Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 33-34 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 33/34, 26. IV. 1935 Abschied vom 19. Jahrhundert Querschnitt durch 1899 Von Dr. Gerhardt Neumann Um die E p o r h e zu c h a r a k t e r i s i e r 1׳ n, in der der Zionismus sein Ringen um eine neue jüdische Lebensform beann und die Situation /u beleuchten, in der die ״Jüdische undschau“ ihre Vt’irksamkeit aufnahm, haben wir die jüclisehen Zeitungen des letzten Jahres des 19. Jahrhunderts durchgeblattert. Lin (Querschnitt durcli die Begebenheitendieses Jahres ist ein Spiegel der damaligen jüdischen Welt, ihrer Sorgen und ihrer Denkweise. Die /ionistische Presse stand damals erst in den ersten Anfängen. Die zwei wichtigsten nichtzionistischen Zeitungen jener Tage, die heute nicht mehr existieren, sind ״Die Jüdische Presse״, das konservative Ürgan, das von Hirsch i liklesheimer herausgegeben wurde (im folgenden zitiert mit der Abkürzung J. P.) und die ״Allgemeine Zeitung des Judentums“, das liberale Organ, das von Gustav Karpeles redigiert wurde (zitiert als A. Z. J.). An diese beiden Zeitungen werden wir uns bei unserem Rundblick halten. 1. Die Hauptereignisse des Jahres Das Jahr 1899 ist durch eine Fülle aufregender Vorfälle ausgezeichnet, die die deutsche Judenheit und auch die Weitjudenheit in Atem gehalten halten. Liest man diese alten Zeitungsbandc durch, so fühlt man sich beinahe an unsere Zeit erinnert; man versteht dann besser als die deutschen Juden von damals die Linheit der Judenfrage im Wechsel der Zeiten und Lander. Landtagsdebatte um eine Privatsclmle Das Jahr beginnt gleich mit einer ursprünglich kleinen Angele ,:■;iheit, die aber prinzipielle Bedeutung gewann. Die Vorsteherinnen einzelner Privat-Töchterscluilen im Westen Merlins hatten die A u f 11 a h m e j u 11 i s r her S c h ü - I C r i 11!1 e n veiwentert mit der liegiundung, dal! sie den Christliehen Litern nicht eine solche grolle Zahl jüdischer Elemente zumuten konnten. J. P. nimmt am -1. Januar auf Grund einer Debatte über diese Angelegenheit in der Stadtverordneten- Versammlung Stellung gegen .solche konfessionellen Unterschiede. A. Z. J. nennt am h. Januar dieses Verhalten ״mittelaltcrlich“. Lude Januar fand eine Lamltagsdebattc über die Angelegenheit statt, bei der der Kultusminister das Verhalten der Vorsteherinnen zwar nicht billigte, aber sich außerstande erklärte, einen l.mlhili auf ihre Haltung ausztmben, da die Konzession ohne Kucksicht auf Konfessionen erteilt werde. Beide Blatter empfinden die Zurückweisung jüdischer Schüler als eine Verkennung der Art des Judentums; A. Z. j. sieht sogar eine Beleidigung der jüdischen Lthik darin, ela diese wahrlich nicht dazu angetan sei, den (jeist der christlichen Kinder zu ״vergiften“. Alle Polemiken nutzten aber nichts, die Privattocbterschuleii blieben judenrein. ״Ritttalmord“ in Polna Nach diesem mehr oder weniger ernsten Geplänkel bricht nun über das gesamte |ude!1tum mit elementarer Wucht die Blutbeschuldigung von f’olna herein, bei der bekanntlich der jüdische Schuhmacher Hilsner des Ritualmordcs bezichtigt wurde. Mitte April berichten die Zeitungen von der Lrrcgung in der Gegend von Polna, die sich in groben Kreisen ausbreitet und zu Exzessen führt, die sich freilich zunächst noch in engen Grenzen halfen. Die allgemeine Hoffnung der Juden ist, dal! man recht bald den wahren Mörder finden möge. Einige Monate des Hangens und des Suchens vergehen, bis am 29. September beide Zeitungen melden, dal! Hilsner am 16. September zum T o 11 e verurteilt worden ist, J. P. betont, dal! es bei der Abwehr gegen dieses Urteil nicht um die Person Hilsner ginge, der ein verlotterter Bursche sei, sondern um ״das Unterfangen, das die Gerichtsverhandlung und die Tatsache der Verurteilung seihst als gerichtliche Konstatierung des Ritualmordes ausschreit“. A. Z. J. schreibt: ״Die in Kuttenberg und Polna abgegebene Losung׳, der Jude mul! verbrannt werden, kann unmöglich auch t'iir die höheren Richter Geltung haben." Ls i.,t bekannt, da!! dann »ler heutige tschcehoslowakische Staat-piä-ident Masaryk fiel! für diese Sache ein-ct/tc; aut 11 Prof. 1 laus Delbrück soiricb in den ״Prctißisi hon Jahrbüchern" einen scharfen Aufsatz, gegen das Urteil; und den vereinten Bemühungen aller an der Wahrheit Interessierten gelang es schließlich, im < tktober eine Neuaufrollting des Balles zu erreichen. Die Erregung über diese Affäre ist noch lange spürbar. Interessant ist, dal! A. Z. J. damals den aus dein Jahre 189j stammenden Aufsatz ״Lin halber 'I rost“ von A c 11 a 11 H a a m in deutscher Uehersetzung ahdruckt, worin A, had I laam darauf 11 i 11 weist, dal! die Juden, die so oft dem f uifluli der öffentlichen Meinung ihrer Umwelt erliegen, durch die Ahsur.lit.1t der Blutbrsclui'd.guiu.: von dieser Abhangigkut des Werlgofuhls befreit werden können, Pogrome Raid!nullten die Zeitungen über die furchtbaren begebenbeiten berichten, dir alle Juden zutiefst aiifwühifcn. Am Ostermontag fanden in N 1 k o 1 a j e w (Rußland) Pogrome statt, von denen die Zeitungen aullerordentlich eindringliche Schilderungen geben. Die Zahl der Getöteten und Verwimdc-feri war erheblich, ebenso der Sachschaden. Sehr bald darauf wird die Oeffentlichkcit durch die algerische Frage beunruhigt, über die Ende Mai durch eint■ Debatte in der französischen Kammer furchtbare Einzelheiten in die Oeffeiltlichkejt gelangen. In die.er Kammcrdebatte wurde mitgeteilt, daß in Algier eine unglaubliche Korruption gezüchtet werde, die sich auch antisemitisch gerierc. Außerhalb des Pariamenfs hielt Jean j ,1 ti r i■ s eine Rede, in der er erklärte: ״Weil wir Republikaner und Sozialisten sind, werden wir «len Antisemitismus liberal! verfolgen, bis er zerschmettert sein wird.‘‘ Die jüdischen Zeitungen hielten sich in der Beurteilung der Angelegenheit zurück und beschränkten sich im wesentliehen auf die Wiedergabe der Debatten. (Der Antisemitismus in Algier ist bekanntlich gerade im letzten Jahr wieder ein aktuelles Thema geworden.) Unmittelbar darauf wurden die Judenverfolgungen in Jassy (Rumänien) bekannt, über die ebenfalls ausführliche Mitteilungen gemacht werden, j. P. berichtet: ״Zehn Stunden lang wartui unsere Bundesgenossen der Wut des I*«»bels überlassen. Fenster wurden eingeschlagen, Türen aus den Angeln gerissen, die Waren auf der Straße herumgeworfen, soweit sie nicht in den 'Taschen und Säcken der Demonstranten verschwundcn sind. Den Juden hatte die Polizei schon am Morgen ans Herz gelegt, ja nicht ihre Wohnungen zu verlassen, so «laß die Plünderer auch nicht den geringsten Widerstand fanden.“' Wtaderaufrolluiig des Falles Dreyfus Wenige Zeit später, Anfang August, wird die Dreyfus- Frage von neuem akut. Die Revisionsverhandlung gegen Dreyfus steht vor der Tür, und die jüdische Oeffentlichkcit tragt sich besorgt, wie dieses nicht nur für die französische, sondern für die gesamte Judenheit bedeutungsvolle Ereignis ausgelien wird. In A. Z. J. veröffentlicht am 9. Juni Hermann Cohen einen Aufsatz ,,Unsere Ehrenpflicht gegen Dreyfus“, in «lein er u. a. sagt: ״Das ist der geschichtliche Sinn jener Affäre: daß die Verunglimpfung unseres Glaubens und die Rechtsverkürzung eines seiner Bekenner zur Erschütterung der ürundsäulcn des modernen Staatswesens geführt hat.“ Je näher der Tag des Urteils rückt, um so häufiger werden die Stimmmigsberichte aus Frankreich, bis schließlich am 15. September die Wiederverurtciiung von Dreyfus erfolgt. Dreyfus wird als der große Märtyrer für die jüdische Sache angesehen und man tröstet skdi damit, daß der Kampf um seine Rehabilitierung noch nicht zu Ende sei, sondern zu einem glücklichen Ende geführt werden müsse. Freilich konnte man nicht ahnen, daß dazu noch sieben Jahre nötig sein würden. Ein wichtiges Ereignis ist die im September erfolgte Bcgnadigung Dreyfus’, mit der sich natürlich die das Recht und die Wiedergutmachung der gegen das Judentum gerichteten unberechtigten Pauschalbeschuldigungen fordernden Juden nicht zufrieden geben konnten. Hessen gegen jüdische Richter Das letzte allgemein aufwühlende Ereignis ist im Oktober die Ablehnung jüdischer Richter in Hessen. Der Justizminister gab «Jamals die Erklärung ab, daß die Stimmung namentlich der ländlichen Bevölkerung Hessens es* nicht gestatte, jüdische Richter einzusetzen. Die jüdischen Zeitungen erblicken hierin eine Verfassungsvcrletzuiig und setzen sich mit allen Kräften gegen diese Verkürzung der Rechte der Juden zur Wehr. Ein Versuch, auf die tieferen Wurzeln dieser Zusammenhänge ehmigehen, findet sich nicht. Auch dieser Fall ist ein eklatanter Beweis dafür, wie lange und gründlich sich die Entwicklung vorbereitet hat, in der wir heute stellen. 2. Der Zionismus Der Zionismus war im Jahre 1899 noch eine Verhältnismäßig kleine Bewegung, in der die Mehrzahl der deutschen Juden eine Bedrohung sah, weil man annahm, daß die z.ionistisciien Argumente eine Unterstützung der antisemitischen Auffassungen sei. Man meinte damals, die ״Judenfrage“ sei eine Erfindung der Antisemiten und verübelte es den Zionisten, daß sie von der Existenz, der Judenfrage ausgingen. Gegen den politischen Zionismus So richtet sich der Kampf der nichtzkmistischcn Presse vor allem gegen den sogen, politischen Zionismus, der die Judenfrage als eine nationale und politische Frage begreift. Viele, besonders von den Orthodoxen, waren bereit, die Kolonisation für arme Ostjuden in Palästina zu fördern und zu unterstützen, aber man war nicht bereit, grundsätzlich die Haltung des Zionismus zu akzeptieren. J. P. veröffentlichte im Februar drei Aufsätze, in denen von den Türken die Erlaubnis zur Einwanderung armer Juden verlangt wurde, nachdem eben in jener Zeit die türkische Regierung die Einwanderung erschwert hatte. Für «licse Erschwerung werden die Zionisten verantwortlich gemacht, denen ״Eroberungspläne“ in Palästina zugeschrieben werden. ״Zur Prüfung der Frage, ob es nicht eitel Narretei ist, von den christlichen Großmächten Scbut/garantien für ein jüdisches Gemeinwesen gerade in Palästina zu erhoffen, reicht unser Laienverständnis vielleicht nicht aus, aber so weit reicht bei aller Bescheidenheit unser Urteilsvermögen, daß wir in dieser Anrufung der Großmächte das denkbar gefährlichste Beginnen erblicken, das die Früchte zeitigen mußt e, die es gezeitigt hat.“ Und an anderer Stelle behauptet der anonyme Verfasser J. P.: ״Der einzige Anteil, den der ,politische‘ Zionismus an der Kolonisation hat, ist das Verbot der Einwanderung und des Landankaufs, das einzig und allein auf sein Schuldkonto zu setzen ist.“ ln A. Z. J. sagt am 17. 2. ein Anonymus ״Das Ende de« Zionismus“ voraus, indem er ihm vor allem zum Vorwurf macht, daß er bis dahin noch nichts geleistet habe. ״Was gut ist am Zionismus, seine sozialen Bestrebungen, das ist nicht neu, und was neu ist am Zionismus, sein politischer Deckmantel, das ist nicht gut...“ Die Türkei müsse schon aus d e m Grunde den Zionismus ablehnen, weil sie zu ihrer Armenier- und (iriechenfrage nicht auch noch eine Judenfrage haben wolle. Auch die Gründung der zionistischen Kolonialbank ist Gegenstand heftiger Angriffe. A. Z. J. vom 11. April schreibt, daß diese Bank recht deutlich zeige, ״welchen Utopien sich die Anhänger jener Richtung hingehen, und andererseits wie gering trotz aller großen Worte die Hoffnungen sind, welche die Führer selbst auf das (je- Ungen ihres Werkes setzen.“ Insbesondere hält man das Effektivkapital für zu gering. Der III. Kongreß Das wichtigste zionistische Ereignis des Jahres 1899, der III. Zionistenkongreß in Basel, findet lebhafte Beachtung in den ״kht/ionistischen Blättern. A. Z. J. vom 25, August behauptet, daß «las ״Hauptergebnis des Kongresses die Tatsache war, daß der politische Zionismus unverkennbar in ein neues Stadium getreten ist. Es handelt sich jetzt nur noch uni praktische Kolonisation in Palästina, und der einzige wirkliche Unterschied zwischen den politischen und den religiösen Zionisten sowie allen Zioiisfreunden besteht wirklich nur in der Frage, in welcher Weise lind Ausdehnung diese Kolonisation zu betreiben sei.... Unser Standpunkt gegenüber der zionistischen Bewegung bleibt auch nach «lern letzten Kongreß derselbe wie vorher. Ls scheitlet uns eine unüberbrückbare Kluft von den Utopien des Judcnstaats, wir erkennen dagegen gern die praktischen Ziele der Kolonisation Palästinas an und würden uns herzlich freuen, wenn der politische Zionismus allmählich in das Fahrwasser dieser Bewegung einleiten wollte...“ In J.P. vom 8. September schreibt W. Heß, Berlin, daß «las ״bemerkenswerteste Ergebnis der Verbandlungen ist, daß Dr. Herzl und «1er offizielle Zionismus der praktischen Kolonisation wieder einen Schritt näher gerückt sind.“ Es ergibt sich, daß die nicht/ionistische Presse — offenbar unter dem Eindruck der schwierigen Verhältnisse gerade in den 90er Jahren — die Notwendigkeit, die judcnfrage von neuem zu durchdenken, wohl fühlte, aber aus leicht begreiflichen Gründen nicht in der Lage war, die Konsequenzen zu ziehen. 3. Kämpfe des Alltags Einige wenige Hinweise auf die kleinen Fragen des Alltags mögen zeigen, wie — man möchte sagen, stark und unwandelbar die jüdische Problematik zu sein scheint. Es ist geradezu erstaunlich, wie selbst in einer äußerlich ruhigen, gesicherten und sorgenfreien Welt immer wieder die gleichen jüdischen Probleme auftauchen und die gleichen Sorgen die Menschen bedrängen. Feindschaft der Umwelt Friedhofschändungen sind nicht selten. So meldet z. B. I. P. vom 21. Mai, «faß auf dem jüdischen Friedhof in Harbürg etwa 20 Leichensteine umgeworfen und demoliert wurden. — Am 7. April wird in A. Z. J. berichtet: das Karl-Fricdrich-Hospital in Blankenhain suche einen ״Assistenz, «ar/.t christlicher Konfession“, und auf eine Anfrage in! Weimarischcn Landtag habe der Staafsminister von Groß die Interpellation dahin beantwortet, ״daß bei Nerven- und Geisteskranken alles vermieden werden müßte, was das Vertrauen zwischen Arzt und Kranken stören könne und daß deshalb auf die Religion Rücksicht genommen werden müßte“. Imerjüdische Fragen Ende April beschäftigt sieh A. Z. J. mit der Frage der Gründung jüdischer Ackerbauschulen, weil ״leider gerade diese Berufstätigkeit unter den Juden, zumal in Deutschland, noch immer nicht in dein Maße vertreten sei als dies wünschenswert erscheinen möchte.“ Die Zeitung tritt energisch dafür ein, daß die Jugend sich diesem neuen Be. tätigungsfeld zuwendet. Im Zusammenhang damit ist die Berufsstatistik interessant, die im August veröffent* licht wird und bei der beide Zeitungen sich über den er. staunlich hohen Prozentsatz von jüdischen Arbeitern wundern, während es doch zu den allgemeinen Vorurteilen gehöre, daß Juden nur unter den besser situierten Schichten zu finden seien. Eine wirkliche Stellungnahme zu diesem Problem —־ die Zahl der selbständigen Juden war nämlich ebenfalls sehr hoch — findet sieh in beiden Blättern nicht. Auch die Frage der Judentaufen beschäftigt die jüdische Presse des öfteren, insbesondere aus Anlaß einer Sitzung der Brandcnburgischen Provinzialsynode Ende Oktober, in der eine Debatte über die Tätigkeit der Gesellschaft zur Förderung des Christentums unter den Juden statt• gefunden hatte. A. Z. J. entnimmt als das Wesentliche dieser Debatte, daß das ״Gerede von den Massentaufen sich doch wieder einmal als eine Fabel erwiesen hat“. Dennoch scheint der Kampf gegen die Taufe nicht ganz überflüssig gewesen zu sein, wie die immer wiederkehrenden Polemiken gegen die Abtrünnigen beweisen. 4. Das 19. Jahrhundert im Urteil des 19. Jahrhunderts Wir, die wir heute das 19. Jahrhundert in seinen Werten und in seinen Mißbildungen genauer verstehen gelernt haben, empfinden es als einen besonderen Reiz, die Mensche« dieses Jahrhunderts von ihm Abschied nehmen zu sehen. Allgemein scheint dieses Jahrhundert doch nicht so allgemeine Begeisterung in den Herzen hinterlassen zu haben, wie es uns heute vielfach scheint. A. Z. I. nimmt in zwei intcressanten Aufsätzen am 15. und 22. Dezember vom 19. Jahrhundert Abschied. Der Verfasser sieht die Bedeutung dieses Säkulums für die Juden in zwei Tatsachen: dem Eintritt in di« allgemeine Kultur und der Renaissance der jüdischen Wissenscliaft. ״Das Gesamtbild, das den ersten großen Teil des Jahrhunderts umfaßt, ist das einer aufsteigenden geistigen und kulturellen Entwicklung, die dem Judentum um so mehr zur Ehre gereicht, je weniger diese Arbeit bisher von der Mitwelt anerkannt und nach ihrer vollen Bedeutung erfaßt una gestützt worden ist.“ Die zweite Hälfte des Jahrhunderts ist ausgefüllt von den ״Bestrebungen der Assimilation und dem Kampf gegen den Antisemitismus“. Der Verfasser beklagt, daß vielfach die Notwendigkeit der Assimilation von den Juden falsch verstanden worden sei; ״das Aufgehen in dem Charakter und dem Geist der Völker, unter denen wir leben, darf niemals gleichbedeutend sein mit dem Aufgeben unserer Religion.“ Die Geschichte der Emanzipation bezeichnet der Autor als die ״Geschichte der fortschreitenden Humanitat“. Er ist sich dann allerdings klar darüber, daß diese Entwicklung nicht geradlinig, sondern nur in Spiralen verläuft. Er glaubt das Ende des Antisemitismus Voraussagen zu können, warnt aber gleichzeitig vor Illusionen: ״Auch das neue Jahrhundert, ja vielleicht gerade dieses, wird für uns ein Zeitalter des Kampfes sein.“ So wie sich der Verfasser in der Prognose nicht geirrt hat, so interessant ist auch, wie stark er in diesem Jahre 1899 den weltanschaulichen Bruch fühlt, der schon damals die Menschheit durchzieht. Er sagt, ״es handelt sich jetzt nicht utn den l 'ebergang von einem Jahrhundert in das andere, wie sonst immer, sondern wir leben in einer Zeit, in der der Bruch mit einer Weltanschauung, die seit Jahrtausenden (?? Red.) fest begründet war, sich mit innerer Naturnotwendigkeit vollzieht. In dieser Periode des Kampfes zweier Weltanschauungen hat das Judentum Stellung zu nehmen zu den großen Fragen, die das neue Jahr• hundert bewegen und ausfullen werden.... Innerhalb der großen Extreme, mit denen das scheidende Jahrhundert abgeht, muß es die Kraft der freien und naturgemäßen Ent- Wicklung sich bewahren.“ Man ist einigermaßen erstaunt, in einer liberalen Zeitung solche Worte am Ende des Jahres 1899 zu lesen; und tat• sächlich hat die liberale Richtung im Anfang des 20. Jahrhunderts sich nicht mehr von solchen Erkenntnissen leiten lassen, sondern versucht, an der Dogmatik des 19. Jahrhunderts starr festzuhalten. Die Auseinandersetzung mit der neuen Weltanschauung, die in der A. Z. J. als notwendig unci unvermeidbar anerkannt wird, hat man dem aufstrebenden Zionismus überlassen. Epilog Bei der Beurteilung der Stellungnahme dieser Zeitungen muß berücksichtigt werden, daß die A. Z. J. damals von Gustav Karpeles redigiert wurde, der trotz seiner liberalen Einstellung auf dem Boden eines positiven Judentums stand. Inder darauffolgenden Periode ging die A. Z. j. in die Hände von Ludwig Geiger über, der ihr eine weit radikaler assb milatorischc Richtung gab. Dies entsprach auch zweifellos der Haltung der Mehrheit der deutschen Juden, die sich immer weiter vom Judentum entfernten und wahrscheinlich überhaupt nur in sehr geringem Maß eine jüdische Zeitung lasen. Denn seihst eine assimilatorische jüdische Zeitung war noch zuviel des Jüdischen. Der Rückblick auf das letzte Jahr des 19. Jahrhunderts zeigt uns jedenfalls, daß damals schon genügend Material vorhanden war, um zu e'״er richtigeren Beurteilung der Judenfrage zu gelangen. Den deutschen Juden ging es aber in dieser Aera des kapitalisti* scheu Aufschwungs materiell und sozial zu gut, als daß sie ihre Problematik erkannt hätten. Nur eine kleine Gruppe sah sorgenvoll in die Zukunft; sie begnügte sich nicht mit polemischer Abwehr des Antisemitismus, dessen tiefere Ui- Sachen sie durchschaute, und versuchte vorausschauend, die Grundlagen eines Baues zu legen, der in der Zeit oer Not Halt und Trost sein sollte. An der Schwelle des 20. Jahrhunderte steht die Geburt des Zionismus in W«־ europa. *