Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 31-32 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2653827-2653858--26715-2688115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
fit. 31/32, 17. IV. 1935 40 JAHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 2? Jüdische Kulturarbeit in Deutschland und Palästina Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem Die jüdische Kulturarbeit in Deutschland steht heute unter dem ebenso chancenreichen wie gefährlichen Zeichen der Konjunktur. Die äußeren Verhältnisse haben viele deutsche Juden auf die jüdischen Gehalte zwangsweise zurückgeworfen, und man ergreift diese weniger ihres Wertes halber als um einen seelischen und gedanklichen Hohlraum auszufüllen, der vorher anders besetzt war. Die Hurtigkeit, mit der sich manche umzustellen wissen, kann mitunter peinlich, die Starr, heit der „ewig Gestrigen" demgegenüber sympathisch wirken. Es ist nicht immer wertsteigernd, mit dem Strom zu schwimmen. Und trotz alledem: die Geschichte hat die deutschen Juden zu ihrem unverlierbaren, unbestreitbaren und unabdingbaren Kern geführt. Das, was übrig bleibt, wenn alles andere zer- und abfällt, das innerste Judentum ist es, aus dem die Kulturarbeit unter den deutschen Juden heute Kraft und Schwung zieht. Tausendmal entstellt und mißbraucht bleibt die Wahrheit doch Wahrheit. Uns lautet sie, daß in der großen symphonisch zusammenklingenden Melodie der Menschheit unsere Tonart die jüdische ist, die einzige, die wir ganz rein beherrschen, ganz voll verstehen. Das deutsche Judentum lernt heute seine alte Tonart aufs neue. II. Jüdische Kulturarbeit in Erez Israel ist ein — vielgepriesenes, doch recht vernachlässigtes — Stiefkind, insbesondere in diesen letzten Jahren der wirtschaftlichen Hochblüte. Die hebräische Sprache herrscht im Amtsbetrieb, aber durchaus nicht in allen Familien; man ist, in Umkehnuig eines Leitwortes der Haskala, allzu oft „Jude draußen und Mensch drinnen". Die Volksschulen reichen keinesfalls aus, um alle Kinder in „schulpflichtigem" Alter — eine Schulpflicht besteht jedoch nicht! — aufzunehmen, und eine be- DIE JUNGE GENERATION GRATULIERT Oat «inzigo Sptzlalgetchäft »m Pietz» Frankfurt a.M.,Kalserstr.7 | denklich große Anzahl von Kindern geht gar nicht oder mir bis zum 10. Jahre zur Schule. Die Mittelschulen ringen schwer mit den Problemen der inneren Judaisierung (statt einer formalen Hebraisierung), der staatsbürgerlichen Erziehung, der Abgrenzung gegen den pädagogischen Absolutlieitsanspruch mancher palästinensischer Jugendbewegungen; die Universität wird nur sehr allmählich ein wirklicher Faktor im Leben des Landes. Auch Presse und Bühne stecken, mit europäischen Maßstäben gemessen, im Grunde noch in den Anfängen, und die Erwachsenenbildung wird meist in ganz veralteten Vortragsmethoden geübt. Vor allem aber: die Frage des Judentunis als solchen, seines Sinns und seiner Aufgabe, scheint hier unwichtig. Eine — falsche und oberflächliche, aber sehr weit verbreitete - Selbstverständlichkeit des Judeseins tritt an die Stelle der echten Problematik, die von der Weltlage und der politischwirtsehaftlich-geistigen Lage der Juden in der Welt ebenso erfordert würde wie von der durchschauten Situation Palästinas selbst. III. Steht es mithin so, daß in Deutschland die jüdische Erziehungsarbeit — auf die ja jede echte Kulturarbeit abzielen muß — ernstere Erfolgsaussichten hat als in Erez Israel? Scheinbar ja, aber eben nur sehr scheinbar. Es ist eben jene Scheinbarkeit, jene Schattenhaftigkeit des jüdischen Lebens in Deutschland, das zu einem oft nur scheinbaren, iniverpflichteten Hinhören, ja auch „Tun" führt und es zulaßt, während die volle Wirklichkeit Palästinas gerade »ües verbietet. Gewiß ist es der Stimme des geistigen Judentums heute in Erez Jisrael schwerer, sich hörbar zu machen, ais vielleicht irgendwo sonst — aber wenn sie hier einmal gehört wird, dann wird man ihr mit dem vollen Lebensciusatz gehorchen müssen, ohne Möglichkeit zu Fiktion und Ausflucht. Das fühlt man hier, und deshalb stellt man sich taub; ganz so, wie man in Deutschland leicht hellhörigsein lann, weil man nur in den seltensten Fällen für das aufgenommene Wort ganz wird eintreten müssen. Daher verhandeln sich Menschen so oft, wenn sie aus Deutschland hierher kommen; nur wenige bringen die Kraft auf, auch i" Palästina das wenigstens versuchsweise zu verwirklichen, was sie sich in Deutschland predigen ließen und selber preßten. Auf diese Wenigen, Harten, kommt es an: sie verbinden die echte jüdische Kulturarbeit in Deutschland mit ötr in Erez Israel. IV. Wir dürfen der „Jüdischen Rundschau" zu ihrem 40. Geburt^tagsagen, daß sie — zwar nicht immer, aber immer wieder — zu diesen Wenigen und Harten gehört hat. Kritisch Regen die Konjunktur in den eigenen Reihen, kritisch auch Kc-^t-ri die Taubheit im jüdischen Lande, war sie skeptisch a"s Glauben und stark in der Zeit großer Not. Mög-c sie 111 besseren Tagen weiter unsere Lehrerin sein! Vierzig Jahre „Jüdische Rundschau", das heißt Erziehungsarbeit an drei zionistischen Generationen. Von der dritten, jenen Menschen also, die heute zwischen 20 und 30 sind, ist hier die Rede. Ihr Weg ins Leben unterschied sich wesentlich von dem ihrer beiden Vorgängerinnen. Aber auch die zionistische Bewegung war in ein neues Stadium getreten, hatte gründlich Charakter und Aussehen geändert, als sie zu ihr fand. Wie hatte die Zeit diese jungen Menschen geformt? Als sie Kinder waren und sprechen und verstehen lernten, klang fürs erste und dann dauernd meist Not und Schmerz und Entsetzen an ihr Ohr. Da war wenig von jener Sonne zu verspüren, die die Kindheit früherer Generationen durchleuchtet und erwärmt hatte. Und als sie dann in jenes Alter kamen, wo sich aus tausenderlei Eindrücken Ansichten und Anschauungen zu bilden beginnen, brach in der Welt der Erwachsenen ein ganzes Jahrhundert mit seinen so unerschütterlich geschienenen Begriffsgebäuden zusammen und begrub unter seinen Trümmern gar viele Orientierungsmögliehkeiten. Die jungen Menschen mußten, ganz auf sich gewiesen, nach einem Halt in dieser schwankenden Zeit schauen. Frühere Generationen mußten sich bloß einordnen, hatten nur die „Qual" der Berufswahl. War diese Frage einmal beantwortet, dann ließ es sich für weitere Jahrzehnte nach einem ungefähr absehbaren Plan leben, dann gab es eine Zukunft. In dem Menschen zwischen 20 und 30 zitterten noch die Jahre des Wachsens nach, aber er konnte sich bereits mit beiden Füßen in diese Welt stellen. Das gab ein Gefühl der Ruhe und Sicherheit. Was weiß die Generation von heute davon; sie hat noch ein ganzes Leben vor sich und sieht nicht zehn Schritte weit ihren Weg. Für die jüdische Jugend gibt es noch eine Reihe zusätzlicher Schwierigkeiten. Für sie ist jene Mauer womöglich noch höher aufgetürmt. An einer Stelle jedoch wurde sie durchbrochen und durch diese Lücke dringt zu ihr Licht und Helle. Dort, wo der Zionismus in den jüdischen Lebensbereich eingedrungen ist. Es ist vielleicht noch unabsehbar, was alles der Zionismus für das jüdische Volk bedeutet. Aber eins ist sicher: für die jüdische Jugend unserer Tage bedeutet er die einzige gestaltende und Richtung weisende Kraft in ihrem Leben. Die Berührung mit ihm führt zu einem Aufgabenkreis, der Aktivität und Bewährung fordert und dem eigenen Schaffen das Signum der Fragwürdigkeit nimmt. Das Aufbauwerk in Palästina verlangt unaufhörlich nach jungen Menschen, die sich mit dein ganzen Einsätze ihrer jungen Kraft auf den Boden dieser Realität zu stellen gewillt sind. Hier ist Aufgabe und Sinn beisammen, der junge Jude sieht ein Licht in dem ihn umgebenden Grau. Aber auch die zionistische Bewegung hatte inzwischen den Gang in eine neue Wirklichkeit angetreten. Nach der Erreichung der politischen Voraussetzungen stand sie vor ihrer eigentlichen Aufgabe: dem Aufbau Palästinas, Jetzt erst, tauchte!, ihre ureigensten Probleme auf. Genügten bis dahin Treue mid Begeisterung für die Idee und Bewegung allein, so mußte man jetzt von jedem einzelnen Anhänger auch Bewährung fordern. Hieß Zionismus einst Kampf und Diskussion, so gesellten sich jetzt „Tat, Leistung" hinzu und änderten den Maßstab, der für zionistische Bewährung fortab angewendet werden sollte. Zionismus war nicht mehr eine bloße Angelegenheit eindrucksvoller Feierstunden, eine Summe von Bekenntnissen, Auseinandersetzungen, Makkabäerreden usw. — jetzt war er eine ewig nach vorne drängende Bewegung, die keiner Beschaulichkeit mehr Raum bot. Die Jungen brachten gerne ihre ganze Person zum Einsatz dar.. Und es drohte, zwischen ihnen und jenen „Alten", die wenig Verständnis dafür aufbrachten, ja manchmal sogar hindernd im Wege standen, eine Kluft aufzubrechen. Wenn uns dieser Kampf der Generationen im zionistischen Leben bis zu einem gewissen Grade erspart geblieben ist, so ist dies vor allem dem Umstände zuzuschreiben, daß auch entscheidende Teile der älteren Generation mit offenen Augen in die neue zionistische Zeit eingetreten waren. Sie verstanden die Jungen und diese fanden in ihnen erfahrene Genossen auf dem weiteren Wege. Die „J ü d i s c h e Rundschau" war wohl das Sprachrohr der „erwachsenen Generation" — aber die Jurtgen vernahmen hier eine Sprache, die ihnen verständlich war. So wurde die „Rundschau" zur Brücke zwischen den Generationen. * Die ersten beiden zionistischen Generationen mußten in ihrem Kampfe um den Durchbruch der zionistischen Idee in den Tagen des Zurückfindens zu jüdischen Werten, besonders im Westen, immer wieder die Konzentration des Interesses und der Tätigkeit auf den jüdischen Lebensbezirk fordern. Das konnte eine innere Bereicherung, aber auch eine Einengung des geistigen Horizontes für jene bedeuten, die sich für diesen Weg entschlossen. Eine Bereicherung: weil die Rückkehr zum Judentum die Entdeckung einer neuen Welt bedeutete, die Konfrontierung mit kulturellen Schätzen von ungeahntem Reichtum und Schönheit; weil sich nun neue große Möglichkeiten verpflichtender und darum befriedigender geistiger Chancen eröffneten. Aber in der gleichen Reichweite — wenn nicht nochnäher — lag auch die Schattenseite: das mit der Rückkehr zu sich selbst motivierte Desinteressement an allem Geschehen ringsum. Wir haben die „Sorglosen" später gar oft in der zionistischen Bewegung angetroffen. Sie haben nicht nur in Palästina vor allen Problemen, die nicht die schon von weitem sichtbare Vignette „jüdisch" trugen, die Augen verschlossen, und als sie sie dann später öffneten — meist unfreiwillig — war es vielfach zu spät. Und wir begegneten ihnen heute wiederum in unheimlich starker Zahl und sie verschließen, geblendet von dem Glanz der Prosperity, vor manch lebenswichtiger Frage die Augen. Und auch in der Gallith begegnen wir ihnen auf Schritt und Tritt. Die „Jüdische Rundschau" hingegen hat uns immer wieder zugerufen: Oeffne die Augen, blicke um dich! Beachte deinen Nachbarn und seine Welt! Seine Wege kreuzen die unsrigen, wir werden noch oft miteinander in Berührung kommen. Sie lehrte uns, daß es unmöglich sei, das Araberproblem mit ein paar billigen Gesten abzutun, die Entwicklung Palästinas gesondert von der des übrigen Orients zu betrachten. Sie wies uns an, den Partner England nicht nur von der jüdischen Seite aus zu schauen, sondern auch seinen eigentlichen Stand- und Ausgangspunkt, die englische politische und kulturelle Tradition, "und auch die Psyche des Engländers kennenzulernen. Wir sind auf diese Weise um etliche Illusionen gekommen, denen wir nicht nachzutrauern gedenken. Denn solcher Verlust bereichert. Die Methodik politischer Betrachtung, die wir in der „jüdischen Rundschau" angewandt fanden, das Eriistuehmcn aller in der politischen Welt wirkenden Faktoren, die strenge Distanzierung von einer vielfach praktizierten ironischen Uebcrbeblicltkeit gegenüber gegnerischen oder uns nicht wohlgesinnten Bewegungen hat uns in die Lage gesetzt, manche der Kräfte, die heute das politische und auch kulturelle Bild Europa» gestalten, schon zu einer Zeit kennenzulernen und in ihrer Wirksamkeit richtig einzuschätzen, wo man auch im jüdischen Kreise noch mit besonderer Vorliebe ihnen gegenüber die Position des Vogel Strauß bezog; und die Wirklichkeit hat uns dann gelehrt, daß mau eine solche Position nicht früh genug verlassen kann. * War also die „Jüdische Rundschau" nur eine unnachgiebige und gestrenge, jedem Sentiment verschlossene Mahnerin, eine Gouvernante mit dem mahnend erhobenen Finger? Nein, ihre Forderung nach unbedingter Einhaltung der Wahrheit und Strenge auch sich selbst gegenüber entsprang einer tiefwurzelnden Liebe zum Judentum und zu den Juden. Wieviele ihrer Betrachtungen zu judischen Festen und Feiertagen haben uns das Tor in die Vergangenheit geöffnet, jüdische Generationen vor uns achten und lieben gelehrt, haben uns stolz und freudig gestimmt! Da spannte sich weit der Bogen zwischen einst und heule, und wir spürten uns im geschichtlichen Raum, in dein erst unser Tun seinen eigentlichen Sinn erfuhr. Anständige und wahre Gesinnung erprobt sich in schwierigen Stunden. Sie allem demaskieren und entblößen. Was in solchen Zeiten Große /rigt, hat Wert und Bestand. Die „Judische Rundschau" hat diese i'euerprobe bestanden. Dafiir gebührt ihr. unserer Lehrerin, auch unser Dank, Und unser Dank sei unsere Gratulation. f )r. H ans L i c h t w i t z (Prag) Erfahrungen mit dem Leser Von Ludwig Feuchtwanger, München M ü u c h e n, Ende März 1035 Liebe Redaktion! Heute komme ich als einer aus der großen Schar ihrer über alle Länder verstreuten — ungeduldigen und anspruchsvollen, dankbaren und undankbaren — Leser, um Ihnen zum 40jährigen Geburtstag Ihrer Zeitung Dank und Gruß zu sagen. 40 Jahre sind im Leben einer Zeitung wie 80 Jahre im Leben eines Menschen — und 120 Jahre im Leben eines Menschen dieser Tage! Ich habe mir oft überlegt, wenn ich, wie in den letzten Jahren, begeisterte und kritische, ja ungerechte Urteile über die „Jüdische Rundschau" hörte (sie bleiben nie aus, am Anfang, in der Mitte oder am Schluß _ eines Gesprächs — ob es um Umschichtung, Währungsfragen, " Kindererziehung oder Atomtheorie geht), wie phantastisch auseinander gehend und einander ausschließend die Motive sind, aus denen Ihre Leser Ihre Leser geworden und geblieben sind, wie grundverschieden das ist, was sie in der „Rundschau" suchen und von ihr verlangen. Die Tageszeitung, die wir am Morgen, Mittag und Abend, zum Frühstück, auf dem (jeschäftsweg, im Büro lesen, die müssen wir alle lesen, um über die Tagesereignisse orientiert zu sein, aber sie haben nur die Vokabel „Zeitung" gemein mit Ihrer Zeitung. Wir lesen und lernen in der „Rundschau", seufzen auch hie und da, wie dort, aber wir fühlen uns zu Haus. Auf die „Rundschau" warten wir ungeduldig, wir lesen sie mit einem anderen Herzschlag. Man müßte der Mond in Andersens „Bilderbuch ohne Bilder" sein, die Häuser wie Spielzeug aufklappen und in die Her/en sehen können, wollte man die erfüllten und nichterfüllten Wünsche kennenlernen, die Ihre Leser tagaus, tagein an Ihre Zeitung stellen, wollte mau das gerührte Lob, die stille Dankbarkeit und, nicht zu verschweigen, die überlegene KULTURWERK C Ein« Überraschung in F i « > 11 ind Villktmaiiitiill RARA AVIS FEHLF. Ausgezeichnet* Zigarre, hervorragend in Getchma<* CocscrstDolff >