Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 40 (1935)
- Issue
- Heft 29 (9.4.1935)
- Date
- 1935-04-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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■'I mHp Seite« J0DI8CHCRUNDSCHAU Nr; 29, 9. IV. 1935 Der Arzt Von Dr. Aron Sandler, Jerusalem Maimonides, der schon in Fez mit arabischen Aerzten Umgang gepflegt hatte, mußte in Aegypten, als sein Bruder Daniel, der sie Ix-ide als Kaufmann ernährt hatte, einem Srhiffsunglnek zum Opfer fiel, einen praktischen Beruf ergreifen und eröffnete in Fostat (Alt-Kairo) seine ärztliche Praxis. Von den 40 Jahren, während deren er in Aegypten praktizierte, — er wurde gegen 70 Jahre alt —, waren die ersten 20 wenig erfolgreich. Dann aher wandte »ich ihm die fiimst des klugen und edlen Großwesirs Alfadahl zu, — der Sultan Saladin selbst war infolge der häufigen Kriege immer lange Zeit von Kairo abwesend —, er überhäufte ihn mit Gunslbczetigimgen und setzte ihm ein Jahresgehalt aus. Seine Praxii, auch in den vornehmsten arabischen Kreisen, wuchs so gewaltig, daß er, wie er selbst schreibt, oft wochenlang, außer am Sehabbat, nicht dazu kam, ein rabbinisches Werk zur Hand zu nehmen. Die Riesenlcistung des Keligionskodcx Mischne Thora war zwar, als die ärztliche Tätigkeit großen lim fang annahm, bereits abgeschlossen, dagegen erschien der More Newnrhini erst um 1100, also etwa 4 Jahre nach »einer Beförderung zurr» Leibarzt des Großwesirs. Neben feiner anstrengender» Praxi« und der theologisch-philosophischen Forschungsarbeit war er in seiner Eigenschaft als Oberhauj)t sämtlicher ägyptischer Gemeinden und durch »eine gelehrte Korrespondenz mit fernen und nahen Gemeinden und Talmudislen stark in Anspruch genommen; dennoch fand er noch Zeit zu medizinischen Studien und zur Abfassung von etwa 12 medizinischen Schriften, — mehrere ihm zugeschriebene sind zweifellos unecht —, und es kann nicht wundernehmen, daß im letzten Jahrzehnt seines Lebens schwere Erscheinungen körperlicher und geistiger I el>eranstrengung auftraten. Nach Sultan Saladins Tode wurde Maimonides, im Alter von etwa 64 Jahrer», Leibarzt des Nachfolgers, des Sultans Alafdahl, auf dessen Wunsch er eine Schrift mit Ratschlägen für eine gesundheitsfördernde Leliensweise verfaßte. Seine umfangreichste medizinische Schrift, in der hebräischen LClfcrsetziing unter dem Titel „Pi r ke M o » c h e" bekannt, fal.1t in etwa 1500 Aphorismen in seiner bekannten, straff zusammengefaßten und systematisch geordneten Art der Darstellung, unter Vermeidung der Weitschweifigkeiten seiner griechischen und arabischen Vorbilder und mit genauen Quellenangaben, das damalige medizinische "Wissen, insbesondere das Lehrgebäude des von ihm hochgeschätzten griechischen Arztes (inlenos (131 —200 n.), zusammen. Während er diesen bedeutendsten medizinischen Schriftsteller des Altertum!!, soweit er die Ewigkeit der Materie predigt, im More Newtichim ablehnt, erkennt er ihn als höchste medizinische Autorität au, ohne es al>er au der notwendigen Kritik fehlen zu lasM'n ( so wei>( er ihm nicht weniger als 40 Widersprüche in Minen Schriften nach). Zahlreiche Aphorismen enthalten aullenleoi eigenes Gedankengut des Verfassers. Der Inhalt umfallt Anatomie, Physiologie und Pathologie, sodann die allgemeine und spezielle Behandlungslehre, die Lehre vom Fieber, die Darstellung von Behandlungsmethoden, besonders des Aderlasses, sodann eine Darstellung der Chirurgie, der Gynäkologie und der Hygiene. Zwei besondere Kapitel sind einer Abhandlung über Gymnastik, Abreibungen und Bäder gewidmet, sodann folgt eine Diätetik, eine besondere Arzneimittellehre, eine Erläuterung der Krankheitsnamen und eine Darstellung von interessanten und seltenen Fällen. Eine zweite, kürzere, aber selbständigere Arbeit ist seine ebenfalls ins Hebräische übersetzte Schrift „lieber die. Gifte und über den Schulz gegen vergiftete Wunden und Schlangenbisse" (einschließlich der Lehre von der Tollwut), die überwiegend auf eigenen Erfahrungen und Anschauungen basiert und große Anerkennung fand. Andere Schriften sind populärer Natur, in knapp gehaltener Darstellung, aber ohne wissenschaftliche Originalität. Darunter befindet sich das erwähnte ,,Sendschreiben", das er auf Wunsch des Sultans Alafdahl verfaßte, der an den Folgen eines ausschweifenden Lebens und an Melancholie litt, und dem er, unter zahlreichen diätetischen Ratschlägen, nicht zu empfehlen vergaß, daß zur Erhaltung eines kräftigen Korpers auch die, Kräftigung der Seele durch Sittlichkeit und philosophische Betrachtung erforderlich sei, daß alier l nmiißigkeit im Lebensgenuß die wertvollen Kräfte zerstöre. Kleinere Abhandlungen betreffen das Asthma, die Hämorrhoiden, zwei Abhandlungen die Hygiene des Geschlechtslebens. Bialik über Hainham u in'i'jt -.sai Bf merk tu.g' n. Tragen, rii< rer-treut fir.d« Jährtausf r.<i - n^s Knfik?a alUm Re-'.p( k Lehre ak teil' 1 )aa:eini!i i ie 5ti;.i I!.' :.:r kleinen Sehnf'et Em.-s!u Klüngel» best ur.d philo: n.cH vrr/.u h'e'e. i is* die Fülle von uU-r medizinische oph lachen Schritten an dem ülwr ein stehend zu Iw/cschn- Verdauung in wim teüur.g der krxi.kha! kamen ihm <U-i,f,ilU ungemeii, ir.tcre .»!.' elf, M>,re .N'twu' und Verbote der "I nungen haben einen Ein Brief über „Jad Chasaka Der Tel-Awiwcr „Haarez" rom 1. Februar d. J. berichtet«: Dr. David Hothblum erzählt im „Haarez" vom 4. Aw aus einer Unterhaltung, die er mit Bialik wenige Tage vor dessen» Tode in Wien hatte, folgende Aeußerung des Dichter»; „Ich habe die Absicht, die Mischne Thora mit voller Punktation, in revidiertem Text und mit kurzen Erläuterungen herauszubringen. Vielleicht wird diese meine Arbeit die größte Leistung meines Lebens »ein, denn dadurch werde ich den Bamham wieder dem Volk zugänglich machen. Dieses Werk ist in jeder Beziehung außerordentlich wicht!« für die kulturelle Entwicklung in Palast in a. Besonders aber hoffe ich, daß dieses Buch ein Anstoß für die Renaissance der hebräischen Sprache auf allen Gebieten und vor allem auf dem Gebiete der Wiedereinführung einer wissenschaftlichen Terminologie wird." Vor einigen Jahren setzte sich Bialik in dieser Angelegenheit mit dein bedeutenden Forscher Rabbi Chaim Heller in Verbindung und schlug ihm vor, daß er diese Arbeit übernehme. Bialik sah in der Neu-Herausgabc dieses Werkes einen wichtigen und grundsätzlichen Teil seines Programms zur Verwirklichung dos Kinuss (Sammlung). Wir bringen hier die fast wörtliche l 'ebersetzung eines Briefes von Chaim N'aclunan Bialik an Rabbi Chaim Heller nach Berlin. ... Hie ich sehe, begannen Sie, hochverehrter Herr Heller, mit der heiligen Arbeit, und ich bin überzeug!, daU Sie nicht nachlassen werden, solange die «; wich»ige Unternehmung nicht tu Ende geführt sein wird. Dieses Werk soll eine Glanzleistung Kr unsere Literatur und eine große Ehrung für den grüßten unserer Denker — Hainham — werden und gleichzeitig ermöglichen, daß sein wichtigsto Werk für jeden Juden zugänglich iit. Der flau tür die«! Arbeit ist meines Erachtens »ehr einfach. Die Grundprinzipien sind: Beschränkung, Klarheit, Kürze und Reinheil der Sprache (alles im Misch na-Sül, ohne Beimengung aramäischer Au-ehüeke). Die ganze Ausgabe der „Jad liachasaka" stelle ich mir folgendermaßen vor: l'a.- Buch enthalt vier Ms sechs Bände kompakt, ungefähr Im Format von „Ketcr Ha-Aggada". Das Titelblatt: Mischne Thora von Rabbi Mosel»« ben Mainion usw., herausgegeben auf Grund der revidierten Drucke und 1 landschritten, neu korrigiert mit Hinzu- (ügung verschiedener Vcrtionen, Angabe der Quellen, kurzen Erläuterungen, die tür die Sache selbst notwendig sind; eine greife Einleitung wäre vorauszuschicken. Einleitung! das Ziel des Buche*, sein Stoff, leine Form, seine Anordnung, seine Zeit, usw. Text: Der Imienteil der Textsoitet» soll die Worte des Rambam selbst enthalten, auf flrund des revidierten Textes des Druckes oder der Handschrift, die der Aufgabe zugrundegelegt ist. Und vlort, wo ein offenkundiger Tcxttehler vorliegt, kann man auch in diesem Textteil bereits eine andere Variante benützen und darauf hinweisen. Der Text soll durch Interpunktionszeichen in Abschnitte eingeteilt werden. Fremdwörter oder schwer lesbare Begriffe sollen voll punktiert erscheinen, und bei Bedarf sollen auch Bilder und Zeichnungen zur Erläuterung aufgenommen werden, Varianten: Am Rande jeder Seite, kommen die Varianten, aus anderen Handschriften und Drucken, aber nur diejenigen, welche vui; M.ienonidc xlh-.t - Inn hvrrchrteti O.jlei wi'iu^ *.eh-u?c er Hrh, bri aller f'tctät und i-der ttdmiidix-iK-n Hnt-< heidung, die Terephat den imlizim •cbeti Erfahrungm in \Vider»pruch n '"'•<:! r. B. talmudi-che Angaben über die Sammlung rm Iii auKunelutie». Bei der Beur- '.'i IKumdc an den Urgancit der ScMachtticre .-cii.e Kemiiiu-.« zustatten. Weit zerstreut, alter trel m ine mol:zim>' hrti Ausführungen im 3. Teil . tW uj.t t',;.it n5 Bf rcl>cn, .simtltrhc f.elx>te e^r.i rru inn.i;i*.t i-f H ru erklären (..alle Verordnm/.liehcn Zw, ek"), l>emiilite er .sieh, die medizinisch-hygienischen «i rundlagen der einschlägigen Thorabc.-aiinmungen zu ermitteln. Aul rnamhen Gebieten, wie in der Frage der reinen und unreinen Tiere, dürfte ihm dies zwar mißlungen sein; immerhin s»t seine Bemerkung mterc--am, daß die für die Reinheit, und Unreinheit der Tiere angegebenen Zeichen nicht auf den Grund der Reinheit und Unreinheit hindeuten .willen, sondern charakteristische Merkmale jener Tiere sind, die nus anderen medizinisch.hygienischen Gründen dem Genüsse vorbehalten bzw. entzogen sind. Die Ehevorsrhrrtten, die Bf schneid tnif; und viele-, andere sind teils Gebote mit hygienischer Tendenz, teils aus dem Protest gegen enliprechende oder ahnliche Sitten heidnischer Volker (der „Zahah'" Sternanbtter), deren Religion.quellen er studiert hat, teils aus der Konzession an uralte Stamme^gewohnheiten au» der Zeit vor der Gesetzgebung (ähnlieh wie die Opfer oder manche Reinheit«, und Spciwgcsetsr) 01 erküren — «'in für seine Zeit kühner Deutting'versiirh, der ihm den grimmen Haß «einer damaligen Gegner und den Widerspruch vieler Theologen bis herab zu David Hofimann eingetragen hat. Hervorragend ist seine Beurteilung eler Zeugnistiiugkcit des Epileptikers und. periodisch Geisteskranker vor Gciicht. Seine natww'i»seroch:iftlirhe Weltanschauung beeinflußte zutiefst seine Deutungen freligiort-philosuphlseher Probleme, wie der Piophetic, der Unsterblirhkeitsiehre, des Wunderglaubens. Während ältere Mischnalehrer die Zauberei in jeder Form, den Dämonengiatiben und ' entsprechende Heilmethoden verwarfen, spielt der «es Babylon impor- ' U*rt« Glauben an die Dämonen als Krankheitserreger, an den böten Blick und die entsprechend«» Austreibungs- und Heilmetboden in der Gemara eine große Rolle Auch der große Galen glaubte an den Nutten des „Besprechen*" und empfahl der» Zauberspruch gegen den im Halse «ecken gebliebenen Knochen. Maimonides erklärte nicht, nur einleuchten und etwas Wesentliches zur Erläuterung der Worte Hcj Rambam beitragen kdnnen, ohne lange Auseinandersetzungen, u-, j Haarspaltereien. Quellenangabe: Am Rande eines jeden Blattes kommen die Hinweise auf die Quellen der Mischne Thora, sowohl Uie. jenigen, die offenkundig und bekamt sind, als auch diejenigen, die »ich aus den Auseinandersetzungen der Erklärer und der Weiset» ergeben. Dort, wo die Quelle von einer anderen Lehrmeinung ab. hängig ist oder von einer anderen Erklärung, die dem Rambam ton früheren Autoritäten zuteil wurde, soll dies kurz, ohne ticfgeheiile Auseinandersetzung, angemerkt werden; der Kundige wird das ver. stehen. Wo die Quelle nicht feststellbar ist, rmiß mit dem Vermerk „Quell« nicht feststellbar" darauf hingewiesen werden. Dies ist atich die Regel dort, wo ein offenkundiger Widerspruch zwischen «len Worten des Rambam juid zwischen den früheren Quellen besteht. Bei einer llalacha, die aus verschiedenen Quellen sich herleitet, b'.v. öfter wiederholt wird, ist nur eine, die älteste Quelle anzuführen, Erläuterungen: Die Erläuterungen müssen kurz, prägnant, in reinem Mischna- Hebräisch, ohne aramäische Wörter gebracht werden. Keinesfalls soll von dem Thema nur zum Zwecke der echarf. sinnigen Erörterungen atigcwkhcn werden, sondern das Ganze soll nur zur Erklärung dunkler Stellen in den Worten des Rambam dienen, und auch dies nur in aller Kürze; nur dort, wo eine nmm. weichliche Notwendigkeit zu längerer» Ausführungen besteht, soll die Anmerkung am Schluß hinzugefügt werden. Dort wird auch üei Platz lür Untersuchungen und Kommentare sein, welche sich nalär. lieh direkt auf die Worte des Verfassers bezielien müssen, die ab« infolge ihrer Länge nicht ihren Platz innerhalb des Innenraums des Buches finden können. Im Innern kann nur der reine Extrakt kommen, die Ergebnisse der Forschung; die wissenschaftlichen Erörterungen selbst, werm sie unvermeidlich sind, sollen außerhalb des Buches gegeben werden. Novellen: Bei neuen Deutungen soll Immer der Name »In Deuters angegeben werden (sowohl wenn sie sich auf <kn Test, auf die QueHenangal>c oder auf die Deutung bezichen). Bei mehreren Detilern sollen die Namen aller angeführt werden. Es wäre ratsam, auch dabei zwecks Platzcrsparnis ein Vcrkürzungasystem zu finden (z. H. durch Abbreviaturen). Am Ende oder am Anf.eig des Buches soll ein Register der Schriftsteller und Werke, die im Buch erwähnt sind, auf. genommen werden. So oder ungefähr so »oll das Werk aussehen. Tor allem muß man nur bestrebt sein tut Einfachheit und Kürze, Wir dürfen nicht vergessen, daß unser ganze» Bestrelwn sein muß, die Kraft dieses großen Werkes neu zu beleben und seine Wirkung auf das ganze Volk in unserer Zeit lebendig zu machen, und itm dies zu erreichen, gibt es keinen besseren Weg als die Einfachheit und die Kürze. Die schwere und komplizierte Denkarbeit, die mit der Abfassung deg Werkes verbunden ist, muß in den Hintergrund treten wie der Mechanismus einer Maschine, der für den nicht fachmännischen Beobachter unsichtbar bleibt. Das breite Leserpublikum muß nur die Früchte dieser Arbeit fertig vorgesetzt bekommen. Diesen Weg gingen unsere Vorgänger und so müssen auch wir verfahren. In der kommenden Woche komme ich nach Berlin und werde mich bemühen, mit Ihnen zusammenzukommen. Grüße an Sic und Ihren gelehrten Kreis und Ihre geschützten Schüler. In liebender Hochachtung Chaim Nachman Bialik den Därnonenglaulicn und die Zaulwrei mit all ihren Konsequenzen, sondern sogar dar, Besprechen von Krankheiten, z. B. mit einem Bibelvers, als „Verleugnung der Thora" und wollte es nur als Beruhigungsmittel bei lebcnsbedrohlichen Zuständen, z. B. nach Schlangenbiß, wegen seiner suggestiven Wirkung zulassen. Auch das Bibeliesen oder Auflege»» von Bibeln cxlcr Tefillin zu Heilzwecken verurteilte diestr fromme Arzt des 12. Jahrhunderts, und er bezeichnete (immer unter Berufung auf den Geist der Thora) solche Methoden im More •-- zum großen Schmerze des angesehenen, aber dämonenglaubigen Nachmonides — als Wahnideen; darauf bezügliche llalaehot werden von ihm ignoriert. Wenn Mar Samuel im Talmud vom „bösert Geist" spricht, so macht Maimonides daraus eine Melancholie. Die Zulassung gewisser abergläubischer Mittel an einer Talrnudstellc rechtfertigt er damit, daß Heilmittel auf Grund jeglicher Erfahrung r'ir'ila—in seien, und daß [»»an eben zu jener Zeit über eine solche Erfahrung zu verfügen glaubte. Völlig unzulässig ist es, die Aeußcrungcn Maimonides* über medizitiisetic Fragen vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft zu beurteilen. Hat nicht Spinoza die „Streitfrage'', ob die Zirticldriise der Sitz der Seele sei, ernsthaft behandelt? Nicht nur im Talmud, sondern bis herab zur Lebenszeit Maimonides' waren zahlreiche grundlegende Tatsachen der Anatomie und Physiologie unbekannt. Man hatte in Einzelheiten der Anatomie und Pathologie gute Kenntnisse, kannte aber z. B. den Kreislauf des Blutes nicht, auch nicht die Funktion der Organe. Ks zeugt also von um so höherer diagnostischer Einsicht, wenn er z. Ii. das Krankheitsbild der Zoraath der Bibel (meist mit „Aussatz" übersetzt), das er ebensowenig wie wir recht zu deuten weiß, zwar einerseits etwas mystisch beurteilt — als eine wunderbare Erscheinung, die nur zu jener Zeit und nur in Palästina aufgetreten sei —, aber doch bereits erkennt, daß dieser Name einen Sammelnnmen für eine Mehrzahl von Krankheiten darstellt. Auch entzieht sich manches aus seinen Anschauungen — so, wenn er die Milch für berauschend erklärt (Kefyr?) —, unserer Beurteilung, da uns die Kenntnis damaliger Gewohnheiten fehlt. Maimonides' hervorragende Bedeutung als Ärztlicher Praktiker und Denker liegt auf anderen Gebieten. Zunächst war er ein vorbildlicher Arzt, sicherlieh von großer Erfahrung, aber vor allem von hoher ethischer Auffassung seines Berufes und einer Gewissenhaftigkeit, die nicht nur seinem reinen Herzen, sondern auch seiner verfeinerten Ethik und seinem innigen Gotlcsglauben entsprang. Ob das überlieferte Gebet dieses Arztes echt ist, ist mindestens zweifelhaft. Aber seinem Lieblingsschüler Joseph Ibn-Aknin (später Arzt in Aleppo) sagt er die schweren Worte, daß die Medizin für den exakten und mit religiösem Sinn ausgestatteten Arzt eine schwere Kunst sei; er ermahnt ihn zu äußerster Gewissenhaftigkeit und zur ausschließlichen Anwendung von Mitteln und Methoden, deren Anwendung er durch gründliche Argumente in stützen in der Lage sei, und von denen er genauestens wisse, welche AutoritSt sie empfohlen habe. Besonders groß ist sein Interesse für diätetische und überhaupt für Fragen der «glichen Hygiene. Aus der Fülle der Vorschriften sei nur einiges Charakteristische hervorgehoben. Er rühmt die regelmäßige Kfirperarbeit und empfiehlt jede Art Gymnastik, — Ringen, Fechten, Ballspiel, Atmungsübungen —, legt aber hierbei den Hauptwert auf das seelische Lustempfinden. Denn die Freude wie der Ästhetische Genuß seien von hervorragendem hygienischen Wert. Immer wieder unterstreicht er das seeliiche Moment in kranken und gesunden Tagen. „Galens Kumt heilt den Leib, Abu-Amrans aber: Leib und Geist", so heißt es In einem begeisterten Lobgesang auf Maiinonhles, den sein getreuer Patient, ein Dichter und Kadi, geschrieben hat. Eine zweite Eigentümlichkeit dieses Arztes ist sein Trieb zur Systematik und zur logischen Durchdringung des von ihm behandelten Stoffes. Auch in dieser Hinsicht ist er ein medizinischer Schriftsteller von nicht gewöhnlichem Format. Es war bereits ausgeführt, daß er ebenso, wie er das unübersichtliche, weitschichtige, komplizierte Material der llalacha mit scharfem Verstand, gründlicher Quelleilkenntnis, pietätvoll gegenüber der Tradition, aber doch zur Kritik geneigt, zur knappen, übersichtlichen Darstellung zu ordnen verstand, auch medizinische Gebiete, so das Lehrgebäude des Galen, systematisch bearbeitet hat. So übertrug er seine Lehrmethode vom Talmud auf die Medizin. Die Logik und die Wertschätzung, oft genug auch die Ucberschälzung des Verstandes verführen ihn sogar zu Deutungen und Erklärungen, die sich nicht mehr mit der Wirklichkeit zu decken vermögen. So prägnant der Stil ist, der jedes ülxjrflüssige Wort vermeidet, so findet sieh doch Platz genug für zahlreiche, mit großer Treffsicherheit eingesetzte biblische Zitate. Eine dritte Eigenschaft aber ist die wertvollste und inleressanteste: der Willen und die Fähigkeit zur ethischen Sülmmierung des medizinisch-hygienischen Stoffes. Auch auf die sem Fachgebiet bleibt er der trotte« furcht igt« Philosoph. Kr bedient sich seiner eigenen und seiner Lehrer Erfahrtingen, um Wesen und Funktion der Organe zu begreifen und um krankhafte Störungen zu erklären, zu heilen und zu verhüten; wo ihn aber diese Erfahrungen im Stiche lassen, dient er sich zur Erklärung der Tatsachen und zur Fintbmg von Behandlungsmethoden nur solcher Vermutungen »itid Hypothesen, für die ihm neben der Logik seine religiöse Einstellung, seine teleologische Auffassung der Natur und sein«' tiefe Ethik die ständigen Führer bleiben. Wenn er dein I —er den Segen der Mäßigkeit, Enthaltsamkeit und Beiitlrehkfit ans Herz legt, so gesellt sich sofort dem Arzt der Ethiker, und er fügt hinzu, daß sich diese Lebensweise paaren mtisse mit der Reinheit der Handlungen und der Reinigung tles Herzens von unwürdigen Begierden und Gesinnungen. Sellen fehlt im More einer medizinischen Aeußerung die olliiselie oder teleologische Motivierung. Halte deinert Körper gesund, um die Kraft zur Vertiefung deines Wissens zu finden wtd so deinem Glück und deiner Bestimmung zu dienen. Eine seiner hygienischen Schriften widmet er seinem Sohne mit der Weisung, er solle sich durch die Befolgung der Vorschriften „gesund und kräftig genug erhalten, um dem Studium der Thora obliegen zu können". Die praktische Metli»" soll das Leben so gestalten, daß die Organe ihren von Gott vorgezeichneten Dienst am Körper zu verrichten vermögt*n» um den Menschen fähig zu machen, nach hohen Zielen z» streben. Diese konsequent durchgeführte Art, den menschlichen Körper zu erklären und Hygiene zu predigen, ist nah«11 einzigartig, und die scharfe Logik der Ausführungen imtl fj18 knappe stilistische Fassung empfindet der Leser als ästheti'Ac Zugabe. So hat seine Philosophie sein medizinisches Denk«1 befruchtet. Und das ist das Reizvollste an den Anschauungen Uilil Schriften dieses gelehrten und frommen Arztes,