Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 39 (14.5.1935)
- Date
- 1935-05-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 jüdische *ündschaö Nr. 39, 14. V. 1935 Kleiner japanischer Zeitungsausschnitt Die Werkleute Ein Weg deutsch-Jüdischer Jugend Von Max Grünewald, Mannheim Die Publikation des Jugendbundes ״Werkleute", auf die wir schon bei früheren Gelegenheiten kurz hingewiesen haben, und mit der sich Dr. Grünewald nachstehend auseinanderselzl, verdient schon darum besondere Beachtung, weil es sich um eine Jugendgruppe handelt, die, aus assimilatorischen Kreisen stammend, sich zum Zionismus und zur Chaluziuth entwickelt hat; also den Weg gegangen ist, den viele nach ihr gehen werden. Red. I. Hermann Gerson, der Mentor der Wcrkleute, hat drei Aufsätze zu einer Schrift vereinigt, in der die Grundlagen und der Weg seines Bundes dargestellt werden. In der Mitte stehen ״Probleme jüdischer Erziehung bei westjüdischer Jugend“. Sie werden von zwei Aufsätzen flankiert, von denen der eine den Weg zur Chaluziuth beschreibt, während der andere die menschlichen Voraussetzungen prüft, unter denen Gemeinschaft werden kann. Der Reihe nach erscheinen die wichtigen Fragen, mit denen jüdische Jugend zu ringen hatte: die (iroli Stadt, der Beruf, jüdische Bildung hüben: der Nationalismus, der Arbeiter, die Arab e r drüben. Und (i e m e i n s c h a f t und Religion hüben und drüben. Nicht auf alles wird eine Antwort gegeben. Die Menschen dieses Bundes legen Wert darauf, Situationen nicht zu überspringen und Antworten nicht vorweg zu nehmen. In Besonnen 11 eit, von der auch die vorliegende Schrift Zeugnis ablegt, warten sie, bis sie den beunruhigenden Fragen konkret gegeniibergestellt sind, dann versuchen sie sich an ihnen und beantworten sie aus dem heraus, was sie im Laufe ihrer Entwicklung als ihre geistige Grundlage ermittelt haben. Als Antwort gilt ihnen nur, was sie verwirklichen. ״Wir können nur geistig bejahen, was wir verwirklichen“, und deshalb: ״Für uns mußte der Entschluß, Zionisten zu werden, gleichbedeutend mit dem Fntsehluß zur Chaluziuth sein.“ Dieser Entscheidung ging die Erkenntnis des Golus voraus, die Erkenntnis der wiederkehrenden Judenfrage, der anormalen Situation der Jugend in der Zerstreuung, die Erkenninis dessen, was Palästina bedeuten kann und soll für die Sicherung der Judenheit und für die Wiederbelebung des jüdischen Geistes. Zu all dem, was nun seit Jahren als jüdischer Beitrag zur Judenfrage vorliegt, konnte kaum etwas Originales hin/ugehrarht werden. Das Wescntliehe aber ist, wie man diese Lehre erfährt und wie man sie anwendet. Mit der Fahrt aus den europäischen Häfen entschwinden nicht alle Lichter Europas, und mit der Landüng in Palästina ist man noch nicht gelandet. Wenn man weiß, daß es Assimilationscrscheinungen auch im Zionismus gibt, dann kommt es sehr darauf an, was für eine geistige Mitgift man nach Palästina einbringt und wie man sich an der großen einzigen Chance des Aufbaus zu beteiligen gedenkt. Palästina ist ja noch keine fertige Wirklichkeit. Gruppen und Menschen stehen sich scharf profiliert gegenüber. Und es ist vielleicht noch immer leichter, Orte miteinander zu verbinden, als die Menschen der zweiten zionistisch-palästinensischen Generation. Darum wird noch auf lange hinaus der Ursprung einer Einwanderergruppc in ihrem palästinensischen Weg sichtbar hei vortreten. Auf der anderen Seite müssen alle guten Vorsätze und mitgebrachten Erkenntnisse an dem Leben dort erst erweisen, was sie wert sind, und bei der Probe auf das Exempel darf nicht das Wissen verloren gehen davon, daß die wichtigen und entscheidenden Anfänge drüben schon dastanden, daß die Grundlagen von anderen in schwerem Kampf und mühseligen Widerspruch zu den meisten Juden, vor allem Westeuropas, gelegt worden sind. Daraus ergibt sich, daß־ man seine Arbeit tue, in Respekt vor dem bereits Bewältigten und in aller Einfachheit. Auch von diesem unentbehrlichen Wissen zeugt die Schrift von Hermann Gerson. IL Jungen und Mädchen bürgerlicher Häuser stehen in einem jugendbewegten Freundschaftsbund zusammen, über das Judentum diskutierend, aber im deutschen Bildungsraum lebend. Ihre Hcikuiift verhalt ihnen, wenigstens den älteren, zum Glück der Bildung. Line Zeitlang konnten sie glauben, daß die George und Simmel und die großen Künstler ihnen zur Erlösung aus tler Zerrissenheit, ans der Ungnade der großstädtischen Verlorenheit und zur Bildung der Persönlich- Mit verhelfen würden. Das war ein Irrtum. Nicht als ob sie sich von deutschem Geistesgut getrennt hätten oder trennen wollten. Ls bildet zusammen mit späteren Einflüssen den Bestimmungsgrund zum Humanen, das heute in und über ihren Lebensentscheiduiigen wirkt. Aber es gab keine Antwort auf die j 11 d i s c h e S c 11 i e k s a I s f r a g e. Da die Werkleide kein judmclnpolitisches Ziel hatten, am Institutioneilen nicht den Gegenstand ihres Interesses fanden, also auch nicht a!1 der Gemeinde, da sie das Judesein nicht vorgeleht bekamen, blieb ihnen nichts anderes übrig, als das Lernen und die Lehre. Sie bot die einzige Möglichkeit, den Einzelncn als f in/cliien erkennbar und frei in der Beziehung zum anderen Menschen zu behalfen und ihn, eingebettet in die Geschichte, aus ihren Händen wieder zu erhalten. Aber welche Lehre:-' Nicht die gebundene, nicht die in angestammten Formen cüilicrgvhcnde Tradition, also nicht das Gesetz; nicht die Lehre, die Entscheidungen bewahrt, sondern die, die Entscheidung fordert; die zu in Gefühl des Anschlusses an Tokio, im April Ich verbringe manchen regnerischen Nachmittag in der Kaiserlichen Bibliothek am Uenopark. Ich wühle dann in den Katalogkästen der europäischen Literatur. So ungefähr in der Mitte des Sachkatalogs ist eine Sichtkarte: Jews, see Antisetnitism. Man scheint hier gut Bescheid zu wissen, im Reiche des Mikados. Einmal bestellte ich Altneuland von Theodor Herzl. Das Buch hatte noch den rührend altmodischen Umschlag der Jungfernausgabe: Das verschossene Lila, das so wehmütig macht, bevor man die erste Seite aufgeschiagcn hat. Es hatte noch nicht das uniforme Kleid angezogen, das sich die schnell abgegriffenen Günstlinge des Tages gefallen lassen müssen. Der obere Schnitt war reichlich verstaubt Das Buch scheint — in Japan — nicht allzu oft gelesen zu werden. Als ich es zu Hause auspackte, fiel ein Zeitungsausschnitt heraus. Eine Rengonieldung aus dem ersten Jahre des Showa, Das ist 1926. Solange hatte Altneuland, möchte ich wetten, im Magazin der Kaiserlichen Bibliothek gestanden, ohne einer Bestellung gewürdigt zu werden. Bevor ich Herzls Buch zu lesen begann, ließ ich mir die Rcngodepesche von meinen japanischen Freunden übersetzen. Der Zeitungsausschnitt hatte folgenden Wortlaut: William Ohara begeht Selbstmord aus Gram über die Entfremdung von seinem Volk. Gestern abend wurde, wie Rengo berichtet, Ohara William, 23 Jahre, in der Badewanne hockend, mit durchschnittenen Pulsadern tot aufgefunden. Aus einem Brief, den er an seine Verwandten in San Francisco gerichtet hat, geht hervor, daß er die Tat aus Verzweiflung darüber begangen hat, daß er sich in seiner Heimat, in der er sich erst seit drei Tagen aufhält, als Fremder fühlte und die japanische Sprache nicht verstehen konnte. die Tradition verhiift und zugleich zum Glauben an eine neue Sprache und an ein neues Leben der Gemeinschaft. Eine Lehre schließlich, die sich nicht zu einer Begriffsreligiosität verfliichtigt, sondern die an bestimmten äestalten und ihrem Verhalten belehrt. Diese Begegnung mit der Geschichte und der Lehre erfuhren sie zuerst an der Bibel. Für die nun beginnende Umkehr, die zunächst mit der Gewaltsamkeit einer willentlichen Anstrengung einsetzte, war und blieb Martin Buber schlechthin bestimmend. Ohne an den göttlichen Ursprung der Thora zu glauben, sind sie bereit, ״sich von der Bibel her etwas Lebensbestimmendes zusprechen zu lassen“, und in solcher Bereitschaft ״liegt wohl schon etwas glaubensmäßig Wichtiges“. Das persönliche Verhältnis zur Bibel ist nicht voraussetzungslos: ״Die Bibel ist fraglos von einer einheitliehen Stellung zur Welt und zum Menschen her geschrieben.“ Wir wollen an dieser Stelle gegen diese Ansicht nicht polemisieren und nur soviel dazu bemerken, daß sie abhängig ist von einer synoptischen Kraft, die der Wissenschaft zum Trotz das Getrennte als Einheit schaut. III. Schon an der Stellung zur Bibel wird klar, daß das Hauptinteresse des Bundes, wie auch der Schrift Gersons, das erzieherische ist. Das Pädagogische aber ist gebunden an die Ausgangssituation. Auf sie wird allenthalben Rücksicht genommen. Es wird nicht danach gefragt, was ein Gegenstand an sich bedeutet, sondern danach, was cs für den bedeuten kann, der in seinem Leben noch entfernt von ihm ist, ohne ihn entbehren zu können. Somit verwandelt sich die Fülle der religiösen Gegenstände in ebenso viele pädagogische Instrumente. Dabei wird der Wert und die Bedeutung, die sie für sich haben, keineswegs geleugnet. Man hat Ehrfurcht vor dem, was das Leben des orthodoxen Juden leitet und erfüllt. Aber es ist die kalte Ehrfurcht, die man vor einem Denkmal empfindet. Es liegt nun die Gefahr sehr nahe, daß die Ausgangssituation verabsolutiert wird, daß das pädagogische Prinzip unversehens sich in ein Wertungsprinzip verwandelt, und daß Gegenstände der reiigiösen Erfahrung, Formen der religiösen Anschauung, es büßen müssen, daß die Werkleute mit ihnen nichts anfangen können. Gerson bemüht sich, den Verdacht des Individualismus abzuwehren. Den haben wir angesichts des Weges, den die Werkleute Einschlägen, nicht mehr. Aber in voller Höhe erhebt sich der Verdacht des religiösen Subjektivismus, der nicht vom Gegenstand, sondern vom Lernenden her die Gültigkeit des Religiösen bestimmt. Bei aller Akribie und Treue gegenüber dem Bibeltext kann dann leicht aus dem Zwiegespräch ein Selbstgespräch werden. Gegen solche und ähnliche Einwendungen wird nun der Mann der Werkieute erwidern, daß er ehrlich sein will. Er will nichts sagen oder nachsprechen, was in ihm nicht wirklieh ist. Man wird den Werkleuten diese Antwort glauben und ihnen nachfühlen, welche Verachtung ihnen der unaufrichtige Lippendienst und die äußerliche scheinreligiöse Dekoration eingeflößt haben. Lieber verzichten sie auf das Beiwort ״religiös“ und machen keine ״Anleihen bei der religiösen Sprache“. (Was übrigens eine Selbsttäuschung ist. Auch ihre Sprache enthält eine große Zahl religiöser Wendungen, nur ist sie nicht die Sprache der göttlichen Offenbarung, sondern Oharas Großvater war vor etwa vierzig Jahren mit seiner Familie nach Amerika ausgewandert, um dort eine Waschanstalt zu gründen. Bereits sein Vater wurde vollkommen amerikanisch erzogen, er selbst lernte nie ein Wort japanisch und trat in jungen Jahren zur Methodistenkirche über. Aus Kummer über die Beschimpfungen, die sich die Angehörigen der gelben Rasse in Amerika gefallen lassen müssen, kehrte er nach Japan zurück. Er fühlte sich aber nach so langer Abwesenheit als Fremder und beging aus Gram darüber Selbstmord. — ״Nun und?“ sahen mich fragend meine Freunde an, die ewohnt sind, daß ich mir von ihnen nur ganz besondere ensationen übersetzen lasse, die nicht in der englischen Zeitung stehen. ״Das kommt doch alle Tage vor und ist nächst Liebeskummer, Krankheit und Wirtschaftssorgen ein ganz gewöhnliches Motiv, um Schluß zu machen.“ Damit war für sie der Fall erledigt, und sie mochten mich wohl für einen einfältigen Kauz gehalten haben, weil ich ihnen einen Zeitungsausschnitt aus dem ersten Jahre des Showa zeigte, der eine so gewöhnliche Sache enthielt wie Selbstmord aus nationaler Entfremdung. Ich habe dann Altneuland gelesen und das Buch wieder abgegeben. Den Zeitungsausschnitt habe ich drin gelassen. Ich brauche ja wirklich bloß den Asahi oder Nichinichi aufzuschlagen, um auf der dritten Seite genügend viel derartige Sensationen zu finden. Zwei Fragen bewegen mich aber immer noch: Wer war der geheimnisvolle Leser der Kaiserlichen Bibliothek in Tokio, der dem Buche Herzls dieses seltsame Motto mitgegeben hat? Und (ketzerische Frage): ob Herzl oder Rengo den stärkeren Eindruck in mir hinterlassen hat? Herbert Leopold die Sprache der menschlichen Offenbarung, bzw. der religiösen Empfängnis. Das ״Aufgcschlossensein“ und ״Antworten“ und was an diesen Wendungen noch da ist, drückt die Bediirfiigkeit unseres armen Geschlechts aus. Bei manchen ist diese Sprache zu einer schlimmen protestantisierenden Manier geworden.) IV. Die Gewissenhaftigkeit der Werkleute in der Aneignung von Formen und Glaubensartikeln ist sehr verschieden von der eifrigen Religionskritik der letzten Jahrzehnte, bei der ein heimliches weltliches Verlangen, eine getarnte Weltlichkeit, das Religiöse in verdrießlicher Weise verdächtigte und die eigene Glaubensschwäche als religiöse kritische Kraft ausgab — das Ressentiment einer zu kurz gekommenen Weltlieh keit. Nur darf die Gewissenhaftigkeit nicht zur Mutlosigkeit entarten. Es gibt auch eine Kasuistik des Nichthaltens. Tiermann Gerson beschreibt es anderwärts, und Werkleute haben es mir ausführlicher erzählt, wie sehr man sich mit der Frage abquält, ob man diesen oder jenen Segensspruch sagen darf. Mehr als die Werkleute wissen, treten sie hierbei das Erbe des zaudernden Liberalismus an, nur mit dem Unterschied: Der Liberale überlegt sich, ob er diesen oder jenen Satz noch sagen darf, der Mann der Werkleute, ob er ihn schon wieder sagen darf, glaubhaft und in einer liebereinstimmung mit sich selbst. Die Werkleute sind, wie aus dem Aufsatz von Hermann Gerson zur Frage der jüdischen Tradition (Mitteilungsblatt der Werkleute, Februar 1935) hervorgeht, mit den soebe gemachten Einwänden vertraut. Sie wissen, daß ihre Position nur eine vorläufige, einem Geschlecht des Uebergangs zugehörende ist. Dennoch beziehen die Werkleute diese 1‘osition, ja, sie sehen in ihrem Weg der Wiederherstellung der geistigen Tradition ohne Unterwerfung unter das Sakrileg der Formen den spezifischen Beitrag deutscher Juden zu der Heimkehr ins Judentum nach der Heimkehr ins Judenland. Sie wollen mit diesem Weg zu den synthetischen Kräften des Aufbaues gehören. Der Heimkehr zu Volk und Land verdanken sie die Sinnerfüllung ihres Individualismus. Sie wollen von dem Einzelnen nicht lassen, ihn nicht an die Gruppe oder an die Klasse verlieren. Aber sie verlieren ihn jetzt auch nicht mehr an das trübe Ungefähr einer ungeordneten Vielt. So schmal vielleicht noch die Bänder von Volk, Land und Sprache sind, sie legen sich doch um den Einzelnen und geben ihm eine unmittelbare Bedeutung, die er nicht zu betonen braucht. Aber letztlich bewahrt vor solcher Ueberbctonjng erst das Bewußtsein, zu der großen Front der Arbeit zu gehören, in der jeder Einzelne still seine Arbeit tut. Alles ist heute in Palästina gut, was einen Stellenwert hat, was seinen Platz ausfiillt, ohne vorschnelle txpansionsgeliiste. Die Werkleute wollen mit dieser Schrift nicht als Glücksbringer und Lehrmeister kommen und nicht ihren Weg den anderen vorschreiben. Sie wollen nur darum, wie sie das ihnen anvertraute Stück Boden zu bearbeiten gedenken. Ihr Acker kann ihrer Herkunft nach kein נחלה בלי מצרים sein, es wird aber, dessen sind wir gewiß, auch kein מצרים בלי נחלה daraus entstehen. Man wird gut daran tun, den Weg der Wcrkleute aufmerksam zu verfolgen und aus ihm zu lernen. W 1 Im Jtt ff Hl Ja Hl d i e neuen Räume unserer ftEMERAL - VERTRETUNG W1.5, M£IM£K11§TR. 2 PALEST!ME & ORIENT LLOYP PALÄSTINA•REISEN Schiffskarten, Msenbalmkarten, Flugkarten nach allem Ländern י CJesellsehaft« - Reisen I I