n a 11 c h auf die W i n t e r m o 11 a t e anszudohnen. Der Vorstand nahm den Bericht des Finanzreferenten zur Kenntnis und brachte seine Zustimmung durch die einstimmige Annähme der vom Finanzreferentcn vorgebrachten Anträge zum Ausdruck. In der gleichen Sitzung wurde auch der Be- Schluß, in dem durch die Verlegung des Chajcs-Rcalgymnasiums in ein Schulgebäude des XX. Bezirks freigewordenen Schulgebäude in der Leopoldstadt die 1. jüdische Gcmeinde Volksschule zu errichten, angenommen. J■ R. Der Jüdische Frauenbund hat nachstehende R eso!11tion beschlossen: Der Jüdische Frauenbund hat auf seiner Vorstandssit/ung vom 27. 5. 35 in Berlin beschlossen, den ihm angcschlosscnen Ortsgruppen und Vereinen erneut in Erinnerung zu bringen, daß es seit der Gründung des J. F. B. zu seinen 'Grundsätzen gehört, all seine Institutionen streng rituell zu führen. Darunter ist zu verstehen, daß die Heime des J.F. B. den Ansprüchen aller Gesetzestreuen genügen müscen. Der Jüdische Frauenbund erwartet von seinen Mitgliedern, daß gerade diese Zeit sie bereit findet, an diesen Grundsätzen festzuhalten und sieht in deren Aufrcchterhaltung eine Pflicht der Solidarität der jüdischen Gemeinschaft _ Der Historiker und Bibliograph Dr. Jesajah Sonne hat in der Bibliothek der Jüdischen Gemeinde von Ferrara ein bisher unbekanntes Manuskript Leon da Modenas entdeckt. Die Münchener Talmud - Handschrift Zum 100. Geburtstag Ihres Herausgebers Raphael Nathan Rabinowiz am 4. Juni In München kann sich die ältere Generation noch eines Mannes erinnern, dessen Lichtbild bis heute in einigen altert Familien neben dem von Monteiiore hängt. Es war der russische Jude Raphael N a t h a n Ra b i n o vv i z, der von 1S62 -1S88 in der bayerischen Hauptstadt wohnte, ihr Bürger wurde und dort in einer Lebensarbeit in 15 Bänden textkritisch die verschiedenen Lesarten der handschriftlichen und gedruckten Talmud-Ausgaben veröffentlichte. Rabinowiz war am 1. Juni 1835 in N’eii-Scharogin (Litauen) geboren und hatte sich früh durch die kritische Ausgabe der Gutachten des Rabbi Mcir aus Rothenburg (o. d. Tauber), der ״als erster offizieller Großrabhiner des Deutschen Reiches“ zur Zeit von Kaiser Rudolf, dem ersten Habsburger, also im 13. Jahrhundert, wirkte, einen bedeutenden wissenschaftlichen Namen gemacht. Durch die Hchraica-Schälze der Münchener Staatsbibliothek angezogen, von! Wiener Oberrabbiner J e 11 i - nck nach München empfohlen, kam der junge Gelehrte um 1860 dorthin. Denn in München befand sieh und befindet sich noch heute das berühmteste Unikum vielleicht unter samtliehen noch existierenden hebräischen Handschriften der Welt; die einzige so gut wie vollständige Handschrift des babylonisehen Talmud, unser Cod. 11 e b r. 95, 1312 11. Uhr., also 5103, in Norilfrankreich geschrieben, heute (seit 1912) als wichtigste Talmudliamlsclirift vollständig in 1.ichtdrucktafein vervielfältigt. Die Handschrift kam von Nordtrankreich nach Padua, von Italien spater nach Schwallen und befand sich im 18. Jahrhundert längere Zeit in Pfersee bei Augsburg in Privatbesitz. Von dort wurde sie gegen Lude des IS. Jahrhumlerts vom Augustiner־( Ihorherrnstift für das Kinder Polling bei Wcilheim (in Oberbayerri) augekauft und wamlerfe dann von dort infolge der Montgelas'sriien Säkularisationen 1806 in die Münchener Hof- und Staatsbibliothek. Rabinowiz erkannte sie als die wichtigste Grundlage jeder texlkritischer» 1 almml-Ldition und begann die verschiedenen Abweichungen vom gewöhnlich benutzten Text daraus zusammen/ustellen. Auf diese Weise entstand in den Jahren 1868 188() in 15 Baneien die Sammlung: Diqdiiqe sophrim ׳דקדוקי סופרים Variae lectiones in Miseimam et in Talmud liabvlonicuni qumn ex aliis lihris autiquissiniis et seriptis et impressis tum e cocicc Monacensi praestantissimo collectae, aiiuolationibus instructae; München 18(18 1886. Leider enthalten die 15 Bände nur die Talmud-Ordnungen: Zcrnim, Moed 1111(1 Nc/iquin (ohne Aboth) sowie die Traktate Zebahim und Menachoth, während die Ordnungen Naschim, Quodaschim 11ml Toharoth fehlen. Dazu ist 1807 als 1(1. Band noch nachträglich von dem Münchener Rabbiner Heinrich E 11 r e 11 t r e 11 der Traktat (Jhullin herausgegeben worden. Rabinowiz hat aus allen ihm zugänglichen Talinudhandschriften und Drucken einen Apparat, also die verschiedenen Lesarten, für eine künftige wissenschaftliche Talmud-Ausgabe zusamrnengestellt und damit den Anfang (fast die erste Hälfte) eines unentbehrlichen Werkes geschaffen, für dessen Fertigstellung sich heute noch nicht die Möglichkeit gezeigt hat. Die hochwichtige Frage der Textgeschichte des Talmud und der Benutzbarkeit der Diqduqc Sophrim kamt hier nicht erörtert werden. Hier sei lediglich an die eigentümliche, überall hoch geachtete (ielehrtengestalt erinnert, der die Münchener Staats• Bibliothek eine Reihe ihrer kostbarsten Schätze hebräische! Handschriften verdankt. Rabinowiz wurde von dem vor fünfzig Jahren verstorbenen Münchener Mäzen Abraham Merz.• b a c 11 c r — die Bibliotheca Merzbachiana Monacensie del Frankfurter_.Stadtbibliothek trägt noch heute seinen Namen — in großzügigster Weise gefördert, war alter doch noch ge■ nötigt, nach Fertigstellung jedes einzelnen Bandes aus seinem Talmudwerk auf die Wanderschaft zu gehen und Band für Band in der ganzen Welt, wo mau Sinn für jüdische Wissen• Schaft hatte, selbst an den Mann zu bringen, wie das jüdische und nichtjüdische Gelehrte zu allen Zehen bis ins 19. Jahrhundert tun mußten. Rabinowiz lernte auf diese Weise die Welt und ihre hebräischen Biichersohifze kennen; er wurde so für zahlreiche europäische Bibliotheken der Vermittler der glücklichsten Erwerbungen, die noch der heutigen Müssen* Schaft zugute kommen. In München kann sich heute noch die ältere Generation des berühmten Talimidforschers erinnern (der übrigens kein rabbiiiisches Amt bekleidet), wie er i 111 schwarzen, kaftauähnlichen, fast auf den Boden reichenden Rock und Zvlinderhuf durch den Hofgarten an Seite von Abraham Merzhaclier von der Kanalstraße in die Residen/straße ging; die Kinder hielten ihn vielfach für einen katholischen!,ater um! eilten heran, um ihm die Hand zu geben, wie es noch heute in München Sitte ist. Stin Name ist für immer mit der ehrwürdigen Münchener Handschritt Cod. hehr, 95 und mit den ״V'ariae lectiones“ verkimpft. Anläßlich des!einjährigen GchurMagcs sei an dieses Standard-Werk des 19. Jahrhunderts erinnert und zur Fort- Setzung der Diqduqc sophrim ermuntert. L 11 d w i g Fe 11 c 11 t vv a 11 g e r, München Ein Achtzigjähriger Der Nestor d e r W i e 11 e r '11 o nisten, Moses Hammer, beging am 30. Mai den SO. Geburtstag. Gehören am 30. Mai 1S55 in Zloc/ow, lebt Moses Hammer nach einem längeren Aufenthalt in Rußland seit 1899 in Wien. Schon in seiner frühesten Jugend schloß er sich — noch vor Her/1 — der zionistischen Bewegung ari und gehörte seit dem Auftreten Her/Is zu dessen treuesten Anhängern. Zu Beginn unseres Jahrhunderts war Moses Hammer Obmann des Vereines ״Zion“ in Wien. Von besonderem Einfluß war für ihn seine Freundschaft mit Nathan Birnbaum, mit dem er zusammen, mit Buber und dem so früh verstorbenen Dr. Hausmann die seinerzeit so bekannten ״Jüdischen A b c n d e“ ins Lehen rief. Auf kulturellem Gebiet ist hervorzuheben, daß er im Jahre 1907 die erste hebräische Schule in Wien gründete. Aber auch auf dem Felde der sozialen Fürsorge entfaltete der Jubilar ein segensreichest Wirken. Es sei nur daran erinnert, dal! Moses Hammer den Verein ״Jüdische Speiselialle“ in der Leopoldstadt ins Leben gerufen hat. Schließlich sei noch vermerkt, daß er im Jahre 1906 auf der Wahlliste des vereinigten zionistischen Wahlkomitecs bei den Wahlen in die Wiener Kultiisgcmeinde kandidierte. Hier führte Moses Hammer einen mutigen Kampf gegen die assimilatorische Herrschaft int Wiener Kultusvorstand. J, R. Im ״M e t a 11 - B u II e t i n“, London, vom 24. Mai, der angesehensten englischen Metallfachzeitschrift, findet sich ein Artikel über die Entwicklung von Haifa, worin der Anteil der Juden aus Deutschland an der Entwicklung der außerordentlichen Möglichkeiten ״dieses fast ideal gelegenen Ortes“ hervorgehoben wird. Lt. ״Oicßencr Anzeiger“ vom 31. 58 fand in Gedern (Oberhessen) ein judenfreier Prämierungs- und Krämermarkt statt,

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