Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 31-32 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 30 40 JAHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31/32, 17. IV. 1935 Geste von obenher deuten, die täglich, im stillen, in unzähligen Häusern, am Stammtisch, zwischen Tür und Angel sich abspielen, wenn an die ,,Jüdische Rundschau" gedacht oder von ihr gesprochen wird. Die meisten fangen beim Annoncen- Teil an. Nicht mit Unrecht! Es ist ein Gemeinplatz, daß zwischen den Zeilen der Anzeigen Tragödien ablaufen, aber auch alle anderen Genres der Bühne. Man sehe nicht auf die herab, die nur für die Sportnachrichten Interesse haben! Aber man zeige auch Toleranz gegen die, die sich auf „Palästina" stürzenI Familien-Nachrichten sind außerhalb Berlins äußerst beliebt. Und am liebsten liest der Empfänger der „Kundschau" sich selbst, in jeder Form angerichtet. fliner Ihrer Abonnenten, bei dein ich jüngst die „Jüdische Rundschau" sah, sagte mir, er sei keineswegs Zionist, ja sogar heftiger Gegner der zionistischen Klee, aber die „Rundschau" sei das einzige Blatt, das er lesen könne. Ein anderer machte mir — was ich an Sie weitergeben muß — den Vorwurf, daß er nach dem hebräischen Sprachkurs in Ihrer Zeitung im vorigen Jahr noch nicht hebräisch sprechen könne und bei der neuen schwierigeren hebräischen Sprachecke nicht mehr mitkäme. Ich habe Freunde, die wichtige Essays und wissenschaftliche Artikel nach der Lektüre ausschneiden, aufbewahren, in einschlägige Bücher, die das gleiche Thema behandeln, einlegen. Aber mein Sohn sagte mir jüngst, daß er und seine Kameraden lange, gelehrte Aufsätze, die nicht völlig gemeinverständlich abgefaßt seien und systematisch erworbenes Wissen voraussetzen, für einen Greuel, für unjournalistischen Dilettantismus und ungenießbare pseudowissenschaftliche Belletristik halten; man müsse sich unsere „Illustrierten'' zum Muster nehmen. — „Ich lese die Jüdische Rundschau'", sagte mir ein Kaufmann, der den ganzen Tag mit seinem kleinen Wagen die Kundschaft besuchen muß, „weil sie etwas ganz anderes ist als die Iiiatter, die ich täglich lesen muß; sie ersetzt mir Romane, Kino, Theater, Predigt und Gebet —• am liebsten lese ich die Leitartikel und schwierigere belehrende Aufsätze über Stoffe, die mir neu sind; ich lese die ,Rundschau' nicht wie ein gewöhnliches Zeitimgsblatt, sondern trage sie immer bei mir und studiere darin in langen Wartestunden unterwegs; ich empfinde die Jüdische Rundschau' als das größte Aktivuni des deutschen Judentums." — „Ich lese die ,Jüdische Rundschau' nicht mehr", erzählte mir neulich ungefragt ein jüdischer Gmßkaufmann, „weil doch immer wieder das (deiche drin stellt und mir Palästina jetzt genügend vorge-tcllt ist." Ich habe Ihnen einen winzigen Ausschnitt aus dem Stimmengewirr Ihrer Leser anläßlich eles 40jährigen Jubiläums gegeben. Ich meine, das wird Sic in Ihrer bisherigen Haltung bestärken, nur dem Allerbesten und Gesiebtesten den Zutritt zu geben, dem Alltag, unseren Sorgen in- und außerhalb des Landes das gleiche Recht einzuräumen wie dem großen ewigen Thema unseres Wesens und Werdens, unseres geistigen Daseins und unserer materiellen Zukunft. Die Leser zahl Ihrer „Rundschau" wird etwa das Fünffache der Kauf erzähl ausmachen. Und welche Leser! Keine „B.-Z."-Leser! In Palästina wird die „Jüdische Rundschau" zweimal in der Woche so sehnlichst erwartet wie in Berlin und in der fränkischem Kleinstadt, sie wird auch anderwärts genau so aufmerksam gelesen. Das kann nur daran liegen, daß Sie so „unjournalistisch" sind, wie man Ihnen vorwirft, daß Sie so wenig parteilich eingeschworen sind, wie man Welorts bedauert. Daß Ihre Leser so viel an Ihnen auszusetzen haben, macht Ihre Stärke und Unentbehrlichkeit aus; sonst wären Sie wie jede andere Zeitung so beliebt und so „wegwerfend" behandelt. Bitte bleiben Sie, wie Sie sind: ein Grundpfeiler der Judenheit, in und außerhalb Deutschlands. Mit herzlichen Grüßen Ihr L u d vv ig F e uc h t w a n g er DIE DEUTSCHEN EINWANDERER Anläßlich des 25jährigen Regierungs-Jubiläums König Georgs von England hat die Stadtverwaltung von Tel- Awiw einmutig beschlossen, die Karmeisfraße in könig- (jeorg-Straßc umzubenennen. Haifa, Anfang April 1035 Der Reisende aus Deutschland, der den Fortschritt des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina betrachtet, begegnet auf Schritt und Tritt dem Einwanderer aus dem Kreise der Olej Germania, und nicht weniger zahlreich als diese persönlichen Begegnungen sind die Unterhaltungen, die man mit Angehörigen aller Gruppen des Jischuw über die besonderen Probleme und Sorgen der deutsch-jüdischen Einwanderer führt. In der Tat ist das öffentliche Interesse am Schicksal gerade dieser Einwanderergruppe besonders grofi. Das liegt nicht nur daran, daß die Tragik der Geschehnisse, die das deutsche Judentum in den beiden letzten Jahren betroffen haben, auch hier äußerst intensiv empfunden wird, sondern ist auch in der Tatsache begründet, daß das östliche Judentum und somit auch der Zionismus in Osteuropa, der bisher das Hauptkontingent der Palästina-Einwanderer stellte, stets die Bedeutung der ideologischen Fundierung des Zionismus erkannte, wie sie in Deutschland und vom deutschen Judentum aus erfolgte. In dieser Erscheinung wirkte sich ja gleichsam ein letzter Ausläufer der geistigen Suprematie des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert aus. Es war für viele schmerzlich zu sehen, daß das deutsche — und das gesamte westliche — Judentum praktisch nur einen so geringen Anteil am realen Palästina-Aufbau nahm. Um so größer ist das Interesse, das Wohlwollen und auch die Kritik, die in Erscheinung treten, nachdem eine Masseneinwanderung auch aus Deutschland eingesetzt hat. Es ist heute gewiß nicht möglich, audh nur eine vorläufige Zwischenbilanz davon zu geben, was diese Alijah aus Deutschland dem Lande gebracht hat, bzw. wie ihre Lage und ihre Perspektive ist. Im Gegenteil muß mit aller Eindringlichkeit festgestellt werden, daß auf keinem Gebiete heute die Möglichkeit besteht, von endgültigen, absolut ge. sicherten Erfolgen oder auch von entsprechenden, nicht mehr gut zu machenden Mißerfolgen zu reden. Das gilt zunächst und in erster Linie für die Frage der wirtschaftlichen Eingliederung. Ohne Zweifel hat eine große Zahl von Unternehmungen einen guten Start gehabt. Man kann aber weder bei landwirtschaftlicher Ansiedlung noch bei handwerklichen, industriellen oder kaufmännischen Betrieben, die höchstens zwei Jahre alt sind, vielfach noch nicht einmal solange bestehen, ein Urteil darüber abgeben, ob der Versuch geglückt ist oder nicht. Das gilt sowohl von all den Unternehmungen, die reüssieren, wie auch von anderen, die mit großen Anfangsschwierigkeiten zu kämpfen haben. Im allgemeinen wird von allen dazu berufenen Instanzen des Landes betont, daß die wirtschaftliche Eingliederung der Olim aus Deutschland keine unverhältnismäßig großen Schwierigkeiten im Vergleich mit anderen Einwanderergruppen gemacht hat und macht. Wenn man von den bestehenden Hemmnissen relativ viel spricht, so liegt dies in erster Linie daran, daß die Oeffentlichkeit sidh im allgemeinen viel weniger um das Ergehen der Einwanderer zu sorgen pflegt, und daß eigentlich zum ersten Male bei der deutsch-jüdischen Alijah so etwas wie eine organisierte Hilfe seitens des Jischuw und der nationalen Institutionen in Erscheinung trat. Trotzdem soll man nicht verkennen, daß der kritische Punkt für eine zahlenmäßig nicht geringe Zahl von Einwanderern noch bevorsteht. Es gibt unter der Gruppe der Mittelständler, die als sogenannte „Kapitalisten" ins Land gekommen sind, nicht wenige, die von ihrem £-1000-Kapital zehren, und zwar nicht nur diejenigen, die aus irgendwelchen besonderen Gründen noch nicht zur Existenzgründung gekommen sind, sondern auch manche, die zwar bereits etwas unternommen haben, jedodh ihren Lebensstandard nicht genügend einzuschränken verstehen. Diese Kreisie leben teilweise noch von der Substanz t(n<J gehen naturgemäß einer kritischen Periode entgegen. Betrachtet man die Häuptlingen der ökonomi. sehen und sozialen Aufgliederung der deutschen Juden in Palästina, so kann als größtes Aktivum konstatiert werden, daß ein gewaltiger Teil den Weg zur produktiven körperlichen Arbeit gefunden hat, und daß ein erheblicher Prozentsatz hiervon aufs Land gegangen ist, sowohl in die Kwuzoth und Kibbuzim wie auch als Arbeiter in die Moschj. woth und als Einzelsiedler an verschiedenen neuen Punkten des flachen Landes. In dieser Beziehung rangiert die deutschjüdische Alijah heute durchaus vor wichtigen anderen Gruppen, die ins Land kommen. Ueberall wo eine größere Zahl von Menschen, die ihr angehören, arbeitet, lobt man ihren Arbeitseifer und ihren Willen, sich den Bedingungen des Landes und eines einfachen Arbeitslebens anzupassen. In einem zunächst merkwürdig erscheinenden Gegensatt hierzu steht die Tatsache, daß auf der anderen Seite durch diese Einwanderung eine U e bc r s t c i g e r u n g der Le. bensgewohnheiten, ja eine Züchtung von Luxus und eine Ueberteuerung gewisser Bedarfsgüter eingetreten ist, wte es Palästina bis dahin noch nicht kannte. Der Gegensatz ist allerdings nur ein scheinbarer. Eine große Zahl deutscher Juden, die aus"Großstädten ins Land gekommen sind, war in der kurzen Zeit, die sie von ihrem früheren Leben scheidet, noch nicht fähig, sich von den altgewohnten Lebensformen zu trennen. Nur ein Teil aller Menschen besitzt ja die Elastizität, die notwendig ist, um rasch den Ueberganj; zu anderen Gewohnheiten zu finden. So ergab sich die soziale Basis dafür, daß die verschiedenartigsten Unternehmungen des Luxusbedarfes in den Städten Palästinas eröffnet wurden, und diese Basis wurde auch noch dadurch erweitert, daß bedeutende Schichten der Bevölkerung, die ganz anderen Kreisen entstammen, ihre in der Zeit der Prosperität entstandene größere Kaufkraft nur allzu wiliig dazu benutzen, um ihren Lebensstandard zu erhöhen und auch Luxusbedürf. nisse zu befriedigen. Das gilt nicht nur vom Bürgertum, sondern auch von bedeutenden Gruppen der gut verdienet, den städtischen Arbeiterschaft. Niemand, der ernsthaft über den tafsächlichen Stand der palästinensischen Wirtschaft nachdenkt, kann leugnen, daß es sich hierbei um eine ungesunde Erscheinung handelt. Es ist sicher, daß gerade die Unternehmungen dieser Art bei einem ersten Nachlassen der Konjunktur zunächst betroffen sein werden. Wenn also diese Gabe der Einwanderer aus Deutschland für das Land zwar ein Danaergeschenk ist, so muß dennoch darauf hingewisen werden, — und es wird heute auch allgemein anerkannt —, daß die Entfaltung der palästinensischen Wirtschaft durch sie neue Impulse erhalten hat. Einwanderer aus Deutschland haben Industrien entwickelt, die in der Zukunft berufen sein werden, das. Gesicht des Landes stark zu verändern. Eine Fahrt durch die industriellen Vorort-Siedlungen von Tel-Awiw oder Haifa Lst in dieser Hinsicht höchst aufschlußreich. Eine große Zahl von Fachkräften aus Deutschland hat zahlreichen Zweigen dts Wirtschaftslebens bedeutende Energien zugeführt und schon jetzt dazu beigetragen, daß das Qualitätsniveau vieler Erzeugnisse sich gehoben hat. Eine damit durchaus in Parallele zu setzende Erscheinung ist die Befruchtung, die der Jischuw durch die Einwanderung zahlreicher Wissenschaftler und Künstler von Rang, insbesondere auch von qualitativ besonders hervorragenden Aerzten erlauft hat. Mag auch im Einzelfalle die Konkurrenzfurcht gelegentlich überwiegen und zu ungerechten Beurteilungen führen - die öffentliche Meinung des Landes erkennt dieses Positivus durchaus an. Es gibt in diesem Zusammenhang natürlich auch manches Problematische, das stark in die Augen fällt. Eine gewiss Zahl deutsch-jüdischer Einwanderer ist bestrebt — und zwar ohne Rücksicht auf ihre frühere zionistische oder nichtzio auf, idingen steht die Welt Erzählung von GERSON STERN 6. Furt»el«ung (.or^riglit. Verlag Erich Rein, Berlin 7. KAPITEL Neben der Madchen-rhule Int. ein Pädagogium für Knaben. Was bedeutete das für die Mädchen? Nichts. Was bedeutete es für die Knaben? Nichts. Man sah sich, man beachtete einander nicht. Die Mädchen hatten andere Gedanken als die Knaben und die Knaben andere als die Mädchen. Die Lehrer waren da und die Lehrerinnen, und jeder hielt sich für verpflichtet, über die Tugend der Schüler zu wachen. Aber der beste Wächter war und blieb Fräulein Dr. Meyer. Sie war nicht nur der Schrecken der Schülerinnen. Der Schrecken umfaßte seihst die Lehrer. Fräulein Dr. Meyer war sehr kurzsichtig. Sie beugte sich etwas nach vorn. Es schien, als schnüffelte sie ein wenig. Mit den Schülern und Schülerinnen verhielt es sich so: Man sali sieb, man beachtete einander nicht. Wenigstens schien es so. So schien es allpn. Bis auf Fräulein Dr. .Meyer. Sie schnüffelte. Sie roch Sodom und Gomorra. Da waren die Mädchen von dreizehn Jahren, die heimlich untereinander kicherten und rot wurden und plötzlich sehwiegen, wenn Fräulein Dr. Meyer so ganz zufällig und unerwartet zwischen ihnen stand. Einmal meinte Fräulein Doktor, ein Zettelehen in der Hand von Albertine Gregor z.u sehen. Fräulein Doktor stieß wie ein Habicht auf Albertine los, packte deren beide Hände. Sie waren leer. Ja, diese Mädchen, die, ihre dreizehn Jahre trugen in Jubel, in Erwartung, in Freude, und in Scheu und heiliger Scham. Ihre Augen leuchteten und lachten wie eine stille Herausforderung. Und in ihnen war doch eine Reinheit, die nicht überschattet wurde von dem kommenden Drängen. Da waren diese Jungen von fünfzehn Jahren. Was wollten sie? Nichts, eigentlich nichts. Aber ein Stückchen Erwachen, rin Stückchen Eitelkeit, ein Stückehen Abenteuerlust, ein Stückchen Spielen mit der Gefahr trieb sie. Nicht jeden. Aber manche. Mancher entdeckte plötzlich, daß dieses Mädchen und) niemals eine andere für ihn auserwählt wäre. Und sie wurde von ihm erwählt, für vier Wochen, zuweilen sogar für länger. Kleine Kassiber flogen auf rätselhafte Weise in die richtigen Hände. Es kam vor, daß man sieh zufällig bei Bekannten traf und sehr verlegen wurde. Dir Kühnsten verabredeten, sich im Sladtpark oder auf dem Wall zu treffen. Man grüßte, man sagte sich guten Tag. Vielleicht ging man soweit, einander die Hand zu gellen. Es war furchtbar aufregend. Und jeder war eigentlich froh, wenn das Abenteuer glücklich beendet war. Man hatte fünf Worte gesprochen, meistens über Fräulein Meyer. ,,Sie" hatte gekichert, „er" hatte versucht zu lachen. Man war im Stimmbruch. So kam nur ein Grunzen heraus. Aber jeder erinnerte sich lange dieser unglaublichen Begebenheit. Hedda hatte diese Vorgänge als Unbeteiligte miterlebt. Sie hatte gelacht, gekichert und war rot geworden, wenn Fraulein Doktor sich heranpürschte. Eines Tages befand sieb auch in Hedrias Hand ein Zettel. Ein Zettel! Er brannte;. Es war fürchterlich. Hedda wurde so rot, daß sie sich bückte, * um sieh bei dem gerade vorstoßenden Fräulein Meyer nicht zu verraten. Es hatte sich wie von selbst ein Beobachtungsdienst gebildet. Auf ein Zeichen wurde der Zettel entfaltet. Zwanzig Mädchen versuchten, über Ilcddas Hucken mitzulesen: „Sehr geehrte» Fräulein! Heute nachmittag beim Nachhausegehen werde ich Sie um 4 Uhr grüßen. G. M." „Ein gebildeter Mensch", meinte Dora Reder, die als Autorität galt. » Da hüstele der Beobachtungsposten, und schon in der nächsten Sekunde stand Fräulein Doktor zwischen den Mädchen, die erschreckt aufschrien. Hedda hatte den Zettel rasch an Albertine weitergegeben. Fräulein Doktors Nüstern blähten sich. Sie eilte auf Albertine zu. Die drehte sich rasch herum. Fräulein Doktor faßte sie von hinten. Albertine schob blitzschnell den Zettel in den Mund, kaute ein-, zweimal und schluckte ihn herunter. „Zeig Deine Hände", schrie Fräulein Doktor. „Mach Deinen Mund auf", schrie Fräulein Doktor, „Was hast Du eben heruntergeschluckt?" „Einen Bonbon", sagte Albertine. Sie war schneeweiß. „Du lügst", schrie Fräulein Doktor. Albertine blift» stumm. Sie stand blaß und ruhig da. Fräulein Doktor saJi von Hedda auf Albertine, von Albertine auf Hedda. Hedda war von fünfzehn Mädchen begleitet, als sie, nach Hause ging. An der Ecke der Königstraße stießen sie auf fünfzehn Jungens, die ihre Kappen zogen und grüßten. Lj waren Obcrsekundaner. Die Mädchen waren sehr verleg«, Oltersekundaner? Nun, Dora Reder hatte ja von einem cebildelen Menschen gesprochen. Hedda sah nicht auf. Sie hatte nicht aufsehen können. Es war Albertine. die ihr zuflüsterte; „Hedda, es ist Georg Manfeld. Er hat Dich angesehen." Ileddas Tage änderten sich. Sie hatte sich mit Georg auf dem Wall getroffen. Fast fünf Minuten halte man zusammen gesprochen. Und beim Abschied hatte Georg Hedda die Hand gegeben. Es kam eine große Scheu in ihr auf. Aber (las eigentlich Aufregende war: man hatte sich verabredet, *«» der bevorstehenden Kirmes zusammen in der russischen Schaukel zu fahren. Das war neu. Das war noch nie geschehen. Bald wußte es die Klasse, Hedda und Georg fahren zusammen in der russischen Schaukel. Die beiden werden sich später heiraten. Es war Kirmes. Es war ein klarer Sonnentag. Die Buden- Straßen waren erfüllt von der treibenden Menschenmenge. Di» meisten Besucher stauten sich bei den größeren Zelten nun bei den Karussells. Heddas Klasse hatte heute eine besonder« Neigung für die russische Schaukel. Man fuhr darin, man umstand sie. Auf einmal stieß man sich an. Hedda kam, und gleichzeitig entdeckte man von der anderen Seite Georg, tr war sehr sorgfältig angezogen. Hedda grüßte und schritt auf die Ka-sse zu. Hedda war etwas blaß, aber sie ging, ohne sich umzuschauen. Man empfand, daß sie sich sehr gut l,c" nahm. Da stand Georg neben ihr, ganz zufällig in dem Augenblick, als sie in eine Gondel einsteigen wollte. *<('''r# grüßte. Es sah ziemlich kühl aus. Beide stiegen ein. f Riesenrad, das die einzelnen Gondeln in einem großen Krip^ von unten nach oben und wieder herunter führte, setzte sie in Bewegung. Die Mädchen stießen einander an. Sin winkten, sie lachten, sie waren ziemlieh laut, denn es herrschte gro'* Lärm auf dem Platz. Sie beobachteten die beiden. Sie ri«* p einander Scherzworte zu: „Seht, er hält ihre Hände. 1>W gibt er ihr einen Kuß. Pardauz, jetzt hat sie ihn. I'1« Georg und diese lleddal Die sind lustigl" So ging es weiter«