Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 42 (24.5.1935)
- Date
- 1935-05-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42. 24. V. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 Otto Brahm Zu der in Nr. 36 der ״Jüdischen Rundschau“ erschiene• nen Notiz. ״Taufjuden und Neuchristen“ von Dr. Jenk• witz, worin mitgeteilt wurde, daß auf den Austrittslisten, die vor einem Vierteljahrhundert von der Berliner jüdischen Gemeinde veröffentlicht worden sind, als einer der ersten L)r. Otto B r a 11 m stand und worin an diese Reminiszenz Bemerkungen über die Haltung Brahms geknüpft werden, erhalten wir nun einen Brief von Uertrud Brahm, Jerusalem, einer Nichte Otto Brahms, dem wir folgendes entnehmen: Es sei unrichtig, daß Otto Brahm sich jemals habe taufen lassen. Dies gehe schon daraus hervor, ״daß sich bei seinem Tode 1912 Komplikationen ergaben, als er in seiner Heimatstadt Hamburg beigesetzt werden sollte, weil er als aus der Jüdischen Gem e i 11 d e Ausgetretener nicht auf dem Jüdischen Friedhof beerdigt weiden konnte, während er als Nichtgetaufter nicht auf dem christlichen Friedhof aufgenommen wurde, so daß man ihn dann schließlich in dem Dissidenten- Urnenhain in Ohlsdorf bei Hamburg beisetzte.“ Die Briefschreiberin wendet sich vor allem gegen die in dem Artikel von Dr. Jenkwitz enthakene Unterstellung, Brahm habe sich taufen lassen, um dadurch Direktor eines staatlichen Theaters werden zu können. Brahm sei, wie alle Bekannten bestätigen können, kein Streber gewesen, sondern ein ehrlicher Künstler, der sich niemals mit Politik beschäftigt hat, sondern nur mit künstlerischen Problemen. Seine innere Unabhängigkeit gegenüber sozial höheren Stellen habe er bei mehreren Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht. Otto Brahm war, so schließt die Zuschrift, ״ein stolzer und gerader Mann, wie es wohl in der Theatergeschichte kaum einen gegeben hat“. Es lag sicher nicht in der Absicht der ״Jüdischen Rundschau“ und wohl auch nicht in der Absicht des Einsenders Dr. Jenkwitz, die künstlerische Bedeutung von Otto Brahm in Zweifel zu ziehen. Was mit der Veröffentlichung jenes Artikels bezweckt wurde, war eine Erinnerung an die Zeit- Verhältnisse um 1910, wo bei Juden, die auf irgendwelchen. Gebieten des öffentlichen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Lehens eine Rolle spielten, die Beziehung zu ihrem jüdischen Ursprung sehr schwach geworden war. Es wäre unrichtig, die Einzelnen zu beschuldigen; es war vielleicht eine unvermeidliche Entwicklung, durch die das assimilierte Judentum hindurchgehen mußte. Die Tatsache, daß Otto Brahm aus der Jüdischen Gemeinde ausgctreten ist und also auf den von Dr. Jenkwitz erwähnten Austrittslisten der Gemeinde figurierte, wird ja auch von der Briefsclireiberin nicht bestritten. Wie immer man die Sache auffassen möge, der Austritt darf wohl als eine Bekundung des Wunsches, nichts mehr mit dem Judentum zu tun zu haben, gedeutet werden, und demgemäß bleibt die von Dr. Jenkwitz, erwähnte Tatsache, daß Brahm — wahrscheinlich von Freundeskreisen veranlaßt, aber sicher doch ohne inneres Verhältnis zur Sache — sich kurz vor seinem Austritt für die Liste der Jüdisch-liberalen Partei eingesetzt hat, ein Kuriosum. Welcher Wandel seitdem eingetreten ist, geht wohl schon allein aus der Tatsache hervor, daß wir diesen Brief einer naben Verwandten, der Tochter des Bruders von Otto Brahm, aus Jerusalem erhalten. Juden und Jüdisches im Rundfunk Sonnabend, 25. Mal: Luxemburg (1304). 13: Kmanuel Feuermann NjHcit. I.ondcm Na!. 1.261), 18.45: M. Rosenslein spielt Klavier. Wv-st 1\e;:i mal (373), 19.30: U, a. Mos/.kowski. — ilratisluva (299), 20.50: Olienhaeh■-( >f1j)erettenabend. — Briissu! II (322), 20: V. a. NU'iifielsbohn. ־״— O.Oo (1186): U. a. Bruch: Kol Nidre. — iVorllicru Irland (308), 21.30: Ksta Stein und ihre Yiddish Chauvc Sotiris Jiddische Volkslieder und Gedichte. Sonntag, 26. Mai: Hilversum (302), 14.10: Simon Goldberg spielt. Montag, 27. Mai: faixembur12 ,(1304) ״: U. a. Mendelssohn. — M a 11 r. - O .s trau (270), 21,20: Webertragung des Konzerts des Judi-rluii G eomgvcrrlns im 11 a 11 pH<־mp<׳). Dienstag, 28. Mai: i.iixemlmi13.35 ,(1304) ״׳: Scliailpl.itten, u. a. J'.mamie! tYumiminn, Mo~/kou .,ki. — ßais-el (iranz., 484): Vokal- Trio: jälciUches Volkdk'ti. In London wurde eine jüdische Rundfunkgesellschaft unter der Bezeichnung ״J e w i s h Radio Limited“ ins Handelsregister eingetragen. Cieschäftsführender Direktor ist Dr. S. Goldberg. Wie mitgetcilt wird, wird sieh die jüdische Rundfunkstation mit keinerlei politischen Tendenzen befassen, sondern die Möglichkeiten des Rundfunks benutzen, um die kuhureiler! Leistungen von Juden auf allen Gebieten des künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens darzulcgen. ״Zionismus“ im Das ״Memoire sur les Juifs“ des Fürsten von Ligne Zum 200. Geburtstag des Fürsten, 23. Mai Der Fürst von Ligne, den man den ״letzten Kavalier des Rokoko“ genannt hat und den Goethe in dem ihm geweihten ״Requiem“ als den ״frohesten Mann des Jahrhunderts“ feierte, hat sich in seinen zahlreichen Schriften, die u. a. der Strategie, dem Gartenbau, der Geschichte, Kunst, Literatur gewidmet waren, auch viel mit völkerkundliehen und religiösen Problemen beschäftigt. Unter diesen Arbeiten ist zweifellos die interessanteste sein ״Memoire sur les Juifs“, heute besonders bemerkenswert, weil es gewisse Gedankengänge enthält, die man, fast ein Jahrhundert vor dem Beginn der zionistischen Bewegung, als ״z i o - nis tisch“ bezeichnen könnte. Die erste Bekanntschaft mit den Juden machte der Fürst als ein Kavalier, der ״Schulden und Weiber sein Lebtag nicht losgeworden ist“. Er borgte sich Geld von Juden und verliebte sich in ihre schonen Töchter. Auf seinen vielen Fahrten durch das östliche Europa bis tief hinein nach Asien beobachtete er das jüdische Lehen in den Ghettos, und besonders batte er, nachdem er durch die Revolution aus seinem angestammten Fürstentum vertrieben war, in den österreichischen Landen dazu Gelegenheit. Da er siel! stets als Vasall des österreichischen Kaisers fühlte, beschäftigte ihn die Judenfrage als ein Problem, das Kaiser Joseph II. am Herzen lag. In seinem Wiener Exil verkehrte der Fürst viel in den reichen, geistig hochstehenden jüdischen Kreisen, in seinem ״Memoire“ preist er die Schönheit und gesellschaftliche Begabung der Jüdinnen. ״Seid euch die entzückenden jüdischen Frauen an, die man in der großen Weit trifft!“ ruft er aus. ״Achtet auf ihre Schönheit, auf ihre etwas schwere Grazie, die alle Blicke fesselt: viele von ihnen sind besser erzogen als. die Damen der besten Gesellschaft.“ ln den bedeutendsten jüdischen Salons der Wiener Kongreß/eit, die von zwei aus Berlin stammenden Jüdinnen, Frau von Arnstein und Frau von Eskeles, den Töchtern des Hofbankiers Friedrich Wilhelms II., Daniel Itzig, geleitet wurden, spielte Ligne eine führende Rolle, und der greise Grandseigneur mit dem ewig jungen Herzen huldigte den jüdischen Damen mit der ganzen Galanterie einer verklungenen Epoche. Enge Beziehungen verbanden den Fürsten mit den beiden Töchtern des Berliner Bankiers Meyer, Marianne und Sara, die auch mit Goethe in regem Verkehr und Briefwechsel standen. Durch die ebenso schöne wie lebhafte Marianne, die morganatische Gattin des österreichischen Gesandten am Berliner Hofe, des Fürsten Heinrich XIV. von Reull, die nach seinen! Tode als Frau von Evbenberg in Wien lebte, lernte er Goethe kennen, ihre Schwester Sara, die mit dem livländisciieii Baron von (irotthus vermählt w ar, besaß w eniger äußere Reize, war aber tiefer und nachdenklicher ver* anlagt; ihr sandte der Fürst zuerst sein ״Memoire über die Juden“, das aus Gesprächen mit ihr und in den jüdischen Kreisen überhaupt erwachsen sein dürfte. Sein Interesse für das Judentum stammte schon aus der Zeit, da die Gräfin Cosel, die Geliebte Augusts des Starken, die zur jüdischen Religion übergetreten war, den jungen Prinzen zu ihrem neuen Glauben zu bekehren suchte. Seine Denkschrift ist hauptsächlich zu dem Zweck geschrieben, darauf hinzuwirken, daß die wertvollen Kräfte, die im Judentum nach seiner Ansicht brachlagen, nützlich für die Allgemeinheit verwendet würden. ״Sie sind niemals in Mode gewesen, seit Gott sie verlassen hat; deswegen haben sich die Christen niemals mit ihnen beschäftigt und die Philosophen haben nicht an sie gedacht, weil dir Aeußercs ihnen anscheinend nicht gefiel.“ So beginnt das ״Memoire“, und Ligne entwirft nun ein anschauliches Bild von dem jammervollen Zustand, in dem sich die 10 Millionen Hebräer Europas damals befanden. Er schildert ihr Elend und ihre Erniedrigung und verhöhnt jene Menschenfreunde, die sich jedes Negers amiehmcn, aber ihre Nächsten verachten, weil sie nicht so gut angezogen sind und sicli nicht so gut zu benehmen wissen, wie sie selbst: ״Man glaubt, einen Widerwillen gegen die Juden wegen ihrer Religion zu haben, und hat ihn doch nur wegen ihres Aeufiereii.“ i.ignc legt datier besonderen Wert auf die Hebung der äußeren Lcbensbedingungen der Juden, ver- 18• Jahrhundert langt, daß die Ghettos hygienisch und geschmackvoll umgestaltet werden, daß die Juden sich orientalisch kleiden: ״Das orientalische Gewand verleiht Anmut und Adel.“ Wenn die Juden schlechte Eigenschaften haben, so ist niemand anderes daran schuld als die Christen, die sie in diesen unwürdigen Zustand hirieinge/wtmgcn haben. ״Sie sind weder Diebe noch Mörder, noch Verbrecher. Gebt ihnen einen Staat u 11 d e i 11 e g u t e Z u fine I! t - Stätte, und sic werden aufliören, so zu sein, wie ich sie geschildert habe.“ Ligne fordert eine politische Lösung, um den theologischen Standpunkt kümmert er sich wenig. Die Staaten werden einen großen Nutzen davon haben, wenn sie sich der jüdischen Kräfte in richtiger Weise bedienen und die Juden nicht als rechtlos behände!». ״Die Juden“, schreibt Ligne, ״haben besondere Tugenden: nienials betrunken, immer gehorsam, zuverlässig, den Herrscliern mitten im Aufruhr treue Untertanen und niemals in Wut geratend; einig untereinander, meist gastfieimtliich und die Reichen unter ihnen hilfreich gegen die Armen. Wenn sie glücklich und geachtet sind, werden sie gut sein.... Sie sind für alles befiiliigt und zu allem brauchbar." Besonders hebt der Fürst die Sittsamkeit und das feine Benehmen der jüdischen Frauen hervor. Er empfiehlt daher den Christen, es nicht mit den Juden wie bisher gehen zu lassen, sondern ihre hervorragenden Eigenschaften aus/unut/en. Er denkt siel! die A n s i cd I u n g der J u ei e 11, die in Europa bleiben, in freien Gemeinden unter Selbstverwaltung und unter der Aufsicht der Rabbiner und Gherrahbiiier, die den Staaten ais Bürgen für dir gutes Verhalten dienen sollen. Er glaubt, daß die Juden sich nicht nur für (ieldgeseliäl'te und Handel eignen, sondern daß sie auch vortrefflich(־ Handwerker und Siedler sein werden. ״Die Mönche, einst große Kolonisatoren, sind Juden geworden“, schreibt er. ״Die Juden konnten Mönche werden und würden den Staat nicht in Augenblicken großer Not verlas.-en." Sie werden auch gute Soldaten werden, denn ״warum sollten sie nicht ebenso tapfer sein wie unter dem Befehl von Jomi.i, Gideon und Abner?“ Vor allem aber beschäftigt siel! der Fürst mit denjenigen jüdischen Bevölkeningsschicliten, die in Europa nicht fest verwurzelt sind, und schlägt vor, diesen Elementen das K o!1 i g r e i c 11 v o!1 J u d;1 a z 11 r 11 c k z u g e 1! e 11. Er wendet sich an die Türkei, iin'.w deren Oberhoheit damals ja Paläsliiia stand, und sucht den 'linken klar/umaelien, welch großer Vorteil für sie in einer B e s 1 e d I 11!1 g P a I ä s f i 11 a s durch die Juden läge. Zwar macht er den etlmographischen Fehler, eine \ erwandtsehaft zwischen Juden und Türken aiizunehincn, aller er hat richtig beobachtet, daß die Juden 111 der Türkei damals viel mehr geachtet waren als in Europa. ״Wenn ihr Türken die Juden au euch heranzieht", schreibt der Fürst, ״so bedient euch ihrer, wie die Römer sich der Griechen bedient haben, die ihre Aerzte wurden. Die Juden können denselben Dienst eurer Regierung leisten." Und mm malt Ligne das!! e 11 e J t! d e u r e i c 11 aus, wie er es sich auf dem alten Boden dieses Volkes denkt: ״Die Juden, die liier ihr Vaterland w iedcrfäiiden, würden sich für verpflichtet halten, die Künste, den (iewerhefleiß, den Ackerbau und den Handel mit Europa zur Blute zu!)ringen. Jerusalem, heute ein kleines elendes Loch, das den armen Teufeln von Pilgern, die von Zeit zu Zeit hierherkommen, Her/weh bereitet, würde wieder eine prächtige Hauptstadt werden. Man würde den Tempel Salomonis auf seinen Ruinen, von denen sicli noch Spuren werden finden lassen, wieder aufbaucn, wobei man sicli an die Beschreibungen und Bilder halten könnte, die wir davon haben. Man wurde die Wasser des Kidron wieder in ihr einstiges Bett zurückleiten und Kanäle damit füllen, die dem Verkehr und der Ausfuhr dienen. Man würde den Garten des Paradieses wieder auffinden und die vier Quellen der Flüsse, die daraus den schönsten Naturgarten der Welt schaffen wurden. Die Wüsten würden urbar und bewohnbar gemacht werden. Man würde nicht mehr das arabische Diebesgesinde! antreffen, das alle heiligen und geweihten Stätten verpestet, weil niemand sich darum gekümmert hat.“ So malt sich im Geiste des Fürsten von I.ignc die Zukunft des jüdischen Volkes, Er schließt sein ״.Memoire“ mit den Worten: ״Ich verstehe sehr wohl den Ursprung der Abneigung, die die Juden eiiiflölien; aber es ist sehr an der Zeit, daß man damit ein Ende macht. Ein Haß von 1800 Jahren scheint mir lange genug gedauert zu halten.“! >r. 1* a!1 I I. a!1 d a u Auf: :Dingen STEHT DIE WELT Erzählung von GERSON STERN *5. Forltrtr. uns: Copyright Verlag Krich Bei•*, Berlin Hcdda war nachmittags zur Bahn gegangen, um den ältesten Sohn des Onkels l)a\id katz, Nathan Ratz, ahzuholen. Er hatte kürzlich sein Examen heslnnden. Er hatle seinen Besuch angesagt und wurde gern erwartet. Er war Akademiker. Er war Arzt. Bessinger halte sich sogar gefreut. Es schien ihm manchmal, daß er nicht mehr so rasch gellen könnte, ohne etwas schneller ahnen zu müssen. Es war nichts, er fühlte sich sehr frisch. Alter immerhin, man will wissen. Es ist eine Beruhigtn1g. Nathan kam l’iir Bessinger zur rechten Zeit. Nathan war mit dem erwarteten Zuge nicht gekommen. Auch mit dem folgenden Iraf er nicht ein. Iledila schleuderte durch die Anlagen. Sie hatte keine Eile, nach Hanse zu kommen. Dr. Weller kam ihr entgegen. Er blieb stellen. ״Frini״ lein Hcdda, ich freue mich.“ Sie gingen den Kanal entlang. Sie gingen in dein roten Lieht der untergeheiulen Sonne. Dr. Weller stellte sieh vor Iledila hin. ״Ich muß sehen“, sagle er, ״wie das Ahendlichl Ihr Gesicht wandelt. Ich habe einmal gedacht, Sie sind nicht schön. Was nannte ich schön? Ich halre vieles gedacht, was heule mir nicht begreiflich scheint. Das ist wollt erklärlich. Aller dali Sie unter meinen Augen in kurzer Zeit so wachsen, so — nun — so gereift vor mir stellen, ist kaum faßbar.“ Es war das, was auch lledda fühlte. Sie wurde zu seingefaßt, zu sehr mitgerissen vom Geschehen. \\ eher \\ ar wohl der einzige, der es wußte. Weller fuhr fort: ״Ich möchte einmal aussnrechen, was ich denke. Ihre Augen sind zu fragend. Ihr Lächeln ist zu weich. Ihre Lippen sind tu sehr geöffnet...“ Dr. Weiter stand noch immer vor lledda. Er hafte seine Hände auf ihre Schultern gelegt und beobachtete ihre Züge, um die die Abendsonne einen tiefrolen Glanz spielen ließ. ,.Ich glaube. Sie werden einmal einen Mann sehr glücklich oder vielleicht sehr unglücklich machen.“ Iledila hatle die Augen niedergeschlagen. Die Hände auf ihren SeimIlern wurden merkwürdig schwer. ״Mir wollen umkehren, Dr. Melier“, sagte sie. ״Ihre M'orte bringen keine Buhe. Vielleicht versiehe ich Sie nicht. Sie meinen es gut mit mir, so danke ich Ihnen. Aber auch ich wünsche Urnen nur Gull'«. So lassen Sic mich sagen, Sie haben sich verändert, seit ich Sie kenne.“ Ja, Weiter halle sieh verändert. Er wußte es. Er überdarbte es. Er war in einen Strudel von!,’ragen und Zweifel liinemgrzogen, die er nie gekannt halle. Die letzten Monate halten sie ihm gebracht. Aber noch etwas halte ihn verändert. Das war dieses Mädchen, das neben ihm schrill und ihn von der Seile ansah. wenn sie etwas fragle. Der Blick dieser Augen hatte ilm verändert, die ein kaum «ngedeuletes Lächeln hallen, das sehw er zu erlragen war. Und die M'orte, nein, die Fragen dieses MiidrIiens hallen ihn verändert. Mir sollte er mit all diesem fertig werden? Dr. Midier sagte sicli, vielleicht werde ich nicht mehr lange hier Ideihen. .,Ich auch nicht“, erwiderte lledda. Meller erschrak. Er wußle niehl, daß» er laut gesproehen hatle. ״Sie auch nicht, Fräulein lledda?“ Melier nahm ihre Hände. ,,Sie dürfen nicht fori, solange ich liier hin.“ Die Hände Meilers hielten lledda an ihren Pulsen, und die Pulse schlugen so mächtig, daß Meller es iühltc. Er gab lledda frei. .,Sie müssen schon entschuldigen, Fräulein lledda. Ich hin crregl. Vieles dringt auf mich ein. Ich wollte -־agen, ich lulle darum —-“ lledda unterbrach Meller. ״Ich glaube, wir lrcidc sieben vor vielen Fragen. Mir sind Gelahrten.“ Gefährten? Dieses Wort wiedcrhoile Meller, als er sieh von lledda verabschiedet halte. Geiährten? Dr. Meller empfand, wie eigentümlich lösend und bindend dieses Mort gewirkt halte. Alle Nerven lfeddas waren noch in Spannung, als sie das Haus betral. Dr. M'eller stand in ihrem Leben. Sie fühlte es. War dies Liebe? Mußte Liehe nicht so sein, daß man alles andere vergaß, daß auf der ganzen M'elt nichts mehr blieb, als dies Eine? Aber was war ihr dann l)r. Meller? Ein Freund, vielleicht. Ein Vertrauter, ja. Doch warum schlug ihr Herz? Es war doch so. Nein, es war nicht so. Die M'orte Meilers brachten dieses Erregende. Nur die Morte. Oder täuschte sie sicli? lledda war in Verw irrumr. Bedrängnis. Sie zuckle zusammen, als die Haustür ins Schloß, fiel. Auf der l)i׳׳le trat ihr der \aler c!1lu'c׳_rcn. .,komm herein“, sagte er kurz, lledda fand keim■ /.eil, 11111 und Mantel abzulegen. Die Kinder waren schon m ihren Scilla I zimmern. Die Müller saß in einem Sr—ei mit geE'iilrlen Händen, lledda ward beklommen. Mas hat sicli rrrignel? \\jwird kommen? Mas habe ich ge lau? .,Selz dich“, sagle der \aler. ״Ich kann steilen“, sagle lledda, ״Mo warst du, woher koniiii'l du?" fr, 1 Lrie der Vater. lledda sah auf die Standuhr. M alirlia l'l ig. e־ war la-l neun Uhr. M it* war 1's n 101:11111־'? W1־> >n||h* md >;1LU'n‘> W urt!t׳ man 81V* v (,rsfuliun .י Siu halfu nrbun <J<־ji J־.l!um h> u;!r ihr noch 11!“ so klar wir in dirsrr Sukumlu. Siu lubiu nt0!(!־:! dun Klirr״. \\ ie lange schon? Mas halle sie lad au ihren! lim, an ihrem Denken'? Mo lag der Sinn ihrer unermüdlichen Regsamkeit? IleiMn fühlte eine kltifl. Es war forchlhar. Sie fühlte die Kluft. Sie konnte die Ellern nicht plötzlich in ihr Leben stellen, lledda schwieg. ״Mo hast (In (lieh hcnimgelrleben?“ fragle der Vater. Er sagle es sehr laut. .,Damit du es weißt, wir haben bei Julien angerufen, bei anderen angenifen — du warst bei keinem. Mö> warst du?“ Scham stieg in lledda auf, Billemis, Empörung. Sie krampl'le die Finge!■ in die Handflächen. Sie liälle nicht, geantwortet, und wenn es ihr heben gekostet halle. Bessinger schrie leicht. Er schrie he 1 jeder (telegenheit, (In: sicli bol. Das wurde von keinem beängsligend empfunden, weder in seinem Hause, noch im Gesrhäll. So leicht er sehne, so rasch war es vergessen, auch von ihm. Das Schreien war eine ihm eigene Aiisdrucksforni, simsl nichts. Aber jetzt kam eine Mut in ihm auf: Sein Kind, eigentlich das Kind, das er am meisten lieble, er konnte es sicli mcht verhehlen, lledda, stand vor ihm und Irolzle und erniedrigte ilm, indem sie nicht, antwortete. Er, Bessinger, wurde klein. Nein, er wurde es nicht. Mas halte lledda getan? M’as konnte sie tun um diese Zeit? Mo war sie gewesen? Er wollte es wissen. Er wollte zeigen, «laß er ein Recht ausüble. Er sprang auf. .,M i 1 fst. du gestehen, wo du warst?“ Bessinger schrie, daß die Mäddien aus der Küche kamen, daß Lräulein Müller ol>11״ die Hände rang und schließlich die verängstigten Kinder mit ihren Armen umfaßte.