Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 33-34 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Äeffe TA JöOISCHE RUNDSCHAU Nr. 33/34, 26. IV. 1935 Aus dem Reich Von unseren Berichterstattern Eine Neuauflage der ״Alijah“ Das Palästina-Amt bringt soeben das Heft ״Alijah“ In siebenter, verbesserter und erweiterter Auflage heraus. Daß die sechste Auflage schon nach wenigen Wodien vergriffen war, ist ein Beweis für das starke Bedürfnis der Juden Deutschlands nach einer gründlichen und umfassenden Unter• richtung über die mit der Palästina-Wanderung zusammenhängenden Fragen, Das neue Heft ist aber mehr als nur eine ״Information für Palästina-Auswanderer“, wie es sich im Untertitel in Bescheidenheit bezeichnet, denn die Neuauflage der ״Alijah“ gibt auf fast jede im Umkreise des allgemeinen und persönlichen Palästina-Interesses liegende Frage eine klare und erschöpfende Antwort. Nicht nur rein äußerlich ist dieses Heft gegenüber der letzten Auflage um 20 Seiten erweitert worden. Auch inhaltlich ist eine Reihe von neuen Themen behandelt, und die Abhandlungen, die aus der letzten Auflage mitübernommen worden sind, sind vertieft worden. So gibt der Artikel ״Die Zionistische Vereinigung für Deutschland“ einen guten und kurzen Abriß über Geschichte, Organisation und Aufgaben der ZVfl). Ebenfalls hat der zentrale Aufbaufonds, der Keren Hajessod, eine informierende knappe Darstellung seiner bisherigen Leistungen und seiner Tätigkeitsgebiete erhalten. Der Keren Kajemeth Lcjisrael, der Bodenfonds, ist durch eine kleine Bildbroschüre vertreten. Die übrigen Artikel über die Haclisch.irah, chaluzischcn Verbände und die Jugend-AHjali runden das Bild über die mit der Palästina-Arbeit verbundenen Organisationen ab (im sytematischen Aufbau des Heftes müßte die Jugend-Alijah wohl unmittelbar hinter ״Hachscharah“ oder ״Chalu/ische Verbände“ behandelt werden — vielleicht darf man auch die Anregung geben, demnächst kurz die Ziele der einzelnen zionistischen Jugendverhätule anschaulich dem jüdischen Publikum mit/utei!en). Die im Zusammenhang mit der Paläsfina-Auswanderiing stellenden Vermögens- und sieuerrechtliehen Vorschriften, die Frage des Vermögens-Transfers, der laufenden Versorgnngsbe/iige und Renten sind auf den neuesten Stand der (leset/gehuug gebracht und sind selbst für einen in diesen Fragen völlig unbewanderten Laien verstündlich dargestellt. Fin besonderes Verdienst aber hat sich das Palästina- Amt mit der Darstellung der ״Tatsadieri über Palästina“ erworben. Seihst die sonst für einen I)urehschnittsimnsehen außerhalb seines IntercssenkreKes liegenden Dinge, wie ״Mineralschätze, Pflanzenwelt, Maße und Gewichte Palästinas“ sind flüssig beschrieben. •— In dem Abschnitt ״Verkehrswesen“ ist sogar der gesamte palästinensische Sommer- Fahrplan lü'D /um Abdruck gelangt. Was die neue ״Alijah’1 aber aus allen andern Vcröffent* lichungen über Palästina, die in der letzten Zeit in Heft- und Bros1’hurent!!nn auf den Markt gelangt sind, heraushebt, ist die am l.nde beigefngte große Landkarte Palästinas im Maß-tab von 1 : :dH) 000, Diese Landkarte enthält nicht nur alle irgendwie der namentlichen Erfassung zugängliehen Orfe Pal.istiuas, selbst die 11. W. noch im Bau befindliehe Poia.sh Co. 11 am bildende des Toten Meeres ist schon aut ihr verzeichnet. I )lese Karte ist auch die erste liebersichtskarte Palästinas, die in deutscher Transkription erscheint. Die Ablesbarkcit dieser Karte wird erheblich crleichtert durch ihre Finteihmg in i ekler nach Alphabet und Zahlenfolge, die enteprcchciid in dem ebenfalls neu aufgenommenen Ortsverzeichnis vermerkt worden ist. So darf man ohne Uebertreibimg sagen, daß das neue Heft ״Alijalt“ in der Tat ein kur/gefaßtes Lehrbuch der Palästina-Kunde ist, das nicht nur für Auswanderer unentbehrlich ist, sondern auch in keiner jüdischen Schule und keiner Gerneindestube fehlen sollte. Die jüdische Ocffentlichkeit wird das Erscheinen dieses auch in seiner äußeren Aufmachung geschmackvoll angelegten Kompendiums dankbar begrüßen, zumal der Preis von 0,00 RM. auch den weniger bemittelten Kreisen seine Anschaffung gestattet. Dr. Josef Weiß Oslo. Auf Einladung d! r Xor.dc Zinniefnrcnmg und der Jridisk ITngdomsforening berichtete Kuß!). Jul. Samuel über seine Eindrücke von seiner Erez-I;rael ׳ R-i-c. Ein gioßes Audimrmm folgie den Ausführungen des Redners und lobiee .-io mit cl.iri!. ßnrem Beifall. Ir! der hiesigen Polvtc.'hrV-V!■!! Yen inigung heut Ing. Ailx-rt lljorth- Asker einen Ynrirag n'■r Ei rungen׳- haften Pati-linas, Berieselungsfragen, die l’o: 1:1 -ei: 1:׳P! ii,ion au! Twen Meer u-.w. Der angesehene rürh!iiidi t!!c Ingenieur ist bekannt, als großer Bewunderer des zwei 1i!Ten Aul1 .!׳ne rkBen Jochebed Landrabbiner Dr. de Haas, Oldenburg Am Abend vor Erew Peßach verstarb Landrabbiner Eh־, de Haas, Oldenburg, ln den 15 Jahren seiner Amtstätigkeit in der Stadt und in den Landgemeinden wirkte Dr. de Haas durch seine Vorträge im Gotteshaus, in Vereinen und Veranstaltungcn. Schulen und Familien erfreuten sich seiner Fürsorge. Im überfüllten Gotteshaus konnte Landrabbiner Dr. Blum, Emden, in Anbetracht des nahenden Peßachfestes nur wenige Worte des Abschieds und des persönlichem Gedenkens den! Jugendfreund und Amtsgenossen nachrufen. Rabbiner Dr. Aber, Bremen, sprach am Grabe ein kurzes Abschicdswort. Dann rief der Vorsteher der Gemeinde, Herr Cronheim, dem heimgegangen eil geistlichen Führer den Dank der Gemeinde nach. Bremen. Am 24. Marz veranstaltete der IPD, Makkabi Hazair einen Eltcrn-NachmiMag. Mosche Gelbaum (Hannover) sprach über den Etzkhmig'.weg des Bundes. Erich Rosenbaum-JalH (Hamburg) referierte über Weg und Ziel. Darmstadt. Arbeitsgemeinschaft. Jüdischer Jugend. Am 21. März sprach Kahb. Dr. Lende über ״Die. Propheten und das Gesetz“, Rabb. Dr. Bienheim über ״Geschichte und da- Lclx'n der Juden in Ost- und Westeuropa“. Lehrer Bick führte in seinem Kursus die Quellen jüdischer Religion an, indem er die wichtigsten Gebote behandelte. Den gleichen Sinn verfolgte das liibelk'scn an Freitagabend-Keieri). Walter Ilolzruann entwickelte als Vertreter des Jugendverbände» das Programm der gesamtjiidi»eheu Idee. Josef Dambrower H AN DS C H U H ׳-■ LE'DE R in .ilicn Sparten Bach #acJ,׳ Be Hin gab Aufschluß über die wirtschaftliche und geistige Situation der deutschen Juden. Bernhard David zeichnete Leben und Werk Ludwig Iiörnes. — Die Junggruppen der Atgemid zeigten an ihrem Eltern- Mittag Ausschnitte aus ihrer Arlxiit. Die Zahl der Junggruppen hat sich im Laufe des letzten Jahres verdoppelt. Dresden. Am 23. April wurde in Dresden eine jüdische Volksschule erötfnet. Zuerst werden die vier untersten Klassen der Schule eingerichtet, im Laufe der Jahre aber wird ein A11-but1 zur Volksschule mit acht oder neun Klassen erfolgen. Mit Genehmigung des siichsisehen Volk-d>tldungM1!i11is!crtu!ns wird die Schule nach dem im Jahre 1929 hcrau'gegcbenen ״Lehrplan für die Volksschulen de.r Stadt Dresden“ und in dessen Ergänzung nach den ״Richtlinien zur Ausgestaltung von Lehrplänen für jüdische Volksschulen“, die von der Reichsvertretung der deutschen Juden hcrau.-gegeben worden sind, unterrichten. Frankfurt am Main. Der Landesausschuß der jüdischen Jugendverbände in Hessen und Hessen-Nassau veranstaltete eine Jugendkundgrlrung. Es sprach l)r. Hans Fricdenthal vom Kührerrat des Rcichsausscimsscs Berlin ü!>er ״Zusammenarbeiten!‘4 Heinz Gochshoimer, der Leiter des Landesausschusses, eröffnet« und beschloß die Kumlgelrung. Gtciwltz. Das Kul t urbund - Kam merorchestet spielte unter Leitung von Sauitiitsrat Dr. Blumenfeld. — Dr. W. Nußbaum (Berlin) hielt einen Lichtbildervortrag über ״Die Juden als Kasse und ihre Erbpflege“. •— Der Waisen- und Unterstützungsverein beging sein 103. Stiftungsfest unter Mitwirkung von Else Doubton, Stella Hay und Alfons Fink vom KDJ. Berlin, sowie zahlreicher einheimischer Kräfte. Die an lustigen Einfällen reiche Rahmenhandlung war von Gcrta Lewin verfaßt. — Die Zionistische Ortsgruppe veranstaltete im Rahmen der Palästina-Woche eine gut besuchte Gemeindcversammlung, bei der Walter Tempel vom Palästina-Amt und Assael ben David aus Ri-rhon le Zion referierten. — Der Frauenrerein ließ Frau Lotte Schwarz-Rosenbaum (Breslau) Märchen und Gedichte vorlesen, die leider nur bis auf eine Ausnahme nicht jüdischer Provenienz waren. — Ende Februar gab Stefan Frcnkcl ein Violinkonzert mit Kurt Havelland (Breslau) am Fitigel. — Der Verein der jüdischen Handwerker hielt eine Generalversammlung ab, auf welcher der Vorsitzende, Bäckermeister Fleischer, über die letzten zwei bedeutsamen Jahre den Tätigkeitsbericht erstattete. — Au! Grund des Ministerialerlasses zwecks Bildung von Schulgemeinden hat der Leiter der Jüdischen Schule, Lehrer Willy Fleischer, in die Schul, gemeinde berufen: Frau Beate Weißenberg, R.-A. Dr. Schlesinger und Klempnermcistcr Kaminski. — Am 6. Mürz sprachen in einer Versammlung der Jugendbünde Sittcnfeld, Dr. Georg Golmski und Oppenheimer. — Am 13. März gaben Wilh. Guttmann (Berlin) und Prof. Wittels (Köln) ein Konzert. Heidelberg. Seit einigen Monaten veranstaltet das Kulturamt der Israelitischen Gemeinde einen Palästinakunde-Kursus unter Leitung von Georg Guthmann. Der Besuch war sehr gut Durchschnittlich etwa 80 Teilnehmer, davon 50 0/0 Nichtzionisten. Landlberg (Warthe). Die ZOG. veranstaltete am 23. März im jüdischen Altersheim eine besonders gelungene Purimfeier, die *ehr stark besucht war. Es wurden ein Theaterstück und Sketsch gespielt, Frau Moses sang Lieder. Als eine besondere Ueberraschung wurde eine Ucbcrtragung aus Tel-Awiw geboten: man hörte Dizengolt, Ben Gurion und den Iligh Commissioncr im Rundfunk. München. Die Purim-I’uppcnkomödie von Ben Chorin ,״Herseh O.-'rr w׳ird Kalendermacher“ verdient es, in einem Bericht über die wohlgelungene Purimfiier der ZOG. vor allem erwähnt zu werden, Ben Chorin hatte auch den Prolog ries Abends verfaßt Nach einer stimmungsvollen Purim-Rhapsodie, die der Komponist Josef Ziegler am Klavier interpretierte, wurden Bilder vom letzten Purim in Tel. Awiw gezeigt Herr Shaincrmann (Bariton) brachte mit Herrn Klein ein wirkungsvolles Duett ״Schoschanas Jaakow". Frau Rhea Glui gab ein ״Purimlied“, sowie tänzerische Variationen der Ilona. Frau Sonja Ziegler, deren Sopran zu hören Iresondere Freude, bereitet, hatte bei diesen Vorführungen den Gesang übernommen. Bernhard Rcnka, der jiddische Anekdoten erzählte, erwies sich damit als Vortragsmc Lstcr. Der junge Egon Pumpian sang ein witziges von Justizrat Emil Fraenkel verfaßtes Estherlied. Dr. Ferdinand Kahn hatte den Abend als Ansager umrahmt, entzückende Dekors• tionen von Fräulein Gabriclla Rosenthal schufen Stimmung. Tost (O.-S.). Bei den hiesigen Chahrzim hielt am Mittwoch, dem 27. März, Herr Fritz Tau, Beuthen (O.-S.), einen mstrukrivea Vortrag über ״Stadt und Land in Palästina“. Ankündigungen Breslau: HebräiscJic Sprarh-chule ״Kirjath-Sephcr“. Beginn des Sons, mersemesters am 29. April, Wallst r. 14, Erdgesrhoß, Zimmer 4. Kurse für Konversation, Literatur, T’naeh, Mischna, Agada. Neue Anlängcrkurse für Kinder und Erwachsene worden organisiert. Be. sprechung: für Kinder am 2. Mai, 18 Uhr, für Erwachsene an! 2. Mai 20.15 Uhr. Anmeldungen zu allen Kursen vom 2Ü. April an, Montag bis Donnerstag, 19.30 bis 20 Uhr. Telephonische Amneldüng unter Xr. 85 496. — Darmstadt: 29. April, 8.30 Uhr, in dar Räumen der ״Bauhütte“, Darmstadt, Sandstr. 10, Georg Guthmann (Frankfurt a. M.) über: ״Sammlung und Zerstreuung“, die Zukunft der deutschen Juden. •— Kreuznach: IVgiseha des Oalil-Süd des Brit Chahr/iin Dathilm und des Brith llanoar, 26. bis 29. April Referate von Ist Eisner, Rudi Herz, David Intreh'gator, Etig.-n Michaelis, Ariel Händler. —• Mannheim: ZOG. Vortragszyklus ״Vor dem XIX. Kongreß“, 1. Abend, 29. April. ״Zionismus und deutsches Judentum vor der SchekelaktLon“. Referent: Dr. Kurt Licht Beginn; 20.30 Uhr. Familien-Nactirichten Herr Mtf* Bei mann, Breslau, Hohenzotlemsti. 81, begeht «at- 5. Mai den 80. Geburtstag. •■4^ Herr Mantis G ei 1 c r t und Fraiu Emilie, geh. Perser, AHenstein, früher Breslau, begehen am 4. Mai die goldene Hochzeit. Herr Julius Jonas, Bad Dürkheim, begeht an» 28. ApcS d<*l 80. Geburtstag. Bar Mizwah-Termine Am 27. April — 24. Nissan: Leo, Sohn von Josef Höchberg* Saarbrücken, Im Wittum 8. Am 4. Mai — 1. Ijar: Heinz Adolph Cammnitter, Stargant in Pommern, Gr. Miihlenstr.24. Am 4 Mai — 1, Ijar: Herbert Wechsler, Cmcinatti (U.S.A.)|| 3562 Lee Place. Am 11. Mai — 8. Ijar: Adolf, Sohn von Bemh. Birnbaum, Nürn berg, Dcnncrstr. 2. Es wurde dem Rabbiner allerdings nicht leicht gemacht. Er wollte keine A 11*0!1י>יז10>1!ד.וו/imgen mit den S orstehem der Gemeinde, Er mußte hei den Kindern Forderungen stellen. Er tat es seinvor-iebtig. Was sollte er von der Heiligkeit der Sabbat ruhe -;!zm? Was sollte er von der Tradition sagen, von all den lie-liimnnngen, die niclil gehalten wurden!* Ihr dürft Sonnabend» nicht aite'ilrn? Die Etlern arbeitctCli, und di!־ Kindl■!' mol',feit arlieili'H. Ihr dürft nur lohte!!!'- .. Hie ]'Item aßen nnriluell, der llau-hall war ttnriIn־'ll, ihr müßt fa-len an diesen! und jenen! Tag׳!■? ihr!mißt von Eurem I.ink<>! 11!!!!■ ri den Zehnten geben für Arme',' Ihr muß! die Feierlage halten? Der Rabbiner konnte es sagen, k״nnle davon sprechen und sprach davon. Aber fordern, auf Reben und Tod fordern, konnte er fordern? Hatte iilrlil auch die Reli /ion sieh immer den Zeilumsländen angepaßl? Kwar schon so. Er Selbst, der Rabbiner, gehörte <l!*r Zeit an. die sieh ihre (ie-et/.e schuf, ihre besonderen Gesetze. Eine Anpassung vollzog sieh. Es war eine Angleichimg, deren Voraussetzung eine gewi-.se Dehnbarkeit war. Man kam der Zeit entgegen. Mußte man nicht eiitgegenkuinnien, um nicht noch mehr zu verlieren? Es war eine seelische, Kapitulation, an die sich die geistige schloß. Ofl war es eine geistige Kapitulation, der die seelische folgte. Aber noch öfter war es überhaupt keine Kapitulation. Es sprach ein neuer Wille, eine neue Erkenntnis, eine neue Aufgescldovenlieil. Es vollzog sich alles rhythmisch, alles logisch, alles aufrichtig. Es war ein Prozeß, der vor hundert Jahren begonnen halle und zu Ende geführt seinen. Er war niehl zu Ende. Es wurden vor Gericht noch immer neue Akten auf den Tisch gelegt, auf den Tisch, an dessen Endo der liehe Gott saß. Der Tisch verlängerte sich mit jeder Stunde, und der liebe Gott schien immer ferner zu rücken. Manche klammerten sich fest an den Tisch. Sie riefen: bis bierber und nicht weiter! Und sic klammerten sich fest und blichen dort stehen. Und neue Akten wurden niedergelegt. Und der Tisch verlängerte sich. Und wieder riefen andere: bis hierher und nicht weiter! Und sie klammerten sich fest. So ging es fort und fort. Der Tisch verlängerte sich. Bis zuletzt der liebe Gott in einer nebelhaften Feme verschwand und nicht mehr gefunden wurde. Das Merkwürdige war, daß keiner wußte, wo der andere eigentlich stehen geblieben war. Das war Privatsache, «0• sehr Privatsache, daß cs schon aufdringlich gewesen wäre, darüber zu sprechen. Wo stehst Du, »nein Bruder? Nein, das hätte niemand verstanden. Man hätte gelacht, wenn jemand ״mein Bruder“ gesagt halte. Man unterhielt sich über Politik, über Geschäfte. Die Gebildeten besprachen wissenschaftliche Fragen, Forschungen, neue Ergebnisse. Man sprach auch über Geineindesachcn, aber selten. Wozu auch? Was gab es da zu bereden? Der V orsteher und der Gemeinderal, der Rabbiner und der Lehrer, schön und gut, die waren dafür da. Man selbst hatte nichts damit zu tun. Lehrer I.evi saß auf einer Bank in den Anlagen und ließ derlei Gedanken, die ihn unklar bedrängten, über sich Herr werden. Er hatte keine Zeit, er hatte nie Zeit. Zu Hause waren seine alle Mutier und seine unverheiratete Schwester. »Die brachten es fertig, daß Levi keine Zeit hatte, auch wenn er sic halte haben können. Die beiden Frauen »mißten all ihre Sorge und Sorgfalt sich an ihm aus wirken sehen. Sally I.evi stand unter ständiger Beobachtung, Sein Hals war empfindlieh. Die Teemongen, die Sally schlucken mußte, hätten für die ganze Gemeind(־ genügt. Am Sabbat - Nachmittag, wenn Müller und Schwester schliefen, rettet(־ T.evi eine Stunde für sich. Dann setzte er sich bei schönem Wetter auf eine Brtnk in den Anlagen und überließ es der Sonne, ihn zu erwärmen und seinen Schatten abzuzeichnen. Der Schallen, den Levi warf, war klein. Bei solchen Menschen hält sich niemand auf. Sie sind da und sind nicht da. W enn hier gezählt wird eins plus eins plus eins und so fort, die Endsumme ist und bleibt null. An diesem Nachmittage überkamen Levi die eigenartigen Gedanken. Er sah den Gerichtstisch, an dessen Endo der Rebe Gott saß. Levi fühlte ihn. Fast hätte er ihn anreden können. Er hätte ihm sagen können, ich, Sally Levi, sitze hier in deiner Schöpfung. Ich bin dein, wie alles dein ist. So unendlich, wie deine Schöpfung, so unendlich fern bist du. Und so nahe wie deine Hand, so nahe hist du. Und so tief wie dein Wesen, so tief ruhst du in mir. Levi empfand es. Er hatte es nicht ausgesprochen, denn sein Verhältnis zu Gott war eine unaussnrechliche Köstlichkeit. Aber während er fühlte, kam auch das Ahnen über ihn, wie der Allmächtige aus der Welt der Anderen entschwunden war, und er mußte tief aufseufzen. Hedda ging mit Madelainc Julien spazieren. Die beiden Mädchen hatten einander untergefaßt. Sie besuchten die gleiche Lyzeumsklasse und waren befreundet. Viele Jahre waren sie aneinander vorbeigegangen; Hedda hatte als Kind zuviel mit sich herumgetragen. Es gehört eine Befälugung dazu, Fremd zu sein. Erst die Aussprachen mit Fräulein Trude erschlossen Hedda dieses Glück. Die Freundinnen hatten Wichtiges beredet. Ein Dr, I.co Fchlingcr war als junger Lehrer beim Pädagogium gelandet. Es hieß, daß er Zionist wäre. Er wurde mit besonderen Augen betrachtet. Man hatte hier und dort etwas über Ilerzl gelesen. Man batte sich gewundert. Was wollte der Mann mit einem Judenstaal? Es wurden Witze darüber gemacht.• Friedrich Jal* kcnslcin zeichnete sich durch seinen markanten Namen, mich mehr durch eine Hakennase aus, die zu seinem sichtbarsten 1>8י sitz gehörte. Er wurde zum künftigen Bannerträger des J»״ densfaates ernannt. Das war der einzige Sieg, den der Zionismus bislang in dieser Stadt errungen hatte. Und nun kam De« Leo Fchlingcr. Die Mädchen waren mit diesen Vorgängen Ijescliäfligt, «*י sie unerwartet einen Seufzer bürten. Sie halten den Lehrer Levi ebensowenig wahrgenoinmen wie er sie, obwohl sie, gerade an ihm vorbeigingen. Sie erschraken und schrieen auf. Sally Levi erschrak nicht weniger und sprang in die Höhe. So stau• den sie einander gegenüber, bis die Mädchen laut au flachten. Levi war sehr verlegen. Endlich sagte er: ״Ihr müßt nicht lachen. Ich war weit fori.“ Auf die erstaunten Blicke der Mädchen zuckte Levi die Achseln. Er hatte sie mit einer Gebärde seiner Hand gebeten, sich auch auf die Bank niedorzu* lassen. Es war so gegen die Gewohnheit dieses schüchternem Menschen, daß die Mädchen erwartungsvoll sich zu ihm setzten. ״Ihr seid froh“, meinte Levi. ״Ihr gehl daher und lacht in der! schönen Tag. Ihr habt keine Sorgen. Ihr denkt, unser ].eben ist schön, und es wird immer schöner. Wißt Ihr, warum ich geseufzt habe? Weil so viel Irrtum um uns ist. Versieht Ihr? Um Euch, in Euch. Man verbindet sich die Augen, u!« besser gehen zu können.“ Die Mädchen wußten mit den!Vorten Levis nichts anzufangen und schauten einander am יי»■״״ verwechselt Glück mit Wohlleben. Man verwechselt Reichtum mit äußerem Besitz. Jeder hat sein besonderes Rezept Jeder hat einen anderen Gott Und es gibt docli nur den Einen, der ohne Anfang und ohne Ende ist. Den Einen, der zu 1״י• gesprochen hat Und wir? Wir haben Ohren und hören nicht• Ich wünschte, Eure Ohren wären nicht taub. Aber es ist viel Geräusch auf der Welt“ Levi erhob sich. Er grüßte und ging nach Hause. (Formt•«* 11״«,l