Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 33-34 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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&. IV.1935 Nr. 33/34, 26. IV. 1935 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 15 wiw rischer Teil, Pavillon und ׳raphie. Man iß hier der •n Teile des 1 zusammen. an geistige!■ rieht worden en berechnet en. «n wir nach, tfessegeiänds cs Cav1|, dessen 80q dischen Sei;. illustrieren rch die auf, zur Gegen, ti Vollmond, :r, war über, r der Bialik. rrto Grosso׳‘ lgeleitet und reichte ab« les&e keines, ■rige musika. ׳ von Engel bend vorher Stellung der likumscrfolg, Plastik. Es m Orchester laydn wurde ment, jedoch Son. A. J.-L, r in jedem :n und nach , as an jeden. Vorbehalte.' g, die durch le Zionisten 1er vielleicht ne Art von nde ,.große׳‘ :ezirken, die 1 quantitativ >ie Entwick• irnehrnungen haben, /u• egende Vcr• den, die das /iw ist dies :viertel nicht rt war, aber :s, insbesoa•!r Schön• Arbeit und :ines Lebens 5 jedem im :Hungen ge- Abbau und — Fürsorge also nicht;end machen, orwärts• einbeziehen. K. L ircli ein 1t g abe Rabbi Schlomoh Aronsohn zum Andenken Er war uns allen lange vertraut, bevor wir ihm zum erste? Male in Berlin, der kurzen Station zwischen Rußland und Erez Israel, begegneten: als Kiewer Raw hatte er wirklichen Weltruf gewonnen. Wir wußten von seinem Wirken im Beilis- Prcacß, von seiner vorbildlichen sozialen Tätigkeit, besonders im Kriege, einem Liebesdienst, der russischen und niehtrussiseihen Juden gleichermaßen galt. Die schweren Schickungen, die der Bolschewismus über ihn persönlich und seine üe~ meinde brachte, schienen seine Kraft gelähmt zu haben. Aber Hie neue große Aufgabe, die ihm dann zuteil wurde, nach Tel-A wiw zu gehen und dort dem wachsenden Jischuw wieder Vater und Wegweiser zu sein, wie bisher in der ukrai- ■nischen Metropole, belebte ihn wieder. Die Liebe und das Vertrauen der russischen Juden hatte ihn hierher gerufen — diese Liebe blieb ihm nicht nur erhalten, sondern wurde ihm in gesteigertem Maße zuteil. Die russischen Rabbiner sind keine Organisatoren von Gonreinden und keine Agitatoren der Orthodoxie. Sie sind treue, weise Hüter eines großen Erbes und väterliche Führer des ihnen anvertrauten Kreises. Rabb. Aronsohn ist einer der letzten und überzeugendsten Repräsentanten dieses Typs. Auch er war ein stiller Mensch. Sein Aeußeres widersprach jeglicher Aggressivität und Aktivität. Motorisch war er ungeheuer spar- *am; er mochte einem zuweilen unbewegt crsclieinen: Mimik und Gestikulation fast artn, die Sprache leise und langsam. Wer aber das Glück hatte, diesem warmen Menschen nahe zu kommen, erkannte bald, daß dieser ruhigen Oberfläche keine erstarrte Tiefe entsprach. Reich war der emotionale Anteil seiner Seele, stark sein Geist und rege an vielem beteiligt. Und bedeutend waren Tat und Leistung ungeachtet der Stille und Bescheidenheit. In ihm waren entscheidende Qualitäten zu glücklicher Mischung gelangt: der große Thoragelehrte, der aber nicht paradierte, der warmherzige Chabad-Chassid, der aber nicht in der Exklusivität seiner Gruppe und in der Ekstase exzellierte, der Raw der alten Zeit und der Jude unserer Tage, mit der Fülle der Hoffnungen und dem Uebertnaß der Leiden und Befürchtungen. Früh war er Chowew Zion gewesen, immer dem Werke der Erneuerung zugetan. So stand er, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit hinein ragten, in der Zeit, und sein Blick ging mit dem der Bauenden in die Zukunft. Es ist uns eine Genugtuung und erfüllt uns mit frohem Stolz, daß er dem Kreise des deutschen Misrachi sich nahe fühlte, unseren ״Zion“ stets mit regstem Interesse las. Dies und die persönliche Freundschaft, die er uns aus liebendem Herzen entgegenbrachte, hat ein besonderes Band zwisehen ihm und uns geschaffen und hat die tiefe Verehrung, die ich ihm entgegenbringe, in Liebe gewandelt — eine Antwort auf die große Herzlichkeit, mit der er mich stets empfangen hat. Tel-Awiw hat nach Bialik nun den Mann verloren, dessen Seele und Geist, dessen Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, dessen Schlichtheit und Güte viel Licht und Wärme verbreitet haben — über das ganze Land. Ungewöhnlich war, ist die Trauer um Rabbi Aronsohn; da sie ganz aus Liebe fließt, wird sie fruchtbar sein und mit dem Gedächtnis des Mannes auch das Unverlierbare seiner Größe festhalten. תנצב׳ה. Oskar Wolfsberg Die Abordnung der Weltorganisation Agitdas Jisrocl hat nach mehrwöchigem Aufenthalt in Palästina das Land verlassen, nachdem eine offizielle Repräsentanz der Welt- Agudali geschaffen worden war, der Rabbi Horowitz, Rabbi M. Blau, Rabbi Kat/eneilenbogcn, Dr. Buxbaum 11. a. m. angehören. Wie die Palästina-Presse mitteilt, hat der Versuch, eine Verständigung zwischen A g u d a h und Misrachi herbeizuführen, kein positives Ergebnis gebracht. Auch das geplante Abkommen zwischen Hapoel Haniisrachi und Poale Agudas Jisroel kam nicht zustande. Dr. F. Bodcnheimer, Professor für Zoologie an der Hebräischen Universität Jerusalem, wurde zum Mitglied der Internationalen Akademie für Naturge schichte in Paris ernannt. cabi sei unken", in Mit• n Hin- und ein be* der itier iel 1035! UMU* adt 2570 errapl•“* i 1 n a h m ® U ן(יי״^*!ן *יי ־■■'< / ö-Ü LsiJ׳* Dingen steht die Welt Erzählung von GERSON STERN ל• ForUefeaag Copyright Verlag Erich Hei•*. Berlin Bessinger wollte sich erheben. Es ging nicht. Er hielt sich *m Schreibtisch des Direktors und stand auf, stand da, vor «em Direktor, der sich auch erhob. Bessinger wollte seinen Arm erheben. Es ging nicht. Doch, es ging. Es ging gut. Die Finger krampften sich zur Faust, und dies« Faust säusle 8»f den Schreibtisch des Direktors nieder, der nun auch er- Weichte. Das Tintenfaß sprang in die Höhe, und ein Schuß Tinte sprang über das Konzept, auf dem der Herr Direktor 80me Gedanken 1'iher die Pubcrlätsjahrc entwickelte. Es war rein theoretisch. Aber als Theorie war es gut. ״Wie?“, rief Bessinger, ״es ist eine ganz harmlose An- Gelegenheit? Und darum hat man mein Kind, mein Eigen, njein Blut erniedrigt? Darum gab man es allen gemeinen Vermutungen preis? Darum ließ man seinen Namen durch ,He Gossen der Stadt ziehen? Mein armes Kindl“ Bessinger konnte sieh nicht aufrecht hallen. Er fiel in den Sessel '”rück. ״Herr Bessinger, beruhigen Sie sieh. Es wird alles wieder *”!gemacht. Es wird dafür gesorgt, Herr Bessinger. Ist cs n”'ht tausendmal besser, daß die Angelegenheit sich so aufklärt?“ Bessinger hatte diesen Morgen keine Zeit für das Gefckiäft. Herr Grünlhal wollte ihn über etwas befragen. Er ״*kam eine scharfe Antwort. Bessinger ging mit seiner Frau ln die Wohnung. Das ganze Personal tuschelte. Was wird ״״>? Was wird mit Hedda sein? Auf dem Siidivall blieb ®«*singer stehen. ״Berlhclien, unser Leben ist kein ganzes 11'״׳“׳. Ich fühle es. Es ist eine Lücke da. Ich glaube, wir *hauen heute in die Lücke. Und es wird traurig sein.“ Theater und Konzerte Eine neue Theater-Gruppe ״Oktobertag“ von Georg Kaiser T c I - A w i w, Mitte April 1035 Eine Gruppe von Schauspielern, die nicht in die bereits bestehenden palästinensischen Bühnen Aufnahme fanden, hat sich zusammengeschlossen. Ihr Debüt mit Georg Kaisers ״Oktobertag“ stellt einen Versuch dar, dem palästinensisehen Publikum einen ihm neuartigen Dramentyp nahezubringen. Man vermeidet, sich als Theaterneugründung auszugeben, sondern wahrt ohne Ankündigung großer Programme den Charakter der Versuchsbühne, über deren Sein oder Nichtsein lediglich die Gunst des Publikums zu entscheiden haben wird. Die Mitwirkenden sind mit viel Ernst und Hingabe bei der Sache. Die Einstudierung besorgte Benno Franke! (Leiter der Palästinensischen Kammeroper), Die Erstaufführung fand in Jerusalem im gutbesetzten Theatersaal der Evclinc de Rothschild-Schule statt. Das Publikum verfolgte vom ersten bis zmti letzten Moment mit angespanntem Interesse den Roman des Mädchens Catherine, das als Vater ihres unehelichen Kindes in der Stunde der Entbindung den Leutnant Jean-Marc Marricn angibt, während dieser, zur Verantwortung gezogen, beschwört, er habe diese Frau niemals gesehen. Der Regisseur Frankel überträgt auf die Szene die Spannung, die das gut gebaute Stück aufweist. In der geschmachvollen Dekoration von Isa Mersch ko witz bewegen sich die Schauspieler mit Natürlichkeit und umgehen geschickt die Gefahr, ms Pathetische abzugleiten. Catherine ist Esther Taube; sie ist nicht ganz der Typ eines Mädchens, von dem man glauben könnte, daß sic die zufällige Begegnung mit einem Mann, der gleich ihr Trauringe in einer Auslage betrachtet, dem sie in die Kirche zum Gottesdienst und zu einer Theatervorstellung folgt, ohne überhaupt von ihm bemerkt zu werden, seelisch so stark verarbeitet, daß nur er der Vater ihres Kindes sein kann, obwohl ein anderer dessen Erzeuger ist. Aber sie hat Momente großer Einprägsamkeit und bleibt eine Hoffnung für die hebräische Bühne. Die zweite Fraucnrollc verkörpert Mirjam Ben- G a v r i e I, die mit ihrer ausgezeichneten hebräischen Diktion Vorbild nicht nur für die Darsteller dieses Abends, sondern für die Schauspieler der hebräischen Bühnen überhaupt sein kann. Eine ausgezeichnete Leistung bot Hermann Heuser — vom Berliner Kulturbund noch in Erinnerung — als Fleischer Legtierche, der wirkliche Vater des Kindes. Er trifft Ton und Geste eines Erpressers, der seine Rechnung freilich ohne den plötzlich in Liebe zu Catherine enthrennenden Leutnant Jean-Marc Marrien gemacht hat. Der junge, aus Deutschland kommende Schauspieler Ladendorf verleiht seinem Offizier in der ersten Hälfte des Strickes die Ruhe und Noblesse, die der Rolle gebührt, überzeugt jedoch von dem Moment ab nicht mehr restlos, wo die fixe Idee Catherincs beginnt, auch ihn in ihren Bann zn ziehen. Nissan S 11 e rn 11 e 1 i personifiziert glaubhaft die nicht leichte Rolle des Familienliauptes Coste, das dem Geheimnis, das um die Geburt des Kindes schwebt, nachzuspütcn beginnt. Für die ausgezeichnete hebräische IJebcrtragiing zeichnet Jakob Koplewitz. Am Schluß wurde stark applaudiert. Manfred Geis Konzerte in Jerusalem Judith-Oratorium von Mozart. Die Aufführung des fast unbekannten Judith-Oratoriums von Mozart (s. Nr. 27 der ״Jiki. Rundschau“) durch Karl Salomon, das Jerusalemer Kammerorchcster, den akademischen Chor und den Chor der YWHA. und die Solisten: Anna Hirsch-Feilhcimer (Judith), Esther Jchudith Salomon, Dr. Walter Blumenthal, Rudolf Lazer, Ephraim Goldstein und Bernhard Schorrman, war als Geschenk an die Gäste der Universitätsfeier gedacht und fand am selben Tage statt. Das Werk selber hat wunderbare Momente, aber auch ermüdende Längen. Die Aufführung litt etwas unter einem anstrengenden Chamssintag. -- Die Anstrengungen Salomons, die jüdischen Oratorien der Weltliteratur in hebräischer Sprache dem palästinensischen Puhlikum zugänglich zu machen, müssen immer von neuem dankbar anerkannt werden. Oskar Fried in Jerusalem. Fried spielte hier erfolgreich das (wenig geänderte) Programm wie in den anderen Städten. Diese Folge war für den einheimischen Hörer von einer gewissen Wichtigkeit, für den Musiker jedoch trotz blendender und neuer Einfälle nicht sonderlich interessant. — Es bleibt uns, zu danken! Persische Musik und Musik des Bach-Zeitalters. Das YMCA. war in drei Tagen Schauplatz zweier diametral entgegengesetzter Musikkulturen: an einem Abend gab es persischc Instrumental- und Gesangsmusik, am zweiten hatte man den hier zu Lande seltenen Genuß, Orgelwerke Bachs und seiner Vorgänger zu erleben. Die persischen Musiker A. Hossein und S. Shawa beeindruckten stark durch ihr wunderbar meisterhaftes Spiel - das Vibrato zauberte uns an einigen Stellen geradezu ein Gericsel von Aprikosenblüten vor die Augen. Wer hier jedoch typisch orientalische Musik erwartete, wurde enttäuscht: die persische Musik entwickelt sich von Arabien, ihrem Ursprungsland, offenbar immer mehr in kaukasischer Richtung. Auffällig ist jedoch die Rolle, die die unregelmäßig verteilten Pausen und Vierteltonintcrvalle spielen. Die mitwirkende Sängerin E. Bedal ist Besitzerin französischer Gesangskultur. Während diese Art Musik sich ganz intensiv auf den Extrakt von ein bis zwei Melodielinicn konzentriert, die sich ihrem Toninhait nach wenig von einander unterscheiden, führte der Organist Max Lampcl den Hörer in eine Welt hinein, die gerade dem entgegengesetzten Extrem huldigt. Von Swcelinck bis Bach hat sich die Orgelmusik zu immer macht(ollerer Extrusion und Freiheit entfaltet. Lampcl bringt mehr die große Einsamkeit, den geistigen Adel zum Ausdruck. Einige Anfänge gelangen geradezu erschütternd, dagegen fehlten dem, der durch deutsche OrgelkulHir verwöhnt ist, das ״Himmelsturmendc, Raumzersprcngende“, kraftvoller Rhythmus mul formbihlende Dynamik. Musik zu einem Palästina-Film. Der I ihn ״Awoda“ erhielt eine routinierte, einfallsreiche Begleitmusik durch den bekannten Komponisten Paul Dessau. Zur palästinensischen Musik fehlt fast jeder Zusammenhang, jedoch erhält man durch die starke Beeinflussung von Gustav Mahlers Sinfonik und Melodik und durch die Geräuschmusik von Edmund Mcisel immer/u Assoziationen in ganz abienkender Richtung. Da die Musik auch viel zu dick ist, verdeckt sie, anstatt zu untermalen. Am besten gelangen die Maschinenszenen, aber auch da gibt es vieles Konstruierte und Unglaubwürdige. A. J.-L Die Palästinensische Kammeroper bringt Finde April die ״F. n t f ü h r 11 n g a!1 s dem S c r a i 1״ heraus, d. h. die erste Mozart-Oper in Palästina überhaupt. Die Vorstellung wurde ermöglicht durch die rege Tätigkeit des ״Vereins der Freunde der Kammeroper", der es zustande gebracht hat, die großen technischen Schwierigkeiten zu überwinden. — Regie und künstlerische Leitung: Benno Frankel; Dirigent der Premiere in Tel-Awiw: Hans Schlesinger; der Jerusalemer Premiere: Karl Salomon. Constanze: Elly Kurz; Blondchen: Mirjam!.egal; ()sin in: Rudolf Lacer; Pedrillo: Marcel Noe; Bel Monte: Leo Angido; Bassa Selirn: Joseph Schapiro. - Bühnenbilder und Kostüme: Mokadi. Tanzabend In Tel-Awiw. Die gesamte Musik zum Tanzabend von Tania Wcjlhocncr schrieb L, W. Sternb e r g. Man kennt seine eigenwillige Art der Komposition und kann sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, daß in diesem Programm die Musik das Primäre ist. Das bedeutet also, daß in solchem Falle das Schöpferische der künstlerischen Darbietung nicht von der Tänzerin, sondern von ihrem Komponisten ausgehen würde. Tania Wellhocuer verfügt zweifellos über eine gute Technik, kommt jedoch nur im ״Tanz einer Hexe" (von Gong und Klopfinstrumenten begleitet) und im ״Schweren Traum‘‘ zu Leistungen, die den Rahmen des Konvcnlioncllen sprengen. Manfred Geis Die Arbeitersport verbände Palästinas feierten am 19. April nachmittags im Trl-Awiwcr Stadion ihr viertes Sporttreffen vor etwa 30 000 Zuschauern. Ls fand ein Aufmarsch von 10000 Mitgliedern der Sportorganisation ״Hapoel“ statt. In J e r 11 s a I e m fand eine R I u m e!1 a u s s i e 1 111 n g statt, die von der Jerusalemer Gartenbauge.-ellschaft organisiert war. Die Unterredung mit Hedda, der auch Fräulein Müller beiwohnte, war peinlich. Bessinger und Berlhrhen sprachen mit Hedda. Jeder sprach von seiner Liebe, die nur das Beste für sie wolle. Jeder sprach von dem Unrecht, dem Hedda ausgesetzt war. Nicht durch die Schuld der Ellern. Nein. Sie hätten es ja nicht wissen können. Jeder gab Hedda einen Kofi und sagle. daß alles vergessen sei. Hedda solle wieder fröhlich sein. Sic könne wieder fröhlich sein. Aber Hedda schien gar nicht fröhlich. Sie blieb unbeteiligl. Es wurde gewünscht, daß sie den Eltern die Hand gab. Sie gab die Hand. Sie sollte, den Eltern einen Kuß geben. Sie gab einen Kuß. Sie stand in der Mitte des Zimmers. Die Arme hingen herunter. Die reehte Hand umklammerte den linken Zeigefinger. Hedda sah zum Fenster hinaus und sah, wie ein Vogel sein Junges atzte*, das den Schnabel weit aufriß. Es saß auf einem Ast in der Nähe des Fensters. Es rief piep — piep. Die Mutter kam unaufhörlich, die Mutter sorgte für ihr Kind. Die Mutter war nur für ihr Kiocl da. Und durch die Zweige lugte der Himmel. Er war 80 klar. Er war so blau. Fis konnte doch nichts geben als diese unabänderliche Klarheit. 8. KAPITEL Fräulein Müller batte es schwer: Hedda war widerspenstig. Sie log. Hedda wollte lügen. Fräulein Müller fühlt« es. Sie fühlte, w ie dieses Mädchen heimlich litt. 1 Jahr lang rang sie mit Hedda. warb sie um Hedda. aber Hedda fühlte einen Haß, sie sah in Fräulein Müller eine Spionin. ihre FYindin. Eines Tags brach Fräulein Müller unter den Enttäuschungen zusammen. Sie hätte dieses Haus schon längst verlassen, wäre nicht die Erkenntnis in ihr gewesen, daß Hedda mit sich, gegen sich stritt, und der M ille, diesem Mädchen zu helfen. Sie sah keinen, der sonst hätte helfen können. An diesem Tage also versagten ihre!Nerven. Weinend stand die Erzieherin vor Hedda. Hedda sah betroffen, sah beschämt auf diesen Mensehen, der ihr nie ein böses Wort gesagt, der immer ruhig, sachlich, weisend zu ihr gesprochen hatte. Und der nun weinte, durch ihr« Schuld weinte. Es kam endlich zu einer Aussprache, die alles ausschöpfte, was an Zurürkgehaltenem sich in Hedda angehäuft hatte. Hedda bekannte ihre Schuld, sie beichtete, sie breitete ihr ganzes junges Leben vor Fräulein Müller aus. Die hörte still zu. Vorsichtige, freundliche Fra״cn lösten Hedda immer mehr. Sie fand einen Menschen, der sie erkannte, der ihre Felder erkannte, aber (erstehend, verzeihend, und der sich zu ihr nei״te und sie zu sieh hob. heraus ans ihren Noten an ein gütiges Herz. Allmählich n urde Hedda aiifgesclilus-nier. Sie nannte die Erzieherin Fräulein Trude. Sie he-prach;die. mit ihr, Fräulein Trude, konnte manches nicht verstehen. Sie eiiManunte einer strengen, evangelischen Familie und trug ihren Glauben stark und geschlossen in sich. Hedda war konfirmiert worden. Mio war es gewesen‘? Der Bahltiner war ein äuge.ebener, kenntnisreicher Mann. Er wußte es und er ließ es w e-cn. I'.r hielt sehr brarhtete Ansprachen in der Svnagnge. Er hatte Bezieliungen zu den Seelenhirten der anderen Kon fcs-ionen. l׳,s hatte sieh ergeben, da zuweilen hohe Herrschaften «he alte Stadt besuchten und dnnn allgemeine Empfänge und Ansprachen staltfanden. Der Balihiner beherrschte, das Morl. Er erhielt Orden. Er war eine Persönlichkeit. Das wußte der Hahhiner. Es entging ihm aber, daß er ein sehr schlechter Pädagoge war. Er trug alles klar wie in Paragraphen vor. Er verlangte klare Antwort und erhielt sie, denn die Kinder kannten die Fragen und haften die Antworten geschrieben vor sich liegen. Es war ein Spiel, das getrieben w urde. Es war eine Komödie, in welcher der Rabbiner unwillkürlich und unbewußt di« Hauptrolle, spielte. Und es war eine Tragödie: Die leidenden Helden waren die Kinder. Sic wußten es ebensowenig. Nein, die Kinder wußten es nicht. Für sie war der Enterrieht eine teils langweilige, teils lustige Angelegenheit. Papierstreifen liefen horum, die Mitteilungen enthielten, \ erabredungeii wurden getroffen, und das, um was es ging, blieb den Kindern fremd und fern. Trotz, den tiefen und schönen Morten, die der Hahhiner sprach, zuweilen sprach. Denn mandies Mal verlief die ,Stunde im Frage- und Antwortspiel, Das Herz der Kinder wurde nicht, getroffen. Sie waren nicht heteiligt. Es war eine Arbeit. Die Meisten hielten es für ein« überflüssige Arbeit. ״Sag mir die zehn Gebote, die dreizehn Glaubenssätze von Maimonides. M'ie!ließen die großen Propheten? Und wie die kleinen? AVie hießen die Namen der Söhne Jakobs?“ Man mußte über die Bibel Bestimmtes wissen. Man mußte gewisse Gebete übersetzen können. Die Zettel wußten alles. —-