Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 31-32 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31/32, 17. IV. 1935 40 JAHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 95 SAND UND STERNE Von S. FRUG E» leuchtet der Mond, die Sterne erglänzen. Die Nacht schwebt nieder au« Berg und Tal. Vor mir Hegt da» alte Buch aufgeschlagen, Ich lese und lese zum tausendsten Mal. Ich lese die teuren, die helligen Vörie Und hör' eine Stimme: Ich schwöre, Mein Volk, du wirst sein wie die Sleme am Himmel, Wie Sand am Ufer der Meere I Schöpfer der Welll Von deinen Schwüren Kann nicht verfallen ein einziges Wort. Erfüllt werden mun dein heiliger Wille, Alles komm) zur Zeit und an seinem Ort. Und eines ist schon erfüll! und geschehen. Das fühl' Ich bei jedem Schritt: Wir sind vogelfrei wie der Sand am Meere, Den Jeder mit Faden tritt. Mein Gott, wahrhaftig wie Sand und Steine Verstreut und verworfen zu Schande und Spott . . * Aber die Sterne, die lichten, die klaren. Die Sterne, die Sierne - wo bleiben sie, Gott? (Aas dem Jlddisdien) GEBET Von JULJAN TUW1M ich bete, Herr, Inbrünstig, Ich bete, Herr, von Herzen: für das Recht der schwer Gestraften, für die Ruhe der Entschlafnen. für die Wartenden In Not, für die arme Ohnmacht vor dem Tod. Ich flehe, Herr, Inbrünstig, Ich bete, Herr, von Herzen: für Beleidigte, Verhöhnte, Dumme, kleinlich Unversöhnte, für der Mlaverslandnen Leid, für des Bittens Hoftnungslosigkell. Ich bitte, Herr, inbrünstig. Ich flehe, Herr, von Herzen: für die, welche atemlos und matt einen Arzt zu holen eilen, für die, welche viele Meilen klopfenden Herzens heimgehn aus der Stadt. Ich bitte, Herr, inbrünstig. Ich bete, Herr, von Herzen: für die, die von ungezügelten Flegeln angerempelt, für die Linkischen, Geprügelten, die Langweile stempelt; für die, die nicht schlafen können, die sich vor dem Tode grauen, die zu spül zum Bahnhof rennen und verstört dem Zug nachschauen. Ich bete, Herr, für alle Mensdien dieser Welt: Aerger, Sorge, Kummer, Leid, Krgnkung, Ruhelosigkeit, Mißerfolge ohne Frist, für die kleinste Zuckung, die nicht Glück, nicht Freude ist. welche diesen Menschen Immer gütig leuchten möge, Herr — Ich bete, Herr, von Herzen . . . (Aus dem Polnischen) Stern und Louis Golding mit Romanen auch im Ausland Erfolg gehabt. Die Zahl der amerikanisch-jüdischen Autoren ist groß, ihre Stellung zum Judentum ebenso kraß unterschiedlich wie bei den deutschen. Edna Ferbers „The Girls" klingt an „Jettchen Gebert" an, „Fanny Hersel!" ist eine unsentimentale Schilderung des jüdischen" Mittelstadtmilieus in Amerika voll innerer Sympathie. Ludwig L c w i s o Ii n schildert in «The Island Wlütin" den Aufstieg einer polnischen Ghettofamilie in Ostpreußen und Berlin und endlich in Amerika, die Hindernisse der Abstammung und der Vorurteile, in „Up Stream" den seelcnsosen Amerikanisinus. Scharfer, auch resignierter ist schon Barretts „Am Tor der Feinde", das Ende ist die Hoffnungslosigkeit der Assimilation. Fester Cohen kommt in den „l'ardways", von denen der eine unbedingt ein jüdisches Urbild hat, nur zu einem Menetekel des Gründertuins, Nathan Asch nur zu einem glänzenden Stilfeuerwerk. Die jiddisch schreibenden Amerikaner stellen vor anderen Alternativen. Ein gewisser jüdischer Nationalismus ist hier selbstverständlich. Aber wahrend etwa die bedeutenden Romanciers wie Opa tose hu und Lyriker wie Abraham Reisen, Jehoasch fast ausschließlich national sind, liegt bei der anderen Gruppe, deren Wortführer Mosche Nader ist, der Hauptakzent auf dem Sozialen wie bei dem großen holländischen Erbm der Haska'a Hermann Hejerman<. Zwischen diesen Radikalen und den russisch-jüdischen Autoren, voran «er große Romancier David Ii e r g c I s o h n, bestehen die engsten Beziehungen. Der geniale, zu früh verstorbene Lyriker der jüngeren Generation Mosche Leib Flalpern gehört quasi beiden Fronten an. Die europäisch-jiddischen Autoren, Lyriker Ossip Dymow ist im Russischen wie im Jiddischen zu "aus, llja Ehreiiburg und Isaak Babel haben das Jüdische tub specie religionis abgeworfen, nur gelegentlich kommt Enrenburg spaßeshalber darauf zurück. Die Ungarn Franz Molnar, Ludwig Biro, Hatvany und Lengyel, die Tschechen O'okar Fischer und Frantisek Langer, der große italienische Romancier Italo Svcvo sind nur ihrer Herkunft nach Juden. Jüljan Tu wim allerdings, der anerkannt bedeutendste polnische Lyriker der Gegenwart, hat neuerdings eine ausdrückte Wendung zum Judentum vollzogen. Leo Hirsch ßlh (flf&C d flür-Jiiga HC. Jc/%laf nttnfäi>et -jrAfaf, &s //lat? J~/eh *'t Ctte Se>i>/c 2rU s?cjAc rtert* fllh7u.Cl.Hl. ÖtAptiX f/irStjtt im Ä/1, Zlti"ftü *>U'rf mcfitr nn Jo*nt tüift 7ödt Jt/ii\etejt ritt Sfüjt/i ztin*//'eAf'i<*t Ztim J-/teia~ •Jc/i&t/, U ittitt JCinr£ Jemieit titrn rfetn, Jc/itctj u/rot./uuci'i/.tin Kind. JC'fy't''*- Jckteif »iti'i tCInri - rtu >dtr'<.rf#iiift wfAt. llftiu mti'\ toAu. c* Kommt, 4cAi". it£eAT f 2>i'tiiKft. tciS-oftn flu Wege Jin-ft, tt'td rttif/i mu., ci'id '"U C)//tut mei/t /ttiir(f ■ßtuldt - Joge/tn. vi*. i'ntci^(/,rii cttfcm§ KlinU. Rettin K~tintm.<ScfnAr7t Tire** Jttn — JchlnJ//'</« tä'Ut'tuein fatd, uAfftf*''t * JcMru'/nein Kind liurt ftorcA nicAt eiii/ WeA * Sin" rtf'tj t/lieA hrpt., tiitrt JfAnfi'ü?jfiii Jc/itift uiti^ irn friiinfejrcA/i, tyr/JJt4^on/>i>t //TrSe ■* ttttftitAt tina*fe6cnj fortim ' It/fXJ i(A. (JtlfCriiieti^rrtt-f >*,it~ J>/n */(ist tfmt JCcuict Kmni Keift/u e/,i dt^c Kic* jr<n — Jf'tfrtf wetu Ktittf-/nein Kjnr(, jcaAiJe/'t •* JcAfriJi? ritt, -ftuja'iif - fftyn »teiu A*7nrft ttftA "in J"id **tt, (i"fi tief ct. ti'ij ri/nit fih'itrui. SttrcJinrit - Ztl /Cemmrttr/t*t retff'j ßtttlünjfCt. ZfafcA., retf CS/irtiA. ct'ift Jf&tz- J>i. cinj si'nif^t/t. 7/u.JitAil'j'eA. rifftiit .* $ci 6uti/t/L*£c6fn -i/u.^SeinjCrAitt. — JtiAjatit, //tei/i»StJ('4 »leai <CT//q'— ur/ifafUn f (ieidttieben 1901 ÄtiAarrt ßiu ■s9o/'i/rtnf JÜDISCHE VERSE Von ANDRE SPIRE O meine Brüder, o meine Verirrten, o meine Freunde, Volk ohne Recht. Volk ohne Landl Volk, dem die Schläge aller Nationen Vaterland sind — Keine Flucht kann mich verteidigen vor euch. Nehmt mich hin. träumen wir, sprechen wir mitsammen. Vom zerstörten Tempel, den wir immer lieben. Rufen wir mitten in die Welt hinein, in die Welt des Fleisches Unsre ungebrochne Hoffnung auf unsern ungetreuen Gott, Der so uns verraten, dab wir ihm nicht mehr glauben — — Wachst Im alten Land ein neues Geschlecht, Das so viel gelernt auf den Zügen durch die Welt, Dofc es die alle Sünde nicht fürchten, Dofe es die geduldigen Augen wird Bewegungen, Linien, Formen genießen lassen. Die einst es ein Greuel nannte; Ein Volk mit Vfitern und Müttern, Doch mit liebenden Knaben auch Und jungen, tanzenden Mfidchen, Mit zähen Stirnen, mit tüchtigen Händen, Doch mit schmeichelnden auch. Die Seide und Wolle ordnen, Farben reiben und kneten den Ton Und verherrlichen in Marmor Deine Schönheit, Israeli (Aus dem Frant6sisdm^ «£$4uj(p~ Jt^OU/ X&VI, >dtfcrt£lM*i$> $2u. ßs^uJ, X>, u*-*C/ Je. fc6 S*» y&3tXi£. <^J/t 4u «X ve^i%u typ jfyr&tu r*3 M^ic~.i SyyW '-kS-xA^/ j^jp* <f jp?{u*.t/ü&< «*, J&„ •/ ßz,-cj i/^s^'-t**,/ JrWVv ^S^^^Jo*, <V/ <z*V^4 ( ty/^if A> 6s% /fisfc/' o^»1" ktt, lutZf ^^j^C'c£/.' tStu, j£Xjt~ i.~ °f /vf ^/ Jz. *. ii/f ^fcjp. ti.^iL /^I,- 02 fosf J^frp ^. Q^fctiZfc C S«4 »it?cJfi> fiu*~jx*dyf/- ^'ef <5 f&Zejk f J**^, Ö^HfÄltf & k1" j J^^i e*$ir~/fat ~ JJtt**Xr> «y fo&rJUy Ujyri^ $M /u/t k/i *yv*<Jf ■ (pd*e;*at W 4A ^'S £'-<C/f*-y ^tfr Gttduieben lOtl ßr^)-*/ EINER SINGT Von SIEGFRIED SASSOON Plötzlich brach Irgendwer in ein Lied aus. Und ich war erfüllt von solchem Entzücken Wie gefangene Vögel, die, freigelassen, Wild sich schwingen über die weisen Rücken Der Obstblütengfirten, über gründunkle Felder, weiter, — weiter — nicht mehr zu erblicken — — — Plötzlich stieg eine Stimme empor, Und Schönheit kam wie Sonnen-Untergang: Mein Herz war durchschüttelt von Tranen — Das Grauen Verging, verklang - — O doch irgendwer war wie ein Vogel — sein Lied war wortlos — und sang - und sang — — — (Aas dem Engltsdien) MESSIAS! Von ABRAHAM REISEN Komm schneller, Messias, Messlas, komm baldl Schon hfiil die ganze Welt uns umkrallt. Wie Giftschlangen würgen Hunger und Not. Man slirbl auf den Gassen und röchelt noch: Brotl Die Erde nicht alle Menschen mehr nährt - Messias, komm bald auf dem weifeen Pferd I Komm schneller, Messlas. Messlas, komm her. Die Ketten der Knechtsdiaft drücken so schwer. Und über flicht schon dos schuldlose Blut, Gepeitscht aus den Wunden von sinnloser Wut. Es rostet von Menschenblul schon das Schwert — Messias, komm schnell auf dem weihen Pferd! DAS LETZTE LIED Von M. L. HALPERN Als man aufgehört, an Gott zu glauben. Ging von dannen auch die Liebe bald. Es ertrfinkten Menschen sich im Wasser, Es erhängten Menschen sich Im Wald. Wandte sich vom Wasser ab der Himmel, Und im Wold die Vögel schwiegen, Sense rostete und Sichel, Und der Pflug blieb auf dem Acker liegen. Und zur Wüste ward die Erde, Alle Wege gingen ein. Der Prophet auf einem Steine sa&. Und er wurde selbst zu Stein. GOTT FRAGT Von I. L. PEREZ Erfülle ich die ganze Welt, Was baust du mir ein Haus? Bedarf Ich Speise denn und Trank? Was macht dein Opfer aus? Bedarf ich Stiere, Fleisch und Blut? Wozu trägst du die Lasten? Doch gilt es deinem Gut und Blut, Was hilft dir dann dein Festen? Und dein Gebet! Du bittest mich Zum Richter deinem Raub? Doch betest du, was schreist du noch Und hältst mich gar für taub? Du reckst die Arme ous! Wie long Sie sind, das weih ich längst! Du beugst zur Erde deinen Kopf — Versteckst du, was du denkst? (Aug tiertt JU(tii%dH*n) hl (Am vorstcliciulrri lii-iltag zur Lilvratur der letzten vierzig, Jahre wurde eine Würdigung des eigentlich jüdischen Schrifttums, des hebräischen wie des jiddischen, die z. T. anderweitig erfolgt, mit Bedacht vermieden. Ebensowenig sollte ein volLstiindiRes Bild gegeben werden; es handelte sich nicht um die l'olhtihligkeit der zu erwähnenden Namen. Auch die ftilge'ide kleine Anthologie liann und soll nicht alle guten noch auch nur die schönsten oder jüdischsten Gedichte unserer vielsprachigen Lyrik wiedergehen; ein Rebolenerwcise schmaler Sektor daraus mag gewisse Grenzen andeuten, zwischen denen das jüdische Gedicht lebt und atmet; für die patriarchalisch kunstlose, gesinnungskräftige nationale Verve des Ostens spricht S. Frag, der erste Meister jiddischer Lyrik, für die nach höchster /.acht und Virtuosität tief verinnerlichte und wieder ins Volkhafte aufbrechende Kunst des Wesens der letzte Meister deutsch-jüdischer Dichtung, Kurl Wolfskehl, neben der sozialen Bitterkeit des amerikanischen Ghettos hei llalpcm steht das freie Pathos romanischer llymnih bei Andre Spire, neben der lyrischen, menschheitlichen Resignation des Engländers Siegfried Sassoon das schon klassisch gewordene, fast prophetische Lied des Oesterreichers Richard Bcer-Ilofmann, dem jüdischen „Glück" Else Lasher-Schülers folgt die jüdische Not bei Abraham Reisen, dem wiedereroberten Judentum Max Brods die Menschheitssuche des Polen Julian '/'mein. Dies alles sind Grenzen der Lyrik, nicht unsre ganze Lyrik selbst, nicht einmal alles Beste unserer deutschsprachigen Lyrik seit der Erneuerung, die einst gesinnungsstark mit der Anthologie „Junge Harfen" und im „Jüdischen Almanueh" einsetzte, die u. a. Gedichte von dem jungen Marlin Buher, Hugo Salus, Hugo '/.uckermann, Theodor Ztocisti, Adolph Donath und vor allern dem Herausgeber Berthold l'eiwel enthalten. Aus spaterer Zeit tnögen einige Namen wie Franz Werfet, Stefan Zweig und in der jüngeren Generation l'riel Birnbaum, Oskar Kohn, Ludwig Strauß, Arthur Silbergleit u. a. genannt werden. (Die hier zitierten nichtdeutschen Gedichte sind von Leo Hirsch übersetzt.) Beer - Hofmann und Brod sandten mu zu unserem Jubiläum die Gedichte, handschriftlich. L. U. < \ (