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Jüdische Rundschau · 1935-04-17 · Heft 31-32 (17.4.1935) · page 36

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 31-32 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 36)
Language
German
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Saite 36 40 JAH HE 1Ü DT SC HF. RUNDSCHAU Nr. 31/32, 17. IV. 1935 DIE NEUE HEBRÄISCHE LITERATUR Ein kurzer Abriß zur Einführung Von Dr. Max Mayer, Jerusalem Die „Jüdische Rundschau" hat In den letzten Jahren, insbesondere von 1927 bis 1932, eine Reihe von Monographien jüngerer hebräischer Schriftsteller, insbesondere solcher, die in Palästina leben, aus der Feder ihres Mitarbeiters Dr. Max Mayer veröffentlicht. Dr. Mayer, den eine alte Tradition mit der „Jüdischen Rundschau?' verbindet und der auch während seines Wirkens in Deutschland sich die Popularisierung der neuen hebräischen Literatur zu einer ehrenvollen Aufgabe gemacht hat, hatte es auf unsere Bitte übernommen, den Lesern der „Jüdischen Rundschau" ein Bild des modernen literarischen Schaffens In Palästina zu geben. Leider hat in den letzten Jahren diese Serie eine Unterbrechung erfahren. Der Leserkreis der „Jüdischen Rundschau" hat sich inzwischen stark verändert, und wir nehmet an, daß es zahlreichen unserer fetzigen Leser, dl« erst in letzter Zeit den indischen Dingen näherkamen, willkommen sein wird, einen informativen Ueberblick über die moderne hebräische Literatur zu erhalten. Wir haben darum Dr. Maper gebeten, in dieser der Rückschau gewidmeten Jubiläums-Nummer einen umfassenden einleitenden Aufsa z zu schreiben, der die Anfänge der modernen hebräischen Literatur bis zur Gegenwart in großen Zügen skizziert. Wir können heute nur den Teil abdrucken, der die letzten 40 Jahre umfaßt. Den Anfang des Aufsatzes, der diu vorausgehende Epoche behandelt, werden wir folgen lassen. Dr. Mayer wird dann die Serie von einzelnen Dichtern und Schriftstellern gewidmeten Monographien wieder aufnehmen. Red. Der »Großvater" Die weitaus bedeutendste Figur der neuhebräischen (und jiddischen) Literatur in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts ist Mendele Mocher Scfarim (1830-1017). Er beginnt als Aufklarer und Verbreiter naturwissenschaftlicher Kenntnisse, geht in seiner mittleren Periode zur jiddischen Volkssprache über, in der er seine bedeutendsten Werke schafft, und rettet dann in letzten Periode diese durch eigene UeberuihI Ni'..Bearbeitung hebräische Literatur ". Mendeles Erzählungen it-c'ne übersetzt worden), gehören zu dem seiner Weike sct.7i.insj, in die hinüber, ins l)e tiel beeinflußt, uml sprachlih-stilistihebräi-che 1 iter.itur l'hilu - L**»koa und Romane (sie sind auch von der russischen Realistik inhaltlich Schwerwiegendsten eh Schönsten und Reifsten, das die nett- bis dahin aufzuweisen hat. Das Künstlerische wird zwar noch häufig durch aufklärerische Tendenz und allzu beißende Satire beeinträchtigt, gewinnt aber immer mehr die Oberhand. Mendele ist der Schöpfer des modernen hebräischen Erzählungsstils. Seine Sprache ist eine harnionische Synthese mannigfacher historischer Stile. Seine N;itiir>ehikk'niH« i-t schwärmerisch, die meisterhaft gezeichnete ticstikulation seiner Gestalten ersetzt ihre psychologische Analyse. Er ist der große Epiker der Armut und der uniibeitiotl'ene SiitenschildercT der russischen Judcnhcit um die .Witte des V). Jahrhunderts. Seine Romane befassen sich in erster Linie mit dem jüdischen Knabenerziehungsproblem. Sein allegorischer Roman „Ssußati" („Meine Mahre") enthalt eine scharfe Abrechnung mit den falschen Idealen der Ilaskala-Generation. Seine „Reise Binjamins des Dritten" ist eine humorvolle, aber noch mehr satirische Darstellung der geistigen und körperlichen Unzulänglichkeit eines Volkes, bei dem Wirklichkeit und Ideenwelt in einen so krassen Widerspruch getreten sind wie bei dem jüdischen. Versandet die Haskala-Bewegung zumeist im rein Tendenziösen, so wendet sich die neue Periode immer mehr künstlerischen Absichten zu. Der erste bedeutende Vertreter dieser ästhetischen Richtung ist Dawid Fri$chmann (1865-11>23>. Seine Bedeutung liegt hauptsächlich auf dem Gebiet der Literaturkritik und Uebersetzung. Er ist einige Jahrzehnte der große Scharfrichter der neuhebräischen Literatur. Mit eisernem Besen fegt er aus dem Tempel der schonen Literatur alle jenen „Verfasser" und „Essayisten", die ohne literarisches Vermögen sich durch gelegentliche Beteiligung an Diskussionen über Fragen des Lebens einschleichen. Seine Hauptaufgabe sieht er in der Erziehung des literarischen Geschmacks. Von unsterblicher Bedeutung ist die L'cbersetzungstntigkdt Frischmanns. Er überträgt Werke der besten Weltliteratur in ein modernes, mustergültiges I lebräisch. Zu der großen Zahl von Autoren, die er übersetzt, gehören: George' Eliot, Andersen, Spielhagen, l»u-chkin, Byron, Wilde, Tagore, Anatole France, Goethe, Shake pearr. >-i-ine kongeniale Uebersetzung von Nietzsches Zarathus-tra hat ihm größte Anerkennung eingetragen. Als literarischer ginalwerke und Dichter;.' gen aus der! eiter des großen Styhl-Verlags hat er die Oritler zengenössischeu hebräischen Schriftstellertneration und eine wahre Flut von Uebersctzun- Weliliteratur herausgegeben. Mit ihm tritt die tietihebräische Literatur in ihr modernes Stadium. Ix-hrer des neuen Ccsihledits /um Lehrer des neuen jüdischen Geschlechts wird Ach ad-Ha am (lsV) 192(3) durch seine tiefschürfenden Abhandlungen und 1 .ssavs, die alle dem zentralen Gedanken der Zionsliebe dienen. Er fordert den Aufbau Palästinas als geistigen Mittelpunkt der (iesamfjudenheit und erhofft von den geistig-kulturellen Hückstrahlurgen dieses Zentrums auf die Diaspora eine Wiedererweckung des nationalen Gefühls. Achad-Haams Lehre übt tiefste Wirkungen auf Ost- und Westjudentum aus. Er zeigt, daß die Emanzipation den Juden zwar äußere Freiheit und Rechte verliehen, aber zugleich eine Minderung ihres jüdischen und menschlichen Habitus mit sich gebracht hat. Er stellt den Begriff der zeitlichen Juden h e i t dem des ewigen Juden t u m s gegenüber und sieht die zentrale Idee des Judentums im Prinzip der absoluten Gerechtigkeit. Die Verwirklichung dieser Idee sei die zentrale Aufgabe der Judenheit aller Zeiten. Achad- Haam ist der Schöpfer des modernen wissenschaftlichen hebräischen Stils. Die Geschlossenheit seiner Anschauungen uno Präzision seines sprachlichen Ausdrucks macht ihn lange Zeit zur führenden Persönlichkeit in Literatur und Leben. Sein Widerstand gegen die Aufnahme fremder, dem Judentum widerstrebender Kulturelemente und die von ihm geforderte Abgrenzung der hebräischen Literatur gegen allgemein-menschliche, mit dem Judentum und den Juden nicht unmittelbar in Beziehung stehende Strömungen und Einflüsse fordert den Widerspruch der „Jungen" heraus, an deren Spitze AAicha Josef Berditschewsky (1865—1921) steht. Berditschewsky, ein Anhänger der individualistischen Lehre Nietzsches, geht den Abgründen jenes vermeintlichen tiefen Risses nach, den das Problem Jude-Mensch für jeden modernen Juden in sich birgt. Berditschewsky verkündet das Recht des bisher vom Judentum und seiner Lehre unterdrückten Individuums und fordert Umwertung aller geistigen und sittlichen Werte der jüdischen Vergangenheit. Er kämpft gegen übertriebenen Historizismus und die allzu schrankenlose Herrschaft des Buches über die Gegenwart. Die Juden seien völlig von ihrem historischen Erbe begraben worden. Eier Lebenswille sei geschwächt. Von solchen Ideen ausgehend unterzieht Berditschewsky die jüdische Tradition einer Kritik, in der er die heidentümlichen, prä- und antiiudaistischen Elemente des jüdischen Religions- und Kulturlebens den legitim judaistischen der Tradition vorzieht. Auch in der späteren jüdischen Geschichte stellt er sich auf die Seite jener unterirdischen, vom offiziellen Judentum bekämpften Strömungen. Bialik und TsAernichowsky Seit Achad-Haam und Berditschewsky läßt sich eine mein oder weniger klar hervortretende Doppelströmung in der neuhebräischen Literatur beobachten. Als Anhänger Achad- Haams und poetischer Verdichter seiner Ideen ist Chaim Nachman Bialik (1873—1931) anzusehen, das große lyrischepische Dichtergenie unserer Zeit, dessen Dichtungen zum lebendigen Besitze der gesamten Nation werden und dessen kulturelle Wirksamkeit der Gegenwart den Stempel aufprägt. Bialik ist der universale und souveräne Beherrscher aller poetischen Sprachschichten des Hebräischen. Auch seine Prosa ist in hohem Maße Poesie. Seine Jugendlyrik ist beherrscht von empfindsamem Naturleben und pietätvoller Anhänglichkeit an eine dahinsinkende jüdische Welt, der er als Knabe und Jüngling selbst angehört hat. In seinen Liedern des Lichts entzündet sich die glühende Ekstase des Sohnes des Ghettos bei der Neuentdeckung dieses Naturelements. Licht und Frühling werden ihm zu Symbolen der nationalen Wiedergeburt seines Volkes. Er macht sich zum Künder des neuen Lebens und zum Erwccker seiner in Dumpfheit vegetierenden Nation. Dichterberut ist ihm Führerberut. In seinen Liedern des Grimms geißelt er in aufwallender Liebe und unbarmherzigem Strafgericht sein Volk, das selbst die russischen Pogrome nicht zur Selbstbesinnung bringen. Später wendet er sich dem volkstümlichen Liedgenre zu. Zu einem echten Volksbuch wird auch seine Sammlung und Bearbeitung der jüdischen Sagen- und Legendenstoffe des Altertums („Sefer ha-Aggada"). Auch die großen hebräischen Poeten der spanischen Blütezeit gibt er in Gesamtausgaben und eigenen intuitiven Erklärungen heraus. Von seiner hohen Uebersetzungskunst zeugen seine genialen Uebcrtragungen des „Don Quichotte" und des „Wilhelm Teil". Nach dem Weltkrieg übersiedelt er nach Palästina, wo sich inzwischen ein großer Kreis hebräischer Dichter und Schriftsteller zusammengefunden hat. In seiner letzten Lebensperiode widmet er sich unter anderem der Abfassung und Herausgabe hebräischer Kinderliteratur. Bialik hat wie wenige seine Zeit- Jüdiiciiei Lexikon genossen tief beeinflußt Er ist der große Charakter der neuhebräischen Literatur. Tel-Awiw, seine palästinensische Heimatstadt, und nunmehr fast ganz Palästina dankt ihm die Institution des „Oneg Schabbat" (die Idee dieser erneuesten jüdischen Lebenssitte stammt von dem Jerusalemer Schriftsteller Rabbi Binjamin), die jetzt auch in die Diasporaläpder zu dringen beginnt. Das Andenken des großen Toten unseres Jahres und dessen Ehrung durch Gründung bleibender Kulturinstitutionen geben dem jüdischen Kulturleben der Gegenwart bedeutende Impulse. Den Kulruridealen Berditschewskys folgt Schau] Tschernichowsky (geb. 1875), dessen anmutige und innige Liebes- und Naturlyrik eine völlig neue Periode in der neuhebräischen Poesie eröffnet. Seine Naturpoesie ist unmittelbare, unsentimentale Anschauung. Das geistige Erbe einer mehrtausendjahrigen Kultur erscheint auf seinen Schultern als leichte, süße Last, die den Liebreiz seiner Poesie erhöht. Er ist mit Frischlnann der erste Europäer in der neuhebräischen Poesie. Eine starke Schwärmerei seiner Jugend für griechisch-antike Schönheitsideale hat ihm den Namen eines „Griechen" eingetragen. Erst in späteren Jahren geht er, besonders in seinen Idyllen, zu mehr judentümlichen Stoffen über. Er wird zum meisterhaften Beherrscher des hebräischen Hexameters, der allerdings etwas anders klingt als der klassische, und der strengeren Form des Sonetts. Er entwickelt eine gigantische Uebcrsetzungstätigkeit. Von ihm stammen Uebertragungen des Gilgamesch-Epos, der homerischen Epen, des finnischen Kalewala-Epos, ferner Uebersetzungen aus Anakreon, Sophokles, Shakespeare, Goethe („Reineke Fuchs"), Longfcllow u. v a. In seiner Einstellung zum Judentümlichen betont er das Gesunde, Starke, Lebensfähige, ist ein leidenschaftlicher Anwalt des „Gottes der Wüste", der Partei der Zeloten, und in seinem großangelegten historischen Poem „Baruch von Mainz" spricht er dem Rachegedanken als Reaktion auf mittelalterliche Unterdrückung das Wort. In Tschernichowsky sah die junge, hauptsächlich ostjiidische Generation um die Jahrhundertwende den hervorragendsten Repräsentanten der jüdischen Erneuerung. Weltanschaulich Tschernichowsky nahe steht Salman Schneur (geb. 1887), eine dämonische Dichternatur. Im Gegensatz zu dem seinem innersten Wesen nach ländlichen, der Natur naiv gegenüberstehenden Tschernichowsky sehen wir in ihm den müden Sohn der europäischen Großstadtdekadenz im besten Sinne. Schneur lebt lange Jahre in Berlin, später, nach dem Weltkrieg, in Paris. Sein Narurleben ist weder naiv noch idyllisch, es ist kosmisch-großartig. Auch seine Liebeslyrik ist nicht schwärmerisch-erotisch, wie die Tschernichowskys, sondern mephistophelisch und mit stark selbstquälerisch-schuldbewuüfem Einschlag. Er ist der Dichter des Unheimlichen, Lauernden. Mit Wollust und Stolz nennt er sich böse. Seine Poesie ist von aristokratisch-einsamem Charakter. In judentümliclnT Hinsicht ist auch er tief beeinflußt von den individualistischen Ideen Berditschewskys. Auch er neigt mehr zu jener antijudaistischen Grundstimmung dieser ganzen Richtung. So zialistisch-gleichmacherische Tendenzen, für die er die jüdische Prophetie verantwortlich macht, sind ihm ein Greuel. Jüdisches Lexikon Judentum in Geschichte und Gegenwart Unter diesem Titel erscheint im ERICH REISS VERLAG, BERLIN W15 eine Reihe umfangreicher, musterhaft ausgestatteter Bücher, die dem Gebildeten und Bildungshungrigen aus berufenen Federn Darstellungen der Hauptgebiete der jüdischen Wirklichkeit, Biographien der markantesten Gestalten der jüdischen Geschichte und Querschnitte durch das jüdische Schrifttum zu erschwinglichem Preise bringen. Die Reihe wird mit der einzigen, dem heutigen Stande der Forschung entsprechenden MAIMONIDES-BIOGRAPHIE von Dr. Abraham Heschel eröffnet. Dieser Band hat gegen 300 Seiten Umfang und kostet kartoniert RM 3.80, in Ganzleinen gebunden RM 4.80. / Als zweite Publikation folgt bald ein seit langem erwartetes Buch DIE JUDEN DER WELT von Dr. Mark Wischnitzer, das zum ersten Male einen Ueberblick über das gesamte Judentum der Gegenwart (gegenwärtiger Stand und geschichtliche Entwicklung) in allen Ländern gibt. / Weitere Bände folgen im Laufe des Jahres. / Prospekte durch den Verlag. / Die Bücher sind nur durch den Buchhandel zu beziehen. Wir werden den Leiern unterer Bücher in Zukunft regelmäßig Informaliont-Briefe über untere Arbeit zugehen lasten und bitten euch Sie, um Ihre genaue Adrette amugeben, damit wir Ihnen diu* Brief* kostenfrei tutenden können. Amukhttät» An den ERICH REISS VERLAG, Berlin W15 Senden Sie mir Ihr* Informationt-Brieft regelmäßig kotttnfrei tu Kam*: Ort: - Strafte v X \ \ * *> tWkmt

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