Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 42 (24.5.1935)
- Date
- 1935-05-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42, 24. V. 1935 Gruppenverbandstag in Essen Die Tagung des Z i o n i s t i s c h e n Gruppcnveri a n d c s R h e i 11 I a n d - W e s t f a I c 11, die am 12. Mai m Essen stattfand, gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung des westdeutschen Zionismus. Au« 50 Orten zon Osnabrück bis Trier waren mehr als 500 Gesinnung^• jetiossen anwesend. Rechtsanwalt Benno Cohn, Berlin, begründete ln eingehenden Darlegungen die sich aus der bekannten Resolution 3er Arbeitstagung der ZVfl), ergebenden Konsequenzen. Sein Referat ״Der Kampf des deutschen Zionismus um das deutsche Judentum“ fand lebhafte Resonanz. Die Aussprache zeigte, daß innerhalb des westdeutschen Zionismus eine Führerschicht vorhanden ist, die den Kampf um die Führung im deutschen Judentum entschlossen autnehmen wird. Auf einer demnächst stattfindende״ Gemeindekonferenz werden die erforderlichen Maßnahmen beschlossen werden. In der Mittagspause traten sich die zionistischen J u - gendbünde zu Sonderkonferenzen. Die Delegierten der Ortsgruppen und die Vertrauensleute des K K L traten zu Arbeitssit/ungen zusammen. In eingehenden Besprechungen wurden die Einzelfragen der zionistischen und Fondsarbeit besprochen und eine großzügige Versammlungskampagne aus Anlaß der Schekel-Aktion beschlossen. Den Höhepunkt der Tagung bildete das Erscheinen Kurt Blumcnfclds. Die Versammlung bereitete ihm begeisterte Ovationen. Fr sprach über: .,Die Lage in der zionistischen Bewegung und in Palästina“ und gab ein plastisches Bild vom augenblicklichen Stand des Paiästina-Aufbaus und von der kongreßpolitischen Situation. Seine Ausführungen klangen in einen Aufruf zur Schekel-Aktion aus und wurden begeistert aufgenommen. Der Gesang der Hatikwah schloß die arbeitsreiche Tagung. R. C. Ankündigungen aus dem Reich Breslau: Gruppenverbandstagung für Niederichlesien. Am 2. Juni, t!•15 Uhr: Aufführung des Palästina-Tonfilms ״Land der Verhelüunß*‘, TauenUien-Theater. 15 Uhr: [>r. Schloßberg, Berlin: ״Zionismus vor dem XIX. Kongreß Zionismus im deutschen Judentum“; Adolf Pollak, Jerusalem: ״Land und Arbeit — die Grundlag n des Paiästina-Aufbaus“; Man! Landau, Breslau: Bericht über die Wiio-Tagung. Anschließend Aussprache und KommhsiormiUungen. Die Nachmittaßsveranstaltung.n finden in der Lessingloge, Agnesstr. 5, statt, ■״״- I U!>m. י! Lt- -!11 י v ..Kti ju* li-St-pltci“. Neuer An״ huikur^ts iur krw a-!.-t-n«■.!H'-pic> hu;;^: mn 2h. M.1i, 20.45 L'hr, V-d!Ufr. 14, l'.fO-! /.!4 :־::חח. At.nn 11 zu allen Kutsch: inap hi- 10.3u *;20 י i br, t־(.Hn׳i.t, »״ku vormittags Ich [1h־>sn-t lt 11!.!rr 85 ,/J0. ■ Darmstadt: Zum. \ ertmiigung. Arbeit.'.* I׳r1l;hilll1״ Mai״Im 1: Am 07. M n: Musik“; An4׳uhrcm.hi: «S|,p■!!. Muv, k ׳׳.d.!.h ,!.r, I'.rv0^!.׳•'(! <■'.!!־;.׳, Jan.ko kaDimuoii (* nmmur! aui M.iiu); m tim זך", Nr.!20 .!!י-ז!;.־, um 20.45 Uhr.— Am 3. jum: י <> u,־ tmOiiHam! i 10.1.; ־■.: in! am Main): 1)0: zionktkehe I'ice u;h{ ihre i ׳״;,;!,׳ l\-r kih'mrilr /,! 11,h!1m,: Ach.ul Ilaam (4. Abend). ■-״״- Am 17, 1 u ז; s: io au!0. < imübt. (!_»t־r (t leide!! j-1 g); ,,Die krau in d--r zi!5, \V4 nm״“. -- Aiu 24. Jimi; Georg (.־Ultimum! il'mkniti am ib׳! ׳. ־ m um: m tie idte und ihre Trü* ger - - Diu ntuuru!1,1.׳«, k.'m:-; HnU r, <! )iikr,. Kiut/km (5. Abend). Am 1. Juh: Kt :er'iUD-it■ de״, i L;s׳I1.t;uz. JcVM'iL 2U.45 l'hr im Hotel ״Stad! Frankiint", Hieafeai. 22. —■ Frankfurt ain Main. WesteiuKyn, Am 3. Juni, 20 Dhr, K me Kamme;iger ifeommu JuJlowker t R-.;-!l• Al i r wirk, mit‘: l'i.m -1 .atu-immn (luiiinl, Nikolaus Nnumow. 1־ k'imhmamt, Iniulci!! Deliina Teiller. llrrber! Fromm, Theo 1(8:110, Fricl! Toji'ilz, — Jastrow: Am 20. Mai, 8 Uhr, im <iemciinicliaii-, Spreda Imr der ZoG, 1Jeu 1 -,cli-Kroue, Film: ״Etez d-rad“. Releraie: Güunim (Glum (.VihaUl) uud G. KopyAUwiki (Stettin), -• Stargard (Pommern)! Am 26. Mai; Schekel-Werbetag, verhumlen mit \ur!ra״ von Gor;, Kupvilkiw »ki (Stern״) sowie Film. — Stettin: Zion. Vereini^un^׳. Am 25. Mai, 20.30 Uiir, spricht Alte Heilbrunn (Berlin) (Hmnieslcitiing!1. I laUiüui) über ״Die Situation der zionistischen Bewegung vor «lein XIX. Kongreß“. Familien-Nachrichten Herr Meier K: m;1 11 11, Wiulivh, begebt, am 25. Mai den 80. Gebuimmg. Frau lfah'hen K i!1 d י h!■ r ״ ,״tb. bol :utidbr» Munzenheiiu, begeht am 9. Juni den 70. üvhu!!ap. Der I. I ר׳ v d Triest inn er׳■■ trh: u!!-׳ um die FeM ■•,tedhing, daß die (ifnid.T unzidre!־ n׳l 1:.-!, vs->n;1-־!t tu! sein» Sehme in!׳׳!ge I’cIxtb'T'/u: g kein׳:' P.i-!e1<.׳f<־ up'br angci! ׳nunun werden kuimen. Auf .-׳unt!.*!!ס:! v11״ Om,״' m t;.a- I',1!a.!i!,a vi :kein •iiden Briefe an die Redaktion Sephardisdi oder asdtkenasisih? Lag b’omer Berlin C 2. 21. 5. 1035 Die in Nr. 41 Her ״Jüdisehen Rundschau“, S. 8, unter der Aufschrift .,Scphardisch!»der aschkcnasisch?" abgetlrutklen Bemerkungen gehen, soweit die Haltung der jmlischen Gemeinde und ihrer Sclmlveiwaitung in Frage kommt, von unrichtigen Voraussetzungen aus. Neben (lern rm Rahmen des Religimisunterrichte» erteilten hebrä'srhen l'nterrichl, der in die Sprache des Gebets und der Bibel eiidiihrt, bestellt, an allen Schulen der Gemeinde ein ״netihthräischer“ Unterricht, in dem sei! ist verstündlich allein die sephardbehe Aussprache gebraucht wird. Meinun״■-Verschiedenheiten bestehen unter den Pädagogen lediglich darüber, mit welcher Aus• spräche im A n f a n g s unterrieht der untersten Klassen begönnen werden soll. Wie wenig diese Frage in der Schulverwaltung ein Politikum i.-t, geht daraus hervor, daß in den vielfach ohgehaltenen Besprechungen, aueli in denen der letzten Tage, Pädagogen liberaler Richtung sich ebenso eindeutig für die Zwickau, den 16. Mai 1035 Der Gedanke, den E. K. in dem Brief an Sie au regt, der in Nr. 39 fibgednrekt i.-t, ist in. E. unbedingt beherzigenswert. Gerade durch eine solche Handlung zeigte Ali lla-samdaß die ehdache menschliche Verpflirhtung zur Hilfeleistung bis in den Tod jenseits aller pohtisehen Verbitterung steht. Gerade wir Juden sollten dies auerkennen und ganz besonders dazu beit lagen, daß dieser trug!- sehe Vorlall zu einen! Akt der Versühnung wird, wie ja oft der Tod eines nahestehenden Mensehen der Anlaß zur Versühnung streitender Parteien wird. scphardische Aussprache erklärt, wie Täiilagogc-n lionistiseher Ansdiauling sa h für das A! hG .na sische ento-fneden haben. Auch innerhalb der Lehrerschaft deckt sieh, s!weit der Sclmlveiwaitung bekannt ist, die Stellungnahme fiir die eine oder die andere Au-sprache keineswegs mit der liberalen oder zionistischen Parteilia 11 u1'״. Die Schulverwaltung behandelt die Angelegenheit ausschließlich nach sachlichen, nicht nach parteilichen Gesicht spunkteil. Schulverwaltung der Jüdischen Gemeinde. G u t m a n n *. * Wir nehmen von dieser Mitteilung gern Kenntnis, da niemand es mehr bedauert hat als wir, daß vor! den Gemeinde- Instanzen eine Art ״Vcrfolgting“ des Sephardischon prakti/.iert wurde, als ob es sich nicht um dieselbe Sprache handelte (keineswegs um ein ״NeuhehrüGeh‘'), so daß nur die (politisch motivierte) Abneigung gegen die mit Palästina verbundem• Sprechweise als Grund der Ablehnung verstanden werden konnte. Es wäre jedoch wichtig, daß diese Anregung von K. K. nicht bloß eine Anregung bleibt. Wenn sich nicht jemand dahinter setzt, dann kam! nach ein paar Wochen die Sache verglasen sein. Man soll keine großen Aktionen ntndicn, die die Funds in irgend einer Weise tangieren, aber es wird genug Menseln ti geben, ehe auf Gittnd irgendeines kleinen Aufrufs ein Scheidern zu diesem Zwei k beitragen. Ich würde die dringende Bitte au-sprechen, tlie.-e Angelegenheit nicht aus dem Auge ־zu vetlie- Heren. Schalem Ernst Märkowicz PotnäA, den 20. Mai 1935 Sehr geehrte Redaktion! Im Zusammenhang mit den Bemerkungen von l)r. Wochenmark und Rabb. Samuel zur Begründung des Lag b’omer- Festes möchte ich auf die interessanfen Ausführungen von Raw Kufstück in der htbr. Monats- Schrift ״Mahed“ Jhrg. VI, VII u. IX, Heft 8, hinweisen. Raw Kufstück wendet sich in überzeugender Weise gegen die übliehe Auffassung, daß der Todestag des Rabbi Schim'on b. Jochai gefeiert 'würde. Dies stände in diametralem Widerspruch zur bibli-chen und rabbin!sehen Tradition, wonach am Sterbetag — besonders wenn es sieh um verdiente Männer handelt — Fasten und Trauer vorgeschrieben ist. Berlin, den 17. 5. 35 An die Redaktion der ״Jüdisehen Rundschau!“ Im Anschluß an Ihren heutig. n Artikel ״Rossinis Mosesopei“ durfte cs vielleicht intcre*sieten, daß ich im Herbst 1925 in Ihrer Zeitschrift unter meinem Jerusalem, den 15. Mai 1935 Sehr geehrte Redaktion! Die Ergänzungen von Herrn Gradcnwitz zu in Thema ״Mozarts Oratorien“ (..Jüd. Rundschau“ Nr. 27) haben mich sehr interessiert. ,,Die Schuldigkeit des ersten Gebote»“ dürfte aber kaum als altiestamontai isrli bezeichnet werden; schon mis dem vollständigen Tire! mit Zitierung des MarkU'-F.vanyelium» und au» den! Auf Grund der einschlägigen Quellen kommt nun Raw Kufstück zu dem Ergebnis, daß nicht das Hinscheiden, sondern die Autorisation des R. Schim’on b. Jochni durch seinen Lehrer R. Akiba, die am Lag b'omer stattfand, also der Beginn scincT segensreichen Wirksamkeit, als der wahre Grund für das Fest, vor allem die Volksfeier in Meron, anzusehen ist. Lag b’omer ist der Tag, an dem nach der Ucberüefcrung das Massensterben der Schüler R. Akibas aufhörte, gleichzeitig aber ist er als Tag der Weihe der am Leben gebliebenen fünf großen Schüler, von denen Rabbi Schim'on b. Jocliat der bedeutendste war, für immer denkwürdig geblieben- Mit Zionsgruß Kabb. Dr. D. Rettig damaligen Pseudonym ״Dr. R, Loewe“ unter dem Titel ״Jiidisehe Eindrücke aus Italien“ über eine Aufführung des ״Al ose“ in der Arena' von Verona ein Feuilleton geschrieben habe. Hochachtungsvoll Dr. Lotte L e w i ts Pcrsonenverzeiehnis (,,Der Christ, gebt“ usw.) geht dies hervor. Das Isaak-Oratorium, von dessein Existenz ich bisher nichts wußte, ist für uns um so mehr von Bcde-utung, als cs auch von dem ilun zugrunde liegenden ״Isacco“ Mt t.i .! I•׳ eine helnäisehe UebcrseUung gibt: ,Aqejdat Jizhaq von Elias Bardach, Wien 1833. Ergebenst grüßend Karl Salomon Akt der Versöhnung Rossinis ״Mose” Mozarts Oratorien ANTWORTEN DER REDAKTION Karl Neutnarm, Berlin. Der Hinweis darauf, daß die Werke des früh verstorbenen Halbjuden Otto Braun in dieser Weise weiierwirljcn, daß seine Gedanken bei anderen Schriftstellern auftauchen, ist gewiß interessant, doch glauben wir, der Sache im einzelnen nicht nachgcheu zu können. Werner Bukofzer, Berlin. Da* Verhältnis von Moritz H e i m a n n zum Dichter Emil Strauß ist bekannt, und wir verstehen, ^taß Sie sehr peinlich davon berührt sind, daß Emil Strauß den Satz schrieb: ״Der andere Jude, mit dem wir freundschaftlich verkehrten, sagte uns nie seine innerste Ueberzeugung und Ziele.“' Es ist in der Tat schwer, dabei an den bewußten und vornehmen Juden Moritz Heimann zu denken. Sie erinnern uns an folgendes: ״In Moritz Heimanns ,Prosaischen Schriften* (Band 2) finden sicli zwei Essays über Strauß, der eine zu •dessen 50. (ieburtslag, also etwa vor 20 Jahren geschrieben, der andere eine Preisung der Novelle ,Mara‘. Vielleicht würde mancher Anhänger der Straußschen Epik sich angenehm ins Herz getroffen fühlen von dem Bild, das ihm hier entgegentritt. Und ein anderer sehr jüdischer Jude, der Vater des Referenten, den Emil Strauß wohl gekannt haben mag, Micha Josef bin Gorion, hielt — nach einer Anmerkung Hcimanns — Straußen* Prosa für die beste, die derzeit in Deutschland geschrieben wurde.“ — Es ist freilich recht fraglich, ob solche Erinnerungen Emil Strauß zur Acnderung seines Urteils über. Judentum veranlassen würden. Die Judenfrage ist keine Angelcgenheit der ״Dankbarkeit“, sondern anscheinend etwa* viel Komplizierteres. __ Der bekannte schwedische Kunstmaler Isaac Grüne« w a 1 d erhielt bei der internationalen Kunstausstellung in Chikago den 1. Preis, der 600 Dollar beträgt. Basier Hol» Basel I Das gut geführte Haus Zimmer ab Frs. 4.50 | ., \ niolil". nVf l>1׳r!!trl1crj. ALer l!r—hipcr ließ sich nicht zuruckhailen. Er sein ie llcdda in» (ir-iclit: ״Da.» isl der Dank lür 1111 -<*r(■ Stir11 ־,״m euch für uh»v!y Mühe um curli. Nirlil eine Antwort, p1b:-f!111. Wo w ai »t (I11P Wenn du ein reines 'Jewi»»en h.e-t, anlwoile, wo war-l du? Du Frauenzimmer.“ llcrlllehen seline auf, lie«»mger halle den linken Arm seiner '11 ״ hier umklammert. llr<l׳la kuunle da- Zimmer nicht v e!׳!a»»rn. Sie miil.’ilc anliüreii, w a« ihr \ ater hin/nfügle. Nie würde er die Erlanbnizum Studium «eluui. Das würde ein schönes Slndmni »ein. Sie käme zu Frau Lnwenberg. Der Fall wäre erlediül. F,in für allemal. Der V,־!|cr schrie weiter. Die freie Hand war erhoben. Noch nienuls halle sieh Derartiges ereigne!. Iledda hürle nicht» nuhr und »ah nichts mehr. Sie hielt »ich mil aller Kraft, daß sie nicht hin fiel. Nalhan Kat/, halle an der Haustür geschellt. Die Mädchen hallen ihn einlreleii lassen. Er hörte (las Geschrei. Er öffnete entschlossen die Tür. Er blieb im Türrahmen stellen. Er rief: ,.Onkel!“ Es klang gar nicht freundlich und war nicht leiser geschrien, als liessjnger sdirie. Eine Sekunde war Stille im Zimmer. Es war, als oh alle gesprochenen Worte noch nach- Willen, so stark schien es in den Öhren weilerztigellen. Bessinger blickte mit großen Augen zur Tür. Ein junger Mensch stand dort Aufgeschossen, aber kräftig, mit dunklen, entschlossenen und klaren Augen. Das schwarze Haar war gewellt Die starken Backenknochen erinnerten an David Ratz. Sonst war von David Kal/, in diesen Zügen nichts zu finden. Die schmalen Tippen waren aufeinanilergepreßl. Die eine Hand hielt noch die Türklinke, die andere war unwillkürlich zur Faust gehallt. Bessinger gab lieddas Arm frei und fiel in einen Sessel. Iledda konnte sieh nicht aufrecht halten, Sie taumelte. N’atlmn ■war an ihrer Seite. Iledda riß sich zusammen. Sie ging zur lür. Man hörte, wie »ie langsam die Treppe hinaufging. Bcrthcben sali gebeugt in ihrem Sessel und sah nicht auf. Sie weinte. Aber keiner konnte es sehen. Sie weinte lautlos in sich hinein. Tränen flössen in ihr Herz und brannten in ihrem Herzen. Berthehen saß im Schatten ihrer Sitzecke. Nieruand bemerkte, wie sie heimlich die Tränen fortwischte, die auf die Hiinde fielen, die ausgestreckt in ihrem Schoß lagen. Zuerst war Schweigen im llaum. Bessinger fühlte, er mußte zur Buhe kommen. Es war furchtbar, einem Kinde, seinem Kinde so gegenüberzustehen. Er mußte in sich zur Hube kommen. Nathan Kalz war dazwischengetreten. Es mochte gut gewesen sein. Er mußte Nathan aufklaren. Bessinger sprach. Er hätte an jedem anderen Tag die Sache mit sich abgemacht. Heule war die Erregung zu groß. Er sprach zu Nalhan Ratz. Er sprach zu sich. Sein Eebeti haute sich aus seinen Worten auf. Die l.iehe zu seinen Kindern baute sieh darin auf. Er mußte sprechen über sein Hoffen, über die Liehe, die er suchte, all die Jahre suchte. Er be- 1 iidilele über Iledda, über ihre Zurückhaltung. Er berichtete über den heutigen \orfall. Es war eine klart! Darstellung. Nathan wartete ein wenig, ehe er antwortete. Aber dann sprach er mil einer Offenheit, die l!e»»mger traf. Nathan kannte dieses Haus durch seinen Vater, durch zeitweilige Begliche. Er kannte die Bessinger, die er überall antraf. Er sagte: ,,Du liebst deine Kinder sehr. Sicherlich. Aller sage mir, wo ist deine l.iehe? Wo ist die Liebe, die deine Kinder suchen'? Wo sind die Wurle, die deine Kinder suchen? Du sagst, du arbeitest für deine Kinder. Du arbeitest für deine Geltung, für deinen Erwerbssinn, für (leinen Erfolg. Du arbeitest für dich! Du darfst für diel! arbeiten. Aller es bleibt von dir nichts übrig. Hast du Zeit gehallt für deine Kinder? Hast du Zeit gehabt zu ahnen, ■wonach Kinder, wonach deine Kinder verlangen? Du hast sie 1 Mitrogen um lausend schöne Stunden.“ Bessinger sprang auf. Das wagte ein junger, unreifer Mensch ilun, Bessinger, zu sagen? Wie verändert war die Welt! Bessinger wollte mit dem Bürschchen abrechncn. Da »agte Berthehen: ״Ich bitte dich, Arnold, setz dich. Laß mir fünf Minuten. Arnold“, sagte Berthehen, ״ich bitte dich um eins. Laß uns sehen, nicht wie wir es uns (lachten, nicht wie wir uns überzeugten. Laß uns alles schauen mit anderen Augen, mil den Augen, mit denen man uns ansehaul. Gestehen wir cs doch, wir lichten unsere Arbeit. Wir haben darüber 80 vieles vergessen, vielleicht vergessen müssen. Warum sollen wir uns nicht einmal still hinselzcn und nachdenken, warum es nicht ist, wie es sein müßte.“ Berthehen sprach ihre Not und ihre Qual, die sie bislang für sich allein getragen hatte, von ihrem Herzen herunter. Ressinger konnte die W'orte nicht anhören. ״Ei ist gut, Berthehen. Beruhige dich. Du sprichst von unserer Arbeit, Worauf steht die Welt? Worauf ruht der Fortschritt? Was trag! die Zivilisation? Sollen wir uns etwa der Arbeit schämen? Ist sic nicht die Grundlage des Lehens? Und was hat alle?, was ihr sagt, damit zu tun, daß Iledda ihrem Vater nicht antwortet? Mußte sie nicht antworten?“ ״Nein“, sagte kurz Nathan. Er konnte es nicht begründen. Es klopfte an der Tür. Fräulein Müller sagte, Herr Doktor werde verlangt. Nathan hatte kaum das Zimmer verlassen, als Fräulein Müller ihre Hände vor das Gesicht preßte, ״iledda ist verschwunden. Sic ist nicht da. Sie ist fort.“ Nathan kam ins Zimmer zurück. Sein Gepäck wäre verwechselt wurden. Er müßte nochmals zur Balm. Die Eltern blieben allein, Sic waren allein. Sie hallen es noch nie derart empfunden. Bessinger sagte: ״Berthehen, alles was wir tun, was du tust, was ich tue, isl gut gemeint. Man sollte uns besser versieben.“ Berthehen erwiderte nichts. Sollte sie dia Worte wiederholen, die er gesagt hatte? Und stand sie selbst nicht verständnislos vor Iledda? Nicht nur verständnislos. Mit Verzweiflung hatte sie dagesessen. Ehe ihre Tochter sich vergaß, ehe — Berthehen wagte den Salz nicht zu Ende zu denken. Beide saßen schweigend da. Sie warteten. Eine Stunde verging. Nathan blich merkwürdig lange. Wie mochte es mit Iledda sein? Berthehen wollte sich bei Fräulein Müller erkundigen. Fräulein Müller war nicht zu finden. Wo ist Fräu״ lein Müller? Die Mädchen wurden geweckt. Fräulein Müller wäre mit Herrn Doktor fortgegangen. Fortgegangen? End Iledda? Wio war es mit llcdda? Berthehen glaubte sie unter der Obhut von Fräulein Müller. Und Iledda? Berthehen klopfte leise an ihr« Tür. Sie klopfte lauter. Sie rief: ״Iledda? Sie rief es leise, lauter. Sie schrie ״Iledda! Iledda!“ Bessinger kam. Wie? Nathan ist fort! Fräulein Müller ist fort! Iledda »nlwortele nicht! Bessinger rief, er rief, daß die Kinder und die Mädchen erschreckt aus ihrem Schlaf hoclifuhron. Bessinger flehte leise, laut: ״llcdda, mach auf.“ Er schrie. Die Tür war fest verschlossen. Seine Faust sauste gegen die Tür. Er tromnielte mit beiden Fäusten. Die Kinder kamen, sie fingen an zu weinen. Die Mädchen kamen aus ihren Zimmern. Bessinger brüllte: ״Iledda 1 Iledda!“ Da stieß er mit seinem Absatz derart gegen die Tür, daß das Holz auseinanderbarst Bessinger stieß weiter und stieß so lange, bis er selbst durch die Oeff* nung kriechen konnte. Das Zimmer war leer. (Fortsetzung ip'gü