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Jüdische Rundschau · 1935-04-17 · Heft 31-32 (17.4.1935) · page 40

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 31-32 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 40)
Language
German
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Seite 40 40 JAHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31/32, 17. IV. 1935 JIZCHAR LEIB PEREZ Zu seinem 20. Todestag am 19. Nissan Jüdische* L«%tki>n t Perez, eine der eigenartigsten, tiefsinnigsten und ideenreichsten Dichter-Persönlichkeiten der neueren jiddischen Literatur, ist im Jahre 1851 in Zamosc, einer an Ueberlieferung reichen Stadt Polens, geboren. Er ist als Dichter und Denker der Erneuerungsbewcgung im astjüdischen Kulturbezirk zu vielseitig, zu vielgestaltig, um auf einen allgemeinen Nenner gebracht werden zu können. Seine Dichtungen stellen ein prachtvolles Mosaik von verschied enen Formen und Stilen, von Inhalten und Tendenzen dar, sie schillern in allerlei bunten und zauberhaften Farben, haben ihre Höhen und Niederungen, sind oft von tiefster Lyrik getragen, manchmal sentimental und realistisch, um wiederum in sarkastischer Pointiertheit, im Aphorismus und Gleichnis auszuklagen. Neben der feinsten Nüanzierungskunst ein verschwenderischer Oedankenreichtum und ungebrochener Lebenswille. Perez' Schaffen ist feingliedrig und motivreich, es ist aber kaum von einem Grundmotiv, von einer zentralen «eh immer wiederholenden Problemstellung beherrscht. Wir finden bei ihm sowohl soziale wie psychologische, religiöse und philosophische Motive, eine scharfe Tendenz zur Aufklärung und Reform, andererseits einen ausgesprochenen Hang zum Romantischen und .MyMi-ichcn. Wir sind Zeugen seines Kampfes um die Haskala, um den Sozialismus und finden bei ihm die neue Sinngebung des chassidischen Weltbildes. Daneben begegnen wir einer Vielheit der Formen. Fr war Lyriker, Epiker und Dramatiker. Fr war ein Meister der ziselierten Skizze und des scharfen und spitzen I naloges. Fr gestaltete realistisch, im- •ressionistheh, psychologisch und symbolisch. Daneben war er eißender Satiriker und moralisierender Aliegorikcr, "I ages- Schriftsteller. Feiiiiletom-t und feingeistiger Fssavist. Neben dem Aufklarer und Revolutionär haben wir in Perez den Strafprediger und Bekehrer. Seltsam gewunden und verästelt war der Weg, den Perez als Schriftsteller und Dichter gegangen ist. Sein vorwärtsstürmender jugendlicher Geist konnte sich nicht mehr in den althergebrachten Lebensformen der zeitgenossischen Judenheit Osteuropas, in ihrer Weltfremdheit und Weltabgeschlossenheit, in der Enge des geistigen Lebensraumes ausleben. Berauscht von dem Glanz europaischer Kultur, sang er ihr die höchsten Lobeshymnen. Mit tausend Fäden zog es ihn hinaus in die Ferne, zum Licht der Aufklärung, zur Bildung und zur Weltoffenheit. Er schlägt in seinen Dichtungen dieser Zeit den kritisch-satirischen Ton des Aufklärers und Spötters an und richtet seinen Kampf gegen all das, was ihm als Stillstand, Rückschritt oder Obskurantismus schien. Eine Zeitlang ist er Realist und Impressionist. Er führt eine scharfe Sprache gegen die Dunkelmänner, gegen die Batlanim und Nichtstuer, die in unheilbare geistige Verblendung, in bodenlose Leichtgläubigkeit verfallen sind. Seine feinsinnige bissige Satire wendet sich damals gegen die Allmacht des „Sfraimels", jener wundersamen Kopfbedeckung der Rabbiner an den Festtagen. Er höhnt dem unheilvollen Aberglauben, wie er sich unter der großen Masse der Chassidim breitgemacht hat. Er will, wie er sich da ausspricht, das Volk bilden, um „aus Fanatikern gebildete Menschen, aus Luftmenschen Arbeiter, produktive, nützliche Menschen usw." zu machen. Wie die Aufklärung im allgemeinen, so glaubt auch Perez an die unbeschränkte Allmacht der Bildung. Hand in Hand mit dem religiösen Verfall, mit dem Aberglauben und mit der lbiwissenheit geht die wirtschaftliche Not, die grauenvolle Verelendung der jüdischen Massen. Perez wird daher zum k-iden-chaftlichen Fürsprecher der Armen und Unterdrückten, ein mei-terhafter Schilderer des Ghettoelends, ein Ankläger der unwürdigen und unmenschlichen Lebensverhältnisse, unter denen eine gequälte, am Verbluten nahe, arme und unwissende Volksmasse lebt, ja vegetiert. Von diesem Geist i<t eme Reihe von Novellen und ein guter Teil seiner Lyrik getragen. Perez ist, im Unterschiede von Mendele oder sogar Asch, die Statik er sind, der Dynarniker in der jiddischen Literatur. Jede neue Idee, jede neue Wahrheit, der er auf seinem Wege begegnet, entflammt sein Gemüt, trägt Unruhe in sein Herz. Perez der Kampfer für soziale Gerechtigkeit, der Rationalist und Aufklärer, der Weltverbesserer, ist zugleich der Grübelnde, der 1 rautner, der Romantiker und Irrationalist. Schon in seiner frühen, satirischen Ballade „Monisch", der ein faustisches Motiv zugrunde liegt', verrat sich schon der spätere Romantiker. Aber Perez i-t auch kein Romantiker in jenem landläufigen Sinne. Ihm i-t das Wesen jener passiven, hingebungsvollen Romantik fremd, deren Welt das Regellose, das Außergewöhnli-lie und Wunderbare, das ferne Jenseits der Dinge ist. Hie Romantik i-t ihm nit ht Selbstzweck, nur ein wonnevolles Schwelgen und ein Sich-Vergessen. Die Romantik erwächst bei Perez aus einem starken (jcl'uhl der Diesseitigkeit, des Kampfes im Widerstreit der polaren Kräfte und ihrer Ueberwindung tu einer Ganzheit. Fr hat dabei nie den Rationalismus völlig überwunden. Im Ringen um ein harmonisches Weltbild, in jener Sehnsucht nach innerer Ganzheit und Ausgeglichenheit, nähert sich Perez der eigenartigen Welt des C h a s s i d i s m u s. In dieser reinen, unbeirrten Gläubigkeit fand er sich in seiner Sehnsucht erfüllt. Aus der chassidischen Ueberlieferung schlägt ihm_ ein lebendiger, frischer Quell der Weisheit und innigster Schönheit entgegen. Mit hingebungsvoller Liebe vertiert er sich in sie, holt aus den Urtiefen der Volksseele reiche Schätze hervor, die er in seiner Weise, mit seiner spezifischen Färbung umdichtet und umgestaltet. Hier ist Perez der Lieblingsgestalt der chassidischen Legende begegnet, die herzensrein, unbeirrt lebt, das Leid und den Widerspruch in ihrer Gottgläubigkeit, in ihrer stillen Zuversicht, überwindet. Die sce- Daher spielt auch in den Chassidischen Geschichten von Perez die Melodie, die Weise, der Niggun eine zentrale Rolle. Aus dem Chaos der Weltenstimmen hört sein Ohr nur die gleiche Melodie, die aber gesungen wird in veränderter Tonart, in ihrem eigenen Rhythmus. Die wahrhafte Melodie, sagt Perez in setner berühmten Erzählung „Kabbalisten", wird ohne Stimme gesungen, sie ist lauter Geistigkeit. Es ist die innerlichste, tiefstverankerte Schönheit, die nur durch innere Schau erfaßt wird. Dieses Motiv kehrt auch in den anderen Geschichten wie die „Verwandlung einer Melodie", „Zwischen zwei Bergen" usw. wieder. Die Romantik war für Perez wegweisend. Er fand In ihr ein klares Ziel der Versenkung im Volkstum, in dessen Vertangenheit, in den heroischen Taten seiner großen Männer, r schreibt und dichtet seine „Volkstümlichen Erzählen gen", eine Nachdichtung und Nachlese chassidischer Legenden. Das ist ein klassisches Buch sowohl in seinem tief nationalen Inhalte, in seinem reichen und kraftvollen Stil wie in seinem behaglich epischen Erzählerton. Was uns hier Perez geben will, ist nicht etwa die bloße Idealisierimg der Vergangenheit, sondern er will wegweisend für die Zukunft sein. Er, der Kämpfer und Satiriker von gestern, sucht nicht die Vergangenheit, sondern das neue Leben, das Jetzt. Das Vergängliche ist ihm nur ein Gleichnis. Das Unwirkliche, Entrückte, wurde ihm einzige Wirklichkeit, das Irrationale höchste Wahrheit. Eine zentrale Rolle nimmt auch hier wie in den späteren Dramen von Perez das Problem der Einzelpersönlichkeit ein. Perez offenbart uns hier die innere Größe des unbekannten und verborgenen Gerechten, den die Volkslegende mit einem Glorienschein des Wunderbaren umgeben hat. Je unscheinbarer er nach außen hin wirkt, um so tiefer glimmt die leuchtende Flamme seiner Innerlichkeit und Herrlichkeit. Am Tage ist er stumm, verrichtet sein mühseliges Tagewerk wie einer der letzten. Er lebt unter den Einfachsten und Geringsten. Aber in der Nacht wird er erleuchtet, ein Lichtquell entzündet sein Inneres, er wird befreit und seine geheimen Kräfte beleben sich, kommen erst zur eigentlichen Entfaltung. Ihm offenbaren sich dann die heiligen Annen, der Prophet Elia ist ein ständiger Gast. Er wächst zu einem Seistigen Riesen aus, heilt Kranke, vollbringt Wunder, erlöst efangene usw. Einer dieser unbekannten, verborgenen Helden ist auch der „Schwarzkünstler". Eigentlich, nach außen hin, ein Zauberkünstler, der sich mühselig durch seine Kunst ernährt, aber in seinem Inneren leben ungeahnte Kräfte, die imstande sind, Welten zu zerstören und wieder aufzubauen. Die Gläubigkeit des Menschen, seine Zuversicht in Gott, bringt diese geheimsten Kräfte zur Entfaltung, zur tätigen Hilfe. Die Romantik Perez', die zuweilen unter dem Einfluß der russischen wie der westeuropäischen Neoromantik steht, hat ihre eigene jüdische Note. Sie ist von höchster Kraft und Geschlossenheit getragen. Wir sehen, daß auch Perez in der jüdischen Volkslegende wie im Chassidismus denselben urtiefen Gedanken gefunden hat. den der stille Philosoph und Mystiker, der Flame Maeterlinck in seinem wundersamen Buche „Der Schatz der Armen" ausspricht: Unsere Seele ist tiefer als wir und sie ist nicht für unsere Taten verantwortlich. Sie kann groß sein, obwohl unsere äußere Taten klein sind, s* kann rein sein, obwohl unser Körper unrein und befleckt ist.... Perez setzt seinen Kampf gegen die Mittelmäßigkeit und Halbheit, für den Einsatz der ganzen Persönlichkeit in srinea dramatischen Werken fort. Nicht von der großen Masse soo. dem von der starken Persönlichkeit, die sich selbst treu bleibt, erwartet er die befreiende, erlösende Tat. Die Tragödie <Q Chassidismus in der -Goldenen Kette" besteht in der Kleinmütigkeit und ÜngJSaWgkett der Welt. Der HaupthekJ dieser dramatisch-symbolischen Handlung ist R. Schlojmelt der die tragische Gestalt def großen Persönlichkeit verkör.' pert. Er will die Welt durch die Kraft des Glaubens (ähnlich wie bei Björnson) erlösen. Er will die" Alltäglichkeit durch den ewigen, freien Sehabbat ablösen, der Mittelmäßigkeit in der Welt draußen ein Ende machen. Mit iubelnchsr Stimme ruft er seinen Mitmenschen zu: Sabbat sei, Sabbat währe Ewiglich Säen und Ernten, Handeln und Hasten Ist nicht mehr . . . Aber er scheitert an seinem Befreiungswerk, weil die Weh! ungläubig, kleinmütig ist, weil das Geschlecht von Kurzatmigkeit geplagt ist; es hat nicht die Kraft der Ausdauer, Nur jene stolzen „sabbatfeierfrohen, lösungsiauchzend-freien Juden", die über die Trümmer einer morschen, zusammengefallenen Welt schreiten, diese Juden-Persönlichkeiten sind das Ideal, das Perez hier verkörpern will. Sie ringen mit doq Satan, ja mit Gott selbst um ihre Erlösung. Allein die Welt ist nicht befreit. Die Mittelmäßigkeit, der graue Alltag hat gesiegt und so ist die dramatische Dichtung „Die Nacht auf dem alten Markt" der Ausdruck tiefsten Pessimismus, des Zweifels und der Mutlosigkeit. In den handelnden Menschen sieht Perez nur noch Symbole. Die Welt ist unwirklich geworden, sie redet nur noch in Zeichen. Es i« Nacht um Perez geworden. Es ist die Tragödie der machtlosen, ohnmächtigen jüdischen Wirklichkeit, wo alles (ähnlich in der Motivbehandlung bei dem Polen Wispianski in senttr „Hochzeit") nur Schrecken und Grauen, Verderb und Um«, gang atmet. Perez hat uns eine wundersame, in mannigfacher Tötung erfüllte Welt jüdischer Wirklichkeit gemalt. Es ist eine Welt, um mit Bubcr zu sprechen, die wir heben — „aber es ist eint sterbende Welt. Und die neue Welt wird heute geboren". Dr. Jakob Meitlij DIE ERSTE HERZL-BIOGRAPHIE Es ist kein Irrtum — ich habe mit Bewußtsein und Vorbedacht „die erste Herzl-Biographie" geschrieben, obwohl ich weiß, daß wir bereits seit 1914 eine Reihe von Versuchen, das Leben Theodor Herzls darzustellen, besitzen: die Schriften von Adolf Friedemann, Baruch Hagani, Leon Kellner, Rüben Brainin, Jacob de Haas, Manfred Georg und J. Patai; den größten Teil der zitierten Werke habe ich gelesen und einige von ihnen liebe ich. Aber ein Doppeltes, das jedes in seiner Art das Neue und bisher Einzigartige der Biographie von Alex Bein zeigt, rechtfertigt es, wie mir scheint, von diesem Werke als von der ersten Lebensgeschichte Herzls zu sprechen. Alle bisherigen Biographen des Mannes, der das jüdische Volk zu neuem Leben erweckt hat, haben sich bei der Darstellung seines Lebens, sofern sie nicht einfach nur seine Tagebücher paraphrasierten, auf sehr lückenhaftes Quellenmaterial und auf die eigenen Erinnerungen gestützt Bein hat zum ersten Male die gesamten gedruckten und unveröffentlichten Quellen benutzt und auf sie gestützt »ein Bfld vom Leben Theodor Herzls gezeichnet. Gewiß: auch ihm wird noch dieser oder jener Brief, der noch in Privatbesitz oder in öffentlichem Archiv unbekannt liegt, nicht vor die Augen gekommen, manches Manuskript und manche Aufzeichnung ein er Rede Herzls noch verborgen geblieben sein, aber was bedeutet das gegenüber der unübersehbaren Fülle von Material, das Bein im Nachlaß Herzls, in den Archiven seiner Freunde und Mitarbeiter sowie in öffentlichen Bibliotheken und Archiven eingesehen und analysiert hat. Wien Berlin, Jerusalem sind die Hauptstationen auf diesem wahrlich nicht leichten Wege zu den Quellen seines Werkes. Größer aber noch als diese Leistung Beins ist das Zweite, das dieser Herzl-Biographie ihren Rang und ihre Bedeutung in der Herzl-Literatur verleiht. Sie ist ein wissenschaftlichhistorisches und als solches ein künstlerisches Werk ersten Ranges. Was ist das wahre Wesen der Biographie wie der Geschichtsschreibung überhaupt? Doch nicht etwa nur die löckenlose Aneinanderreihung der aus den Quellen gewonnenen Tatsachen nach ihrem zeitlichen Ablauf, sondern die Kunst, das Leben des Menschen, dem die Darstellung gewidmet ist, in seinem Werden und Wachsen oder Sinken von innen heraus zu erspüren, im Knaben oder Jüngling den Mann zu ahnen, in leisesten Andeutungen, im Gefühl, im Wort, in der Tat des Dargestellten, und möge sie zunächst noch so undeutlich und bedeutungslos erscheinen, die Linie der Lebensbahn zu verfolgen, und zu all dem die Fähigkeit, sich im Augenblick des Forschens, Erkennens und Darstellens von dem gleichen — heißen oder kühlen — Atem tragen zu lassen, den das Leben des dargestellten Menschen geatmet hat. Es gibt keinen stärkeren Beweis dafür, daß Bein diese Kunst des echten Biographen wirklich besitzt, als die ersten drei Kapitel seines Werkes. Sie sind nicht sehr spannend, und dies ist vom Verfasser gewollt. Die Darstellung cnnangelt in den ersten drei Kapiteln der Spannung, weil das Leben Herzls in den Jahren bis zum Beginn seiner Tätigkeit als Korrespondent der „Neuen Freien Presse" in Paris selbst spannungslos verlief. Er war bis dahin ein Schriftsteller gewesen, ein Feuilletonist, sogar ein guter, ein sehr angesehener Feuilletonist. Was aber war das schon! In der literarischen Welt und besonders in Wien hat es immer gute Fcuilletonisten gegeben. Herzls Leben war bis dahin als das eines Mannes, der die Sorgen des Lebens persönlich kaum kennengelernt hatte, glatt, reibungslos, spannungslos verlaufen. Das färbt auch die Darstellung seines Lebens. Der Verfasser besaß die Kunst, auch für den schleppenden Atem dieses Vorstadiums im Leben Herzls den retardierenden Rhythmus der Darstellung zu finden. Aber dann beginnt mit Herzls Uebersiedlung nach Paris und dem Beginn seiner Berichterstattung für die „Neue Freie Presse" in Wien das neue Kapitel seines Lebens, in dem er zum Erwecker, Führer, Organisator eines Volkes werden soll. Er hat nun nicht mehr nur Feuilletons zu schreiben, sondern Berichte von der Totalität des Lebens eines Landes und Volkes zu geben, er muß Wirtschaft, Recht, Verfassung und Politik dieses Landes und Volkes kennen, verstehen, analysieren und darstellen lernen. Er muß selbst Politiker, noch nicht handelnder aber denkender Politiker werden. Herzl wird politisch denkender Mensch, erfaßt und erfüllt von der Leidenschaft, die allem politischen Leben eigen, und — sogleich weht aus dem Buche Beins, das das Gemälde des Lebens Herzls malt, der heiße Atem dieses neuen Lebens Herzls entgegen. Die Spannung, die man in den ersten drei Kapiteln vermißt hat, ist nun mit einem Male da; sie packt, sie wächst, je stärker der Rhythmus des Lebens Herzls selbst, je mehr er vom denkenden und schreibenden Politiker handelnder Politiker, der gestaltende Politiker, Führer seines eigenen Volkes wird. Das Leben Herzls wird zum Roman, zur Ballade, zum Drama. Ein Buch, das du liest, nimmt von dir Besitz, weil das Leben, das es darstellt, von Kraft und Leidenschaft, von Liebe und Abneigung, von Kämpfen und Ringen, von Hoffen und fast Verzweifeln und wieder Hoffen und Kämpfen gejagt wird und weil der Verfasser dieses Buches die Kunst besitzt, für all die Stadien dieses heroischen Ringens eines Menschen, das zuletzt ein Wettlauf mit dem Tode wird, den eigenen Rhythmus der Darstellung zu finden. Atem der Geschichte weht dich an; ein Mensch wird vor deinen Augen der Lenker der Geschicke seines Volkes. Denn das ist das dritte Große an Beins Biographie Herzls; er erspürt das Werden des Politikers und Staatsmannes Herd, der seine Lösung der Judenfrage nicht nur gedanklich sucht, sondern um ihre Verwirklichung ringt, von den frühesten Anfängen an. Wir hatten uns daran gewöhnt, von dem Wunder der Rückkehr Herzls zu seinem Volke, von seiner Erweckung durch das Erlebnis der Dreyfus-Affäre zu sprechen. Beins Buch zeigt und belegt aus den Quellen, daß das Ringen Herzls mit dem Judenproblem viel, viel früher beginnt als erst in der Zeit der Dreyfus-Affäre, ja, daß es ihn eigentlich vom Erwachen seines selbständigen Denkens an immer begleitet hat Und nur in zweifacher Beziehung ist der Aufenthalt Herzls in Paris zur Zeit der Dreyfus-Affäre entscheidend für seine Rückkehr zu seinem Volke und seine Erweckung zum Führer dieses Volkes geworden. Das Erlebnis brachte den Zündstoff, der jahrzehntelang aus immer neuer Bewegung mit dem Judenproblaii in Herzl angesammelt war, zur Explosion. „Der Judenstaat* ist die Reaktion des zur letzten Erkenntnis der Judenfrage herangereiften Herzl, der in eben dieser Zeit auch zur Reifs politischen Denkens gelangt war. Soll ich noch von weiteren Qualitäten der Herzl-Bio graphie Beins sprechen, von seiner Fähigkeit und Kunst, Personen mit wenigen Sätzen zu charakterisieren, von seiner Beherrschung der allgemeinen und jüdischen Zeitgeschichte, in die er den Ablauf des Lebens Herzls einzugliedern weiß, von seinem hellsichtigen Eindringen in die Geschichte des politischen und kulturellen Zionismus und anderem mehr? Ich will nur noch auf eine hohe Tugend des neuen Herzl-Biographen hinweisen: er ist als echter Historiker ehrlich und wahrheitsliebend auch gegenüber dem Manne, dessen Leben er darstellt. Er verschleiert und beschönigt die geschichtliche Wahrheit nicht. Wo er Irrtümer und Fehler sieht, Unzulänglichkeiten, Menschliches, Allzumenschliches, geht er darüber nicht hinweg. Aber gerade dadurch entsteht in dem Buche das echte Bild von Theodor Herzl, der nicht ein Mythos, eine Legende, sondern ein Mensch mit allem Menschlichen, seinen Schwächen und Irrtümern gewesen ist. Ja, es' möchte mir scheinen, daß gerade auf dieser kritischen Wahrheitsliebe Beins der einzige ernsthafte Fehler beruht, den er neben ganz wenigen sachlichen Irrtümern begangen hat. Auf S. 476 (der deutschen, S. 449 der hebräischen Ausgabe) veröffentlicht Bein einen Brief Herzls an David Wolffsohn, der m. E. im vollen Wortlaut besser unveröffentlicht geblieben wäre; nicht etwa nur, weil der in diesem Briefe Angegriffene heute noch lebt, sondern weil der Brief ein hemmungsloser Affektausbruch Herzls ist, dessen Form dö Schreiber des Briefes später gewiß selbst bedauert hat. Ich sagte, daß dem Werke Beins kleine Mängel f!13'" teten — einige, die die hebräische Ausgabe (in der stilistisch vortrefflichen, freilich etwas ungenauen Uebersetzung D. Kimchis) enthält, sind in der deutschen bereits beseitigt. Gegenüber der Größe der Leistung dieses biographischen Werkes sind diese Mängel völlig bedeutungslos. Die „Jüdische Rundschau" schrieb vor kurzem In ihrer ersten Ankündigung der neuen Herzl-Biographie Alex Berns (Nr 20, S. 2), „man könnte von einer Herzl-Renaissance reden . Wenn etwas geeignet ist, diese Herzl-Renaissance, die nur auch für den Zionismus selbst wichtig erscheint, herbeiführen zu helfen, dann diese Lebensgeschichte Herzls. Ich glaube, dal« wir Bein und den beiden Verlagsanstalten, die ihm die Herausgabe des Werkes ermöglicht haben (hebräische Ausgabe. Mizpah-Verlag, Tel-Awiw 1931; deutsche Ausgabe: Fiba-verlag, Wien 1935), gar nicht genügt danken können, und ich hat* die Gewißheit, daß das Werk Beins weiteste Verbreitung finden wird. Sie wird auch für die hebräische Ausgabe um *« rascher erfolgen, wenn sich ihr Verlag entsch'iclit, sie nicht nur als einleitende Bände zur Gesamtausgabe der Schritte11 Herzls, sondern als selbständiges Werk herauszugeben. Dr. Georg Herlitz, Jerusala»

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