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Jüdische Rundschau · 1935-05-28 · Heft 43 (28.5.1935) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 43 (28.5.1935)
Date
1935-05-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43, 28. V. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Wie gestalte ich den Schabbat? Für Schabbat, 1. Juni Wochenabaehnltt ״Bamldbar“ (IV. B. M. Kap. 1 - 4, 20) I. Für diesen Schabbat lasse man die Jüngeren Zelch- Bungen anfertigen, aus denen hervorgeht, wie Israel in der Wüste lagerte und wanderte. Besonders reizvoll wird cs sein, die Fahnen der Stämme durch einzelne Gruppen zeichnen zu lassen. Wie die Fahnen atissehen, darüber berichtet der Midrasch Rabba zu unserem Wochenabschnitt, II. Mit den Aelteren spreche man über die besondere Stellung des Lehrers im Judentum. Ausgehen wird man bei dieser Betrachtung von den ersten Versen des dritten Kapitels, wo die Geburtsfolgen von Mosche und Aharon angekündigt werden und nur die Kinder Aharons aufgezählt sind. Die Erklärer schließen daraus, daß ״jeder, der den Sohn seines Nächsten Thora lehrt, zu betrachten ist, als hätte er ihn geboren“. Mosche als Lehrer der Söhne Aharons wird also gleichfalls als ihr Vater betnachtet. Es hat sich aus dieser Auffassung ein eigenes ״Lehrerrecht“ entwickelt, das die Rechte des Lehrers über die der Eltern stellt, so daß man t. B. verpflichtet ist, seinen Lehrer vor seinem Vater aus der Gefangenschaft loszukaufen. Im 2. Abschnitt des Traktates Baba hezia findet sich weiteres Material für diese eigenartige Stellung des Lehrers. Diese Wertschätzung des Lehrenden hat ihren Grund in der häufig ausgesprochenen Erklärung: Der Vater brachte dem Kind diese Welt —• der Lehrer die kommende (Olam haba). III. Als Haftara wird das 2. Kapitel aus dem Propheten Flosea gelesen, das ohne den Anfang dieses I’rophetenbuches nicht verständlich ist. Man spreche über den Propheten Hosea und sein Wirken, das sich gegen die Mißstände im jüdischen Reich richtete und sie in großartigen Reden geißelt. Besonders bekannt sind die beiden letzten Verse des 2. Kapitels, die man bekanntlich beim Tefillinlegeti spricht. Psalm 122. E. Einige allgemeine Hinweise 1. Singen Welche Wichtigkeit das gemeinsame Singen hat, wissen alle, die im Bund arbeiten und sonst in der Jugendarbeit stehen. Es kommt darauf an, gut und schön zu singen und zu wissen, daß Singen heute ein wesentliches Erziehungsmittel bei uns ist. Die Wahl der Lieder ist wichtig. Immer mehr zu lernen ist natürlich notwendig. Wir verweisen Euch heute auf ein neues Liederbuch von Erwin Jospe und Jos. J acobs e n, das unter dem Titel ״Hawa Naschira“ bei Anton l. Benjamin in Leipzig erschienen ist. 1. Das Schabbatbuch das ScitacKanvarlagaa Wir haben es schon einmal erwähnt. Es soll noch einmal geschehen, weil cs die beste Quelle für die Gestaltung des Oneg Schabbat ist, die wir haben. Zobel verfolgt den Schabhat In der geschichtlichen und religiösen Entwicklung, zeigt Ihn im biblischen, hellenistischen, talmudischen und späteren Schrifttum, immer mit Quellen in sehr guter Uebersctzung. Dann gibt er Schabbaterlcbnisse von Nichtjuden wieder (natürlieh nicht mit dem falschen Blick, was sie von uns sagen, sondern einfach als Wiedergabe des Eindrucks, den unsere Welt auf Menschen der Umwelt macht) und zum Schluß behandelt er Gesetz und Brauch des Schabbats. Ich wüßte zur Behandlung des Schabbatgedankens keinen besseren Leitfaden. Man kann nicht nur sehr viel aus dem Büchlein lernen, sondem man kann es zum Vorlesen, für Besprechungen ausgezeichnet gebrauchen; es enthält Stoffe für Jüngere und Aeltere. 3. Oberst Lawrence ln den Zeitungen auch in der ״Jüdischen Rundschau“, habt Ihr gelesen, daß Oberst Lawrence gestorben ist und welches Aufsehen sein Tod in der englischen Weit erregt hat. Dieser Oberst Lawrence, der ein echter Abenteurer war, spielte im Vorderen Orient eine solche Rolle — abgesehen von der interessanten Gestalt an sich — und die Beziehungen zu Palästina und seinen politischen Problemen waren so stark, daß wir diesen Mann in einem Oneg Schabbat behandeln können und sollen. Es lohnt, in einer Bibliothek seinen ״Aufstand in der Wüste“ zu beschaffen und daraus vorzulesen. Es ist BRIEFE AN DIE REDAKTION Juden und Wehrdienst tharlouenburg 4, 29. Mai 1935 An die Redaktion der ,,Jüdischen Rundschau‘' Zu ihrem Leitartikel in der Nummer vom 24. Mai <i. ,,Oer Aiierpaf.i^faph im WYhijm-'-etz‘* rrlauhe irh m׳r, f׳.Funde ■י bericht i^imd zu bunciYn: Sie weiten darauf hin, dalS nach $ 15 des \Vehrges!׳:?,es Nh!!tarier nur vom ,,aktiven Wehrdienst‘־ ausgeschlossen sind und folgern daraus, daß tiir die Im § 7 unter Absehnitt b aufgezahlten Kutegoiicu des Heu r 1 a u h t c n s t a n d e s (Re- .serve, L rsa! ziese rve, Landwehr) am:11 Nichfuricr in Betracht, kommen. An spaterer Stelle Ihres Artikels sagen Sie, daß für die-w Kategorien die §§ 19 und 20 des Wehrge.setzes mal'1gebend sind, die u, a. die He- Mimmtitig enthalten, daß die Wehrpflichtigen des Beurlaubten- Standes zu Hebungen einberulcn werden können. Nach dieser Dar- Stellung hat cs den Anschein, daß auch die Juden zu 0101011 Hebungen eingezogen würden. Ciwath Brenner, 18. Mai 1935 Werte Redaktion! Meine Stellungnahme zu dem Problem der ״Zwisehengcneration“ hat eine Reihe von Zu- Schriften an mich zur unvorhergesehenen Kolgo gehabt. Pa ieh leider außerstande b׳n, jedem der Absender einzeln zu schreiben, will ich, um ihr Vertrauen nicht ganz zu enttäuschen, wenigstens auf diesem Wege zusammenla-send antworten: 1. Ganz allgemein mul» ich zunächst zu meinem Krstauncn!entstellen, daß die Lxisten׳־ der Palästina• Aemfcr und ihre Fm!ktion otlenbar noch niehl zur Kennt- 11U aller Juden in Deutschland gelangt ist, Die meisten der an mich gerichteten Fragen können an diesen Stellen authentisch und sachgemäß beantwortet werden. 2. Sonderbarerweise erkundigen sich vorwiegend Akadem i k e r, Frauen wie ^Männer, wie sie sieh schon in Deutschfand auf die körperliche Arbeit Das ist aber nicht richtig. Nach § ל Abschnitt a Zitier 4 Muhen im aktiven WchrdieiiM auch ,,die au» dem Beurlaubten- Munde zu Ucbungm oder son- Migcm aktiven Wehrdienst ein-!>׳ midi! n Oliiziere, l’nteroitiziere, Mannschaften“. J>a sinach die Angt borgen des Be־ m iaubirii-;and!־«, für diu Zeit ihrer Fmhumhing zu Febungcu uL im aktiven WuirdienM Mehrnd betrachtet werden, andurcrscils aber Juden muh £15 vom aktiven Wehrdienst Huagc- Äche>.,.-a11׳ .sind, so ergibt sich ohne vcb.cics, daß Juden, aui 11 wenn;de zu dun Angehörigen des Beurlaubte nstandes gerchnel weiden sollten, an den in $ 20 genannten Hebung(.׳!! dieser Wuluplbi ln!gen jcduidaibs nicht (uilnuhiiK'ii. Welche Pflichten fclch aus der Wehnibcrwachung für die Juden ergeben, wird erd. aus den Piirchiiihrungsbestiminungeu zu ergeben sein. Hochachtungsvoll Dr. Leo Münz in Palästina umstellen können. Für die 30- bis 35:ahrigen ist die Antwort sehr einfach: Lintiitt in den Hcchaluz, Hach.- tcharah und Alijah mit Zertii at C. Für die iihere Hälfte liegen die Yeihäknissc bei vÖlligcr Mitiell.'-ighcit allerdings we-entlich schwirr ger. 3. Firuelne Altersgenossen fragen mich, ob ich die ,,Atiswanderung nach Pa’ästina“ wirktüh als einzige■ Hilfe für sic sehe. Wenn dipsr Menschen erst, cmmal in ibrrn (iedankmigängen dir Alijah richtig benennen worflet), nämlich: ,.Heimkehr ins Land der Väter und Xrubrginn in Kroz l-racl“ — dann werden sic erkennen, warum ich allerding» diesen Weg als für den einzig richtigen erachte. Zum Schluß die leider notwendige Bemerkung, daß meine Mcinui.güiuLiurung m Nr. 37 der Rundschau keine ,,Reklame für!*«ÄLiina‘1 war — diese dürfte wohl!ibprfltLsig geworden sein! — sondern der naheliegende Rat eines Kameraden, der für seine Familie und sich das Problem der ״Zwisehcngcncration“ zur Berlin-Sudende, 20. Mai Ich möchte mir zu dem Artikel ,,Wü'ienwind über Palä• stina‘• in der ״J. FL“ vom 14. Mai, Nr. 39, einig״' kurze Bemerkungen erlauben. Irh bin seit Freitag, d. 10. Mai. v״r! einer PaÜHtina-Re sr, die ich am 13. Marz, auf dem Dampfer ,.Tel* Aviv“ unternommen hat!־׳, wieder zurück. Ich war übrigens auf dem Dampfer sowohl aut der Hinwie aut der Rü.־kreise vorzüglich aulgchobcn. Ich war also während des ganzen ,,t’ham״ sin“ in Palästina. Wenn ich anlang» zum Amü.v.'ment meines Jungen, der in Tcl-Awiw lebt, immer wieder betonic; 1'aHiM na ist ein kühle» Land, so muß Mannheim, den 25. Mas 1933 Fi laubun S;c mir, 1.0■ 11 inmal aut die*c Finge zunukzukommen. Zu< 1 u c; Brinriktmgen: 1. Ich glauHp daß, ״!In als man annehmen dürlt־׳, der Muht aut einem M d’vut -bindn s Iwrnht und viele FiuU- (auch an vurantwoitung-voiler Stell! ) 311:11 niclit pan/ k '4ז!l,tml h 1 -11!! 1,!!,!L> es s!ch nicht U m eine a n d 1 r e S p r n 1! c, ac>״k ff1 tat .sä! h;ich nui um eine .ludcie Ati'-'p! •u 1 sc hami,'h. 2. Lי g;le. imnimc Mcn-rhcn, die *ich aus t ׳et11hbg׳uiidcu nicht vom A י•' h k c r. a -1 ,י!!! e 11 1 n י - .sagen können. YülH:cht da!; man >11' daran er:nm rn. daß in vielen Fänden! der < äiUc-dienst von j-'luT M'jihani;-,«■!! ׳)׳׳-,p!, iclicii "׳urdc, daß 1L1 > A $ c h k e n a - .s i s c h c d 11 r c h a u 5 n i ״׳ h t heiliger i .s t, als das Scplnirdbrhc, und daß es nicht angeht, ru« solcher iaLrh verplandenen Pietät unseren Kindern das Hebräischp r c c h e n um sehr vieles s c h w c rer zu machen. Und mm zur elgrntli׳ hen, zur pädagogischen Seite der Fragr. Iss ist überam wichtig, daß die .seplinrdiscbc (g c k p r o chette) Ainsprarho bei den völligen Zufriedenheit ället Beteiiigtcn gelost hat! Dr. J o e h a!1 a n L e w i n s o Q ict» docli «agen, vom 24. wurde es reichlich warm, man kann wohl sagen, täglich ungemütlieber heiß. Ich entdeckte aber bald ein Mittel gegen den brennenden Durst. Drei-, viermal am Tag!• ein (Fas heißen Tees» #o heiß wie mini ihn nur vertragen kann, und der Durst ist gestillt., bl! uh'״ ht<׳ dir״■ Methode jedem cmptehlcn, der den Cham.'in mit- /iiiiui heu hat. Aut der Rückfahrt war kisior der Passagiere durch den ('!ham-in krank. Und die unbegrenzten Schönheiten des l.nudis. die ungeheuren Krlebnäso eimr Paliistinarcisc werden d.vlurth bestimmt nicht becintrib'htigt. Doris Altma'no Kimh'in ganz. >;19,0'״; wird. Und gm!/ spontan, kann sie normalerwi im: nur it’in, wenn stt: als tu סי.; gc len!! wird und es kei- Jur tun ht 1,1 ghe! icn HonMcllung bcöar. um zu spn-Jii'n, F . kann k׳.׳in Fmwand sein, dal! dm K mder - 111! >eüt schlandi ־- dem <> 'to;׳־־i;1!־.׳s1 ״Mu!rr Inlgcn \01k11 n. Fs w:ir<! d■ n 11 «.;!! lc c!!0 «. in d! 1 N hule die L ntdM-hi( de s-> aimideuteti, 11,1 i.'i j ׳ «F K.nd v.-lii bald auch a״! hk! n,o: u i! 1 c .י e!1 und ver-!זיeben konnte (da-, genug! und kann ohne S p r c ־ \1 ייa bun gen crn׳‘g«n). — Wenn du; KuI׳ ׳!>.o ׳; ,u!זe (dmch die nicht a'l äg!;! in■ Au• ■׳,".d nc) ein i g e Zeit, etwa- Urner ge!iicktwiid, -•׳! kann d,׳ nur!merlich wirken und in ein!1 rthabrne St imm«1ng \!-j •etzui. Mit. den ('.ebeten werden die Kmder ins? ebenst) .schnell vertraut. Fs ist ein unbedingtes Krfordenn-, daß uummc Jugend hebniwh lernt, wie man seine Muttcr-prachc lernt. — durch die direkte Methode immer weitcr auibmiend. »dme sich je um- Mellen zu rnüsvfn, weil loixtcre^ nur » u f Kost 0 n der l'n• m i M e! b a r k c i t erfolgen kann. Marcelle KlsaOcr Weg der Heimkehr Nach dem Chainsln Sephardinch oder asdikenasisdi? «ines der spannendsten Bücher, die es fflbt. Für Größere kann man im Zusammenhang damit die Entwicklung der politischen Probleme in Arabien behandeln; es ist Gelegenheit, die für uns wichtigen arabischen Bewegungen der Waliabitcn usw. zu betrachten. Soeben ist ein neues Buch über Lawrence erschienen, welches auch sehr viel biographisches Material enthält. (Liddcll Hart: Oberst Lawrence. Vorhut-Verlag Berlin.) __ J•!׳. 1200 Lehrer der hebräischen Schulen New Yorks sind zum Protest gegen die geringe und unregelmäßige Bezahlung in. den Streik getreten. Nächste Abfahrten nach Palästina. Dampfer ״Paiestftia“ am 31. Mai ab Triest; Dampfer ,,Mar. Pacba“ am 31. Mai ab Marseille; Dampfer ״Esncria“ am 1. Juni ab Genua; Dampfer ״Oalilca“ am 5. Juni ab Triest; Dampfer ״Tel- Aviv“ am 7. Juni ab Triest; Dampfer ״Vienna“ am 7. Jtini ab Neapel; Dampfer ״Oerusalemmc“ am 12. Juni ab Triest; Dampfer ״Polonia“ am 12. Juni ab Konstan/a; Dampfer ״Palestina“ am 14. Juni ab Triest; Dampfer ״Champollion“ am 14. Juni ab Marseille; Dampfer ״Lepeiia“ am 15. Juni ab Genua; Dampfer ״( ialilea“ am 10, Juni ab Triest; Dampfer ״Helouan“ am 21. Juni ab Genua; Dampfer ״Tel- Aviv“ am 21. Juni ab Triest. Auf ii!1, % « -f "7', י U■ $ *4^'C/ Dingen steht die Welt Erzählung von GERSON S7ERN 16, PorUttcoag Copyright Verlag Erich Raiis, Berlin Bessinger sagte sich, mein Herz, darf nicht berslcn. Ich hälfe es durch. Er sprang nach unten. Er nahm Mantel und Hut und stürzte aus dein Haus. Es war eine stürmische Nacht. Die Bäume am Kanal rauschien. Bo.rthchen lief hinter Bessinger her. Berthchen rief: ״Arnold 1“ Aber die Nacht hatte ihn schon verschluckt. Fräulein Müller und Nathan waren zum Kanal hinuntergerannt, über die Briieko gerannt. Sio waren an der anderen Seile hinaufgerannt. Es war, als ob sio hinter dein Tod her- E müßten. Sie riefen ״llcddal Ilcdda!“ Fräulein Müller ite. Aber sie mußte sprechen. ״Es darf nicht so kommen, wie es kommen könnte. Keiner ist schlecht, und keiner ist ganz gut. In Iledda sind alle Möglichkeiten, Herr Doktor. Alle Möglichkeiten. Wie kann dies nur sein? Die Eltern sind so fern, Herr Doktor. Wirtschaftlicher Aufbau! Wirtschaftlieber Aufbau! Ist das der Aufbau des Lebens? Die Ellern verlieren sich. Ich spreche nicht als Erzieherin, Herr Doktor. Ich spreche als Christin, als gläubige Christin. 1111 Evangelium Matthäi heißt es: Ich hin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeisl. Ich bin durslig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. Die Kinder wissen es nicht, aber sio fühlen es. Die Ellern fühlen es nicht und wissen es nicht. Aber das Wissen wird kommen. Jeder wird gewogen.“ Die beiden liefen weiter gegen den Sturm. Wolken flogen. Sic verdeckten die Mondscheibe. Sie gaben sie frei. Alles schwamm in einem grünblauen Schatlonliclit. Die beiden waren in den Anlagen. Fräulein Müller keuchle. Sie mußte sprechen. ״Ich gehe nicht nach Hause ohne Hedda. Ich liebe das Mädchen. Ich gehe nicht mehr in das Haus ohne Hedda.“ Beide eilten durch die Anlagen, bogen links ein und rechts ein, suchten, riefen und liefen der Wohnung von Madelaine .lulinn zu. Iledda hatte den Augenblick, als Fräulein Müller mit Lotte sprarh, benutzt, tun die Treppe hinimter/.ugleiten. Sie halte den Hut noch auf. Sie hatte den Mantel noch an. Sie stand au der Haustür. lause glitt der Schlüssel ins Schloß. Leise wurde die Tür geöffnet. Leise wurde von außen dio Tür mit dem Schlüssel geschlossen. Sie stand draußen. Sic hörte die Unterhaltung ihres Vaters mit Nathan. Ein Sturm hatte sich erhoben. Heddas Herz pochte. Sio lehnte sich an das Haus, sie mußte sich an das Jlaus lehnen, in das sie nicht mehr zurückkehren würde. Nein. Sie kehrte nicht mehr zurück. Hedda tat die ersten Schritte. Sie stieß gegen den Wind, der von Osten gegen sio drückte. Ihre Wangen glühten. Ihr Mund war geöffnet, um in die Lungen die Luft zu lassen, die das klopfende Herz brauchte. Iledda ging gegen den Sturm. Schweiß brach aus ihr. Sie schritt, nein, sie lief. Da warf sich eine Frage gegen diese Sinnlosigkeit. Wohin? Herr des Hirn- Ittels, wohin? Die Füße wurden schwer. Der Kopf wurde bonominell. Wohin .sollte sie? Ein Ekel ergriff sie. Warum leben? Vom Kanal hörte sie das Bauschen der Pappeln, die ihn säumten. Der Wind pfiff. Der Sturm heulte. Verzweiflung packle sie. Der Uedanko kam näher, warum leben? Sie ging dem Kana! zu. Das Wasser wurde gepeitscht. Das Licht glitzerte tausendfach, unruhig über dio übcrflädie hin. Iledda schüttelte sieh. Sie zog den Mantel eng um sich. Sie innchto einen Schritt dem Wasser zu. Sie zögerte. Plötzlich schrie sie auf: ״Nein, nein!“ Sie streckte ilire Arme hoch, als wolle sie nach dem Leben greifen. Irh will lohen. Sie sank in die Knie. Ihr Kopf fiel vornüber. Ein Meinen diirchrüllelte sie. Sie barg den Kopf in ihren llärnlen. Sie schluchzte immer wieder in das Weinen hinein: ״Ich will leben. Ich will leben.“ Der Sturm fegte und packle die Bäume. Der Hut wurde Iledda vom Kopf gerissen. Ihr Haar wurde aufgewühll. Iledda erhob sieh. Wohin? Zu Madehune? Man würde sie finden, sie holen, sie zwingen. Nein. Sie wollte zu Albert»ne Gregor. Da war sie geborgen. Dann, plötzlich, k«111 ihr der Gedanke an Dr. Weller. Hatto er nicht gesagt, er würde neben ihr gehen? Und liatle sie nicht gesagt, wir sind Gefährten? Hedda ging und sprach und weinte. ,,Ich bin in Not. Weiter, helfen Sie, helfen Sie.“ Iledda eilte vom Kanal fort. Das Brausen des Wassers schien sie zu jagen. Sie lief durch die Anlagen der Stadt zu, zu Weiter, 7.1t Alherlinc Gregor, irgendwohin der Stadt zu. Dr. Weiter hatte heute einen!)('merkenswerten Abend. Von der Sternwarte war die Mnelirhkeil einer besonders günstigen Beobachtung des Saturn« angekiindiglo. Der Planet konnte von Weiters Balkon aus gesichtet werden. Weiter halte dort sein Fernrohr aufgestellt. Die Wolken unterbrachen immer wieder seine Beobacht ungen. In einem solchen Augenblick «:111 Meller auf den Platz hinunter, an dem «eine Molnmng latr, und sah, wie dort, eine junge Fraiicngeslall im Gehen «rhw ankle. Mar es der Sturm? Die Haare halten sich gelüst. Der \N ind riß sie hin und her. Die Gestalt, kam näher. Sie trat in den Lichtschein einer Straßenlaterne. Da — war er wahnsinnig? Sah er nicht Iledda? M'ar es nicht Iledda? Meller schrie. Er preßte die Hand vor den Mund. Er sprang ins Zimmer, er jagte die Treppe hinunter. Er halle den Hausschlüssel oben liegen lassen. Er jagte die Treppe hinauf, wieder hinunter. Er schloß die Tür auf. Die Gestalt war schon weitergegangen. Er sprang hinterher. Er holte sie ein. Er faßte sie an beiden Schultern. Er rief Hedda.' Hedda wendete sich. Ihr Kopf fiel gegen M'elters Brust. M elter fühlte das Zucken ihres Körpers. Er drückte mit seiner rechten Hand sanft den Kopf an sich, während der linke Arm Iledda hielt. Ihre Augen waren geschlossen. ״Hedda, kommen Sie zu sich“, sagte Meller leise, ״leb flehe Sie an, kommen Sie zu sieh. Mas soll ich für Sie tun?“ Iledda antwortete nicht. Weiter nahm sie unter den Arm. Er ging zurück. Er führte sie auf sein Zimmer. Er setzte sie m einen Sessel. Iledda sank in den Sessel ein. Sio war so müde. Ihre Augenlider waren halb geschlossen. Aber sie sah wie durch einen Schleier, daß M eller Tee bereitete, etwas Kognak hineingoß und ihr die Tasso reichte. Sie trank. Sie halte seit dem mittag nichts gegessen. Sie trank gierig und fühlte Wärme in sich einfließen. Sie schloß die Augen, ein Nebel schien sie oinziisrhließeii. Sie sank in diesen Nebel, der lieler und tiefer sie einhettete. Fräulein Müller und Nathan standen vor der breiten Tür, die in das Haus des Herrn Julien führte. Nathan Katz blieb zurück. Fräulein Müller schellte. Herr .Inlien «prnrh gerade die letzten Morte des Nachtgeheles: Seiner Har! empfehle ich meinen Geist, wenn ieh schlafe und wenn i ׳, wache. I nd mit meinem Geist auch diese Hülle. Der Ewige ist mit mir. Ich fürchte mich nicht. Herr Julien küßte das Buch, das diese

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