Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 43 (28.5.1935)
- Date
- 1935-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43, 28, V. 1935 jüdische rundschaö Seife 3 Umstrittene Predigt Rabbiner Dr. Prinz stellt uns den Text der Ansprache zur Verfügung, die er am vorletzten Freitagabend in der Synagoge Friedenstempel gehalten hat und die zu seiner Maßregelung durch den Vorstand der Jüdischen Gemeinde Anlaß gab. Wir haben bisher die Praxis verfolgt, Predigten und synagogale Ansprachen nicht zum Gegenstand von Zeitungsveröffentlichungen zu machen. 1Venn wir in diesem Falle eine Ausnahme machen, so geshieht es, weil nah unserer Meinung hier z u. Unrecht aus einer Ansprahe, die sih völlig im üblihen Rahmen derartiger Reden hält, ein innerjüdishes Politikum gemäht worden ist und weil wir wünshen, daß die Berliner Juden sich selbst ein Urteil darüber bilden, ob eine solhe Rede, selbst wenn der oder jener niht mit allen Einzelheiten der Ausführungen übereinstimmt, die Shritte rehtfertigt, die der Gemeindevorstand jür gut hielt. (Siehe auh Seite 8.) Red. 3*ur arische Mündel nur arische Vormünder Zu diesem Ergebnisse gelangt ein Beschluß des Kammergerichts, der in der ״Deutschen Justiz“ vom 24. Mai mitgcteilt wird. Das Amtsgericht in E i s 1 e h e n hatte für die bei ihrer Mutter in Hannover lebenden minderjährigen arischen Kinder eines Apothekers in Eisleben auf Vorschlag des Jugendamts «inen Gerichtsassessor Dr. B. zum Pfleger für die Wahrmehmung der Unterhaltsansprüche der Mündel gegen den Vater bestellt. Dieser beantragte, den Pfleger zu entlassen, da er N i c h t a r i e r sei. Das Amtsgericht lehnte diesen Antrag ab, indem es dahingestellt ließ, •b Dr. B. Nichtarier sei; der Pfleger brauche mit dem Vater und den Kindern nicht persönlich in Berührung zu kommen, es handle sich nur um eine Gcschäitsbesorgung mit juristischem Charakter; auch bestehe keine Vorschrift, die Nichtarier von der Pflegschaff ausschlicße. Das Landgericht billigte diese Entscheidung, dagegen hob das Kammergericht sie durch Beschluß vom 23. November 1934 (1 a X. M(>7 34) auf. ln den Gründen heißt cs: ״Nach § 1779 Ah-, 2 Salz 2 «HB. und § 1915 BGB. ist bei der Be-!e!!ung eines VniinmnU o<h׳r Plbncrauf das religiöse Ke- Iceimlnis des Mündels Kiirknrht zu nehmen, d. h. es ist grundsätzlich ein Angehöriger des gleichen Bekenntnisses zu bestellen. Dies gilt, wie der Senat wieder holl ausgesprochen 11,11, auch für Unterhaltspfleger. Line Verletzung dieser 1 ie- 1 /! de--t!mniuiig gibt ein B e s c h w c r cl 1! 1 e r 11 t gegen die A u s w a h 1 des Vormunds oder Pflegers. In entsprechender Anwendung des § 1779 Abs. 2 Satz 2 BGB. muh a h e r d e 11 heut e 11 e 1׳ r sc!1 e n d e n A n s e h a u - ungen gemäß auch gefordert werden, daß’ für ein M ii 11 d e I a r i s!; I! e r A lest a m m!1 n g;1 11 e!1 nur ei 11 a r i s e 11 e r V ״! m und oder Pfleger h 1• s t e I i t w i r d. Da tler Beschwerdeführer heliatiplet. der Flieger Dr. B. sei N i c 11 t a r i c r, in dieser Beziehung aber!׳'(,st Stellungen bisher nicht getroffen worden sind, ist unter Authebun״ der Vorentscheidung die Sache an das Landgericht z.unickznvenr eisend‘ Jn einer Anmerkung hierzu hebt Amtsgerichtsrat Dr. B och an, Berlin, in der ״Deutschen Justiz“ hervor, daß das Kammergerieht damit von seinem bisher ablehnenden Standpunkt abgewichen sei. Bedeutsam sei die rechtliche Begründüng des Kammergerichts, wonach § 1774 Abs. 2 Satz 2 BGB., welcher nur von der Berücksichtigung des religiösen Bekenntnisses des Mündels spricht, entsprechend angewendet und die R assenfrage zum Gegenstand der Vormundschaftsgerichtlichen Berücksichtigung und Prüfung gemacht werde. Die Frage, ob in solchen Fällen Nichtarier auch ohne Antrag eines Beteiligten von Amts wegen zu entlassen sind, hatte das Kammergerieht nicht zu entscheiden. Amtsgerichtsrat Dr. Bochan bemerkt hierzu: ,,Bei der gmmlsilzljchcn Liicstclliing des!vummergcnohts in dem vorstehend!ungeteilten Besehlul.1 kann erwartet «־erden, (laß bei Ka-scnversehiedenlieit zui-elien Vormund und Mündel, Pfleger und Pflegebefohlenen eine Entlass an g des N i c 111 a 1 i e r s von Amts wegen schon gemaif i; 1779 Abs. 2 Latz 1 oeler im Wege der entsprechenden Anwendung des § 1779 Abs. 2 Satz 2 BGH. gebilligt wird, und zwar mit der Begründung, daß n.ieli den Grund- .salzen des 11ali׳u!a!sozi,1hsti-( heu Staates die .•Vinter des Vormunds und Pilogers nur a r i s e [1 e 11 P e r s <111 c n verliehen wenlcn und arische Mündel j P! Irgebciohlc ne) mir arische Vormünder (SMIeger) erhalten oder weitere!!׳.ulten -ollen." Jüdischer Rechtsanwalt vor dem Arbeitsgericht abg־elehnt ״Der Mitteldeutsche“ in Magdeburg berichtet: . ״Am Mittwoch fand vor dem Arbeitsgericht in Magdeburg eine Verhandlung statt, die für alle Zukunft entscheidende Bedeutung erhalten hat. Noch ehe sich die Parteien mit dem zur Debatte stehenden Rechtsstreit befaßten, wurde auf Antrag des Vertreters der Klägerin, Rechtsanwalt Dr. Kühlmey! der jüdische Rechtsanwalt Fließ vom Arbeitsrichter, Amtsgerichtsrat Dr. Blcncke, zuriiekgewiesen. Die Ent- Scheidung lautete: ,Der Beschluß vom 5. April 1935, durch den der Rechtsanwalt Fließ als Vertreter der Beklagten vor dem Arbeitsgericht in!Magdeburg zugelassen wurde, wird aufgehoben. Der Antrag auf Zulassung des jüdischen Rechtsanwaits Fließ vor dem Arbeitsgericht wird abgelehnt‘.“ ״Der Mitteldeutsche“ bespricht sodann die recht- 1 i chcn Grundlagen für diese Ablehnung, die durch das Gesetz vom 20. März 1935 gegeben seien, wodurch dem Vorsitzenden des Arbeitsgerichts in besondereil Fällen die Entscheidung darüber, ob ein Rechtsanwalt als Vertreter einer Partei vor einem Arbeitsgericht auftreten kann, übertragen worden ist, während vorher die Zulassung eines Rechtsanwaits als Vertreter einer Partei von der Genehmigung der Deutschen Arbeitsfront abhängig gewesen war. Das Zentralorgan des Nationalsozialistischen Juristenbundes, ״Das Deutsche Recht“, habe bereits vor kurzem zu dieser Frage Steilung genommen und sie dahingehend entschieden, daß grundsätzlich jüdische Rechtsanwälte von der Vertretung der Parteien vor deutschen Gerichten dort ausgeschlossen sind, wo das Gesetz ihre Zulassung nicht ausdrücklich vorschreibt. Da eine solche Möglichkeit in der Verordnung zur Aenderung des Arbeitsgcrichtsgesctz.es vom 20. März 1935 nicht vorgesehen sei,!)leihen die jüdischen Rechtsanwälte von der Vertretung der Parteien vor dein Arbeitsgericht ausgeschlossen. Die Scheidung polnischer Ehegatten Das Kammergericht hat in einem Urteil vom 4. April 1935 entschieden, daß nach Lage der polnischen Gesetzgebung eine Zuständigkeit der deutschen Gerichte für den Scheidungsstreit polnischer Ehegatten nicht mehr besteht. Es kann daher auch, was ebenfalls von großer Wichtigkeit ist, von deutschen Gerichten keine einstweilige Regelung des Rechtsverhältnisses der Ehegatten für die Dauer des Scheidungsprozesses (Getrenntleben, Verbleiben des Kindes bei einem der Ellernteile usw.) getroffen werden. Das Gerieht verweist in seiner Begründung-auf die herrschende Auffassung des polnischen Obersten Gerichts, wonach die Anerkennung von Ehescheidungsurteilen in Polen zu versagen sei, wenn ein internationales Abkommen nicht bestehe. Seitdem Deutschland mit Wirkung vom I. Juni 1934 aus dem Haager Ehescheiilungsabkommen ausgetreten sei, bestehe ein solches internationales Abkommen nicht mehr, so daß deutsche Gerichte gegenwärtig für Scheidungsstreitigkeiten für Polen nicht zuständig sind. in ganz Algerien wurden Neuwahlen der Stadt- und Gemeindevertretungen durchgeführt. Die Befürchtungen, der Antisemitismus würde in der Wahlbewegung eine wesentliche Rolle spielen, haben sich als nicht gerechtfertigt erwiesen. Die Wahlen sind im allgemeinen in völliger Ruhe verlaufen, «* kam nur zu ganz vereinzelten Zwischenfällen, die iedoch nirgends judenfeindlichen Charakter trugen. Jüdische Nachbarpfücht Eine Ansprache am Freitagabend*) Von Joachim Prinz. Ich habe an diesem Freitagabend wieder die Aufgabe, keine Predigt, sondern nur eine ,,Ansprache“ zu halten, und ich habe keine Veranlassung, diese Anordnung nicht zu befolgen. So muß ich mich auf einige wenige Bemerkungen beschränken, welche auch innerhalb einer Ansprache gesagt werden können, obwohl ich genug auf dem Herzen hätte, um eine Predigt zu halten. Wenn man jetzt mit jüdischen Menschen spricht, fühlt man, daß sie irgend etwas erwarten, ein aufrichtendes Wort, eine neue Nachricht, gutes Wetter; man spürt, daß sie das Bedürfnis haben, gestützt zu werden. Denn sie sind zerbrochen. Es fehlt ihnen die Kraft zur Arbeit, der Mut zum Leben. Die schönen Dinge der Welt, der quellende Frühling, der blaue Himmel, die Sonne, nichts von alldem berührt sie mehr. Sie ertragen die Ereignisse nicht, und sie suchen nach einem Wort oder einem Menschen, der ihnen wieder Mut zur Arbeit gibt. Deshalb kommt es vielleicht in solchen Zeiten bei Reden und Predigten nicht so sehr auf das Theologische an und auf das Gelehrte, sondern auf die Kraft, die anderen Kraft gibt, auf den Mut, der andere stark macht und auf jene echte Heilung, aus der die Menschen gekräftigt, widerstandsfähig und lebensstark hervorgehen. Dafür gibt es zwei Methoden. Die eine besteht darin, daß man einen Eimer mit rosenroter oder hellblauer Farbe füllt und an den schwarzen und schwärzesten Tatsachen vorübergeht und sie mit dieser Farbe iiberkleistert. An den so gefärbten Tatsachen führt man die gebrochenen Freunde vorbei, schon hat sich die Welt verwandelt, die Epoche hat sich geändert. Das Schwarze ist rosigrot und die Zukunft liegt in strahlendem Blau. Diese Methode wird von vielen geliebt. Selbst Menschen, die innerhalb des deutschen Judentunis führende Stellungen haben, verfallen ihr. Diese Methode lehne ich ah. Ich bin dafür, den Juden klar und deutlich zu sagen, wie ihre Situation ist. Ich bin gegen jede Schönfärberei, in welcher Farbe sie auch immer geschieht. Ich bin der Meinung, daß wir erwachsen genug sind, um die wirkliche und volle Wahrheit zu erfahren und daß die echten Entschlüsse und die wirklichen Entscheidungen nur auf Grund einer wirklichen, klaren und eindeutigen Analyse der Situation erfolgen kann. Haben wir nun die Methode gefunden, so gilt es zu sagen, in welcher Situation wir uns befinden. Nun, es geht uns schlecht, es geht uns schlechter als je. Die Lage der Juden spitzt sich immer mehr zu. Die Ereignisse, Verfügungen und Maßnahmen der letzten Wochen und Monate bestätigen das. Die deutschen Juden müssen aber lernen, ihre eigene Lage nicht isoliert zu betrachten und sich in die Situation der Judenheit einzufügen. Blickt man auf die Situation der Juden in der Welt, so kann man das auch nur in der Erkenntnis tun, daß die Lage uns außerordentlich ernst stimmt. Wir wissen nicht, was der Tod dos Marschalls Pilsudski für die polnische Judenheit bedeuten wird. Wir wissen, daß wir dort seit Jahren einen Vcreleiidungsprozeß ohnegleichen haben und daß sehr bedenkliche Strömungen antisemitische Kundgebungen und Akte verursacht haben. Wenn das Elend der polnischen Judenheit sich durch eine neue politische Situation, durch Wachsen der antisemitischen Tendenzen, verschärfen sollte, dann wird das Elend der deutschen Juden, an den! Elend von 3 Millionen polnischer Juden gemessen, verschwinden und die Sorgen, die wir jetzt halten, werden der Welt, der jüdischen besonders, denn das Interesse der übrigen Welt für die Fragen der Juden ist ja ohnedies gering, klein erscheinen. Inzwischen aber geht der Ausschaltungsprozeß der deutschen Juden unaufhaltsam weiter, erstreckt sich auf alle Gebiete und macht die Zukunft unserer jungen Menschen hierzulande immer aussichtsloser. Das ist ungeschminkt und ungefärbt die Lage, und zwar nur ein Ausschnitt, ein winziger, eben nur angedeuteter Ausschnitt aus einem großen, schweren Kapitel. Aber gerade weil sie so ist, gerade weil es uns so schlecht geht, gerade weil wir ein schweres Schicksal zu tragen haben, gerade deshalb gilt es, unsere Menschen lcbcnsstark und lebensfroh zu machen und ihnen ihr Rückgrat zu stärken gegenüber allem, was si« erleben. Das kann man, wenn man dieses Schicksal als ein Judenschicksal auf sich nimmt und wenn man dieses Schicksal deshalb zu dem großen inneren Glück umschmiedet und hier einen Wandlungsprozcß durchmacht, eine wirkliche U m Wandlung auf allen Bezirken seines Lebens und in der ganzen Vorsteilungsweit, die ein Jude, bevor er sein Schicksal spürte, gehabt hat. Der Aufruf aller guten jüdischen Kräfte in uns zu einer das jüdische Leben neu fundierenden befreienden Tat, der Aufbau des neuen Lebens im eigenen Land schaffen Kräftequellen, aus denen neuer Mut auch für das alltägliche Leben der Arbeit kommen kann. Dazu kommt noch etwas anderes. Ich habe einmal davon geschrieben und gesprochen, daß wir ein ״Leben ohne *) Anmerkung: Die Gemeindeverwaltung unterscheidet zwischen ״Ansprachen“, kurzen, meist exegetischen Bernerkungen und ״Predigten“, eingehenderen Behandlungen eines Themas. An diesem Freitag war nur eine Ansprache angekündigt. Nachbarn“ (vgl. ״Jtid. Rundschau“ vom 17. April d. J. — A. d. R.) führen, und ich meinte damit, daß uns in dem neuen Leben, das wir führen müssen, der c h r i s 11 i c ii e Nachbar genommen worden ist. Wir haben keinen christlichen Nachbar - gut. Wir können das nicht ändern, 11ml cs ist nicht an uns, es zu tun. Haben wir aber einen jüdischen Nachhar oder leben wir vielleicht auch ich meine wir hier, in der großen Gemeinde jüdisch ohne Nachbarn? Diese Frage muß man leider bejahen. Nicht in vollem Umfange und nicht entfernt im Vergleich mit dem nachbarlosen!..eben ringsum, aber doch in einem Betracht, der durch folgende zwei Erlebnisse, welche ich wenige Stunden vor diesem Gottesdienste gehabt habe, beleuchtet wird. Sehr häufig kann man davon lesen, daß irgendwo iin fernen Osten, in China oder in weiten Steppen Indiens Tausende von Menschen Hungers sterben. In der gleichen Woche kamt man die Nachricht lesen, das an irgendeiner anderen Stelle der Welt Tausende von Zentnern Getreide verbrannt oder ins Meer geschüttet werden. Das ist eine bekannte Tatsache in der Geschichte der Oekonomie. Ts ist nicht meine Sache, sie zu beurteilen, es ist nicht mein Lach. Für einen Menschen, den alle diese Dinge nicht über die Wissenschaft vom Wirtschaftenden Menschen c■ingehen, sondern den sie unmittelbar anspreehen, berühren sie wie ein absoluter Wahnsinn. Auf der einen Seite der Welt verhungern sie, auf der anderen aber drückt sie der Ueberflull! Welche Weh! Welche Un- Verständlichkeit! Welcher Irrsinn, denkt man. Aber diese Tatsache, daß Hunger und Ueberflull einander nicht die Waage halten, daß sie hart nebeneinander wohnen können und der eine nicht den Weg zum anderen findet, gibt es auf dem seelischen Gebiete und im Bereich des einfachen menschlichen Lebens tausendfach. Und wir ahnen nichts davon, Vor vvenigen Stunden besuchte mich ein Mann, welcher im Kriege erb I i 11 d e t war. Seit Jahren hatte er eine Beschäftigung. Er versuchte so, sein Los zu tragen. Seit Monaten aber versagt man ihm jetzt diese Arbeit. Fr stiert in den Tag, in den dunklem zur Nacht gewordenen Tag. Er leidet nicht Hunger. Man bezahlt ihn weiter. Aber man hungert ihn seelisch aus. Denn das Bewußtsein, nutzlos zu sein, tötet ihn. — Wenige Minuten nachdem er mich verlassen hat, befand ich mich in dem kostbaren Raume eines sehr reichen Mannes, der die Arbeit kaum bewältigen kann, von Land zu Land jagt. Er sitzt im Ueberflull. Aber er meidet die Welt. Er ist unglücklich. Ucberail dasselbe Problem, lieberfluß und Hunger. Vielleicht, dachte ich, konnte der, dor an Ucberfluß an Arbeit leidet, dem anderen helfen und dadurch glücklicher werden? Aber sie kommen nicht zueinander. Sie wissen nichts voneinander. Sie sind keine Nachbarn. Das ist das Elend der grollen Gemeinden, und deshalb ist es ein Unglück, daß wir eine Gemeinde von 100000 Menschen haben, daß die Rabbiner von einer Sinagoge in die andere geschickt werden, statt daß sich in dieser großen Gemeinde kleine, wirkliche Gemeinden bilden, in denen man eine B e z i e 11 ti n g v o 11 M e n s c h z. u M e 11 s c h herstcllen kann und in denen die Menschen zueinander stehen können. Ls ist in diesen Zeiten, von denen wir ahnen, daß sie sich nicht gerade bessern werden , eine große Aufgabe, daß man die jüdischen Mensehen zu Nachbarn zueinander macht, daß man Juden, die in der gleichen Straße, im gleichen Viertel wohnen und doch einander nicht kennen, Zusammenkommen läßt, anspruchslos und ohne viel Betrieb. Denn das, was die Menschen brauchen, ist nicht immer nur Geld, sondern vielen hilft man schon durch ein gutes Wort, durch gute Augen, durch anständige Gesinnung, kurz durch das Gefühl, das man ihm gibt, daß er einen jüdisehen Nachbarn hat und daß er aus dem Getriebe und der notwendigen Bürokratie, die eine Großgemeinde hat, gerettet wird und an eine kleine, menschliche Gemeinschaft gebunden wird, an der er in diesen Zeiten einen seelischen Halt hat. Was ich meine ist: mitten in dem grausigen Betrieb, in weichem wir stecken, mitten in der oft notwendigen, aber immer gleich furchtbaren - - Bürokratie, der Organisation der Aemter und Maschinen, eine Organisation der menschlichen Herzen aufzuriehten. Organisiert die Herzen! B ü r o f e d e r!1 k ö 11 11 e n m e!1 s c ii! i <: h c Herzen ersticken und lebendige Organismen töten! Schlagt die Herzen wach! Erlöst sie aus der Trägheit und aus der Ruhe und laßt sie warm und gut und kräftig schlagen! Mit Predigten (denn nun ist es doch so etwas wie eine Predigt geworden!) kann man heute nicht mehr ״Erbauung“ meinen, sondern immer wieder gilt es, die Menschen zum Tun aufzurufen. Das, was wir hier wollen, ist gewiß nicht etwas Großes und Ueberragemles, gewiß keine Lösung irgendeiner großen Frage, aber ich will Menschen sagen, was sie für sieh, jeder Einzelne, auch der, der kein Geld hat, auch der, der kein Gelehrter ist, an ihrem Platze tun können, um das innere Elend zu beseitigen und den Menschen Kraft und Mut zu ihrer Arbeit und zu ihrem Leben zu geben. Morgen, am Schabbat, wird man die wuchtigen Sätze von der Hilfe des Menschen lesen, der die schwachgewordene Hand des Bruders stützen soll. Dieser Satz ist ein Aufruf für heute und morgen. Ucbermorgen wird es schon zu spät sein.