Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 31-32 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31/32, 17. IV. 1935 46 MHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 31 „istische Oesinrmng — die Qefilde der Pnwperity mit allercJ;irkstem Elleiibogengebrauch für sich abzugrasen. Nun ist man im heutigen Palästina in dieser Hinsicht weder versöhnt noch zimperlich — aber hier liegen eben doch Fälle vor, die aus der Masse hcrausragen. Ueberhaupt muß man die Feststellung machen, daß dort, wo Einwanderer aus Deutschland die Schranken durchbrechen, die sie sich in ihrem früheren Leben selbst zu setzen pflegten, sie besonders radikal verfahren. So ist nicht zu leugnen, daß diejenigen, die den — wen/gstens in den Städten vorhandenen — nicht gerade sehr höflichen Verkehrston für sich akzeptieren, den Formen dfjr „übertünchten Höflichkeit Europas" besonders energisch \felet gesagt haben. Die seelische Lage der Einwanderer ist selbstredend nicht auf eine Formel zu bringen. Schwer ist die Situation jener alten Zionisten, die mit Ansprüchen ins Land kamen, die sie aus ihrer langjährigen Arbeit für Palästina ableiteten. Sie haben erkennen müssen, daß das Land gerade dem Zionisten eine Fülle von Verpflichtungen auferlegt ohne die Bereitschaft, heute und in dieser Generation einen Dank dafür abzustatten. Schwierig ist auch die subjektive Lage derer, die von Palästina die Vorstellung' bereits verwirklichter zionistischer Ideale hatten, und nun erkennen müssen, wie entfernt wir gerade heute im Stadium der großen Expansion von den meisten dieser Vorstellungen sind. Man muß aber hoffen, daß gerade aus diesem Kreis solche Menschen hervorgehen werden, die auch in Palästina einsatzbereit bleiben und für die Durchsetzung unserer Forderungen eintreten werden, sobald die Möglichkeit für sie gegebeii ist, von einem festen sozialen Standort aus auf die oft chaotisch anmutenden Kräfte einzuwirken. Denn eines steht fest: Mögen auch diejenigen heute vielfach am besten reüssieren, die unbelastet von Theorien und Idealvorstellungen ins Land gekommen sind — es wird eine Zeit kommen, in der jene Ideen wieder höhere Geltung haben, ja in der sie vielleicht die Voraussetzung dafür sein werden, um im Existenzkampf zu bestehen.-- Einwanderer aus Deutschland in Palästina! Sie bilden trotz jllen Gemeinsamkeiten kein einheitliches Ganzes, und darum ist ihre Beziehung zum Jischtiw und seinen Aufgaben wie auch umgekehrt ihre Beurteilung durch den Jischuw nicht einheitlich. Es gibt Vieles an Spannungen und Mißverständnissen wie auch Bedeutendes an Verständnis und Hilfe. Niemand kann übersehen, daß die Eingliederung deutscher Juden sozial und kulturell gesehen ein ungeheures Problem ist. Es ist bis jetzt nur zum kleinsten [Teil gelöst — und doch ist es eine der großen U eberlrasch un gen, an denen eine Palästinareise so reich ist, [welche Leistung auch auf diesem Gebiete bereits vollbracht ist. Gewiß stehen die deutschen Juden in Palästina noch vor den Beweisen ihrer pionierhaften Leistungsfähigkeit im Sinne anderer jüdischer Gruppen, die diesen Beweis bereits hinter sich haben. Aber auch wenn die äußeren Bedingungen, die das Land heute den Einwanderern bietet, leichtere sind als in der Vergangenheit, so ist die Umstellungsfähigkcit und Eingliederungsmögliehkeit breiter Schichten des deutschen Judentums in Palästina erwiesen — und dies ist die starke Hoffnung für unsere Zukunft, die man in dieser Beziehung mitnimmt, wenn man die Notwendigkeit einer immer engeren Verbindung des deutschen Judentums mit Palästina trkennt. K. L. „Von Juden betrogen" Die „Leipziger Neuesten Nachrichten" vom 14. April bringen ein Inserat, worin es heißt: „Firmen und Geschäftsleute, die insbesondere während der wirt- •rfott liehen Krisenjahre v>n Juden betrugen oder gesihädigt oder deren Notlage ausgenutzt worden ist, wollen zum Zwecke einer gemeinsamen Aktion ihre Anschrift bekanntgeben unter usw." Wenn jemand betrogen oder geschädigt wird, so soll er «ich gewiß zur Wehr setzen. Warum aber eine spezielle „Aktion" gegen Juden damit verbunden sein soll, ist unter sachlichen Gesichtspunkten unverständlich. Gegen unzeitgemäße Veranstaltungen Die Reichsvertretung der deutschen Juden teilt mit: Die Refchsvertretung hat vor einiger Zelt, wie bereits mitgeteilt, bei den jüdischen Gemeinden und Organisationen, den jüdischen Zeltungen und Gemeindeblättern eine Aktion unternommen, um Zahl und Form der jüdischen Veranstaltungen der Lage des deutschen Judentums anzupassen. Diese Anregungen haben, wie wir mit Befriedigung feststellen konnten, beinahe bei allen in Frage kommenden Stellen Verständnis und Bereitschaft zur Durchführung gefunden, und wir dürfen erwarten, daß die Zahl der Veranstaltungen aller Art noch weiter vermindert werden wird. Bedauerlicherweise gibt es noch immer einige wenige Kreise, darunter leider auch Untergruppen jüdischer Organisationen, die es mit dem Ernst der Zeit für vereinbar halten, Fest- und Ballveranstaltungen abzuhalten. Wir wissen uns mit der erdrückenden Mehrheit des deutschen Judentums, das mit Würde und Innerer Haltung seine Sorgen tragt, einig, wenn wir auf das Entschiedenste das Verschwinden solcher Veranstaltungen fordern, die das Bild des deutschen Judentums verfälschen. Wir erwarten, daß die deutschen Juden durch ein Fernbleiben von Veranstaltungen, die der Forderung würdiger Zurückhaltung nicht entsprechen, ihr Verständnis für das Gebot der Stunde bekunden. Gegen den Handel mit Juden Auf einer Bauernschaftskundgebimg in Darmstadt hielt, wie die „Frankfurter Zeitung" mitteilt, Reiehsstarthalter Gauleiter Sprenger eine Ansprache, in der er daraut hinwies, daß ebenso wie der Boden, auch das Blut rein zu halte« und zu verbessern sei. Deshalb sei es für den deutschen Bauern eine innerliche Unmöglichkeit, auf dem Dach das Hakenkreuz und unter dem Dach den Juden zu haben, und deshalb müsse jeder den Opfermut aufbringen, einmal auf einen kleinen Vorteil zu verzichten, den ihm ein Handel mit dem Juden einbringen könnte. So, nicht mit «ingeworfenen Fensterscheiben, sondern mit Diszipliniertheit und Einmütigkeit, werde dieses Problem schnell und endgültig gelöst werden. „Auf nach Bern!" Vor dem Bern«r Prozeß 15. 3. teilt mit-. iiltigcn Termin für Der „Welt-Dienst", Erfurt, vom „Pas Hemer Gericht hat nunmehr den en<l; die Wiederaufnahme des Prozesses um die .Protokolle der Weisen von Zion' auf den 29. April bis 4. Mai festgesetzt. Der Prot'6 ist öffentlich. Es hat demnach jedermann Zutritt. In Anbetracht der außerordentlichen Wichtigkeit, den dieser Rechtsstreit für die ganze arische Welt, insl>csotidcre aber für die Judenkenner in allen Ländern hat, wäre es sehr wünschenswert, wenn die Leser und Freunde des ,Welt - Dienst', soweit ihre Rcisedisposiüoricn für die Osterzeit dies zulassen, den Pror. eliver band langen in Hern beiwohnen würden. Ks böte sich auch dem für den Brrrier Prozeß geschaffenen internationalen Komitee, eine günstige Gelegenheit, den zahlreichen Helfern persönlichen Dank (ür ihre tatkräftige Unterstützung und Mitarbeit auszusprechen. Jene Anhänger unserer pan-arischen Bewegung, die sich zur Reise nach Bern entschließen, können sich auf diese Weise völlig unbeeinflußt ein eigenes Urteil über den I'rozcü-Verlauf und die zur Klärung stehenden Fragen bilden. Dies ist deshalb besonders wichtig, weil die große jüdische oder von Juden abhängige Tagcspres,e den Prozeß doch totschweigen, oder ganz verzerrt wieder» gcl>cn wird. Interessenten mögen sich an die Schriftleitung des ,Welt-Dienst*, Erfurt, Garteiistraße 38, wenden. Wir glauben, daß unsere Freunde in Bern das wichtigste Duell miterleben werden, das zwischen dem internationalen Judentum und der arischen Welt in den letzien Jahrzehnten öffentlich ausgetragen worden ist. Neben unseren Gesinnung,freunden ist es natürlich von größter Wichtigkeit, daß auch die auf unserem linden stehende Presse zum Prozeß in Bern anwe-end ist. Die völkische Pre sc;iHer Länder muß im ln.teres-e der Wahrheit ui,J «nseie« K miplcs unbedingt vertreten sein. Sie muß es sehori aus (Lni Onirclc, um den l.iigen und Verdrehungen, die tot-icle-r von <ler inici na! innali-n Judenpresse systinia'isch ausstreut weiden, auf Gnmd utiinittclhar gewonnen« Eindrücke eitidiingiidct entgegen* rrtcn zu k'inmii. Sollten für diese oder jene Zeitungen die Kosten für einen eigenen Berichterstatter zu buch sein, so kunn'en ja zwei oder mehrere Zeitungen zasatnmen nur einen Korrespondenten entsenden. Auf alle Fälle bitten wir auch hier um möglich-tt baldige MrM'imj, welche Wir brachten in Nr. 21 eine Nachricht der Olmiitzcr katholischen Zeitung „Nast'nec" über eine angeblich geplante Konferenz über die Rassetifrage, die von der katholischen Universität in Freiburg (Schwei/) veranstaltet werden sollte. Diese Nachricht wird jetzt von der Katholischen Presseagentur Freiburg (Schwei/) offiziell dementiert. '.'■ti. p.ibel wäre dls e:n Hericht- ■sc auch nantcnU tm-ercr Zeitungen in Hern vcmteit zn sein wün uns der N.tuic des K'urespomh'nten anzugeben, er.statter mehrere Zeitungen vcrtiitt, bitten wir lieh mit anzugeben. Also, auf nach Bern! —" Der Herausgeber des „Welt-Dienst", Oberstlt. a. D. Fleischhauer, wird bekanntlich in Bern das Gutachten für die Angeklagten erstatten. Die Einwanderung Deutscher Juden Die Zionistische Vereinigung für Deutschland teilt mit: Die Jewish Agency for Palestine gibt folgende Daten bekannt, die auf Grund der amtlichen Einwanderungs-Statistik errechnet sind und daher als authentisch angesehen werden müssen. Die Gesamtzahl der in den Jahren 1Q33 und 1934 allein aus Deutschland legal eingewanderten Juden beträgt 16639. Von ihnen kamen 1933: 7210, 1934: 9429 Menschen ins Land. Der grollte Teil der linwanderer erhielt durch Zuteilung der sogenannten Arbeiter-Zertifikate das Recht zur Einwanderung (1933: 3129, 1934: 4082). In beiden Jahren bildete dieser Teil je 20 o/o der gesamten Einwanderung dieser Kategorie. Die übrigen waren entweder im Besitz des Vorzeigegeldes von £ 1000 oder Schüler, die in Palästina ihre wissenschaftliche, Schul- oder Fachausbildung erhalten, oder wanderten als Angehörige palästinensischer Einwohner und als Touristen, denen schon jetzt nachträglich die Möglichkeit des Daueraufenthalts gewahrt wurde, ein. Line beträchtliche Anzahl von Touristen wartet daneben noch auf ihre endgültige Legalisierung. Besonders interessant ist die berufliche Struktur der jüdischen Einwanderung aus Deutschland. Sie wandte sich in außerordentlich starkem Maße der Landwirtschaft, dem Handwerk und der Kleinindustrie zu. So rekrutieren sich 47 o/o aller im Jahre 1934 überhaupt zur Landwirtschaft gegangenen Menschen und 24 °o aller derjenigen, die im Handwerk und In der Kleinindustrie tätig sind, au» dieser Einwanderung. Sie brachte ferner 12 o0 derjenigen Ins Land, die sich ohne nähere Spezifikation als Arbeiter betätigen. Entgegen anderslautenden Meldungen ist die Einwanderung deutscher Juden im letzten halben Jahr nicht zurückgegangen, wenn auch im November 1931: 827, im Dezember: 669 Einwanderer nach Palästina kamen, während noch im Oktober 1326 Menschen einwanderten. Dies ist lediglich auf die Einwanderungsbcstimmungen, nach denen jährlich zweimal, zu Beginn des Frühjahrs und des Winters, die neue Zertifikats-Quote ausgegeben wird, und auf wirtschaftstechnische, saisonbedingte Gründe zurückzuführen. Die ersten beiden Monate des Jahres 1935 haben denn auch bereits eine Steigerung in der Einwandcrungszahl erkennen lassen. Nach diesen authentischen Darstellungen ist anzunehmen, daß die Gesamtzahl der jetzt in Palästina ansässigen, aus Deutschland gekommenen Juden mehr als 22 000 beträgt. In diesem Zusammenhang soll darauf hingewiesen werden, daß nach Schätzungen der jüdischen NXanderungs- Organisationen in anderen Uebersecländern nicht mehr als 7000 deutsche Juden in den letzten zwei Jahren Raum gefunden haben. Etwa drei Viertel der rund "29ODO Menschen, die bisher als endgültig in den Wirtscliaftsprozeß anderer Länder eingegliedert angesehen werden können, sind also nach Palästina gegangen. Am 9. April wurde in Tiberias von dem dorfigen Oberrabbiner der Grundstein zu einer neuen Synagoge und Jcschiwah neben dem Grabmal M a i in o n i d e s' gelegt. Währenddessen glichen Hedda und Georg zwei Marmorh'gtiren. Sie fühlten, daß sie den Blicken aller preisgegeben *aren. Sie glaubten, daß alle Augen nur auf sie gerichtet »ären. Keiner wagte zu lächeln oder zu sprechen oder den ändern anzuschauen. Das Erste und Einzige, was Georg sagte, *"»r: „Wir sind wieder unten." Denn llcdda wäre in der Erregung sitzen geblieben und hallo die Fahrt ein «weites Mal gemacht. Fräulein Dr. Meyer hatte hinter den Mädchen gestanden, in der Aufregung hatte keine von ihnen die Lehrerin bemerkt, hiiulein Dr. Meyer war über den Markt geschritten, spähend und suchend. Sie hatte die Mädchen entdeckt. Jetzt stand sie da, vornübergebeugt. Endlich fand sie Beule; sie halte lange genug gppürscht. Als die Mädchen riefen: ,,Gleich steigen sie aus", schritt Fräulein Dr. Meyer rasch auf das Kiesenrad zu. Die •'lidelien sahen, wie die großen Füße der Lehrerin sich gegen die Schaukel schoben. Sie schrien auf. Sie versuchten, Hedda 'jn /eichen zu geben. Es war vergeblich. Es war zu spät, fräulein Dr. Meyer hörle die Worte, die Georg Man fehl sagle. Sie wandte sich an ihn: „Ich werde die Sorge für junge Mädchen übernehmen, ich!", sagte sie ziemlich J'ul. Hedda wurde totenblaß. Georg war glühend rot. Er "lieb sieben. „Du gehst jetzt sofort nach Haus und meldest ßitli morgen beim Herrn Direktor." Menschen umstanden (>>e drei. Fräulein Doktor schritt als Siegerin vom Platz. Hedda ging gebeugt wie eine Getroffene durch die Menge. l«Dorg verschwand. ,, l'io Angelegenheit wuchs sich zu einem Skandal aus. rrnuleJn Dr. Meyer schwelgte. Ihre Phantasie arbeitete. Sie ,19,,e Sodom und Gornorra entdeckt. Oh, die Jugend! Das ';»ster lauert überall. Allerdings, an Fräulein Meyer halte ei Sl™ nicht herangewagt. Hedda hatte eine schlimme Zeit. Zuerst war sie den fragen von Fräulein Doktor ausgeliefert. Es waren furcht- "•rc Fragen. Es war gut, daß Hedda manches nicht verstand. Dann kamen Konferenzen. Hedda durfte die Schule "lc"t betreten. Die Klasse wurde eingehend verhört. Der j r!'ls zog sieh weiter. Es fanden Besprechungen mit dem Le'^r des Pädagogiums statt. Dieser Herr hieß Schwanke nnd wurde von seinen Miiilem nur der Schwank genannt. Er liebte den Spaß. Er tonnte sehr ernst sein, aber im allgemeinen floß er über!0n Scherzworten, die eine eigenartige, erzieherische Wir- 8 hatten. Direktor Schwanke war beliebt. Der Andrang zu seiner Schule bewies es. Schwanke ließ sich alles genau berichten. Aber das genügte ihm nicht. Er selbst nahm die Untersuchung in die Hand, und es fand eine zweite Konferenz mit ihm statt. Diese Konferenz war eigentlich eine Zwiesprache zwischen Schwanke und Fräulein Dr. Meyer. Die Zwiesprache wurde zu einem Verhör. Schwankes Baß riß die schrillen Antworten von Fräulein Meyer auseinander. Zuletzt war es, als ob eine Kalze mit einer Maus spielte. Fräulein Dr. Meyer wäre gern in ein Mauseloch gekrochen, aber es kam Schwankes Tatze und hieb die jungfräuliche Lehrerin zurück auf das Podium, das sie den Blicken der anderen aussetzte. Der Direktor der .Mädchenschule hatte eingegriffen. Es wurde beschlossen, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen. Und die erschütterten Nerven Fräulein Dr. Meyers verlangten einen dreimonatigen Erholungsurlaub. Und Hedda? Hedda reifte sehr in diesen Wochen. Sie stand ganz allein. Der Vater war zum Direktor gerufen worden. Es war eino Schande über die Familie hereingebrochen. Die Mutier ging mit verweinten Augen herum. Sie halle bis zu ihrer Heirat nie einen jungen Mann angeschaut. Sie hatte gearbeitet. Und nun stand ihre Tochter da, der Makel klebte an ihr. Die ganze Stadt würde es wissen. Es war ein verlorenes Mädchen. Hedda durfte ihr Zimmer nicht verlassen. Niemand sprach mit ihr. Das Kinderfräulein weinte. Ihre Begabung hatte sich als nicht genügend erwiesen, obgleich sie beglaubigt und geslempell war. Dem Fräulein wurde gekündigt. Es bat, gleich gehen zu dürfen. Schon nach vierzehn Tagen war eine neue Kraft gewonnen. Diesmal war es kein l'räulein. Es war eine Erzieherin. Sie hatte noch mehr Diplome, noch mehr Zeugnisse. Sie war nicht mehr jung. Sie halte Erfahrung. Hedda stand ganz allein. Sie hatte die Wahrheit gesagt, die ganze Wahrheit. Man halte ihr zugesclmen: Du lügst, Du hast immer gelogen! Heraus mit der Wahrheit! Hedda begann zu schweigen. Je mehr man schrie, desto hartnäckiger schwieg sie. Sie wurde geschlagen, sie wurde wieder geschlagen. Hedda schwieg. Liebe? Wo war Liebe? Und Gott? Wo war Gott? Er konnte helfen. Wo war Gott? Hedda hielt in sich Abrechnung. Es war eine furchtbare Abrechnung. Und Hedda war dreizehn Jahre alt. Fräulein Gerlrtid Müller war eingetroffen. Fräulein Müller wurde der Vorfall erzählt. Genau erzählt. Heddas ganzes Sündenregister wurde ausgebreitet. Schließlich fragte Fräulein Müller, was denn erwiesen, wirklich erwiesen sei. Die Ellern waren erstaunt. Oh denn das alles nicht genügte? Fräulein Müller antwortete erst nach längerer Zeit: „Es ist so gefährlich, einen unbegründeten Vorwurf zu machen." Die Ellern gingen darüber hinweg. Wie man Hedda auf den guten Weg bringen könnle, fragte Herl hellen. ..Durch LieW, erwiderte Fräulein .Müller, „durch Liebe und immer wieder durch Liebe," Als Bessinger nachts ein Gerh'usrh hörte, machte er rasrh I.it'ht an. Er sah, wie ISerlhrlicn im Betriff war aufzustehen. „Berllichen"', rief Bes-in^-r, „Beiihchcn, Berllichen!" Seine Frau wandle ihm ihr Gesicht zu, und ücsMiiger sah in traurige Augen. „\rnuld, ich h;ilw nicht schlafen können. Die Worte von Fräulein Muller waren Anklagen. Es ist, mir, als ob Du und ich eine Schuld trügen. Ich wollte zu Hedda." „Ich trage Schuld? Du trägst Schuld? Aber Berllichen, hier gibt es nur einen Schuldigen. Hedda. Du hast recht, wir haben viel versäumt. Mir müssen es nachholen. Wir müssen selbst an die Erziehung der Kinder denken. Lotte ist unartig. Robert ist wild. Aber Sorge macht mir Hedda, Ich weiß nicht, was mit ihr ist. Von mir hat sie es nicht." Arn nächsten Morgen wurde Bessinger wiederum zum Direktor gerufen. Bessinger war sehr aufgeregt. Er lief m Bertlichen: „Es ist noch nicht genug. Es wird wieder Neue* herausgekommen sein. Und diese Verstocktheit.. Berllichen, Berllichen, was ist mit Hedda? Von mir hat sie es nicht." Und damit eille er hinaus, Berllichen ging in das Privatbüro. Sic schloß sich ein. Sie mußte weinen. Hedda, ihre Hedda. Sie liebte sie doch. Warum mußte da Wohin mußte es führen? Hessinger war sehr erstaunt, als er von dem Direktor mit einem freundlichen Lächeln empfangen wurde, aus dem ein Zipfelchen versteckter Verlegenheit heraussah: „Lieber Herr Bessinger", sagte der Direktor. Das erstemal hatte der Direklor ihn mit anderen Worten empfangen: „Es tut mir leid, Herr Bessinger, aber —" Und diesmal: lieber Herr Bessinger? Ja, „lieber Herr Bossinger", sagte der Direktor und fuhr fort: „Die Angelegenheit ist genau geprüft worden. Ich bin glücklich, Ihnen sagen zu können, sie hat sich als harmlos herausgestellt, ganz harmlos. Wir waren ja alle einmal jung, Herr Hessinger ------" Mehr konnte der Direktor nicht sagen. Er erschrak, als er den Mann vor sich erbleichen sah. Keine Spur von Blut schien mehr in seinein Gesicht tu sein. (rorti.t«»nc '•'«»);