Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1935-05-31 · Heft 44 (31.5.1935) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 44 (31.5.1935)
Date
1935-05-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2653827-2653869--26918-2688329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Jüdische Rundschau Palästinensische Umsclian NR. 44, 31. MAI 1935 Chaluzim aus Deutschland in den Kwuzoth Statistischer Ueberbtlck Am 31. Dezember 1934 befanden sich in 38 Kwtizoth 1307 Chaluzim und Clialuzot aus Deutschland, die in den Jahren 1933 und 1934 nach Ercz Israel eingewandert waren, in 1056 Fällen nach erfolgter Uachscharah. Der Altersaufbau dieser Alijah ist denkbar gesund, wenn man die nachfolgende Uebersicht überblickt, bei der die ״Jugcndalijah“ unberücksichtigt geblieben ist. Am Stichtag wurden in den Kwuzoth gezählt zwischen 15 und 17 Jahren 8 0/0 0,6 =־ Chaluzim aus Deutschland 18 und 20 Jahren 223 =״ ״ 0/0 17,0 ־ 21 und 25 (ahren 715 57,0 0/0 ״ ״ ״ 26 und 30 Jahren 220 17,3 ״/״ 31 und 35 Jahren 85 6,5 ״/״ über 36 Jahre 20 ״ ״ ״ 0/0 1,6 ־=־ Aus welchen Berufen kommen nun diese Chaluzim? Es Waren vorher: Schüler 419 32,1 0/0 Studenten 109 =0/0 8,3 ־ Freie Berufe 99 =0/0 7,7 ־ Kaufleute u. Angestellte 366 28,0 0/0 Handwerker 165 0/0 12,6 =־ Landwirte 31 2,3 0/0 Frauenberufe 118= 9,0 0/0 Unter diesen Chaluzim gibt es 199 Familien mit 65 Kindern. Ein großer Teil der Chaluzim hat noch vor der Alijali geheiratet, andere haben sich in der Kwuzah kennengelernt. Ein erfreuliches Kapitel ist die Eltern-Alijah. Bis zum 31. Dezember 1014 haben 50 Eitern aus Deutschland bei ihren in der Kwuzah lebenden Kindern eine neue Heimat gefunden. Die Kwuzah hat die Eitern ihrer Chawerim bei der Palästina-Regierung angefordert, und die alten Leute sind heute in die Kwuzah eingereiht, nehmen auch an der Arbeit der Chawerim, soweit sie wollen und können, teil und verleben ihren Lebensabend ohne Sorgen um das tagliehe Brot. In vielen Kwuzoth hat man den Eltern, die Bedenken in der religiösen Zuverlässigkeit der Kwuzah-Kiiehe hatten, streng koschere Küchen eingerichtet, in denen Mütter mit Unter- Stützung von Chawcrot der Kwuzah kochen, wie sie es gewohnt sind. Das Chadar Ochel, der Speiseraum der Eltern, ist gleichzeitig Betraum. Die Einordnung Es kann nicht geleugnet werden, daß man dieser Alijah von den Kwuzoth aus zuerst skeptisch gegenüberstand. Die Zahl der Chawerim aus Deutschland war vor 1933 gering; 178 Chawerim verteilten sieh auf sechs oder sieben Kwuzoth. Diese Menschen waren die Auslese der zionistischen Jugendbewegung, die eine lange Uachscharah hinter sich hatten, längst hebraisiert warm und von denen mau es oft gar nicht mehr wußte, daß sie einmal aus Deutschland gekommen waren. Jetzt wurden Chawerim erwartet, die verhältnisinäßig kurz auf Hachscharah gewesen waren und die nur zum geringen Teil eine zionistische Erziehung genossen hatten. Wie ist dieses Experiment ausgegangen? ־ ׳ Nur 90 Olim aus Deutschland haben als Ciiawerim ihre Kwuzah wieder verlassen, haben also ein halbes Jahr oder länger in einer Kwuzah gelebt, um dann freiwillig wieder auszuscheiden. Wenn die Zahl derer, die außerdem durch Kwuzoth hindurchgcgangen sind, diese Zahl um das Fünffache übersteigt, so ist dabei zu bemerken, daß Hunderte von Olim in der Absicht in Kwuzoth gegangen sind, die Kwuzah nur zu passieren, um im Laufe einiger Monate dort die Hachscharah zur späteren selbständigen Siedlung nachzuholen, die ihnen in Deutschland nicht möglich war. Für die Alijah aus Deutschland haben also die Kwuzoth eine doppelte _Bedeutung: sie sind Ausbild 11 ngsstätten für künftige Kleinsiedler und ferner Aufnahmereservoir für etwa den zehnten Teil der Alijah. Unter Zugrundelegung der Ziffern vom 31. Dezember 1934 darf man die Der Kampf gegen die Malaria Die Palästina -Regierung hat einen Bericht über die Maßnahmen im Kampf gegen die Malaria herausgegeben. In diesem wird festgestellt, daß im Jahre 1934 ein einziger Todesfall an Malaria in Jerusalem vorgekoinmen ist gegenüber 113 Todesfällen im Jahre 1918. Dieser Bericht ist eine Folge von Vorstellungen des Gesundheitsrates beim Waad Leumi, der auf die Gefahr einer Malariaepidemie infolge der starken Regengüsse im letzten Winter hinwies, die in der Küstenzone erhebliche Wasserrückstände hinterlassen haben. Das Kommunique der Regierung entwickelt ein umfangreiches Programm zur Malariabekämpfung und hebt die Mitarbeit der jüdischen Siedler und arabischen Bauern hervor. Die Regierung hat L 18 00« im Jahre 1935 tiir die Zwecke der Malariabekämpfung ausgesetzt. Die Malariaerkrankungen sind von 7 ״/<> im Jahre 1922 auf 0,83 ga im Jahre 1934 vermindert worden. Alijah aus Deutschland in den Kwuzoth — Kinder-, Eltern- und Jugemi-Alijah eingerechnet — heute mit mehr als 2 0 0 0 Menschen veranschlagen, so daß jeder zehnte Ein- Wanderer aus Deutschland seinen Platz in einer Kwuzah gefunden hat. Man schätzt heilte den Chawer aus Deutschland, der sicli vor allem nicht der selbstverständlichen und oft schweren Pflicht entzieht, nach der harten Arbeit des Tages systematisch Hebräisch zu lernen. Die Alijah aus Deutschland hebraisiert sich. Die raumtechnische Unterbringung der Alijah bereitete den Kwuzoth oft die größten Schwierigkeiten. Man war auf diese Alijah nicht vorbereitet; das Wort vom Zusammenrücken in Palästina, um dem Ankömmling Platz zu machen, mag in den Städten eine Phrase sein, in der Kwuzah wird es erfüllt. Mail nahm und nimmt noch heute die schwersten Opfer auf sich, um Platz zu schaffen. innere Strömungen Viele Kwuzoth haben durch diese Alijah einen kulturellen Impuls erhalten, ln einer kleinen Kwuzah im Emek leben heule ein ehemaliger Dramaturg und ein Kapellmeister aus Deutschland. Diese beiden Ciiawerim haben ihrer Kwuzah nicht nur die wertvollsten Musikbibliotheken mitgebracht, sie erziehen vor allem die Kwuzah zur Musik und ernten für diese kulturelle Bereicherung des Kwuzahlebens den Dank ihrer Chawerim. Am harmonischsten ist das Verhältnis zwisehen den alten Chawerim und den neuen dort, wo junge Einwanderer zu Menschen kommen, die aus der palästinensisclien Jugendbewegung hervorgegangen sind, wie beispielsweise bei den C1111 g i in im alten Ein Charod. Nicht uninteressant sind die mit der Alijah aus Deutschland neu entstandenen Kwuzoth. Am bekanntesten ist der Kibbuz der ״Werk! eilte", Hasorea bei Chedera. Vor einem Jahr wurde die K w u z a t h Hager in anim in Herzlia begründet, wo sich etwa 50 Olim aus einem Hachscharahkibbuz mit Freunden au! der Wiener Jugendbewegung ו Gordonia zusammcnschlossen. Fine andere Gruppe hat sich in der Nähe von Rischon le-Zion zusammengefunden, die Kwuzah ״Batelem“, die sich für ihre endgültige Niederlassung bereits schwere Pionierarbeit in einem noch unerschlosscnen Gebiet erwählt hat. Eine andere Kwuzah am Eingang der Moschawa Gedera gewinnt immer mehr an Bedeutung im Kampf um die jüdische Arbeit in dieser Gegend. Bei Kerkur haben Mitglieder des Hascho m c r Hazair aus Deutschland eine eigene Kwuzah errichtet. Aut einem ganz vorgeschobenen Posten im Scharon, völlig isoiiert, mitten in arabischem Gebiet, stehen Chawerim des Poel Hamisrachi. _Dr. Kurt Wilhelm Der Oberrabbiner von Palästina, K11 k, hat an die Rabbiner in Polen, die vor kurzem die Opfer von Ausschreitungen geworden sind, weil sie einen Aufruf für den Nationalfonds unterzeichnet hatten, ein Telegramm gerichtet, in dem er erklärt, daß die Arbeit für den Nationalfonds die höchste Mi/wali sei und die Rabbiner auffordert, die Arbeit für den Fonds zu verstärken. Revisionistische Ausschreitungen Das Bet 11 Am in Tel-Awiw wurde den Revisionisten zur Abhaltung einer Sitzung überlassen, in der die Frage der Schaffung einer gesonderten zionistischen Organisation diskutiert 'werden soll, «׳ährend das Beth Am-Komitee sich zunächst geweigert hatte, das Haus hierfür zur Verfügung zu stellen. Eine Anzahl von Revisionisten drang in den Versammlungsraum ein, als diese Frage besprochen wurde, PALÄSTINA REISEN nachdem die Leitung des Beth Ams eine Mitteilung veröffentlich! halte, in der sie ihre Weigerung zur Ueberlassung des Lokals begründete. Eine Gruppe von Bctliarim verursachte am 21. 5. Störungen bei einer Sitzung ehemaliger jiddisch e r S c h r i f tsteiler, hei der eine Vorlesung anläßlich ries 70. Geburtstages von l)r. Schitlowski gehalten wurde. Sie durchschnitten die elektrische Leitung, als die Vorlesung begann, und warfeil Steine gegen die Zuhörer, die sich hierauf zerstreuten. Die Polizei schloß die Sitzung. (Paltor.) Die Palestltie Shipping Company Ltd., Haifa, hat wie uns mitgeteilt wird, beschlossen, bis auf weiteres Schülern, Studenten und Lehrlingen bis zu ihrem 20. Lebensjahre in Gruppenfahrten von 10 Personen eine Fahrpreiscrmäßigung von 25 ״> und dem Reiseleiter dieser Gruppe eine Freipassage auf dem Dampfer ״T e 1 - A v i v“ zu gewähren. Für Einzeifalirten von Lehrlingen, Schülern oder Studenten gewährt die Gesellschaft eine 10״״ige Ermäßigung. Weiterhin hat die Gesellschaft allen größeren jüdischen Schulen Europas eine F r ei karte für eine Seereise von Triest nach Haifa und zurück, einschließlich eines 17tägige11 Aufenthalts in Palästina unter folgenden Bedingungen zur Verfügung gestellt: Um die Schüler, die diese Freipassagen erhalten sollen, zu bestimmen, soll in allen Klassen von 10 Jahren aufwärts ein Klassenaufsatz angefertigt werden ungefähr des Inhalts: ״Wie stelle ich mir Palästina vor?‘‘ Der zu prämiierende Schüler oder die Schülerin soll wie folgt festgestellt werden: Aus jeder Klasse werden dem zuständigen Lehrer aus den angefertigten Klassenaufsätzen die zwei besten ausgewählt, wobei das Alter der beteiligten Schüler resp. Schülerinnen Berücksichtigung finden soll. Der zuständige Direktor und die in Frage kommenden Klassenlehrer sollen alsdann gemeinschaftlich aus diesen ausgewählten Aufsätzen den besten Aufsatz feststellen. Der Schüler erhält dann von der Palestine Shipping Company Ltd. die Freipassage auf dem Dampfer ״Tel-Aviv“. Die jüdischen Kinder, die an dieser Reise teilnehrnen, sollen nach ihrer Rückkehr ihren Schulkameraden ihre Eindrücke i! her ihre Fahrt und ihre im Lande selbst gewonnenen Eindrücke mitteilen. UNVERBINDLICHES ÜBER TEL-AWIW Von M a s c 11 a K a 1 e k o T e 1 - A w i w, im Mai 1935 Es wird viel geschimpft auf Tel-Awiw. Es wird viel ge- Schwärmt von Tel-Awiw. Sonderbar, dafi gerade die ״Schimpfer‘‘ sieh nicht losrcißea können von dieser Stadt. Eine Haßliebe, der sie immer wieder verfallen. Tel-Awiw, wie sieht dich der Tourist: Häuser und Straßen und überfüllte Omnibusse, Lärmen, Hasten und Getöse, Hammerschlag und Rädergerollc, Schlangcstchen an der Haltestelle, Schlangestehen um eine Briefmarke zu 8 Milim für die Europa-Ansichtskarte, Schlangestehen am Billettsehalter der ״Habinia", Schlangestehen auf jeden Fall (״Schlanjze“ ־*= Thor auf gut Iwrith). Badeleben am Strand, Vergnügungsbetrieb in hocheuropäischen Lichtspielpal äst eil, pariserisehes Herunisit/en vor den Cafes im Freien, — Tel-Awiw gebärdet sich großstädtisch. Wie aber sieht man dich nicht, Tel-Awiw, mit dem Fremdenführer in der Hand, wie!)ist du hinter den Kulissen, hinter die man nur ab und zu schielen darf, wenn man gute Beziehungen hat zu den ״Befugten“, denen der Zutritt nicht strengstens untersagt ist? Da gibt es sogenannten Alltag, wie überall. Da wird geschuftet auf dem Bau, da wird gearbeitet in den Werkstätten, da ist inan tätig im Büro. Da gibt es Sorgen und ״Probleme“; allgemeine und solche mit Lokalkolorit (das nicht immer himmelblau ist oder hellrosa). Bleib ein bißchen länger Ja, eiliger Tourist, pack die Stopp- Uhr fort, gib dein Hoteldasein auf uml fange an, zu leben in Tel-Awiw. Geh auf die Zimmersuche, steck deine Nase in fremde Korridore, freunde dich mit dem röchelnden ״Primus“-Koc!1er an, dem Wahrzeichen der palästinensischen Küche, übe das Anzünden so lange, bis du im ״Vergasen“ perfekt wirst, und dein selbstgekocliter Tee auch nicht ein bißchen mehr nach Petroleum schmeckt, laß dir von den Hausfrauen den internationalen Klagesang über die ״Perle“ (hier ״üsereth“ genannt) anstimmen, und versuch du selber mal ein bißchen, dich umzutun in dieser Stadt. Bis du sie richtig erkannt hast, schweig dich aus über sie, sage nichts Schwerwiegendes, weder für noch gegen, überlaß dies den Neunmalklugen, die vom Auto aus das Land betrachten. Fünftnintitcnblickc auf die ״Sightseeings“ werfen, um zu Hause gleich den dicken Reisebericht druckfertig zu diktieren. Sieh dich um. Und wenn sie dich fragen, sag, was du siehst. Nicht mehr. Du wirst ohnehin später erfahren, daß du mit der Besucher-Brille behaftet gewesen bist, es ist alles anders, n a 11 c b c s e h e n. Großstadtlärm am Tage, Feierabend am Mittelländischen Meer (an dessen unbeschreiblicher Bläue auch die sclilechteste ״Alijah" nichts verderben kann), Glockengeläute heimkehrender Schafe mitten auf der Allenby Hauptstraße, eine kettenlange Reihe gravitätisch schreitender Kamele, silhoucttenscharf gegen den'eben!liehen Himmel gestellt, monotoner Sang eines späten Arabers in Abaja und flatternder Ke.'ije, tun!;Minuten von der Promenade des ״europäischen“ Rothschild-Boulevard, eines der vielen Gesichter dieser Stadt. Aber auch: abendlicher Schwatz Ecke Karmel, mitternächtliches Flanieren in blauer Arbeiterbluse oder elegantstädtischem Maßan/ug, Treffpunkt der Jugend am ״Merkas“, unter flammenden Bogcnlichte;■11, wenn man feiert in Tel- Awiw. Immer wieder in diesen Wochen zwischen Peßach und?chawiloth, immer wieder werden die festlichen Bogenlampen am Hauptplai/ zwischen Alleiby- und Karmelstraße angezündet, Menschenmengen drängen sich an jeder Ecke, Fremde und Eingebo'ene, ״man" trifft sich an der Steininsel des Verkehrspolizisten — (. . und abends beim ״Schoier“). Ein bißchen zuviel ״Betrieb“, ein bißchen zuviel Eile, ein bißchen zuviel von allem. Und doch: lebendiges Zentrum, das sie alle herbeilockt aus Haifa und Jerusalem, aus Tiberias und den Kwuzoth des Emek, — von den Touiisfenschwärmen aus ״C!n1׳-la-Arez“ ganz zu schweigen. Es wird viel gearbeitet in Tel-Awiw, das steht fest. Aber es wird auch gern gefeiert in dieser Stadt. —■ Ich soll euch was vom ״normalen Alltagsgesicht“ dieser jüdischen Stadt erzählen? Seit Wochen bemühe ich mich darum, es kctineu/ulernen, es gelingt mir nicht: ich hin in die Feier-Zeit hineingeraten. Mit der .,Makkabiah" fing es an, dann wieder flammten die Bogenlichter am ״Merkas“ zu Ehren des großen Arbeiter-Sportfestes, praligefiillt rasten die Stadtomnibusxc hinunter zum Stadion, bunt leuchteten die Fahnen über dem Allsstellungsgelände, in den Straßen und l aden regierte das Kornblumenblau der ״Poel“- Kluft; kaum war der imposante ״Kinus-I lapoel“ vorüber, da gab es einen neuen Feiertag, wieder strahlten die l ichter am dichtbcielrten ״Merkas“, ein breites Schrift band zog sich von einer Seite der Alleiibv zur anderen hinüber, ״J’mej Bialik“, die Tage Bialiks, war in Silberbuchstaben zu lesen, und aus allen Enden strömte man hinein in diese Stadt Tel-Awiw, wieder stand man Stunde um Stunde geduldig im ricsiglangen ״Thor“ vor dem Bus, wieder scharte man sich um die Plakate der Litfaßsäule, wieder gab cs Ausstellungen und Versammlungen, trotz Sonnenglut und technischer Schwierigkeiten. Wir haben nachts draußen im Amphithcatron gesessen unter einem palästinensischem Sternenhimmel in sommerlicher Abendluft zwischen Jarkon und Mittelmeer. Dekoration verpflichtet, — hier brauchte man sich keine Mühe zu geben, Meer und Himmel taten das ihre. Auf der schönen weiten Bühne vor uns führte man die ״Massa Bialik“ auf, eine dramatisierte Folge von Dichtungen Bialiks. Eine Nacht voll schwermütiger Musik, gespenstischem Tanz und dunkelgetönten i)iehterversen, draußen vor der Stadt. Koch sind die ״Bialik-Tage“ nicht vorüber, doch mir ist, als bereite sich wieder etwas vor in diesem Tel-Awiw. Und wenn ich des Abends am Mer kas vorüberstreife, bin ich fast erstaunt, die Bogenlichter nicht wieder (lammen zu sehen. Ist es denn möglich, - Ruhe in dieser Stadt? Hat sich denn alles gegen sie veischworen? Last unheimlich, diese ״Stille“. Wartet mir. einen Tag Atempause, habt wieder werden Omnibusse voll singender Jugend durch die Straßen schaukein, Fahnen weiden flattern, kein Auto, keine Droschke, kein noch so armseliger Karren wird mehr aufzutreiben sein, wieder wird man geduldig in der Sonnenhitze anstehen um einen Platz im Bus. Sicher haben sie bald wieder etwas Neues ausgeheckt, einen hinunterzulocken in das Aus״ stcllungsgelämk-, wo ״etwas los ist“, diese Tel-Awiwer! Sie sind schrecklich stolz auf ihre Stadt. ,,Tcl-Awiweiiui“ Unser Tel-Awiw! brüllten sie begeistert, als heim großen Sportfest die Tel-Awiw-Gruppe vorbeimarschierte. Fremdeiibetrieb scheint ihnen mehr Lust als Last. Sie sehnen sich anscheinend durchaus nicht danach, einmal ganz ״unter sich“ zu sein. Ich habe die ״eingeborenen“ Tel-Awiwer stark in Verdacht, daß sie es ohne das sogenannte ״pulsierende!.eben“, diesen ״Rummel“, den das Hinundher der Touristen schafft, gar nicht so schön fänden, obgleich sie zuweilen ironisch von den ״Tortiirisien“ sprechen. Das ״normale“ Gesicht dieser Stadt ist vielleicht gerade das ״Anormale“, es gehört zum Stadtbild, daß fortwährend etwas ״passiert“, immer muß etwas los sein, eine Aus- Stellung, ein Kongreß, zumindest eine Premiere. Die Hotels müssen überfüllt sein, auf dem Postamt müssen Hunderte von Neuangekommenen vor dem Poste-restante-Schalter nach der ersten Karte von ״zu Hause“ schmachten (merkwürdig, wie viele es eilig haben, sich die Sorgen, von denen sie sich erholen wollten, per Zeitung oder Einschreibebrief nachsenden zu lassen), die friste der Neuangekommenen wird intensiv studiert, mau interessiert sich für alles, und vor allem: — man weiß alles in Tel-Awiw! Man weiß alles in T c I - A w i w. Ein wunder Punkt. Die Vokabel ״incognito“ wird liier noch lange Fremdwort blcilien. Man weiß genau, wann, woher, warum und wozu du hergekommen bist, man weiß, was du im Schilde führst. Man weiß genau, wo du wohnen wirst, jedes Kind weiß das, nur leider du selbst noch nicht. Man hat dich am Moata״ am ״lam“ gesehen, obgleich du erst am

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.