Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 30 (12.4.1935)
- Date
- 1935-04-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30, 12. IV. 1935 „Die deutsche Kuh in Palästina" — und was ein Herr Kohn darüber zu berichten hat Jüdische Schüler in allgemeinen Schulen Die „Fränkische Tageszeitung" in Nürnberg' veröffentlicht einen Am.-atz „Aus der Welt der jungen Juden", in welchem die Stellung jüdischer Kinder in den allgemeinen Schulen geschildert wird. Der große Oedanke der <icinciüscIuifisM'iiulc, so meint die „fränkische Tagcs/citting", habe eine kleine Schattenseite, da auch die Juden in diesen Schulen sind. ,.D.i-; junge J isi l.i i vt>Sk". ,v.> lirilil es weiter, „kann sclbstver- Mdiiilüeii s, Um licitondcreii Chaiakn rmcrkmulc nicht al>!,-;>»ii. Es bt! i c! i,1 - n, > hl, -ih'ht dir AiU a ihm h Knibe zu ei->i/iü. .... l'ic KiiiwiiKsü .ml ilic i hn iü!,vit Kid*4'ii|>cix^>t'ii kdtm nicht nb (jut bezti. i.iict »-i.-i.leii.!>iv .hidenkiuder prahlen gcinc mit iliim Tiä k-. Sie wi-.ni. wir mau etwas in der Kla>»e aliM-liieilien kann. Sie >et2en sah mit Schlauheit liln-r gc-tvlltf Aufgaben hinweg und ihr KeIi«i.-iiMi!.ti-iiHM, <len -ic an ihr Schule vom Rabbiner nehmen, stillt im U dderspnieh mit ilen praktischen l'rfahrungcn, die iiiai] mit den Juden maeitie tmd die im Dritten Keieh zu den neuen Aulfa--iine;en ihn r Petit sehluin und Judentum gefühlt hahen." Die Zeitung erwähnt sodann ein Thema des jüdischen Religionsunterrichtes und bezweifelt die Möglichkeit einer Anteilnahme der Juden am deutschen Iieimatuuterriclit. Sodann heilit es weiter: . „Wenn die Jüdinnen um] die Juden in den Klinten in die Schulbänke eingereiht wilden, i:~! ti iür deutsche Jungen und Mädel kein Vergnügen, neben Juden zu sitzen. Da». Siucii auf der gleichen Schulbank nnichi bekannuiui eine gewisse Kameradschaft wt wendig. Witd sie viin der dem... heu Jugend abgelehnt, so wird sie doch von der judi-aiien )Ui>, ,,.\ ireeh und bedctikrnlm in Anspruch jrcn-uimici.. J),u,i>is tntvukclt .-ich nichts (.uns. Ks ist desi'nbb im alleunnen Wehl so, daö in in die Jüdin paurwebc setzt. Die Judt ukiuder .....ein-» kern Ii. Iii .kuaus, daü ihnen ein gewisser l.iMtu« . . . iil.ci ulk > tjeh'. Nie iialK'ii fiir sieh eine vciwcichliiliende "feudi Ii/ und in., iaai M. Ii Über tnanehes lustig, Was im Silin.- der ilrui- Inn Umhang gi h -teil ei-eliviitt. Ks ist deshalb yeru.de ai <h i I. a. < i i,:. i ~eu, denn Kmdct in -wiche: Sraiileu gehen, > htm kbu;a d,; \N'i'..ii ri . a "b <. s n.chi duch iieendwie ni-igüch wir,, lud. :.;.-d J-.■ i, :.;,en ,ni . d: »m t i i - m imeba: uaun 11 ichl .; u - Z u - i halt, Die f idalii in!;;en bezüglich des Verhältnisses zwischen jüdischen und nichtjudischen Kindern in der Schule sind 111 c h t ei n h e i 11 i c h. I s gibt 1 alle von sehr guter Kameradschaft, und zwar gerade dort, wo sich das jüdische Kind durch stolze i! e t o it u n i; s c i ti e s J u d e n t u m s auch die Achtung der anderen erwirbt. Iis gibt aber /weitellos auch Milihelligkeiten, und es i,t nicht zu \ erwtir.dem, ilaii die ni; htjudischert Kinder die antisemitischen Anschauungen, die sie allgemein hören, auch .u;l ihre jüdischen Kameraden anwenden. Wenn der VertasM-r des vorstehend /inerten Artikels schlechte Wirkungen für die dcuKihen Kinder anniiumt, so muH die jüdische Gemeinschaft lieftirchti n, da IS die jüdischen Kinder aus dieser Situation sehwere s e e 1 i s c 1t e S e h a d e n erleiden. Infolgedessen glauben wir, dal! es im allgemeinen Interesse läge, jüdische Kinder in jüdisi hen Sehultii erziehen zu lasseil. Um dies dun h/tilsiiiiiii, bedarf v«. dir Hilfe des Staates, die gewiß gewahrt «in de, wenn sich die Ansieht, dal! ein gemeinsamer Schulbesuch auf die Datier unhaltbar ist, allgemein durchgesetzt hat. StrafScnumlienennungen In Frankfurt a. M. Nachdem vor kurzem in Frankfurt a. M. der Hörneplatz in Dominikanerplatz, die BoiniMraße in (troller Wollgrahen umbenannt worden ist, sind nunmehr weitere Umbcncnnungeit von StraHcn vorgenommen worden, die meist nach jüdischen Philanthropen oder sonstigen, um die Stadt Frankfurt a. M. verdienten Persönlichkeiten benannt worden waren. Umbenannt wurden: 11 c i n e s t r a I! c in Rudolf-Jung-StraUe, (i e o r g - S p e y e r - Straße in Parseval-Stralle, 11 e r x h e i m e r - S t r a ß e in Notltnagel-Stralic, S o n n e m a n n - S t r a Ii e in Max-F.yth- Straße, F t t I i n g e r - S t r a Ii e in Karlsbader Str:ilie, M a >: - H i r s c h - S t r a Ii e in Tibiter Straße, Friedleben« Straße in Ocorg-Voigt-Stralle, Jacob S c h i f f - S t r a ß e in Mtiuim-Siralie. < i e i g c r- S t r a ß c in Heusenstamm-Straße, L a d c n b u r g - S t r a IS e in Ohlcusclilager-Straßc, •-- Folgende Straßennamen sind u. a. aufgehoben worden: die Kat/e n stein er-Straße um! der Thcodor-Stem- K a i. ((.'itter den jetzt beseitigten Straßennamen lauten mehrere auf die Namen von Frankfurter Juden, die .in Amerika /u Ansehen kamen und von dort aus Stiftungen für ihre ehemalige Heimatstadt machten.) Im „Völkischen Beobachter" vom 5. d. M. erzahlt J. Keller unter der Ueberschrift „Die deutsche Kuh in Palästina'' ein Erlebnis, das er auf der Terrasse eines Cafes gehabt haben will, f»ort sprachen, wie er sagt, zwei Juden miteinander in einer fremden Sprache, die jedoch der Zuhörer zufällig beherrscht. Die beiden — der Berichterstatter nennt sie Kohn und Lew — tauschten Anschauungen über Palastina aus. Kohn kam aus Palästina und schildert neben dem grandiosen Aufbau auch verschiedene Unannehmlichkeiten. Dann geht das Gespräch, nach der Darstellung von J. Keller, in folgender Weise weiter: „Diu allen kftnnU' muri «her aushalten", meint mm Schluß der Kehn, „wissen Sie «her, warum ich mich doch witsohlosnen habe, Paliislina mit meiner ganzen Familie iu verbissen und nach Italien /u gehen';1" „Na?" fragt Lew voller Neugier. | i i.«* | i ' „\Ve..(.n der Milch 1" 1 1*1 i l?:': „Sie kennen doch meine Fanny, Sie wissr-n, was fflr ein zartes Kind sie ist. Siis ist gewöhnt, warme, rohe. Milrh m trinken." „Soll aueh sehr p-suntl sein!" „Was heilst (.'i'suiid, wenn ich in ganz Palästina för sie keine Kuhmilch bekommen kann!" „W ie ist denn da?, gibt ej keine KtiliB dort?" „Dio dreckigen Araber, die hallen nur Ziegim, und meine Fannv ist tu empfindsam, um den Geruch der Ziegenmilch bui/uhnlten, Kühe? ja, die gibt ea schon, aber nur bei den deutschen Kolonisten," „Können Sie denn bei ihnen keine Milch bekommen?" „Freilieh könnt ich, aber ich will e» nicht — dio sind alle, 'der eine wie der anilern, 1 lakenkreudcr I" „W—a »? In unserem Palästina flakeiikreuzlcr??" „Na ja, das ist es ja eben! Und dalx'i sind sie so frech und an jedem ihrer l'Vii'rtajro, (|^ hissen sie ihre Fahnen, als ob man in bcntseliland wäre! Ich habe mich «.» gegiftet, daß ich zum Arzt gehen mußte. Fr sagt, ich hätte einen nervösen Magen bekommen und mdlSto mich seelisch schonen. Wie soll ich denn nicht aufgeregt sein, wenn ich jedesmal, wenn meine Fanny ihr« Milch trinkt, daran denken muß, daß das Hakenkreuder-Milch ist. Die Umformung des deutschen Judentums Das „Israelitische F a m i! i c n b 1 a 11", das kürzlich seinen Sitz nach Berlin verlegt bat, bespricht in einem Leitartikel die innerjüdische Situation. Das Blatt erklärt, es sei höchste Zeit, daß die einzelnen Parteien umlernen, da auch die Verhältnisse sieh gewandelt haben. In diesem Zusammenhang heißt es in dem Artikel: „UiHer Fclien, dessen Entwicklung unaufhaltsam zu neuen Ufern, tu noch nie dagewesenen Situationen liindriinfjt, kann man nicht iu Formeln zwingen. Wir l>eliaiipten: jede Weltanschauung, jede wie immer jjewlcij» Gruppe im deutschen Judentum stellt leine vor Kntsidieiilimgen, die mit den gewohnten, anvertrauten l'iiigiauimen wider geileutei noch lieiwungeu weiden können.!ie- MUidcrs licilieli die Vcrlteter der n i c Ii i z i o n i s t i s e h c n, di uisehjiidischtn Auljassung werden duieh jene letzthin bekannt gewordenen beiden behördlichen Vertilgungen, mit denen ui reehl. unzwa ideutiger H'eis<' die Au>waiuk'rung deutscher Juden als im Staat-iüterc-.sc' liegend erklärt wurde, zu eitler in vielem g r u n dlegenden K e v i s i o Ii ihres Standpunktes gezwungen. (Und daß dem so id, wird im übrigen über kurz, oder lang, auf dem Wege tincs hnüemlicii Mjilig Ireuiidschattliehcn liinverncimicris, in imsereu vei ebi ileneti Ken|s.r-e!ia',ten auch s iueu organisatorischen N i c d e r » e hl« » finden tnussen,)" Fs ist für den zionistischen Teil der deutschen Juden gewiß eine Genugtuung, daß die Auffassung über Notwendigkeit einer organisatorischen Umbildung, die seit zwei Jahren von zionistischer Seite wiederholt geäußert wurde, hier auch von dritter Seite vorgebracht wird. Es wäre im Interesse des deutschen Judentums, wenn die auf Grund veralteter Da hätte, ich gar nicht auswandern müssen, wenn mir auch irj Palästina die Nazis das Leben vergiften. Nein, nein, ich gi ho nach Italien!" Lnvy schweigt, er weiß auch keinen Rat. Ja, wenn mir die Deutsehen dort Kühe halten und wenn Fanny an Kuhmilch gewöhnt ist . . .? Auf den Gedanken, Kohn könne sich selbst einet Kuh halten, kommt keiner von den beiden. Freilich, wer könnte von Kohn erwarten, daß er mit seinen eigenen, ehemals rochUsanwältlichen IlSndnn eine Kuh melkt? Der Zuhörer, Herr J. Keller, scheint die fremde Sprache der beiden Ausländer doch nicht ganz verstanden zu haben, oder aber ist der von ihm belauschte Mann ein Renommist, der niemals in Palästina war. Denn wer auch nur einen Tag dort gewesen ist, weiß, daß fast der gesamte Milchbedarf der Städte heute von den Lieferungen der jüdische n Siedlungen gedeckt wird, daß die große jüdische Arbeiter- Kooperative „Tenuwa", die die Milch aus den Siedlungen übernimm, und auf den Markt bringt, fast an jeder Straßenecke eine Verkaufsstätte hat, daß die Jude n die Milchwirtschaft in Palästina (insbesondere durch den Import holländischer Kühe und verschiedene Züchtungen) erst auf die Höh,, gebracht haben und geradezu Rekordziffern der Milchprodtiktion bei einzelnen Kühen erzielten. Aber auch Herr Keller selbst hätte die falsche Darstellung des von ihm belauschten Marines korrigieren können, wenn er kürzlich in der „Emdener Zeitung" den Bericht gelesen hätte, in dem die wirtschaftlichen Vorteile hervorgehoben wurden, die den ostfriesisehen Bauern durch die kürzlich von palästinensischen Juden fetätigten Einkäufe von Milchkühen entstehen. Die deutschen empler-Kolonien in Palästina haben a u c Ii vorbildliche Bauentwirtschaften, die aber wegen ihrer geringen Zahl auf dem Markt keine Rolle spielen. Es ist bedauerlich, daß dieser Herr Kohn am Kaffeehaustisch einen solchen Unsinn erzählt, der von Kennern der Verhältnisse sofort als frei erfunden erkannt wird, und deutsche Zuhörer, von denen man annehmen .muß, daß sie bei einer wirklichen Kenntnis der Verhältnisse Achtung vor dem neuen jüdischen Bauern und vor den mit ihren „rechtsanwältlichen Händen" tatsächlich Kühe melkenden Menschen haben würden, in dieser Weise irreführt. Wahlen im Besitze der jüdischen Machtpositionen beharrenden Gruppen endlich vor der Wirklichkeit die Augen öffneten und.sich darüber klar würden, welche ungeheure Verantwortung sie auf sich laden, indem sie einer einverständlichen Regelung der organisatorischen Notwendigkeiten aus dem Wege gehen. Namensänderung der „C.-V.-Zeitung" Die ,,C. - V. - Z e i t u n g" vom 4. April teilt mit: „Unsere Leser werden von der vorliegenden Nummer ab im Kopf unseres Blattes die Zeile .Blätter fiir Deutschtum und Juden tu m' nicht mehr f I n - d e n." Es wird dann eine Polemik vom Juni 1031 zitiert, in welcher die „C.-V.-Zeitung" gegenüber Angriffen nationalsozialistischen Zeitungen ihre Parole „Deutschtum und Judentum" interpretiert hat, und dann heißt es: „Wir haben diesen Standpunkt in schriftlichen Darlegungen ausführlich begründet, als am 9. Februar 1931 erstmalig die Aufforderung an uns gelangte, das Wort ,Deutschtum' aus dem Zeiluiigskopf zu entfernen. Späterhin haben die zuständigen Instanzen unseren Standpunkt nicht mehr gebilligt. Auf Grund einer Anordnung des Präsidenten der Reichsschrifttumskammcr vom 11. Oktober 1934 und eines Schreibens der gleichen Stelle vom 7. Januar dieses Jahres haben wir unserer Zeitung den nunmehr vorliegenden Kopf: ,C.-V.-Zeitung, Allgemeine Zeitung des Judentums' gegeben. Die Bezeichnung .Allgemeine Zeitung des Judentums' führte die ,C.-V.-Zeitung' bekanntlich vom ersten Tage ihres Bestehens au." Ki»>'li, Aiilzug'-H, Maschinen, Fn11 ichlHilgen, ulaml vor Entscbld-seii. die beule gefiil'! werden mnf'leii und morgen Heue l'iilsclilils.e al.prehleti. I in] jeder Knlsclilul', liinleubde; (udil! Geld: Gehl: 1 tid jeder F.nbs'rlilul'i M'hloli ein Falsch und ein 1 >i<" 11ii_r in si. Ii. .I"dcr FlriGehbi!', war eine Prüfung. V.s waren M.'IihIi-, die \ibiii »in, . 1.,]iri• rt wilanglcn. War die Arbeit liiiiin i' ein l^i um L'cnescn. -o Willah' s|n jid/l eine Peitsche. Sie knallte, iM.-ii uiiil'de springen, man muhte lauten, man »ar meld mehr Herr, man wunF Sklave, ein artiivdiger, ge- Inelicfler, Lulielzler, idllllliisef Skiau.', l'n i lliclieh konnte nicht meinmit. Sie lächelte den Kunden zu und sj,llMli niiM'liiiniseli. Sie sae|c ja oder nein, w ■ tili sie Hill Fe -tli.el' eella^l V, Hille. Sie dacllb' llicllt. Sie SaglU i s ::e( nblsii. I', Ii,si mitmal'ug. Iliinilertiiial an jedem Tag slni/le In--in 'er zu ihr: ,.1 'eil liehen. 1 »er! hellen . eitlen Augenblick. \\ as meinst liu'.1" Und l'.eidliclicn antwortete, und I!e.ssiii::er wunderte sich, daß die-e Frau so ohne Mühe immer das lüchliü'e fand, wo er Gelliarht Tage gezögert hlltle. Nur von Zahlen v.a,llle lierlliclien nichts wissen. Wenn sie dann abends nach Mause kam, warf sin <[c)i müde in den Sessel. Die Kinder wurden von den Kllern fenigehalli'ii. Geschäft? Ja, Netihau? Ja. \bi r noch die Kinder? Es gm.' nicht. Nein, alles hat seine Grenze. Es war ein Jammer, daß die Kinder jenseits standen. Es war ja nur fiir kurze Zeit. Später, ja Später. — IScrthelien wollte von Zahlen nichts wissen. Aber narhts rnchlen sie sieh. Sie krochen heran, sie schoben sieh zusammen, sie wurden Summen, haushoch, Sie wurden ein Alpdruck, sie wurden Schlangen, die aus allen Ecken, von unten, von oben, lau links, von rechts sieh Imratisehoben, glühende Augen, die Brrlhclien anstierten. Sie kamen näher, sie wanden sich um Berlliehens Hals und wollten sie erwürgen. Bi'rlhehen schrie hell auf, daß Bessinger sieh im Bett tunwandle und vorwurfsvoll sagte: „Du bist wirklich merkwürdig, lierlliclien." Ja, Berlhclicn wurde merkwürdig. Sie stöhnlo: „Arnold, wir geben •zugrunde. Der Bau ist ein Abgrund, der uns verschlingt." Ein Arzt kam. Berfhclien mußte fort, in ein Sanatorium. Es giii'g nicht ander!«. Bessinger hätte sie gern «elbst dorthin gebracht. Er hatte keine Zeit. Wirklich, er hatte keine Zeit, das mußte jeder einsehen, auch Berthchcti. Als Bertlichcn abreiste, stand dal Hiesengcrippe des Baus vor ihr. Ks schien ihr wie eine Drohung. Sie hätte »ich nicht gewundert, wenn plötzlich eine Faust aus dem Puescnkörper sieh erhoben hälto und nioclergesausl wäre und Arnold und sie erschlagen hätte, lierlliclien schüttelte sieh. Sie flüsterte; liessinger zu: ,.Er wird uns umbringen." Bessinger erschrak. Er sagte; „Du bist wirklich —aber er besann sieh. „Unser Wille steht da. Uorthcheu. Unsere Kraft. Es ist unsere Kraft. Du stehst da, utnI ich stehe da. llerlhchen, wir sind stärker, als Du glaubst." A her llerlhchen erwiderte: ..Er bringt uns um." Zwei Monat« dauerte Berlliehens Abwesenheit. Es war ein Glück tür liessinger. daß vorher alles Wesentliche festgelegt war. Er konnte ohne Borthehen keine, Entschlüsse fassen. Es ist keiner so stark, daß er sich nicht auf etwas stützen muß. Als lierlheheii den Bau wiedersah, überfiel sie eine Freude. Das Zagen war von ihr gewichen. Der Bau stand vor ihr, geschlossen, in festem Aufbau. Es war keine Faust mehr, keine Drohung. Ein lllivtlunus ging durch das Ganze, und Bertlichcn fühlte ihn. Es war der Rhythmus, der ihr Lehen formte. Das Ballern ging weiter, die Arbeit ging weiter, dio Zahlen kletterten weiter. Aber eines Tages war allem Halt geboten. Eines T.'iges, es w,*ir«cin blaugoldener Frühlingstag, herrschte eine merk«ürdi'eo Stille in der Straße, die monatelang unter dem Dröhnen der Arbeit gestanden halle. Eines Tages offenbarte es sieh, daß der ganze Stmdsteinbau, dessen Anblick Erslauncn auslöste, nur eine Ankündigung jvar. Tretet ein, schrie «1er Biesenbau über'die Stadt, über die Stadt hinaus. Tretet ein, ihr werdet belohnt! Und man wurde belohnt. Die Käufer kamen iiikI füllten das Haus und füllten die Kassen. Die Kassen spien das Geld jeden Abend aus. Morgens früh aber waren sie wieder hungrig und schluckten. Und schluckten Kupfer, Nickel, Silber, Gold, Papier. An allem klebte idwas, Schweiß, Drerk und Mikroben. Und alles wurde inilgesebluckt. Hinein in den Schlund. Schweiß und Drerk und Mikroben. Das ist ein Tanz, das ist eine Lust, das ist ein Fluch, das ist. ein Lied, ein Lied, in dem das Totengerippe den Takt schlügt. Das wird geschluckt, wenn es nur klebt an Kupfer, Nickel. Silber, Gold und Papier. So sind nun mal die Kassen, alle Kassen in der Welt. ... Solche Gedanken kamen manchmal in Berthchen auf. Sie schiiltelle das ab. Sie schüttelte so manches ab. Sie schüttelte es ab, wenn ein Druck sieh auf ihr Herz legte. Hedda stand vor ihr. Ihre zwölf Jahre sprangen aus ihren leuchtenden, blauen Augen. Wie hatte doch der Vetter David Katz gesagt? „Es ist etwas zuviel i'racht." Was wollte das Kind mit diesen Augen? Das blonde Haar fiel offen herab, schlängelte sieh herab. Nur die Mille war zu einer Locke geformt, aus der eine Seideiisebleife keck heraussah. Diese Augen suchten nicht mehr die Mutter wie einst. Ein Druck legte sich auf Berthchen. Sie war doch Mutter, nur Mutter. Alles andere war eine Wand, die der Augenblick dazwischen schob. Aber der Augenblick wurde zu Monaten, zu Jahren. Herr, laß es nicht die Ewigkeit sein! Berthchen sah, wie ihre Tochter den Kopf trug. Gerade wie. eine Gerte stand Hedda vor ihr. Sic halte noch dieses Lächeln, das ein eigenartiges Empfinden erzeugte, dieses einschmeichelnde Lächeln, das nicht hätte da sein dürfen. Aber Berfhclien fühlte, über dieses Lächeln begann sich etwas zu schieben. Was war es? Wie konnte sie es wissen? Das Geschäft war eine Uhr, dio vierundzwanzig Stunden lief. Sie wurde morgens früh aufgezogen und lief und tickte tags und lief und tickte nachts und wurde am nächsten Morgen wieder aufgezogen, jeden Tag und jeden Tag. Berthchen leitete nur zwei Abteilungen. Aber sie ging von früh bis spät durch das Geschäft. Die Kunden sahen sie und empfanden, wir sind hier gut aufgehoben. Berthchen hatte noch immer das B'" sondere. Sie wußte es. Sie wußte, daß sie nicht fehlen durfte. Es war die Eigenart dieses Geschäftes, daß trolz seinem Einfang sich das Persönliche in die Kaufabwicklung einschob. Berthchen pflegte über den Südwall, an den sich eine städtische Parkanlage anschloß, nach Hause zu geben. An diesem Spätnachmittage hatte Berthchen den Geschäftsabschluß nicht abgewartet. Ihr Kopf war benommen. Sie mußte sich hinlegen. Da sah sie Hedda auf dem Südw'dl. Hedda war früh entwickelt. Sie hatte fast, diu Grüße. '1er Mutter erreicht. Hedda stand da. Sie kam nicht, mehr herangehüpft wie einst. Sie stand da, ließ die Mutier herankommen und halte das Lächeln mit dem leisen Schalten. Es wollte in Berthchen aufkommen zu fragen: wer ist Hed'la: Berthchen schüttelte es ab. Es war ihr Kind. Sie hatte dm Führung und würde es führen. Schließlich, für wen war das endlose Sichaufopfern? Für die Kinder. Berthchen brauchte diese Urbcrzeugtmg. Sie mußte daran festhalten, Es kam ein Empfinden über Berthchen, daß es Zeit sei, strenger zu führen, die Augen weit aufzuhalten. Hedda ging einher, schlank, straff, die Augen wach. Die Brüste begannen, sich leicht abzuzeichnen. Weshalb war Hedda auf dem Südwnll? Berthchen fragte es sich. Nicht Hedda- (rorw.»"« '»'i*'