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Jüdische Rundschau · 1935-05-07 · Heft 37 (7.5.1935) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 37 (7.5.1935)
Date
1935-05-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37, 7. V. 1935 Während Herzl tot ist Von Dr. Siegmund Katznelson jüdischem Gottesglaubcn, wobei er sich in äußerst herabsetzender Weise über den ״iüdischen Gott“ Und die jüdische Religion äußert. Schließlich beschäftigte sich der Experte mit der Frage, die in diesem Prozeß zur Debatte steht, ob die Protokolle nach schweizerischem Recht als Schundliteratur zu bezeichnen sind. Er sagt, der Text enthalte nichts, was diese Bezeichnung rechtfertigen könne. Im Gegensatz zu den Protokollen müßten verschiedene Werke jüdischer Verfasser als Schundliteratur bezeichnet werden; in diesem Zusammenhange nennt er u. a. Arthur Schnitzler, Leo Fall und Arnold Zweig, aus deren Werken er Zitate vorliest. Oberstleutnant Fleischhauer faßt sein Gutachten dahin zusammen, daß die Protokolle nichts enthalten, was nach Artikel 14 des Berner Gesetzes ״als Schund 11nd Schmutzliteratur״ angesehen werden könne. Das gleiche gelte für das Nachwort zu den Protokollen. Artikel 14 könne auch deshalb nicht angewandt werden, weil sonst ein großer Teil der Weltliteratur verboten werden müßte, die in noch viel schärferer Weise gegen das Judentum gerichtet sei. Am sechsten Verhandlung-stag (4. Mai) hat der Experte Fleischhauer die Verlesung seines Gutachtens unterbrochen. Er will es am Montag fortsetzen und zu Ende führen. Inzwischen ■äußert sich der Gutachter Dr. Baum garten, Professor der Rechtsphilo- Sophie an der Universität Basel, zu den in den ״Protokollen der Weisen von Zion‘־ enthaltenen Angaben über ״Jüdische Welfherrschaftspläne•‘ und die im Zusammenhang damit gegen die Juden im allgemeinen erhobenen Vorwürfe. Prof. Baumgarten spricht Die entscheidende Frage sei, erklärte Prof. Baumgarten, ob cs eine jüdische G e h e i in r e g i e r u n g gäbe oder nicht. Er verneine diese Frage auf das entschiedenste und in diesem Punkte weiche seine Ansicht unüberbrückbar von der des Gutachters 1 Icisrhhauer ab. Das höchst komplizierte Problem der Krise, die die Welt .auf allen Gebieten durch, macht, damit erklären zu wollen, daß hinter allem eine jüdisehe üeheimregierung stecke, sei ein völlig untaug• lieber L ö s u n g sv trs u e 11. Das jüdische Volk, rief Prof. Baumgarten aus, soll diese abscheulichen ״Protokolle•• fabriziert haben! Ein Volk, in dessen Schoße die Bibel entstanden ist, könne nicht das Volk sein, das in dieser ״Protokoll (•“-Ausgabe bezeichnet wird. Herr 1 leischhauer stehe den Juden vo,n jeher mit Mißtrauen gegenüber. Nur diejenigen Juden erkenne er als ehrliche Menschen an, die sieh selbst gegen die Juden wenden. Was aber würde Herr Fleischhauer van einem Deutschen halten, der Ln entsprechender Weise über seine Landdeute urteilen würde? Bei dem Gutachter Fleisch- Hauer habe das Mißtrauen gegen die Juden einen derartigen Grad erreicht, daß er die gesamte Weltgeschichte nur unter dem Gesichtspunkt dieses Mißtrauens betrachtet. Wenn er (Baumgarten) sich die Juden vergegenwärtige, denen er im Leben begegnete, so müsse er bekennen, ■aut wie wundervolle Menschen er gestoßen und welch herrlichen Beispielen von Selbstlosigkeit er begegnet sei. Wollte man sich nur nach Zitaten richten, dann könnte man jedes Volk moralisch in Grund und Boden verurteilen; denn über alle Völker sei schon Schlechtes gesagt worden. Der Gutachter wandte sich sodann der Entstehung der gefälschten ״Protokolle“ zu. Fs komme nicht gerade darauf an, ob Ratschkowsky der Fälscher war, hinreichend belegt sei der Schluß, daß die russische Geheimpolizei an der Fälschung entscheidend mitgewirkt hat, und es sei anzunehmen, daß sie die Fälschung Nilus in die Hände spielte. In der Tatsache, daß erhebliche Teile von Jolys ״Dialogucs“ wortwörtlich in den gefälschten ״Protokollen“ wiederzufinden sind, liege für den Gutachter der wichtigste Beweis der Fälschung. Es müsse auf das entschiedenste bestritten werden, daß, wie der Gutachter Fleischhauer dies behauptet habe, Jolys Schrift auf Napoleon gar keinen Bezug gehabt habe. Kein Geschichtsforscher sei bisher auf die Mutmaßung gekommen, die Schrift Jolys, die von Anfang bis zum Ende eine Satire auf die Diktaturpläne Napoleons 111. darstellt, sei nicht gegen diesen, sondern mit Bezug auf eine jüdische Weltverschwörimg geschrieben. Sodann behandelte der Gutachter ausführlich und mit besonderer Gründlichkeit die Frage der Urheberschaft Achad Haams an den ״Protokollen“, wobei er zu dem Ergebnis kam, daß der edle Achad Haain als Verfasser dieser Fälschung nie in Frage kommen könne. Den Tagebüchern Hfrzls, die von dein Experten Fleischhauer so überaus heftig angegriffen worden seien, siehe auch er in manchem kritisch gegenüber. Man müsse sich alter immer vor Augen halten, was Tagebücher Und, wollte inan den Maßstab des Gutachters Fleischhauer an die Tagebücher nnderer bekannter Persönlichkeiten anlcgcii, so wurde man «och weit Schiintmeres aus diesen Schriften herauslesen Kannen. Schließlich befaßte sich Prof. Raumg,arten mit dem den Juden gemachten Vorwurf, daß sie sich als auserwähltes Volk bezeichnen. Gewiß habe das jüdische Volk einer! stark religiös fundierten nationalen Stolz. Aber auch anderswo finde man die Erscheinung, daß Menschen eines bestimmten Typs allen anderen gegenübcrgcstellt und diese als unter diesem Ideal typ stehend bezeichnet werden. Nach dem (nitachten Fleischhauers soll der gerichtlich bestellte Obergutachter, C. A. Loosli, Schriftsteller in Bern-Bumpliz, zu Worte kommen. I>ie vom Gerichtspräsidenten an ihn gerichteten Hauptfragen: 1. sind die eingeklagten sogenannten ,,Protokolle der Weisen von Zion“ echt, unecht ■oder gefälscht? 2. bilden sie ein Plagiat, einen geistigen Diebstahl? 3. fallen sie unter den Begriff der Schundliteratur?, werden in dem schriftlich vorliegenden Gutachten Looslis ausführlich beantwortet, das wir in Nr. 88, Jahrg. 1934, wiedergegeben haben. ״WeltHga zur Bekämpfung der jüdischen Vorherrschaft“ Wie die ״Fränkische Tageszeitung“ meldet, hielt Gauleiter Julius Streicher auf einem Kameradschaftsabend der Gefolgschaft der Nürnberger Zweigniederlassung der AEG. eine Ansprache, in der er u. a. erklärte: ״Wir wollen keinen Krieg, sonst hätten wir schon längst einen. Wer cs aber wagt, uns zu überfall. der soll das neue Deutschland kennen lernen. Hitler sireckt den Völkern die Hand entgegen, aber die Juden, die in den anderen Völkern noch mitzureden haben, wollen nicht, daß Friede kommt. Daß die anderen Völker den Frieden wollen, das beweisen wir durch einen Vortrag, den hier ein Franzo-e, ein Frontkämpfer, dem das Auge au.sgeschosf.en wurde, hallen wird. Er wird demnächst in einem öffentlichen Vortrag zu im■ sprechen, und zwar das erste Mal als Beaufiragter der soctx-n gegründeten Welt hfia zur Bekämpfung der jüdischen Vorherrschaft in der Welt. ..“ Der Betriebsführer der Nürnberger Zweigniederlassung der AEG., Strobl, gab in einer Ansprache bekannt, daß für die Werksbibliothek drei Bände von Theodor Fritsch, ,.Handbuch der Judenfrage'‘, angeschafft werden sollen und daß der ״Stürmer“ in zehn Exemplaren dauernd bezogen und je zur Hälfte in den beiden Kantinen des Betriebes aufgelegt werde. (In dienern Artikel beendet der Verfasser seine mit dem Aufsatz in Nr. 36 begonnene Interpretation Ilerzls, mit der wir, wie schon bemerkt, nicht in allen Punkten übereinstimmen. — Red.) Fast jede zionistische Partei und Richtung beruft sich auf Herzi. Elerzl aber war ein Gegner jeder Fraktionierung der Organisation. Am 18. August 1901 schrieb er an Prof. Mandelstamm u. a.1): ״Auch im A.-C. scheint etwas zu gären.... Man spricht von ״Jung- Zionismus“ etc. Das ist wahrlich früh, daß wir unsere Jungtürken fiaben. Wir sind eben ein geistreiches Volk. Aber darüber lache ich schließlich, f :c sollen mich nur schon aus der Bewegung hinauswerfen!“ Doch hatte Herzl auch geniigend Augenmaß für die Realitäten des politischen Lebens: ״Der Zionismus ist keine Partei. Man kann zu ihm von allen Parteien kommen, gleichwie wie er alle Parteien eines Volkslebens umfaßt. Der Zionismus ist das jüdische Volk unterwegs8).“ Auch Herzl hat seine Meinungen geändert, insbesondere was Fragen der Taktik und der Methode anlangt. Wenn man den Verfasser des ״Judenstaats“ gegen den späteren Herzl, den Judenstaatler gegen den Zionisten ausspielt, wie das leider häufig vor der ahnungslosen Menge, die Herzl nicht mehr als eine fortwirkende geistige Macht, sondern nur als eine schon fast mythisch gewordene Figur der zionistischen Geschichte kennt, geschieht, so genügt es, eine Stelle aus dem ״Judenstaat“ zu zitieren, um dieser schlimmsten aller Orthodoxien, dem ״richtigen“ Glauben an den ״richtigen“ Herzl, zu begegnen: ״Darum sage ich deutlieh und fest: ich glaube an die Möglichkeit der Ausführung, wenn ich mich auch nicht vermesse, die endgültige Form des Gedankens gefunden zu haben*).“ — Wenn im folgenden Stellen aus Herzls Schriften zitiert werden, die zum Beweise dafür dienen sollen, daß Herzi anderer Meinung war als diejenigen, die sich aut ihn berufen, so handelt es sich hierbei nicht um zufällige und für Herzl unwesentliche Aeußerungen, denen ebenso zufällige andere Meinungen gegenübergestellt werden könnten, sondern um Grundsätzliches und Charakteristisches. Viele Parallelstellen können dies bezeugen, deren Anführung hier nicht möglich ist. 1. Der Revisionismus Die Revisionisten bezeichnen sich bekanntlich als die allein echten und wahren Hüter der unverfälschten Herzl- Tradition. Jeder Zweifel erscheint als unzulässig, denn schon die Bezeichnung als ״Judenstaats“־Partei, als ״Staats“-Zionisten legitimiert sie als die alte, treue Herzl-Garde. Leider tun dies aber nicht Herzls Schriften. Da ist zunächst die in der letzten Zeit so akute Frage der Parteidisziplin Herzl war, wie ich in dem vorangegangenen Artikel ausgeführt habe, kein Prophet, sondern ein großer Staatsmann. Ais solcher und als Präsident der Zionistischen Organisation hat er vor mehr als dreißig Jahren einige Sätze niedergeschrieben, die heute genau so klassisch sind wie damals, indem sie die Pflicht zur Parteidisziplin formulieren. Sie lauten, heute auf Herrn Jabotinsky und seine Freunde bezogen, wie damals auf Ussischkin und dessen Anhänger, die vor und nach der Charkower Konferenz die Gefahr einer Spaltung der Bewegung heraufbeschworen hatten — wie jetzt die Revisionisten: ״Der Kongreß... erwartete von ihm, wie von allen Mitgliedern des Aktions-Comites, daß er mit den Rechten auch die Pflichten dieses Amtes übernehme. Dazu gehört zunächst, daß er sich als Mitglied dieses Kollegiums ansehe und nicht als jemand, der außerhalb des Comitös oder über diesem stehe. Im Comitd kann er seine Anschauungen vertreten und hat sich der Majorität zu fügen, wie wir alle es ausnahmslos tun. Will er keine Parteidisziplin halten und seine eigenen Wege eben, so wird ihn niemand daran hindern, ber es gehört sich in diesem Falle, daß er sein Amt n i e d e r I e g e* 4 S.).“ Und Herzl schließt seine Antwort (damals) an Ussischkin (und heute an Jabotinsky) mit dem Satz., ״er möge nicht mit leeren Redensarten d i e Einigkeit des Zionismus stören, die mehr wert ist als ein paar Grundstücke in Palästina.“ Zur Araberfrage hat sich Herzl ebenfalls klar und unmißverständlich geäußert. Wem das knappe Herzl-Wort aus dem Jahre 1899: ״Gutes Zusammenleben mit den Arabern׳)!“ nicht genügen sollte, für den seien zu dieser vitalen Frage des Palästinawerks noch einige andere Aeußcrungen Herzls wiedergegeben. Als ein ״Testament für das jüdische Volk“ hat Herzl den Satz bezeichnet6): ״Machet Euren Staat so, daß sic h d e r F r e m de bei e u c 11 \v o h 1 f ii h 11“ — ein Satz, der fast biblisches Gepräge hat und an die sich so häufig wiederholende Begründung der Bibel erinnert: ״.... denn Knechte seid ihr gewesen im Lande Aegypten.“ Hoffentlich wird nicht eingewendet werden, Herzl hätte dieses sein Vermächtnis ausdrücklich ja nur auf die Frcmden, nicht auf die Einheimischen bezogen, für die es also nicht gelte. Wir können aber in der Zitierung weiter fortfahren und nachstehende Steilen aus ״Altneuland“ wiedergeben: ״Sind die früheren Bewohner von Palästina durch die Einwanderung der Juden nicht zugrunde gerichtet worden? Haben sic nicht wegziehen müssen? Ich meine: im großen und ganzen. Daß Einzelne dabei gut fuhren, beweist ja nichts.“ — ״Welche Frage I“ entgegnete Reschid. ״Für uns alle war es ein Segen! Selbstverständlich in erster Reihe für die Besitzenden, die ihre Land stücke zu hohen Freisen an die jüdische Gesellschaft verkaufen konnten oder auch weiter behielten, wenn sie noch höhere Preise abwarten wollten.“ . . . . ״Die nichts besaßen, also nichts zu verlieren hatten, die haben natürlieh nur gewinnen können. Und sie haben gewonnen: Arbeitsgelegen• heit, Nahrung, Wohlergehen .... Diese armen Menschen sind viel glücklicher geworden, sie können sich ordentlich ernähren, ihre Kinder sind gesünder und lernen etwas. Nichts von ihrem Glauben und ihren alten Gebräuchen ist ihnen verstört worden — nur mehr Wohlfahrt x) Band V der Gesamtausgabe, S. 506. — s) Band I der Gesamtausgabe, S. 170. — a) Band 1 der Gesamtausgabe, S. 21 22. — *) ״Zion und Ostafrika“, im V. Band der Gesamtausgabe, S. 533 u. 538. — b) Aus den Entwürfen zum Roman ״Altneuland“ Bd. V der Gesamtausgabe, S. 495. — «) Band HI der Gesamtausgabe, S. 335. — ״ (יAltnculand“, Band V der Gesamtausgabe, S. 245/48, - *) Ebenda, S. 264. — ») Ebenda, S. 275/76. — >°) Einleitung zum ״judenstaat“, Band I der Gesamtausgabe, S. 23. — ״ (״Altnculand“, BanJ V der Gcsamtausgabc, S. 213. — »») Ans den Notizen zur Un'errctlung mit Baron Hirsch, Band V der Gesamtausgabe. — ייי) Band 1 der Gesamtausgabe, S. 142. — ״ (״Altneuland Band V der Gesamtausgabe, S. 263. ist ihnen zuteil geworden.“ — ״Ihr seid eigentlich kurios, ihr y-,. hammedancr! Seht ihr denn diese Juden nicht als Eindringlinge — ״Christ, wie sonderbar ist Ihre jetzige Rede!“ antwortete freundliche Reschid. ״Würden Sie den als einen Räuber betr achk n, der Ihnen nichts nimmt, sondern etwas bringt? Die Juden habet! uns bereichert, warum sollten wir ihnen zürnen? Sie leben mit uns wie Brüder, warum sollten wir sie nicht liebe n?“7) Das folgende Wort Herzls aus ״Altneuland“ verdiente nicht bloß in zionistischen Versammlungsräumen, sondern auch — leider besteht Veranlassung hierzu — in den jitdisehen Elementar- und den höheren Schulen als Merksprudi an der Wand zu hängen: ״Unser Wahlspruch m 11 IS jetzt und immer lauten: Mensch, du bist mein Bruder8)!“ Und in allen Kolonien dürfte nicht die Miltnung fehlen: ״Alle eure Pflanzungen sind nichts wert, und sie werden verdorren, wenn bei euch Freisinn, Großmut und Menschenliebe nicht gedeihen9 *).“ 2. Die zionistischen Arbeiter die Herzl mit Recht als zutiefst sozial empfindenden Denker und Politiker verehren, können als Beweis dafür nicht bloß eine Reihe von Kapiteln des ״Judenstaat“ anführen, sondern sein entschiedenes Wort: ״Gerade diejenigen unter uns, die heute ihre ganze Person daranzusetzen bereit sind, würden bedauern, auch nur einen Schritt dafür gemacht zu haben, wenn es nur gelänge, eine neue Gesellschaft einzurichten und nicht auch eine ge. rechtere.“ Sie müssen aber an andere Aenderun״«! Herzls erinnert werden, die auch für sie eine Mahnung enthalten. Zum Beispiel: ״Alle materielle Wohlfahrt ist durch Unternehmer verwirklicht worden. Man sch!:’;! sich beinahe, eine solche Banalität niederzuschreiben11) ' Oder: ״Der Einzelne wird bei uns weder zwischen den Mühlsteinen des Kapitalismus zermalmt, noch von sozia. 1 istischer Gleichmacherei geköpft. Wir kennen und schätzen die Entwicklung des Individuums, so wie wir seine wirtschaftliche Basis, das Privateigentum, respektier« und schützen.... Den Reichtum brauchen wir als Lockung für die Strebsamen und als Nahrung für die seltene Kunst11).“ — Aber auch ein anderes Wort Herzls, das dieser 1895, am Ausgange des aufklärerischen 19. Jahrhunderts niederschrieb, sollte ihnen zu denken geben, gerade wenn sie kein arideres Verhältnis zur Religion haben als ein politisches: ״Die Religion hat vielleicht noch Jahr• hunderte der Macht12).“ Und an alle Richtungen im Zion;-, mus hat Herzl die Worte gerichtet: ״Wir lassen jeden nach seiner Fasson selig werden. Und insbesondere wir Frei• denker bewundern die Orthodoxie sehr, die unter nanu!!, losen Leiden die Religion der Juden konserviert hat, ohne ausweichenden Opportunismus, ohne Gefälligkeit für die Mächtigen und die Reichen, — starr, treu, unbeugsam13),“ 3. Die zionistische Orthodoxie und aUe anderen zionistischen Parteien aber mögen sich an ein anderes Hcrzl-Wort erinnern, das für sie alle gilt und mit dem diese Auswahl aus Worten Theodor Herzls beschlossen sei: ״Darum sage ich Euch, daß Ihr daran festhalten sollt, was uns groß gemacht hat, am Freisinn, an der Duldung, an der Menschen• liebe. Zion ist nur dann Zion14).“ Das jüdische Palästina wächst. Aber auch die UneiirVkeit, die Spaltungen, die Verfolgung der Andersdenkenden, der Kampf der Parteien und Richtungen, die rohe Gewalt der Fäuste statt der geistigen Macht der Ueberzeugungen, die Disziplinlosigkeit, die Unduldsamkeit der Sprach- und Gesinnungsfanatiker — auch das ganze große Ghetto, das mitgewandert ist, wächst. Wird aus Palästina nicht bloß das Land der Juden, sondern auch Zion werden? — Die Antwort ist: Nur wenn der Zionismus, wenn Herzl weiterlebt, in den Juden der Zerstreuung und in den Juden van Erez Israel. Wie kaum ein anderer hatte Herzl die Kunst der ebenso einfachen wie erschütternden Rede. Es gibt aber «1 Wort, wirklich ein einzelnes, eigenes Wort von ihm, Gs nur noch ein Prophet härte sagen können, ein furchtbar«, aufwühlendes Wort, ausgesprochen kurz vor seinem Tode, in einer Stunde der Todesahnung und des Todesban. - in der jede Mensehenkunst wie Asche zusammenfällt vor dem Hauch der Ewigkeit. Dieses Wort ist das Wort ״wä!1• rend“. Am 6. Mai 1904 . .:,rieb Herzl aus Franzensbad an Da1/![ Wolffsohn: .... ״Ich gebrauche hier die Herzkur. Mctne Mutter weiß nichts davon, glaubt, ich sei nur zum Ausruhen hier. Machet keine Dummheiten, während ich tot bin. Herzlich grüßt ein zuschanden Gearbeiteter Benjamin.“ Machet keine Dummheiten.... lebt Herzl wieder? Das Bild von Theodor Herzl auf der Rheinhrücke in Basel, das der Keren Kajemeth anläßlich des 30. Todestages von Herzl neu herausgegeben hat und das wir in der voitgen Nummer reproduziert haben, ist von dem Maler Ephraim Moses Lilien im Jahre 1902 aufgenommen worden. Lilien stand bekanntlich damals in Opposition zu Herzl und Her/I hat, wie uns der Sohn Liliens jetzt mitteilt, nach Empfang der Photographie an den Maler eine launige Karte geschrieben, in der er sich herzlich für das Bild bedankte, Jas ihn immer an die Stunden erinnern werde, die er mit dem ״liebenswürdigen Krakehler“ verbracht hat. Heldentenor Knote — Schüler eines Chasan. Man schreibt uns: Die ״Berliner Nachtausgabe“ veröffentlichte am 17. April eine biographische Skizze des berühmten Münchener Heldentenors Heinrich Knote, in der dieser mitteilt, daß, nachdem er ״wegen Talentlosigkcit“ aus der Musikschule entlassen war, ein Münchener Kantor sein Gesanglehrer wurde, der die entscheidende Wendung im Leben dieses große« Wagnersängers herbeigefiihrt hat. Leider unterläßt es der Aufsatz, deutlich zu sagen, daß es der 1. Kantor der Israelit!- sehen Kultusgemeinde München, Prof. Emanuel Kirschn e r, war, dessen ״ausgezeichneter Pädagogik“ Kammersänger Knote seinen künstlerischen Aufstieg verdankt. Ilauptachriflleiter: Dr. Robert W e 11 s c h, Berhn-Chailottenburg 9• Stellvertreter und vc:a 'wörtlich: Kurt Loewenslcin, Berlin W15• Anzeigenleiterin und verantwortlich für den Inhalt der Ameigen• Rut Po je ne r, Berlin W 3a Gültig: Anzeigenpreisliste 2 v. 1. Jan. 1935■ (erlag und Anzeigen Verwaltung: Jüdische Rundschau. Berlin W15. Mvinckestr. 10. D.-A. April 34 914 — Druck: Siegfried Schalen, Bcrlin-Schönebcrg.

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