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Jüdische Rundschau · 1935-04-17 · Heft 31-32 (17.4.1935) · page 20

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 31-32 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 20 40 JAHRE JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 31/32, 17. IV. 1935 ,4*** '• ■,," f barte über den „Nationalismus im Zionismus" mit einer von Franz Oppenheimcr geführten Opposiüonsgruppe. Der Streit selbst und seine damaligen Acußerungcu sind heute verblaßt, wenn auch nicht bedeutungslos; aber wie gut wirc es dem Zionismus, wenn seine inneren Differenzen heute in solch vornehmer Art und auf so hohem geistigem Niveau ausgetragen würden, wie es damals der Fall war! Das Jahr in Berlin und in der Redaktion der „Rundschau" hat mein ganzes Leben bis auf den heutigen Tag entscheidend beeinflußt; umgekehrt nehme ich nur das Verdienst in Anspruch, der erste in der Reihe der aus einem Freundeskreis gekommenen Redakteure gewesen zu sein, die seither fast ununterbrochen das Organ des deutschen Zionismus leiten, und so klein und bescheiden eine Tradition ein- §Gleitet zu haben, die, wie mir scheint, zu einer sehr rühmchen und stolzen geworden ist. Ein Stück Selbstbiographie Von Leo Herrmann (Jerusalem, dzt. New York) Es hat seine guten Seiten, daß Institutionen wie die „Jüdische Rundschau", wenn sie vierzig Jahre alt werden, biographische Anwandlungen bekommen. So werden gewesene Chefredakteure, wie ich, veranlaßt, ein Stück Selbstbiographie testzuhalten, — und wenn andere Institutionen nachfolgen, wird so das Material für Oedenkartikel zur Zeit bereitet. Ich selbst darf wohl mit einigem Recht mit dieser Erinnerung einem Stück eigenen zionistischen Lebens und Tuns einen Rahmen geben. Als ich im April 1913 als Sekretär der Zionistischen Exekutive, damals Engeres Aktions-Gomite genannt, nach Berlin folgte, hatte ich diese Einladung zum Teil wohl meiner journalistischen Wirksamkeit in zionistischen Zeitungen Oesterreichs zu verdanken. In Berlin war ich „nur'1 Sekretär der zionistischen Leitung. Deren Zeitschrift, die „Welt", regierte damals, klug und kräftig, Richard Lichtheim. Neben ihr führte die „Jüdische Rundschau" ein etwas zweitrangiges Dasein, in dem das Sportliche das Zionistische jedenfalls an Qualität übertrat. Bald verlangte die Zionistische Vereinigung von mir, dem der Ruf des Redakteurs gefolgt war, ich solle ihr einen guten Redakteur „meiner Art" aus- Fkotoi Ktiiy Ptniehowici Kew York findig machen. Sokam esdazu, daß ich Hugo Herrmann überredete, seinen schön bürgerlichen Gymnasiallehrerposten aufzugeben und mir in die zionistische Laufbahn zu folgen. Und paar Monate hindurch durfte ich mich der Anerkennung freuen, dali die „Rundschau" besser und besser wurde. Im Mai und Juni 1914 soll es schon vorgekommen sein, daß man sich in der Sächsischen Straße 8 am Freitag mehr um die „Rundschau" riß, als um die „Welt". Aber diese fröhliche Konkurrenz, war nur von kurzer Dauer. Der Ausbruch des Weltkrieges machte der „Welt" und der Redaktion Hugo Herrmanns ein Ende. Er vertauschte die Feder mit dein Offizieresäbel und die „Rundschau" wurde anderen Redakteuren anvertraut. Da es sich ja nur um kurze Zeit handeln konnte, versuchte nian's mit Heinrich Loewe und mit Kurt Blumenfeld. Ich war inzwischen auf einer Inspektionsreise fürs E. A. C. in Wien. Als ich zurückkam (ich glaube, e» war im Oktober 1914) und der Krieg noch immer andauerte, übernahm ich' — teils zog sie mich, teils sank ich hin — die Redaktion neben meiner Sekretariatsarbeit, natürlich nur ,.in Vertretung". Und über vier Jahre fungierte ich dann „i. V." Der Krieg gab meiner ganzen Redaktionszeit die Prägung. Meine Redaktionserinnerungen sind also Kriegs crinncrungen. Bald nachdem ich zu redigieren begonnen hatte, stellte sich heraus, dali die „Rundschau" ein lebendiges, das einzige starke Band war, das die Bewegung mit den Freunden im Felde zusammenhielt. Hunderte und nberhunderte zionistischer Soldaten erwarteten die „Rundschau" und berichteten, Wie sie sie an die nlcht/ionistischen Kameraden weitergaben. So sprachen wir bald zu einer wachsenden Front — und dachten an die Zukunft. Zeichen dieser Verbundenheit waren die Festausgaben der „Jüdischen Rundschau", deren erste zu Chanukkah 5675 (1914) erschien, Jahr um Jahr wiederholt — einmal sogar in der Buchform der „Treue". An dieser Stelle darf ich vielleicht daran erinnern, wie in jenen Kriegsjahren die „Rundschau", von den Soldaten in den Heeren der Mittelmächte gelesen und verbreitet, in breite Massen des Ostjudentums Rußlands Eingang fand, zunächst — offen gestanden —, weil sie als einzige jüdische Zeitung in lateinischer und nicht in gotischer Schrift gesetzt war, aber dann wohl auch, weil sie eine klare zionistische und jüdische Stellung verfocht. Damals habe ich übrigens zum ersten- und zum letztenmal in meiner nunmehr zweiundzwanzigjährigen Beamtenlaufbahn eine Zeitlang von meiner Feder leben können. Offenbar hatten einige meiner Artikel im Osten sehr großen Anklang gefunden. Zweimal hintereinander brachten mir Freunde der „Rundschau", die ich bis dahin nie von Angesicht zu Angesicht gesehen, Liebesgaben in der Form langer Würste nach Berlin — freiwilliges Honorar der Leser in der Armee und der besetzten jüdischen Oemeinden. ich glaube, wir haben meine Mitarbeiter in der Redaktion teilnehmen lassen. Da ich gerade von der Verbreitung im Ausland spreche, — die Zionistische Vereinigung war damals recht stolz, darauf, daß ihre Zeitung an Stelle der „Welt" getreten war —, mag es erlaubt sein, zu erzählen, daß mir 1919 In London Berl Kaznelson erzählte, daß auch in Palästina den Krieg hindurch die „Jüdische Rundschau" treue Leser gehabt harte, zuerst im ganzen Land und dann nach den Schlachten von Oaza und Jerusalem noch im Oalil. Und 1921 erzählte mir ein englischer Jude, der mit Allcnhys Armee in Jerusalem eingezogen war. daß eine dort (unterlassene „Jüdische Rundschau" lebhaftes Interesse gefunden hätte. Anerkennung fand die Redaktion damals auch in Berlin selbst. Besonders ehrenvoll, aber auch anstrengend war die Anerkennung von Professor Hermann Strack. Er gehörte zu dem treuesten Leserkreis, und das war nicht ohne Bedeutung. Denn Schüler Stracks, die Pastoren oder protestantischen Lizentiaten, waren nicht nur als Seelsorger, sondern auch als Zensoren und in anderen Stellungen nesonders im Osten verteilt. Für sie alle war des alten Professors Meinung maßgebende Instanz. Geheimrat Professor Strack aber verfolgte mit Interesse die jüdischen Informationen der „Rundschau" — das war sehr ehrenvoll. Mühevoll war es, da8 er mich, zumeist oft nach einer Nacht, in der ich die Scholemsche Druckerei lange nach Mitternacht verlassen hatte, schon um >:7 Uhr früh im Josty am Potsdamer Platz erwartete, da seine Vorlesung um 7 Uhr begann. Zumeist hatte er in meinem Leitartikel die Stellen, die ihm auffielen, mit roter Tinte unterstrichen und wollte noch 10 oder 95 Exemplare haben, um sie an Schüler zu verschicken, dt« mit sie Kenntnis davon nehmen, was die „Jüdische Rundschau" zu jüdischen Fragen zu sagen hat. Ein anderer treuer Gefolgsmann, der mir zu gleichem Zweck Massenauflagen der „Jüdischen Rundschau" abzunehmen pflegte uno der ein entschiedenes Eintreten für jüdische Ehre zu schätzen wußte, war Generalstabsarzt Professor Leopold Landau. Er behauptete, daß er auf Inspektionsbesuchen immer mehrere „Rundschair-Nummern, mit angestrichenen Artikeln, bei sich trage „für Assimilanten und Antisemiten". So kam die „Rundschau" herum. Sie wurde, durchs Rote Kreuz und das Kopenhagener Zionistische Büro, in die sibirischen Kriegsgefangenenlager gesendet, nach Irkutsk, Wladiwostok, Charbin — und von überall her bekamen wir Acußerungen aus dem Leserkreis, -- von der zionistischen Gemeinde Deutschlands selbst nicht zu reden. Es war für den Redakteur eine schöne Zeit. Zum erstenmal wurde der Redakteur der „Rundschau" ein „Chefredakteur" — denn ich erhielt nach einiger Zeit die Mitarbeit und Unterstützung von Redakteuren, die ihr gutes Teil zum Ausbau der „Rundschau" beitrugen: Abraham Gorodisch, Fritz Löwenstein, Salman Rubaschow, Dr. Max Mayer. Dr. Mayer wurde zuletzt, als ich wieder mehrere Reisen als Sekretär der zionistischen Leitung zu übernehmen hatte, Stellvertreter und ich selbst war dann fast nur noch Leitartikler. Die „Rundschau" hatte inzwischen ihre Abonnentenzahl vervielfacht und schließlich durfte sie zweimal wöchentlich erscheinen. Ich wollte hier nur über einiges „Aeußerliche" berichten. Ueber die Haltung der „Rundschau" in zionistischer, jüdischer und allgemeiner Beziehung zu sprechen, ist nicht mehr wesentlich. Mir scheint — im Licht der Erfahrung, die wir alle seither gesammelt haben —, daß die „Rundschau" in jenen Jahren schon ein gutes Gesicht hatte. Es war nicht immer leicht, sie richtig zu steuern. Es ist uns. soweit ich mich erinnere, im Kriege kein einziges Mai passiert, mit Zensurstellen in Konflikt zu kommen, obzwar wir damals oft genug mit Judengegnern in der Presse die Klinge zu kreuzen hatten. Wenn die Gedenknummer der „Jüdischen Rundschau" erscheint, wird gleichzeitig in Deutschland der Palästina-Tonfilm „Das Land der Verheißung" aufgeführt werden. Auf diesen Film bin ich einigermaßen so stolz wie auf die Jahre meiner „Rundschau"-Redaktion. Als „Produktionsleiter" dieses Films habe ich etwas getan, was der Funktion eines Chefredakteurs entspricht. In diesem Film erscheint die „Jüdische Rundschau". Da ich weiß, daß dieser Film gelobt und geliebt werden wird — wird er ein Beweis sein, wie Ich auch in Jerusalem und in New York an die „Rundschau" denke und ihrer Redaktion wie ihren Lesern mich verbunden fühle. Die Rundschau im Weltkrieg Ein Erinnerungsblatt Von Dr. Max Mayer (Jerusalem) Mit Reminiszenzen hat es seine eigene Bewandtnis. Dem Aufzeichner sind sie wie leibhaft vor der Seele stehendes Leben, dem Leser, der dies Gestern kaum kennt, das ferne, verhallende Echo einer längst versunkenen Welt Tatsachen reihen »ich historisch leicht aneinander, aber mehr kommt es auf jenes unwägbare Verbindende an, das sie, wie die Körper das Licht, zu einem Bilde zusammenhält. Es war im zweiten Kriegsjahr, in den letzten Tagen des Jahres 1915, als ich in die Sächsische Straße zur Redaktion der „Jüdischen Rundschau" berufen wurde. „Sächsische Straße" war damals kein weniger prägnanter Begriff wie heute der Begriff „Meinekestraße". Er wurde zumeist in freundlicher, aber auch manchmal in weniger schmeichelhafter Absicht gebraucht. Im Hause in der Sächsischen Straße war die Zionistische Vereinigung unter Dr. Hantkes Vorsitz, der Jüdische Nationalfonds unter Max Wollsteiners Vorsitz und Siegfried Weitzmanns Leitung, die Redaktion und Administration der „Jüdischen Rundschau" und der Jüdische Verlag unter Leitung von Ahron Eliasberg untergebracht. Das Büro der Zionistischen Weltorganisation war für die Kriegszeit nach Kopenhagen, das Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds nach dem Haag verlegt worden. Die „Jüdische Rundschau" war fast das einzige deutschjüdische Organ, das trotz der erschwerenden Lage weit über die Grenzen Deutschlands im Bereich der Mittelmächte verbreitet war. Besonders viel und aufmerksam gelesen wurde sie in den von den Mittelmächten okkupierten Ostgebieten, wo sie wohl die einzige jüdische Zeitung war, die sowohl den jüdischen Soldaten aus Deutschland als auch der jüdischen Bevölkerung dieser Gebiete als hauptsächliche Informationsquelle über die Vorgänge in der jüdischen Welt diente. Dieser Nachrichtendienst über die Lage der Juden in allen Ländern war damals vielleicht die wichtigste Aufgabe der Zeitung überhaupt. Auch die Verbindung mit Palästina war bis zum Zurückweichen der türkischen Truppen fast ausschließlich durch die „Jüdische Rundschau" aufrechterhalten worden. In jenen Tagen der Okkupation der östlichen Randstaaten nagelte es einen förmlichen Regen von Büchern, Broschüren und Abhandlungen über die Ostjudenfrage. Es verging keine Woche, in der nicht ein neues Buch, kein Tag, an dem nicht neue praktische Vorschläge zur „Lösung" der Ostjudenfrage gemacht wurden. Es schien, als ob es überhaupt jenseits der östlichen Grenze nur eine Judenfrage, und nichts weiter, gäbe. Die Zahl der niederprasselnden, zum Teil wohlmeinenden, zum Teil fragwürdigen Vorschlage, die übrigens zumeist auch die deutsche Ostiudenfrage mitbchandeltcn, war Legion. Dieses gesamte Presse-, Zeitschriften- und Büchermaterial galt es, wenigstens in groben Umrissen und nach seinem Hauptinhalt regelmäßig bekanntzugeben und zu ihm, zumeist ablehnend, Stellung zu nehmen. Die Juden der besetzten Oeblete hatten ein begreifliches Interesse zu wissen, was man mit ihnen vorhabe. Zu den Freuden der Redaktion gehörte es. daß sie auch In diesen schweren Tagen von ihren im Felde stehenden Mitarbeitern keineswegs im Stehe gelassen wurde. Diese Mitarbeit mußte sich freilich zumeist auf jüdische Erlebnisse im Felde, literarische Buchkritik oder kurze Anregungen für die künftige Arbeit beschränken. Aber solche „Feldpostbriefe" hatten eben ihren ganz besonderen Wert und ihr besonderes Gewicht. Um den geistigen Kontakt der jüdischen Frontsoldaten mit jüdischem Leben und jüdischer Literatur aufrechtzuerhalten, sandte die Zionistische Vereinigung für Deutschland im Frühjahr 1916 in tausenden Exemplaren die vom Chefredakteur der „Jüdischen Rundschau", Leo Herr mann, redigierte literarische Sammelschrift „Treue" ins Feld mit Beiträgen von Autoren und Mitarbeitern der „Jüdischen Rundschau" jener Tage, eine sinnige PeÖachgabe, die mit Dankbarkeit von den Soldaten entgegengenommen wurde. Der besonderen Zeitumstände wegen war es notwendig die beratende Mitarbeit führender Personen in Anspruch zü nehmen. Mit größter Dankbarkeit muß hier der oft zeitraubenden Durchsicht der politischen Leitartikel durch Dr. H a n t k e und den unvergeßlichen Dr. Viktor Jakobsohn gedacht werden, dessen liebenswürdige, ermunternde, stets zu fruchtbarer Arbeit anregende Art uns alle in Bann hielt. Auch Julius Berg er gehörte zum Zensorenstab. Er war, durch seine häufigen Reisen nach Ober-Ost besonders dazu befähigt, der Spezialist für die Ostjudenpolitik. Ein großer Freudentag für unsere Redaktion war es, als mitten in den blutigen Ereignissen des Weltkrieges die in jiddischer Sprache mit eigener Hand geschriebenen „Briefe aus Palästina" von A. D. Gordon anlangten. Sie waren uns zwar nur zur Weitergabe au die Redaktionen der grollen jüdischen Tageszeitungen in Warschau, Lodz und Wilna übersandt worden, aber Salman Rubaschoff, der treue und wertvolle Mitarbeiter unserer Redaktion, erkannte bei erstem Ueberfüegen dieser Briefe, daß sie nicht nur für unsere Brüder in Polen, sondern mindestens so wichtig für die westeuropäische zionistische Oeffentlichkeit seien. Mit einer gewissen Selbstentsagung haben wir diese Briefe Martin Buber zur Veröffentlichung in seiner Zeitschrift „Der Jude" überlassen. Sie stellen einen der bedeutsamsten Beiträge des ersten Jahrgangs dieser Zeitschrift dar, Das größte zionistische Ereignis dieser Kriegsjahre war das Eintreffen der Nachricht von der Balfour-Deklaration am 2. November 1917. Keiner von uns hatte eine konkrete Vorstellung davon, wie die Judcnhcit der Ententeländer auf dies Ereignis reagieren und was England praktisch zur Verwirklichung seines Versprechens tun werde (es war ja noch vor der „Eroberung" Palästinas), aber wir wußten und fühlten, daß damit eine Schicksalswende für Palästina eingetreten war. Bald darauf erschienen in der „Jüdischen Rundschau" die Erklärungen der türkischen und der deutschen Regierung zugunsten der jüdischen Palästinasiedlung. Jeder von uns begann persönlich Pläne zu schmieden, sich vorzubereiten, um im gegebenen Moment zur Uebersiedlung bereit zu sein. Als im Dezember 1918 eine Delegation der südlitauischen Stadt Mariampol nach Berlin kam, um Leiter und Lehrer für das dort zu gründende hebräische Gymnasium zu suchen, entschlossen wir uns, ich und einige Freunde, zunächst dort unseren Chaluzdienst im hebräischen Schulwerk zu tun. Aus meinen Rundschautagen Von Dr. Fritz Löwenstein (Jerusalem) Als ich die Aufforderung der Redaktion der „Rundschau* erhielt, anläßlich der Jubiläums-Nummer kurze Reminiszenzen aus der Zeit zu schreiben, in der ich Redakteur des Blattes war, war es mir einen Augenblick, als wenn von mir verlangt würde, aus einem früheren Leben zu berichten. Die allgemeinen Verhältnisse und meine persönlichen Lebensumstände haben Bich seit jenen ersten Jahren nach Friedensschluß so grundlegend geändert, daß es nicht leicht ist, mitten aus den Verhältnissen eines palästinensischen Anwaltsbüros in den Zeiten der Prosperity und der zionistischen Arbeit in der deutschen Alijah des Jahres 1935 mich zurückzuerinnern,wie es In der Zeit von San Kemo gewesen ist Aber einige zwanglose Erinnerungen sind leicht wieder wachzurufen. Es war keine kleine Ueberraschung für mich, als mir eines Morgens der damalige Vorsitzende der Z.V.f.D. Dr. Hantke mitteilte, der Geschäftsführende Ausschuß habe gestern abend beschlossen, mich zum Chefredakteur der „Rundschau" zu ernennen. Die „Rundschau" war verwaist: Leo H e r r m a n n, der sie während des Krieges in unübertrefflicher Weise geleitet und ihr eine allgemeine Beachtung in der jüdischen und nichtjüdischen Welt geschaffen hatte, war in London, ich selbst, während des Krieges Sekretär der Zionistischen Exekutive in Berlin, war nach deren Uebersiedlung nach London auch ein wenig verwaist und so kamen die „Rundschau" und ich gatir passend zueinander. Aber auf der anderen Seite hatte ich bis dahin sehr selten Artikel geschrieben und außerdem — es ist viel leichter und etwas ganz anderes, gelegentlich zu schreiben, wenn man Lust dazu hat, als die ständige Verantwortung für ein zentrales Organ zu tragen, das Ansehen und Achtung weit über Deutschland hinaus genoß. Es war eine ungewöhnlich interessante Zeit, in der ich meine Arbeit begann. Der Krieg war aus. die Grenzen öffneten sich, der deutsche Zionismus, im Kriege notwendig isoliert, konnte und mußte die Verbindung mit der zionistischen Bewegung und mit dem besetzten Palästina wieder aufnehmen. Die Zeit der Friedenskonferenzen setzte ein, die Balfour-Erklärung und das Palästina-Mandat standen auf den Konferenzen zur Debatte. In der Zionistischen Organisation herrichte ein Chaos von Gedanken, Forderungen, Plänen. Die Zeit des Judenstaafes schien herangekommen, die Zeit des Charters wiedergekehrt. Einwanderung von Hunderttausenden im Bereiche der Möglichkeit, die Aufbringung von Millionen von Pfunden nicht nur notwendig, sondern möglich. Dazu kamen c'ie Prob'eme des Aufbaus, di; radikalen Forderungen der zionistischen Jugendbewegung, die aus dem Kriege Ideale der Selbstarbeit mitgebracht hatte, durch die sie sieh in eine Front mit der palästinensischen Arbeiterschaft stellte. I« großen Ereignisse jagten einander: der Empfang! der zionistischen Delegation vor der Friedenskonferenz in San Rem« (ich werde nie die kilometerlangen Telegramme vergessen, die damals die „Rundschau" erhielt und an denen wir nächtelang saßen, um sie richtig zusammenzusetzen, während Goldman« schließlich sich bereit erklärte, den Leitartikel zu schreiben, ohne die Telegramme gelesen zu haben, was aber erfreulicherweise unbemerkt blieb); dann Scvres-Lausannc und schlieH- Aiutcar Umfang der Einwanderung und üoer den Charakter des Aufbaus unter der Teilnahme von Salman Rubaschoff. Ich glaube, daß es mir und meinen damaligen Mitarbeitern Georg Wöllstein und Fritz Schiff gelungen ist, da* Niveau der „Rundschau" zu halten und das Blatt zu einem Spiegel und vielleicht auch zu einem Wegweiser durch üw komplizierten Verhältnisse der damaligen zionistischen \ oiiuk zu gestalten. Dann kam Dr. Weltsch, mit dem ich zwei Jahre in ungetrübter Arbeitsgemeinschaft die „Rundschau" leitu» durfte, bis ich nach Palästina übersiedelte. . ,,n. Ich bin in Ercz Israel eine Reihe von Jahren bis w in der zionistischen Beamtenschaft verblieben. Ich glaube, man darf es an diesem jubiläumstage der „Rundschau" ausspreche«» daß es vielleicht nie wieder in der Oeschichte der aomsusen™ Bewegung ein so vorbildliches Verhältnis in der Beamten schaff eines zionistischen Büros gegeben hat wie damals i der Sächsischen Straße 8 und daß vielleicht niemals *^ zionistische Beamte sich mit solchem berechtigten Stolz / die wirklichen Träger des zionistischen Gedankens empfunden haben wie damals.

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