Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 37 (7.5.1935)
- Date
- 1935-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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גס" r; fit. Vf / Jahrgang 40 Preis 25 Rpt. JÜDISCHE RUNDSCHAU Schrlftlettung, Verlag n. A.n<olgcnvarwaltang 1 BerUn WIS.Molnekcatr.lO Femnili Stmmel-Nr.il Bitrnarck 3181/82,7165/70,7240/42. - Botugtprei» je Mont« RM 2,-, jo Vierteljahr RM 5,75. - Poatacheck-Konten der Vertriebt-Abteilung: Berlin 71573 (für Groß-Berlin), Berlin 17392 (lür das übrige Reich). Auslands, berue in jeweiliger Landeewährung. - Erechelnt Jeden Dlenakeg und Freitag. BERLIN ד׳ אייר תרצ״ה DIENSTAG, 7. MAI 1935 Anieiganpreiallate Nr. 2 gültig. Die 12gesp. mm-Zoile 20 Hpi, für Steilenge•. 10 Rpf. für Familiennachrichten 15 Rpf. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung ata Schalter oder auf Poatacheck-Konto Berlin 71618 Montag bis Donnerstag 9-18 Uhr, Freitag 9-16 Uhr. Annahmeschluü für die Dienstag-Ausgabe Montag 10 Uhr, füi die Freitag-Ausgabe Mittwoch 13 Uhr (Familienanzeicen bis Donnerstag 10 Uhr) Der Zionismus erslreot tür das ׳üdlsche Volk die Schäftung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Die Aufgaben der zionistischen Arbeit Arbeitstagung* der Z. V. f. D. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hatte ihre Mitarbeiter aus Berlin und dem Reiche zu einer Arbeitstagung zusammengerufen, die am Sonntag, dem 5. Mai, in Berlin, im Logenhaus, Kleiststrallc, unter dem Vorsitz von Dr. Siegfried Moses stattfand. Die überaus starke Beteiligung aus allen Gemeinden des Reiches bewies das starke Interesse an <k*11 Fragen, die iii den Mittelpunkt der Tagung gestellt waren. Neben den von früheren Zusammenkünften 11er bekannten Trägern der zioliisiischen Arbeit sah inan auf dieser Tagung besonders zahlreiche Vertreter der zionistischen Jugend und ihrer Organisation. Die Arbeitstagung erhielt ihr Gepräge durch eine Grur.d• erkenntnis, die sich durch alle Referate und Aussprar! י hindurchzog: es ist das Bewußtsein von der steigenden Aufnahmefähigkeit Palästinas für das notleidende jüdische Volk und von den Aufgaben, die sich daraus für die zionistische Arbeit in Deutschland ergeben. In den vergangenen zwei Jahren ist der deutsche Zionismus aus dem Zustand einer theoretischen, allein auf das Gesinnungsmäßige abgestclltcn Forderung zur praktischen Realisierung seines Prograimns ühergegangen, und er wird — dies war der Tenor aller Ausführungen bei dieser Tagung — mit verstärkter Kraft an der Uebcrfiihrung der wertvollsten Teile des deutscheu Judentums nach Palästina und an ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Eingliederung in den Jischuv arbeiten. An der Tagung nahmen Kurt Biumenfeld, Jerusalem, und in ihrem letzten Teile das auf der Durchreise in Berlin befindliche Mitglied der Palästina-Exekutive der Jewish Agency Ben Gurion teil. Blurnenfeld sprach zu Beginn der Tagung über die aktuellen Fragen des Palästina-Aufbaus und legte den Akzent seiner Ausführungen auf die Bedeutung, die der nationale Sektor im Aufbau wiedergewinnt, und auf die Forderungen, die an die zionistischen Qualitäten der Ein- Wanderer gerade in der Zeit der Entfaltung unseres Werkes zu stellen sind. Er schilderte die Kraft der Expansion der jüdischen Wirtschaft und entrollte ein Bild von den großen Ausdehmmgsmöglichkeiten besonders der jüdischen landwirtschaftlichen Siedlung in den neu zu erschließenden Teilen des Landes. Diese Ausführungen ergänzte Biumcnfcld durch ein politisches Referat, das er in der Abendsitzung hielt und in dem er sich im Anschluß an einen Bericht über die A.-C.-Sitzung mit den Fragen des Kongresses und der Stellung des Zionismus innerhalb des Kräftespiels der Palästina- Politik und des Nahen Orients beschäftigte. Ein besonderer Höhepunkt der Tagung war das Erscheineu Ben Gurions, dem die Versammelten eine begeisterte Ovation bereiteten. Ben Gurion sprach zum Abschluß der Verhandlungen über eine Reihe zionistischer Grundfragen und gab ein packendes Bild von dem Wachstum der Einwanderung, von der Entwicklung, die die Stellung der Juden im Lande Zum englischen Regierungs-Jubiläum König Georg V. hat seine Zustimmung dazu gegeben, daß anläßlich seines 25jährigen Regierungsjiibiläums durch den Jüdischen Nation alfonds in Palästina ein seinen Namen tragender Wald zum Zeichen der Huldigung der eng- »sehen Judcnhcit gepflanzt werde. Die Pflanzung erfolgt auf einem 1500 Acres umfassenden Gebiet bei Nazareth. Die Kosten der Anlage betragen 130 000 Pfund. , Die englische Juden heit hat anläßlich des 25j:ih- ״gen Regierungsjiibiläums des englischen Königspaares eine vom Präsidenten des Board of Deputics of British Jews Keville Laski und dem Präsidenten der Anglo Jewish Asso- Hation, Leonard Montefiore, Unterzeichnete Ergcbenheits* adresse gerichtet. Exzesse im Lodzer Stadtrat In der letzten Sitzung des Lodzer Stadtrates kam es zu Exzessen der antisemitischen nationaldemokratischen Stadtvvrordneten. Ein nationaldemokratischer Antrag, als Vertreter des Stadtrats in die Staatliche Rekrutierungskommission nur Nichtjuden zu entsenden, wurde nach einer erregten De- ״atte abgelehnt. Unter den vier Delegierten des Stadtrats für S״l! Kommission befindet sicii nunmehr auch ein jüdischer [,tadtverordnetcr. Zu wüsten Tumulten kam es sodann anläß- »ch der Verlesung einer Protesterklärung der jüdischen Stadtverordneten gegen das Verhalten der Nationaldemokraten. Hierbei wurden die jüdischen Mitglieder des Stadtrates von *■׳nzelnen antisemitischen Stadtverordneten mit dem Revolver "'droht. Die Mitglieder der Jüdischen Fraktion haben bcflössen, die Anzeige wegen Vergehens gegen die Sicherhcit des Leoens bei der Staatsanwaltschaft zu erstatten. zur Mandatarmacht genommen hat, sowie von den Problemen unserer wirtschaftlichen Verwurzelung. Er behandelte in diesein Zusammenhänge ausführlich die jüdisch-arabisehe Frage und appellierte an die positiven Kräfte des jüdischen Volkes und der deutschen Juden, die ihren Platz im Aufbau finden müßten. Alle diese Referate führten die Arbeitstagung tief in dit Fragen der zionistischen Arbeit in Palästina hinein. Sie boten so den Hintergrund, auf dem man in die Erörterung der speziellen Aufgaben des deutschen Zionismus, die in der nächsten Zukunft zu lösen sind, eintreten konnte. Grundlage der Aussprache hierüber war ein Referat von Dr. Franz Meyer, Berlin, das der Analyse der jüdischen Situation in Deutschland diente und das Programm der zionistischen Arbeit entwickelte. Nach einer ausführlichen Diskussion, die den einmütigen Willen der Tagung zur Verstär• kung und zum Ausbau der auf Palästina gerichteten zionistischen Arbeit im deutschen Judentum manifestierte, wurde nachstehende Resolution einstimmig angenommen: I. Die zionistische Bewegung in Deutschland erhebt den Anspruch, das gesamte jüdische!,eben in Deutschland entscheidend zu beeinflussen. Die sachliche Führung gebührt dem Zionismus auf allen Lcbensgcbiclen, auf denen die zionistische Initiative den deutschen Juden neue Wege zu konstruktivem Aufbau und systematischer Hilfsarbeit ge* wiesen hat: in der Frage der jüdischen Schule, der Berufs- und Wirtschaftspolitik, der Förderung des Palästinaaufbaus und der Auswanderung. Der Zionismus kann sich jedoch bei der gegenwärtigen Gesamtlage der Juden in Deutschland nicht darauf bcschränken, einzelne Sachgebiete zu betreuen, sondern muß verlangen, daß die zionistischen Erkenntnisse als Grundlage einer Neugestaltung des gesamten jüdischen Lebens dienen. li. Die Arbeitstagung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland beschließt: Wir deutschen Zionisten fordern eine personelle und organisatorische Umgestaltung der zentralen und örtlichen Instanzen der deutschen Judcnhcit, die den Zionisten den ihnen zustchenden Einfluß auf die Gestaltung der jüdischen Arbeit in Deutschland verschafft und sichert. Der Geschäftsfülircndc Ausschuß wird beauftragt, die zur Realisierung dieser Forderungen notwendigen Aktionen cinzuleitcn und für ihre Durchführung Sorge zu tragen. Damit hälfe die Tagung die Prinzipien klar umschrieben, nach denen die zionistische Arbeit zu führen ist. Diese wurden durch eine Reihe von Einzelberatungcn ergänzt, die in Kommissionen für allgemeine zionistische Arbeit, in der Rechtsanwalt Benno Cohn, der Organisator der Tagung, referierte, für Keren Hajessod, Keren Kajemeth, Palästina-Amt und Hachscharah-Fragcn durchgeführt wurden. Die Tagung wird allen Teilnehmern nicht nur eine Fülle von Anregungen vermittelt haben, sondern auch in erster Linie dazu geeignet sein, die Stoßkraft der zionistischen Reihen im deutschen Judentum noch zu verstärken. IN ALLER KÜRZE Das Brasilianische Parlament hat ein Gesetz zum Schutz der nationalen Sicherheit angenommen, das Aufreizung zum Rassenhaß und Verhetzung eines Teiles der Bevölkerung gegen einen anderen unter Strafe stellt. Das Gesetz verbietet ferner uniformierte Privatvereinigungen. Der Sekretär des Weltverbandes jüdischer Studenten, P. Druif, der sich anläßlich der Beratungen der Exekutive des Internationalen Studcntenverbandes in Rom aufhält, wurde gemeinsam mit den Mitgliedern der Exekutive von Ministerpräsident Mussolini empfangen. Der Vertreter der jüdischen Studentenschaft gab dem Dank für die wohlwollende und entgegenkommende Behandlung Ausdruck, die ausländische jüdische Studierende an den italienischen Universitäten erfahren. Meldungen der arabischen Presse aus Beirut zufolge haben die französischen Behörden in Syrien das Ansuchen einer jüdischen Gruppe um Erteilung einer Konzession für die Ansiedlung von Juden im Alomex-Gebiet a b g e I e h n t. Der verantwortliche Redakteur der inzwischen verbotenen Kattowitzer antisemitischen Zeitung ״Bliskowica“, Eduard C 11 o w ansk i, ist wegen Schmähung der jüdischen Rcligion durch Veröffentlichung entstellter und gefälschter Talmudzitate von dem Kattowitzer Berufungsgericht zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt worden. Dem soeben veröffentlichten Bericht des Ausivandcrungs- Inspektorats Polens zufolge wurden im ersten Vierteljahr 1035 10 805 Auswanderungsbewilligungen erteilt, von denen 6916 Familien Gebrauch gemacht haben. ,X) der Au .v.andcrer waren Juden, 75 0/0 hatten Palästina als Auswanderungsziel gewählt. Der Berner Prozeß um die ״Protokolle“ Fleischhauers Gutachten Wir haben in der vorigen Nummer über die ersten Verhandlungstago in dein am 29. April wieder eröffneten Prozeß gegen die Verbreiter der ״Protokolle der Weisen von Zion“ in Bern berichtet. In der zweiten Hälfte der Wociie war die Verhandlung fast völlig durch den mündliehen Vortrag des Gutachters Fleischhauer ausgefüllt. Nactidem am Donnerstag zu Beginn der Verliaudiimgen der Anwalt der Beklagten, R u e f, eine Erklärung zu ,dem im ,,Aienianen“' erschienenen Artikel, in dem Gerichlsp! äs ident Dr. Meyer u. a. als ״judenhörig“ bezeichnet worden war, abgegeben hatte, fragte Professor Baumgarten, welche Zeit die Verhandlungen noch in Anspruch nehmen würden, er wolle danach über seine Zeit disponieren. Der Präsident antwortete, er habe Herrn Fleischhauer volle Redefreiheit zugebilligt. Immerhin sei er der Ansicht gewesen, der Experte werde ungefähr ebenso lange reden wie Prof. Bainngarten — dessen Expose drei Stunden dauerte — da ja das Gcsamtgutachteu schriftlich vorliege. Auf die an Fleischhauer gerichtete Frage, ob er in der heutigen Sitzung mit der Expertise zu Ende kommen werde, antwortete dieser, seine Expertise gehe viel mehr in die Tiefe als diejenigen der anderen Herren. Er wisse überhaupt nicht, wie lange er 11 o e h sprechen werde. Nacli einem scharfen Angriff gegen den Gutachter Loosli setzte dann Fleischhauer seine Expertise fort. Dem ״sittlich hochstehenden, für sein Volk arbeitenden Hcrzl“ wolle der Experte die Achtung keinesfalls versagen. Er konstruiert jedoch, einen Zusammenhang zwischen Herzls Roman ״Altneuland“ und den ״Protokollen“, indem er die Romanfigur Joe Lev y mit Maurice Joly, dem Verfasser der ״Dialogues aux Enfers entre Machiavcl et Montesquieu“, identifiziert. (Bekanntlich ist in Herzls ,,Altneuland“ mit ״Joe Levy“ Herzls Freund Joseph Cowen gemeint. — A. ri. R.) Lasse man in ״Joe“ das e und in Levy ev aus, so ergebe sich ohne weiteres der Name Joly. Die ausgelassenen Buchstaben hätten offenbar etwas Geheimes für die Juden zu bedeuten. Nachdem der Experte noch einige Ereignisse der Weltgeschichte nach seiner Methode gedeutet hat, stellt er eine Reihe von Fragen: ״Wo ist das geheime Staatsarchiv der Juden?“ — ״Wollen die Juden alle Dokumente sofort herausgeben?“ — ״Wer ist heute der oberste offizielle Weise?“ — ״Wer ist heute der Kanzler des Judentums?“ — und fügt hinzu: ״Das Judentum wird diese Fragen hier nicht beant- Worten.“ Nach einer Untersuchung betreffend die Ursprache der ״Protokolle“ mul die sogenannte ״Friedhofsrede“ in dem tioedseheschen Hintertreppenroman ״Biarritz“, wobei der Gutachter die Ansicht ausspricht, üocdsche müsse bei der Schiiderung der nächtliche« Versammlung der ״Aeltesten der Stämme Israels“ auf dem Prager Judenfriedhof nach einer geschichtlichen Vorlage gearbeitet haben, werden bekannte Renegaten zitiert, wie Brafmann, Briman, Weiniuger, Trebitscli. Am Schluß der Vormittagsverhandlung verlas der Präsidenf ein Telegramm des im ersten Teil des Prozesses als Zeuge vernommenen Grafen du C 11 a y 1 a, in dem dieser gegen die von dein Gutachter Fleischhauer gegen ihn erhobenen Beschuldigungen protestiert und sich weitere Schritte vorbehält. Zu Beginn der Nnchmittagsverhandlung teilte der Experte Universitätsprofessor Dr. Baum garten mit, er habe von einem gewissen Wcinbreuner aus Straßburg einen Brief erhalten, in dem er lind seine gutachtlichen Aussagen schwer beschimpft werden. Er würde diesen Brief einfach unter den Tisch geworfen haben, wolle aber nicht den Verdacht aufkommen lassen, als ob ״Freimaurer“ dahin gewirkt hätten, daß dieser ״wichtige Brief“ verschwinde. Der Briefschreiber sei ein törichter oder gewissenloser Mensch. In Zukunft aber lehne er es ab, sich mit jedem Dummkopf, der ihn brieflieh angreife, zu befassen. Die ״Geheimvcrsammiung der Bne Brith“ Der Gutachter Fleischhauer setzte sich sodann für die Annahme ein, daß in Basel 1897 neben dem offiziellen Zionistenkongreß eine Geheimversammlung des Ordens Bne Brith stattgefunden habe, in der die in den ״Protokollen“ erwähnten Beschlüsse gefaßt wurden. Daß selbst Juden in unkontrollierten Augenblicken zugestehen, die ״Protokolle“ seien echt, erweise das Zeugnis eines Schächters Fleischmann in der Provinz Posen. Dieser habe einem polnischen Vize-Staatsanwalt Noskowicz ein solches Geständnis gemacht. Veranlassung hierzu habe die Schändung seiner Braut durch den Oberrabbiner Vcikhenfeld gegeben. (Der Posener Oberrabbiner Dr. Vcilchenfcld, der sieh bei Juden und Nichtjuden höchsten Ansehens erfreute, hatte zu der Zeit, die der Antiseitiil Noskowicz als die der ״Schändung“ angibt, das 73. Lebensjahr überschritten. Wir haben in Nr. 30 vom 12. April eine Zuschrift zu dieser Angelegenheit veröffentlicht. — A. d. Red.) Der Experte geht hierauf zu einem allgemeinen Angriff auf das Judentum über und erklärt, der Antisemitis-■ mus, der so alt sei wie das Judentum und schon im alten Aegypten aufgetreten sei, müsse als Notwehr der nichtjüdischen Völker aufgefaßt werden. Der Gutachter untersucht sodann die Unterschiede zwischen christlichem und i