Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 37 (7.5.1935)
- Date
- 1935-05-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37, 7. V.!935 Jüdische rundscwaü Seit« 7 Wie gestalte Ich den Schahbat? Briefe an die Redaktion Für Schabbat, 10. Mai Wochanabschnltt ״Emor״ (3. B. M., Kp. 21-25) I. Dieser Wochenabschnitt enthält die Bestimmungen über die jüdischen Festtage, die mit der besonderen Betonung des Schabbat eingeleitet werden. In diesem Abschnitt wird auch das Gebot des Gmerzählens erwähnt. Die Omerzeit gilt als Zeit der Trauer. So finden während der Omertage keine Hoch- Zeiten statt, wie überhaupt alle Arten der Feiern während der Omerzeit verboten sind. Es hat dies seinen Grund in der Ueberlieferung, daß während dieser Tage zur Zeit des Bar Kochba-Aufstandes viele Schüler des Rabbi Akiba starben. Auch zur Zeit der Kreuzzüge war die Zahl der Juden, die getötet wurden, in den Omertagen besonders .groß. Von besonderer Wichtigkeit sind in der Geschichte zwei Worte geworden, die im Zusammenhang mit dem Gebot Omer zu zählen erwähnt werden. Es handelt sich um die Formulicrung ״mi mochorat ha'schabbat“. Da das Wort Schabbat zweideutig ist und sowohl Woche heißen kann, als auch Schabbat im eigentlichen Sinne bedeutet, hat die christliche Kirche die Worte mi mochorat ha’schabbat im Sinne der zweiten Bedeutung interpretiert, so daß Pfingsten und folglich auch Ostern immer auf Sonntag fallen. II. ln der Zeit von Peßaeh bis Rosch ha’Schana wird an jedem Schabbat nach dem Minchagebet einer von den Pirke Awot gesagt. Diese ״Sprüche der Väter* enthalten viel Weltweisheit und sind häufig besonders gut aus der geschiehtliehen Situation heraus zu verstehen, in der sie ausgesprochen wurden. Man sollte nicht versäumen, auf jedem Oneg Schabbat mindestens einige dieser Sprüche gemeinsam zu lernen und sich über sie ausführlicher zu unterhalten. An diesem Schabbat wird der 3. Perek gesagt Die Sprüche der Väter sind in jedem Gebetbuch abgedruckt. Sie bilden einen Teil des Mischna-Traktates N'sikim (Schaden). III. Als Haftara wird Jecheskel, Kap, 44, Vers 15—31 gelesen. Sie behandelt die besondere Gesetzgebung, der die Priester unterstellt sind. Da auch unser Wochenaoschnitt in seinem ersten Teil Gesetze, die die Priester betreffen, enthält, wird diese Haftara gelesen. Psalm 42. E. Geschichte der jüdischen Menschen Der Maranne Der Maranne ist ein Mensch der jüdischen Geschichte. Seine Biographie wandelt sich, sein Name verändert sich. Aber er ist_ ein Typus, wie der Prophet oder der Priester oder der Chassid, in welchem sich die einzelnen Menschen, die den Typus repräsentieren, abwandcln. Der Maranne ist der Jude, der — zwangsweise oder in einer gewissen Scheu vor Opfern und Unbequemlichkeit — in Spanien zwischen 1391 und 1492 und nach der Vertreibung Christ׳' geworden ist. Man braucht diese Erscheinung nicht zu heroisieren. Der Entschluß, Christ zu werden, braucht nicht immer nach einem ungeheuren Ringen um die Ueberzeugung erfolgt zu sein. Aber interessant und wichtig wird der Maranne dadurch, daß er das Judentum unter dem Mantel des christlichen Lebens weiter trägt und so eine große Funktion innerhalb des jüdischen Schicksals der spanischen Juden und der Welt hat. Wir werden in den kommenden Schabbat-Gestaltungen einige dieser marannischen Biographien zeigen. Es ist deshalb wichtig, zuvor das Marannentum selbst zu verstehen. Am besten wäre es, wenn Ihr Euch die wunderschöne Ausgabe von Gebhard, die Schriften des Uriel d’Acosta verschaffen könntet. Dort findet Ihr eine großartige, wenn auch nicht ganz leichte Einführung in diese Probleme. Dann findet Ihr es natürlich auch in den Geschichtswerken. Wesentlich ist es, das Generationsproblem des Marannen zu verstehen. Also: Welche jüdischen Erinnerungen hat ein Maranne, der selbst noch Jude war und sich selbst hat taufeit lassen? Was hat er an Jüdischem erlebt? Wie sieht der Sohn dieses Mannes aus, welche jüdischen Erinnerungen hat er? Und der Enkel? Wie das alles verblaßt! Erinnerungen des Enkels an die Erinnerung des Vaters, weicher sich an die lebendige Erinnerung seines Vaters erinnert; seines Geschlechtes. Ihr versteht, was wir meinen. Vieles, was sich später aus den Biographien der Marannen ergibt, erklärt sich aus diesem blassen Gedächtnis. Biographien von Marannen werden wir das nächste Mal veröffentlichen. J. P. Kampf gegen Spaltung Justizrat Dr. Bodenhcimer Jerusalem-Rechawia, 27, 4. 1935 Sehr geehrte Redaktion! Infolge meiner öchersiedelang nach Jerusalem habe ich leider erst jetzt Kenntnis von Ihrem Jubiläum erhalten. Ich möchte nicht verfehlen wenigsliris nachträglich meine herzlifhsten Glückwünsche zu diesem Ereignis auszitsprerhen und einige Worte hinzuzufügen, Als Mitbegründer und erster Vorsitzender der ״Zkmistisdtca Vereinigung für Deutschland“ habe ich an der Wiege der ״Rundschau“ gestanden. Wir waren dalrei sehr darauf bedacht, dieser Zeitschrift innerhalb unserer Organisation die größte Freiheit und Unabhängigkeit zu gewähren, obwohl ihre Entwichelung und ihr Wirken den (!egenstand eingehender Erörterungen auf den Dclegicrtentagungcn biideten. Wir gingen von der Ansieht aus, daß jede Organisation eines ständigen Beobachters und Offenbach M.. 28. April Sehr geehrte Redaktion! Es hat sich vielfach — wenn auch glücklicherweise nicht generell — gezeigt, daß die Nachträge nach kuufm. I.ehrlingen seitens jüdischer Unter- Twlirncr zum Teil mit dadurch bedingt ist, daß Schulentlassene billige Arbeitskräfte sind, wenn sie sich in den ersten Monaten der Lehre bereits cinigerimilicn bewähren. Für etw as ältere Mensehen und die vielen kaufinünnisriien Angestellten, wcHw außer Arbeit sind und auf Wiedrrbcschüftiguug *Jarlen, ist dagegen sehr oft kein Platz zu beschaffen, selbst wenn die vielfachen objektiven Schwierig!;«- ten nicht, obwalten. In recht vielen Fällen der gekennzeichnetc-n Art ist es chm; noch so, daß die jungen Menschen nach Ablauf der Lehrzeit aus dem Unternehmen ausscheiden und neuen Lehrlingen Platz machen müssen. Aus solcher Kinstellung heraus erleben dann oft auch die durch die. Ereignisse des Frühjahres 1933 aus ihrer Steilung oder Bctufshahn herausgerissenen Menschen im Alter von etwa 25 Jahren aufwärts, unter denen sich viele befinden, die für das kaufmännische Lehen absolut umsfellungsbereit und auch umstellung-fähig sind, daß sie seitens jüdischer Unternehnier einmal als ״zu alt“, ein andermal als ״nicht recht geeignet“ befunden werden, und dies selbst dann, wenn derartige Bedenken durch urteilsfähige einer Kritik bedarf, die, wenn sie von wohlwollenden Absichten getragen ist, nur dem Aufbau eines politischen Unternehmens nützlieh sein kann. Diese Aufgabe iiat die Rundschau seit dem Beginn ihrer Tätigkeit, sowohl unter der Rcdaktion von Heinrich l.ocwc als Such unter der vortrefflichen Gescliäflslcitung von Hantkc in vorbildlicher Weise erfüllt. So hat die ״Rundschau“ auch von Anfang an für die Einheitlichkeit der Be- ־-> "י g u n K gegen jede Ab- Splitterung und Spalt u n g gekämpft. Das ist neben anderen Verdiensten ein Ruhmesblatt der ״Jüdischen Rundschau“. Mit Zionsgruß Persönlichkeiten zerstreut werden. Man sollte bei den maßgebenden jüdischen Stellen hedenken, daß sie nicht nur für die Mcii-chtn im Alter von 14 bis 22 Jahren zu sorge״ haben, sondern daß auch die etwas äiteren Jahrgänge noch zur jugend gerechnet werden wollen und gerechnet werden müssen. Mit der schematisch e n Bereitstellung und Besetzung möglichst vieler kaufmäiinischer Lehrstellen allein — mögen diese auch zur Ausbildüng geeignet sein — ist im Rahmen der gesamtjüdischen Aufgaben noch gar nichts getan. Sofern sieh jüdische lnstitutionen, wie z. B. die Beratung*, stellen, eine solche Vcrmittlung angelegen sein lassen 501kn, wird ihre Aufgabe völlig in falsche Bahnen gelenkt, einer• lei, ob eine Bezuschussung der Lehrhilfe erfolgt oder nicht. Soweit nicht in jedem einzelnen Falle geprüft und restlos klargestellt wird, ob es sich um die Deckung eines e c 11 - ten kaufmännischen Lehrlingsbedarfs handelt und ob dar. über hinaus der jüdische Unternehmer auch den ernsten Wilkn hat, den Schulentlassenen nach Ablauf seiner Lehrzeit im Betrieb weiter zu beschäftigen, versündigt man sich an diesen Menschen. Die Finstellung weiblicher Schulen! la.ssener in kaufmännische Lehrstellen, wie man sie jetzt vielfach beobdchten kann, bildet hierbei ein Kapitel für sich. Es dürfte — von ganz wenigen Spezialfällon abgesehen — unter gar keinen Umständen seitens der jüdischen Stellen geduldet oder gar gefördert werden, daß weil)- liehe Lehrlinge in kaufmännisehen jüdi-eheii Betrieben genommcii werden, solange noch männliche kaufmännische Augestelite vornehmlich der älteren Jahrgänge nicht wieder in Brot gebracht sind. Denn wenn man aus Mangel an männlichen Jugcndlichcsi zu weiblichen Lehrlingen greift, wird damit in der Regel dargetan, daß Platz für Giwath Brenner, den 8. 4. 1935 An die Schriftleitung der ״Jüd. Rund-chau“! Die Erörterung der Frage: ״Mas soll die /.u׳is!׳he11genu:1tion, was sollen die 30bi- 40jährigen deutschen Juden tun?“ (vgl. ״J. R.“ Nr. 24) ist 1״n eminenter Wirb׳ igln •1. denn cs handelt sieh uni Menschen, die auf der Höhe ries Lehel s stehen, Akademiker wie Kau!mann, Mann wie Frau. Als 37jabri״er, der vor zwei Jahren nach Frez Israel ,.;lUt-tcigen'‘ ko'imc und sein Schick-.11 re-! 10- und f!cudig bejah!, glaube ich. einige Worte zu die-em Thema äußern zu .-ollen. Vorer-t ein Whder-prurh: in Nr. 26 der ,,Rundschau“ sehnibl Kurt W'ilk von der .,ungeheuer schwierigen Umstellung auf 1 lamhübeit in Kre/ i-iael“. Nun, man soll nicht üb׳ rireiben -- ״ungeheuer schw ierg‘• sind nur sehr, sehr wenige Aülg.theit im menschlichen Lehen! Was llunderte deutscher Juden mit cinigcr Anstrengung, die nicht geling bewertet werden darl, hier ge- «:halft!iahen, nämlich die Um- Stellung aut körperliche Arbeit in unserem Land, das gehört jedenfalls nicht dazu! Und wenn die Alters-Hörlislgren/c des Herhaliiz 35 Jahre ist, also die Hälfte der ,./,vvisrhengeneration“ umtaßt, so hat das seine guten, in der Erfahrung fundierten Gründe. Aber k'ueh die andere, ältere Hälfte der ״Zwischengeneration“ hat durchaus Existenzmöglichkeieint® Angestellten bei einigem guten Willen zu schaffen wäre. Wenn man nicht mit allen Mitteln versucht, auf die Beachtung der angedeuteten Grundsalze auch bei jüdischen Unternehmern zu dringen, dann wird es einerseits um die Srhulent« lasse non selbst, andererseits um die ältere erwerbslose jüdische Jugend schlimm bestellt sein. Denn nicht alle diese Aelte* reu sind in der Lage oder könneu in die Lage versetzt werden, sich ander.-wo in der Welt eine neue Existenz aufzubauen, Walter Strauß, Diplom-Volkswirt. ten hier im Lande. .,Handarbeit in Krez I -rael“ ist nämlich kein einheitlicher Begriff. Steineklopfen heim ('hau -eeliau in glühender Sonne gehört ehen-o dazu w i! Tnchli 1;nl׳״i! In einer sehat.- ti ekiihleii Werkstatt, in annähernd europäischen Verhältnis״ stu; oder, für Flauen: Unkraut- Aü-haekei!!!״ Garten ebenso wie dir •so/u eigen ,.amerikanische“ 11au ha'i-'ube. ln! nulbiiihcnden jiidi-ehcn Wii tschnfis-Sektor werden Münde aller Fähigkeiten gelu,•nieht, und ich habe es bei Nah- und Fern-Stehenden immer weder eth bl, daß jeder nach kui/eier odi.r längerer Zeit den Flöz. fand, dt n er zu seiner und •-einer U Inge! mi.g Zufriedenheit au-follen k-mii'e. Aber zweierlei Vorbedingungen müssen allerdings vorhanden sein: ei serner Wille und äußerste Be- (111 r 1 11 i 1 י e■ s i g k e i t. Und damit Ins ich bei dem 1 eizien und Wichtig-len angelang!, daich den Menschen niuiier (ieiieiatioti unter den deut-eben Jüdin Zurufen möchte: Bliebet nidst, jammeit nicht, verzweifelt nichi! Faßt euch ein Herz, rafft alle Kraftreserven zusammen, verzichtet auf alles Gewohnte und Liebgewordene! Firgreift die unerhörte Chance, die euch geboten ist: Xcubegitm in uis-ercm Land! Kommt her mit eisernem Willen und äußerster Bedürfnislosigkeit — und .wenn, ihr .״ סלaufsteigt“, dann wird es gut werden. Schalom alcichcm! Dr. Jochanan Le wi ns on nächsten Fiettcty: lUpuie^-JluHcUcUou mit dem de$i*m dee ttäciUUutty ,fCUamH eAo&eAt die■ Ai&eü■״ Zur Frage des kaufmännischen Nachwuchses Die Zwisdiengeneration ÄIF. 'D1MGF.M Erzählung von GERSOT'Z STERTE ß. Forl*el1uug Copyright Verlag Erich Betts, Berlin Felilinger schwieg. Die Hälfte der Anwesenden sprach durcheinander, schrie, gestikulierte. Der Vorstand halte sieh!rhoben. Herr Betlenheim sah auf Feldinger, der noch immer Btf dem Podium sland, sprach auf ihn ein — man konnte aichls verstehen. Felilinger war ein anderer, während er die Worte sprach, h lzt stand er wieder da wie ein Siebzehnjähriger. Hedda sah die Veränderung, sie halle offene Augen, und sie fragte sieh iss gleiche, was Dr. Weller sielt vorhin über sie gefragt hatte; ftas lebt in diesem Menschen? -Millen in die Unruhe aber dröhnte plötzlich ein lauter Schlag auf einen Tisch. Erschreckt fuhren einigt׳ in die Höhe. Es war der kleine Herr J ul ion, der die Freundlichkeit gehabt “alle, auf diese Weise das Sprachgewirr aufzulösen und sieh Aufmerksamkeit zu verschaffen. ״Meine Damen und Herren“,!ag!f! Herr Julien sehr höflich, ״kennen Sie vielleicht die Molekulartheoric?“ Die erstaunten Blicke schienen die Frage *״ verneinen. So fuhr Herr Julien fort: ״Ich auch nichi.“ Er lächtdte ganz vergnügt ül*er sein Nichtwissen. ״Ich weiß pur, daß wir so einige Billionen von den Molekülen mit uns, '!ns heriimlragen. Trh stelle mir vor. wie die lachen jnößlen, wenn sie laehen könnten. Wir sind bereit, uns hier die Haare zu fahren. Und sie rollen vergnügt und vemt'mfhg durch uns hin und senden uns Kraft, durch die Kraft, die 1״nen innewohnt. Und wir verschwenden diese Kraft in Ge- 5^rei, Gezeter und Anrempelungen. Nehmen wir uns ein Bei- ,Piel an unseren kleinen Molekülen. Seien wir vergnügt nnd vernünftig.“ Herr Julien verneigte sich nach links und rechts 8״d setzte sich lächelnd auf seinen Stuhl. Es trat eine Entspannung ein. Da begann der Rabbiner. Er sprach leise und langsam. Alle Erregung sackte ab. ״Der zweite Perek beginnt mit der Frage: Meiches ist der rechte Weg, den sich der Mensch wühlen soll? Und die Antwort: Der zur Eltre gereicht dem. der sich auf ihm hüll, und ihm Ehre bringt bei den Menschen. Meine Freunde, wenn wir solche Worte hören, so lesen wir eine Verpflichtung heraus. Mir müssen unsere« M’eg in zwiefacher Hinsicht prüfen.“ Der Rabbiner selzlc »las ausführlich auseinander. Er stützte sich mit seinen Fingerspitzen auf den Tisch. Sein Blick vermied es, einen Einzelnen nnzttsehen. Der Rabbiner schloß: ,,Es stellt in dein zweiten Teil des Satzes nicht: Der Ehre bringt bei unseren Glaubensgenossen, sondern bei den Menschen, bei allen Menschen. Hierin liegt: wir sollen keinen Anstoß erregen. Ich zweifle nicht, daß Herrn Dr. Felilinger nur die besten Absichten leiten. Und ich bitte die Anwesenden, nicht von anderen Voraussetzungen auszugehen. Aber ich möchte auch Herrn Dr, Felilinger bitten, diesen Satz, der nieht ohne Absicht an den Anfang des Perek gesetzt ist, zu überdenken und zu beachten. Er wird viel daraus lernen.“ Als Hedda vor dein Einschlafen den Abend überdachte, traten die Bilder Dr. Modlers und Dr. Friilingers aus der M’irrnis der Eindrücke heraus. Dr. Weiter stand da wie ein!’echter: Hier hin ich, hier ist meine Brust, Wie anders war Felilinger, Hedda bewunderte Weller, sie hatte Mitleid mit Felilinger. Aber dann stiegen die Worte auf. Was hatte sie gehört? Und was hatte sie empfangen? Sie suchte. Sie schichtete. Plötzlich setzte sie sich auf. Ihre Augen öffneten sich weit, obwohl sie in das Dunkel sah. Sie kam von einem jüdischen Abend, Man hatte nur iilier das Judentum gesprochen. Viele tausend AVorte waren gefallen. Aber ein Mort halte sie nicht gehört, aus keinem Mundo gehört: Gott, 10. KAPITEL. Dr. M'elter hatte den sonnendurchtränkten Nachmittag zu einem Ausflug benutzt. Durch die kleine Ortschaft schob sich der Fluß in Windungen und an Hügeln entlang, die mit Baumgruppen bestand»» waren. Man konnte sich unbeobachtet auf den Rücken legen, alles vergessen und in den blauen Himmel schauen. Man konnte den ganzen Paragraphenkram, alles, was sonst an Gedanken, Sorgen und Fragen sieh an einen drängte, fortwerfen, weit von sich stoßen. Man fühlte nur das beglückende Leben. Nichts bestand auf der ganzen M eil als dieses (iliick-gelülil. Niemanden sehen, mit niemanden) sprechen. Nur sein Leben fühlen, das junge, aufrüttelnde, iiberqueilende Leben. Meller lag in dem Schatten eines Gestrüpps. Von weitern hörte er das Bufen und Lachen, das der Wind aus einer offenen Badeanslalt stoßweise herlnig. Weiter schloß die Augen. Das I.elien sr! 1 i.• n stilIzuslelieii. Er wußte nicht, wie lange er so gelegen halrett murlile, als ein Mäilelii’iilaeheil ihn weckte. Es war von Rndersr]1lä״cn begleitet. M'elter sah um sich, sah den Hügel hinab, riß seine Augen ganz, auf. Ein Kahn wurde den Strom aufwärts gerudert von einem jungen Mädchen, (las sprach nnd lachte. Der Kahn kam nur lang- *am voran. Vorn im Kahn stand Hedda Bessinger, Sie mußte schon im M asser gewesen sein. Der Badeanzug klebte an ihrem Körper und zeichnete die Linien ihrer Jugend. M’elter wollte sich niederlegen, — er mußte ltinschaucn. Das war Hedda Bessinger? So war Hedda Bessinger? Eine aufbrechend« Knospe? Mio sollt(׳ er es anders sagen? Nein, nur eine Knospe, scelign Unbekümmertheit, kein Gedanke wagte sich heran. Eine Knospe. M ar es nicht, daß sie aufbrcchcn würde, auf brechen müßte, vielleicht schon morgen? Daß sie wartete, nur wartete auf dieses Aufbrcchcn? Meller schloß die Augen. Er schüttelte die Gedanken von sieh ab. Ein Huf der Rudernden ließ ihn wieder hinabschauen. Hedda stand ganz vorn an der Kahnspilze. Sie hatte die Arme erhoben, die Hände aufwärts gestreckt. Es war ein Fluß der Linie, von ihren Armen hinunter über Brust und Leih zu den Beinen, die geschlossen nnd gestrafft in die Fußspitzen mündeten, auf denen der ganze Körper von Hedda stand. Plötzlich ein Abstoß, der Kahn sauste zurück, und Hedda tauchte kopfüber in den Fluß. Eine Sekunde lang sah man don Schwung des gespannten Körpers, der in einem Bogen in das Wasser einsank. Meller wartete. Hedda tauchte nicht auf. Hedda tauchte noch immer nicht auf. Schrecken ergriff ihn. M ieviel Sekunden waren vergangen? Die lindernde ließ den Kahn treiben. Hedda war nicht zu sehen. Weiter rang nach Luft. Er wollte um Hilfe rufen. Aber er rannte schon die Böschung hinab, um sich selbst ins Wasser zu werfen. Er konnte schwimmen, er konnte gut schwimmen. Da — ehe er ans Ufer kam, sah er Lleddas Kopf weit flußabwärts aus