Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 31-32 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 38 40 JAHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31/32, 17. IV. 1935 AUS FRANZ ROSENZWEIGS BRIEFEN (Fortsetzung von S. 33) Mit den Türken stehen die Juden ,.pour les Allnnands et Ins Isra.Hitea'* pegut; das hatte ich auch schon an der Sicher- •Aneben halte und erst jetzt pour 1-s Israeheit gesehen, mit der der Junge mit dem hl« »peaalcmcnt. Unterdessen war es Z«t r, i i . Ii ii, i, ,u" „ j„r zur Synagoge geworden (er hatte mir unter- Buchhändler verkehrte, auch daran daß er ^«»g^ KrimreT gegeben und mich e.nmal - der 1 urko verstand _na.nl ch em M sc; Mazzali), « «lauerte n»- Yicrlelstunde, nachher fragte er mich, ich beim Sch'ma nicht die Finge; bißchen f'nm/.Vi-eli — mir zuzwin gleichzeitig laut bestätigte „ce n'est pas eher", was er mir hinterher seihst ohne mein Befragen erzählte und begründete. Dagegen Mellen sie mit den Christen schlecht und ohne mich, sagte er, würde er gestoßen und geschlagen werden. Sie nennen es Antiur eine warum Finger auf die Augen gelegt hätte. Das sei bei uns nicht Sitte. Nun gingen wir und da wurde er ganz aufgeregt, verwechselte sogar den Indikativ und Subjonctiv — er halte mich schon vorher, als er hörte daß ich fils uniqno bin, Bcmitismn«, das Wort ri1J?«n (das Mutter gefragt: warulT1 Jcnn mein Vater nicht, wie so perfekt lesen kann) kennen S1e in dieser cs bp; den Bulgaren wirklieh geht, Geld wir zum Kastellayt },slte faß;cll n^t mitgemußt hätte, da« ° . . .. ,. . Bedeutung nicht.!\im gingen borg, Enim.uel pflückte mir ein l.ras, das mid haU(J meine Erklärung, worin „patrio da wachst und sich von selber m der Hand gpiralisch rollt, und fragte mich nun aus, was ich wäre? Savanl. Was ich machte? Icli erklärte ihm, was ein Historiker macht. Ich schriebe also Bücher pour les Israelites? Aussi pour les untres. . . . Pour les Allemands etc.? Potirquoi ne fais-tu pas fönt pour les Israelites? Nun war guter Bat teuer. Das Kind guckte mich so kategorisch an, daß ich mir vorkam, als ob das Volk selber mich verhörte. Ich erklärte es ihm so gut cs ging. en danger" vorkam, absolut nicht begriffen —-, also nun sagt er: et que Dieut te benit und daß mir nichts geschehen solle — und dann plötzlich ganz hastig: er hätte einen gesehen, dem hätte sein Vater deux pages tehil- 3im mitgegeben, die schütiten ihn und ob mein Vater mir auch etwas Aehnliches mitgegeben hätte; nein; warum denn nicht? ganz ängstlich. — Manche tun es bei uns aber manche auch nicht, et s'il m'arrive quelque chose, ce sera la rolontä de Dieu. Mir war aber doch das Heulen nah über dieser Mischung von Feierlichkeit und Kindlichkeit, und wenn es nicht auf der Straße gewesen wäre, hätte ich den kleinen „Volksvertreter" — es war das erste Kind, das mir in dieser Eigenschaft begegnet ist, sonst nur Greise — beim Kopf genommen. So nahm ich ihn nur bei den Schultern und fuhr nachts ab. Ueber Zionismus [23. 9. 1016] Hends Broschüre1*) ist etwas Kolossales; dabei kann man es nicht ohne Lächeln lasen, aber auch mit ununterbrochener Bewunderung. Und ein Deutsch! (kein Deutsch, die Sprache dieser Broschüre ist schon das erste _*!. st__________I____ » .•: .1. Ci«,,!. \ Daß man alles treiben müsse um eins iu sichtbar gewordene Stück seines Staats.) Wie toll rasch aber heule (oder war es immer so? ja es war immer so) die Ideen „marschieren". Bei Herzl merkt man auch, daß und in welchem alle kritischen Zweifel übersteigenden Maß der biblische Moses eine historische Person gewesen sein muß; das Charakteristische läßt sich nicht erfinden, es muß einmal dagewesen sein. [28. o. 1916] Margarete Susman muß zum Georgekreis geboren; ihre Beziehung zu Buber scheint jünger zu sein. Ginzberg-Achad Haara scheint ihre neueste Entdeckung15); es wundert mich sogar, daß man ihn auf deutsch so goulieren kann; bei einer Sprache mit soviel literarischer Vergangenheit, wo fast jede Wendung er »erlrauliclier und flaute, ob denn die die Wucht eines Zitats hat, geht in der Überbistoire allemtmdt» ebenso curieusc sei wie Setzung ungewöhnlich vid verloren; das Gländie hisioire israelile'» darauf erzählte ich zende bei Achad Haam ist nämlich, daß er ihm em bißche» von 1313. Da fragte er midi, *«n traditionsroses Hebräisch schreibt, «Hieb es auch ju.liMhe Philosophen gäbe: ich *™ in lückenloser Anknüpfung an das 11c- „aimtc ihm Muscl.e l.en Mainion" et „Jebräisch der theologischen, philosophischen, juhuda hn Lewi". Da verhörte er (infolge der «Mischen Literatur der ganzen nachbibli- , ,, ...i;iv„, ...;>n sehen Zeilen. Inhaltlich ist er freilich genau sefarriisehen Betonung der Endsilbe „wi J _ o das „ha lewi" und sagte: „je ne connais xt) Th«xior Hcrzl, Der Judenstaat, Wien 1896. que Hlijahu hanabi". IS im erzählte ich ihm **) Margarete Susmann, Wege <fcs Zionismus, von Hermann Cohen und daß er erst nur Frankfurter Zeitung vom 17. und 19. Sept. 1916. verstellen usw., wir gingen am Wanlar entlang, recht zufrieden war er nicht mit meiner Antwort; immerhin fragte er nun weiter, ob ich denn die hi.-loire i-raelile auch wirklich kenne? Ja. - Dis moi! qu'est-ce que tu sais de Aloise, de David? (Auf meine Verdutztheit zunäeb.sl ganz, traurig: oh, tu ne sais rien!) Mais c'ed Irop general. demande-moi chose plus speciale. -....... Eh bien — (nach riniu'cin Cberle-jeii:) Combien de fils avait Jacob? Dou/e. Et qui est d<:\enu roi? Das wußte ich nicht, er suchte mir darauf zu helfen und sagte: .,.!<>■-", ich war immer noch dumm: er weiter: „Jose--". „Ach so! tu penscs Jom und nun Josephs 1 er weiter, ^h, mais ce n'est pas vrai" war 'ich hoch und erklärte ihm •nährumpdiklatur. Dadurch wurde so westjüdisch wie Buber (der übrigens seinerseits als Galizier und Enkel des großen zugleich Kaufmanns und Gelehrten Salornon Buber auch ein gutes Stück ,,0st"-Jude ist), nur daß Ginzbergs Westlichkeit die Färbung von achtzehnhundertachtziger Jugend (Typus etwa Georg Brandes, Anatole France) trägt, Buhers von ncunzehnhunderlcr. Charakteristisch für das von außen Herangewehtsein der Susman ist die Unterschätzung Herzls, der nämlich ein größerer Mensch und selbst ein jüdischerer Jude (all in seiner Ahnungslosigkeit) war als jene beiden Literaten. Bei Ilerzl allein spürt man jüdische Antike, bei Buber und Ginzbcrg doch höchstens indisches Mittelalter (Talmud und Kabbala), Herzl hat „Moses und die Propheten". Daß er naiv genug ist, nur aus der Gegenwart, der „Judennot", heraus zu planen, ist grade seine Größe. Die (jammervoll schlechte, bisher einzige) Biographie, von Friedemann glaube ich, enthält Züge von umreißender Einfachheit und Größe. Dabei war er, wie alle großen Juden, kein schlechthin reiner Mensch, sondern einer, der naiv und berechnen zugleich, das zweite um des ersten willen, war, wie es zum ersten Mal Brod in der Figur des Tycho dargestellt hat (deswegen nannte ich Tycho Brahe einen jüdischen Roman). 5. 2. 17 . . . Ich weiß nicht, ob du die talmudische Legende kennst: ein Habbi trifft am Eingang einer Höhle den Propheten Elias (bekanntlich Vorläufer des Messias, nach Malcachi, Schlußverc) und fragt ihn: wo ist Messias? Drinnen in der Höhle. Da geht er hinein und findet Messias da sitzen. Da fragt er: wann kommst du, Herr? Messias antwortet: Heute. Da geht er frühlich heraus und wartet bis zum Abend, Als aber Messias immer noch nicht kommt, sagt der Rabbi zu Elias: Messias hat gelogen; er sagte, er käme heute. Antwortet Elias: er meinte: (Zitat aus Psalm 91 oder 92 oder 93, 9416) „heute, wenn ihr auf meine Stimm« hört". Der Zionismus, wenn und soweit er überschwanglich (wahnsinnig, bewußt unmöglich) ist, ein Volk, aber viel mehr als ein Volk, das Volk will, gehört unter dies „heute"; man kann ihn nicht anzweifeln, weil mau cs nicht darf. Er ist heilig wie alles „Wahnsinnige". Der Zionismus aber, der ein „Normales", ein jüdisches Glück, eine jüdisch» Kultur, eine jüdische Nation, einen jüdische». Staat will („einen König wie alle die Völker rings um uns") — ein solcher Zionismus hat die gleiche Wichtigkeit wie etwa unsre — Börsianer, die uns einen jüdischen Reichtum schaffen, oder wie die polnischen (und nur die polnischen???) Juden, die nach Berlin fahren, um den Professor zu konsultieren, oder wie der Verein zur Abwehr des Antisemitismus oder der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens. All das fristet uns daj Leben. Auch in der letzterwähnten Richtung können „Funken" des messianischen „Heute" verstreut sein. (IL Cohen!! — der mir übri« gens wirklich mal auf meine Frage: „Ja, glauben Sie denn, daß das ,mcssianische Zeitalter' — er versteht darunter Weltfrieden mit Ersetzung des Christentums durch ein cohenkantianisch verstandene« Judentum —• in den nächsten fünfzig Jahren anbrechen wird??" antwortete: „Nein, aber in den nächsten hundert" — eine Geschichte, die doch fast ebenso schön ist wie die ,,Heute"-Geschichte.) Also aus der Gleichung zwischen dem Heute, das nur die Brücke zum Morgen sein will, und dem andern Heute, das das Sprungbrett zur Ewigkeit ist, daraus erklärt sich alles scheinbar Widersprechende bei uns. Es steht keinem Tage an der Stirn geschrieben, ob er dieses oder jenes Heute ist. „Man kann nie wissen." Also durchaus keine gerinso Bedeutung. Sie fristen uns das Leben in der Zeit. Denn Israel muß sich auch vom Heute zum Morgen und Übermorgen durchschlagen, damit es jederzeit ein Heute hat, aus dem es das „Heute" jener Legende hervorrufen kann, wenn es sich dazu entschließt. Nur aus dem Leben führt das Sprungbrett ins Jenseits; Tote, die nie gelebt hätten, würden sicher nicht unsterblich werden können: „nicht geboren sein" ist nicht „das Beste", l6) Psalm 95,1. S^jynxi?"ähT'Uh v. c', aad « £';<*th"* «od.r'»»>«r .. ^T^S-^^ II *f«*oti.-1 Au"f l«'»•»• 5.~ // a> ^kI^l "zr0- II Sr^*teAu. Kkt,»<*»n. k,L'" Ii *-^^^-r // . „ ""'/"Irl*/ II Bu**anmun« Ctoiim» **~&^J^tt "^•■ta 309i?\ JAKOB B. 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