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Jüdische Rundschau · 1935-04-09 · Heft 29 (9.4.1935) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 29 (9.4.1935)
Date
1935-04-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 29, 9. IV. 1935 onvnpim nv>Ti5i d\wo) — Großartig i*t das Bild, das Maimonides vum wahren Weisen entwirft (Jeswxle ha-Thoro, Hilch, Deoth). Die systematische Kraft und die hatachische Meisterschaft sichern ä«ra gigantischen Kodex ünVergänglichkeit. Mag es immerhin einige Einwendungen gegen den Stil des Aufham — keine entscheidenden übrigens — und gegen manche Anordnungsversuche im einzelnen geben: Mischnc Thora ist der Vergessenheit entzogen und unterliegt nicht dem ZcrstörungsprozeB der Zeit. — Aber des Rambam halachisches Hauptwerk überschreitet den Rahmen der Kodifikation des Gesetzes, und dieser Unistand verleiht dem Buch eine besondere Physiognomie und gestaltet sein Schicksal mit. Er reißt das Werk in den Kampf der philosophischen Meinungen hinein. Maimonides, einer der erhabensten und abgeklärtesten Geister, war mutig genug, ein vielfaches Odium auf sich zu nehmen: die Gegnerschaft gegen sein Wirken richtete sich gegen das Kodifizieren, gegen das philosophische System des „Mure" und gegen die Verdickung des Gesetzes mit der Philosophie. Und wenn auch dem letzteren Verweh das Los der Zeitgebundenheit anhaftet, so liegt ihm dennoch eine innere Notwendigkeit zugrunde. Die konkrete Tat des Maimonides ist jedenfalls das bedeutendste Denkmal, das wir auf diesem Gebiete besitzen und. ob wir dieser Philosophie nun zustimmen oder nicht, so gültig und unvcniichthar wie die erhabensten Bauten der Kunst und Philosophie. Das Entscheidende, ist hier nicht die grundlegende Deduktion des ersten Kapitels, sondern die Verbindung, die von dieser knappen metaphysischen Skizre zum Gesetze geht. In seinem „Buch der Gesetze" zählt, entsprechend der Talmtidstelle 23 b—24 a, die ersten Worte des Dekalog: y?1}* 'rt 'S» und '» >) Bnrtlt O'ntot "fi nip K» als Gelxjt und Verbot innerhalb der 813, die es insgesamt gibt; aber bedeutsamer ist, daß Maimonides als einziger diese beiden göttlichen Worte zum Fundament des halachisclicn Systems gemacht hat. Was im „Scfcr lia-Mizwuth" einem Ordnung-printip, der Logik des Systems entspricht, wird im „Scfcr ha-Jad" Ausdruck einer umfassenden Religionsphilosophie. *5JH ist hier eine positive Folgerung aus den grundlegenden Definitionen, der Substanz und der Rolle des Schöpfers. "t> IW irt das n«Hwt.-ndige Negativ. Die Anerkennung Gottes ist das erste Gebot, dem dann die Ptlichl folgt TtfpS, seine Einzigartigkeit, Kinzigkd't zu lx-kenncn. Daran schließen sich die Gebote, Gott tu Heben, zu fürchten, zu ihm zu beten, ihm anzuhangen, bei seinem Namen zu »chudren, Gott als dem Ideal der Sittlichkeit nachzueilen!, ihn zu hcn^nn, Srh m* rtt lesen, Itiora ztt lernen, liier 1 smi > 1 ii 1 ■ i di i sin; H,i (,,|, i, , ,|fs (, itti sdienstes angela u' l in. i < v k t -.i l, ilh hr ' w<u wci'tr. N »h z'i. II i | um ii i't i h tnr d < f g< nart des Mannes Ui 1 \\ s i i b , | i]<, da du ubirgii Ii nde Bedeutung ' •* " ' ' i i n i St 'ln'i r,i hi i h n sh h Min der Funkti i i , i I > Ii ' 1111, i'h il>tti 1 handelt wurde; denn ii' i i m 1 1, iimih] i Um Mi H< / iudunh', d< rui Wert ja ohne »ii i'k > ' i >< \ i I r ) i ri n i ,ei% hu kl» h über die Ebene 11 1 ' I | 1 [ ii . h Ix'kdimt : es (1 Iii tl» di 1 ' ml i di r \ k< r Anteil;in der I t. i V i Di ,'iu i i ' <]■ i si h m den Hilchoth t . >. lv Ii'! I r I' i X3n C"y dclinicrt: die 1 \l i \ i 1 1 i « i -k' jetzt noch ii- :'i is;'. ii, - ooi Iii in •}•■ I r i li-oiilM^ ttc'cn i r 11. wenn nn e^-y 1 si > t m m-i C"y 1 < i u 1 .\^inrt bereits, ,itzt IST "Iis D i t ■ in D i i i div \ < ' iten, des meta- )!' 1 W ' , w ii in 1 i n ii o r 11< nk< r grlien konnte. Diu i il 1 i i > i ii d »uto, i,i au.-, der Glusse de K A' . i' nb h >,l h« -\ i Das Bedürfnis, tnetaplissi<rhe Uelierzeugtingen einzubauen, und nicht als Ornament, sondern als Pfeiler, wird ergänzt durch die kurzen Ansfüliriintren über das messianische Reich, das er in großer Schlichtheit schaut, und dessen Kennzeichen ihm die I Vherw intlung des niahim ellucum und tlie annähernde Ausschaltung des nialutn phvsicum sind. Eine ungeahnte Steigerung des Geisleslehens ist der Sinn jener Zeil utid Goltescrkeuntnis auf hoher Stufe das 1 luchziel. Das Judentum der Tradition verdankt seinem großen Sohn ohne Zweifel ungewöhnlich viel. Schalten wir Philosophie und Medizin aus, so hleibt der Kodifikator, der Kommentator der Mischna, tler Dczisor in den Responscn, der Verfasser des rtlXOn *1B0 übrig: in all diesen Leistungen verläßt er die gewohnte Bahn, geht, eigene Wege, die sein umfassender Geist, seine philosophische Strenge bestimmt. Er ist einer der größten Erhalter der IJeberlicferung; aber dieses Werk ile« Schutzes und der Konservierung konnte nicht nach der Schablone und nach Vorbildern gelingen. So geriet er in Konflikt mit Zeitgenossen und Nachfahren -- freilich durchaus nicht mit allen. Systematik, PhiloMiphhie. Kühnheit tler Entscheidungen entfremdeten ihn nicht wenigen, und die starke Kritik, die er gegen die übliche Art der. Komtnentierens und der Dialektik übte, ließ ihn vielen als gefährlich erscheinen. Der Rigorismus, der sich zum Beispiel in seinem Kampfe gegen den Anthropomorphisnuis manifestiert, stieß in weiten Schichten auf erbitterten Widerstand. Es gab Zeiten und Männer, die den ,,More" nicht zitierten. Das orthodoxe Judentum verstand nicht immer, Moses Leu Maimon den ihm gebührenden Platz. Anzuweisen. Aber \erleugnet hat es ihn nie. Zwiespältig war oft die Beziehung zu ihm. Aber «laß er einer der gewaltigsten Meister der llalarha war und ist, das war fast uiiheslritten. Schott zu seinen Lebzeiten war er als Mii-Icr aiM'ik.uiiit. und m Iul'Ii' man In Aeirvpten in den Kail,li-ch di,- Wendung ein: '1 tU3TI X^S 'Tiai Die Nachwelt aber prägte auf ihn das Wort: UV ilWO "!JP flWBO nvns n\1. Er slatul im Dienste der Uebcrlieferung mit aller Liebe des llalacliistrii, mit aller Größe des Philosophen. Der beide verbindende Systrnintikcr ist ein bisher nicht wieder erreichter Architekt, ein Diener der Nation, der einer ihrer wenigen Herrscher ist. Die Energie seines Geistes mußte zu Ergebnissen führen, die vielen unfaßbar waren. Aber die Legitimität seiner Sendung ist kaum je in Frage gestellt worden. Er ist heute wie nur je der „große Adler", „unser Lehrer", Im Spiegel der deutschen Philosophie Maimon und Maimonides Salome- Sohn des Josua, aus Neschwitz in Litauen, war ein Jüngling von ungefähr 24 Jahren, als er etwa 1778 seine litauische Heimat verließ und nach Preußen wanderte, in tler Hoffnung, in Berlin seinen Drang nach Wissen und Forschung stillen zu können. Er kam als vagabundierender „östjude" vor die Tore Berlin«, und die Aelteslcn der jüdischen Gemeinde, die darüber zu wachen hatten, daß keine unerwünschten Elemente aus dem Osten nach Berlin kamen, erfuhren von einem Rabbiner, dem, sich der Ankömmling anvertraut hatte, daß er das Manuskript zu einem hebräischen Kommentar zum „Führer der Verirrten" des Moses b e n Maimon bei sich trug. Ein litauischer junger Jude, der den Moreh Newuehim des Maimonides kommentiert neu herausgeben wollte, war noch 1778 in den Augen der Berliner Gemeinde-Aeltesten ein Ketzer. Der Eintritt nach Berlin wurde ihm verweigert, man gab ihm etwas Geld und schickte ihn wieder fort. So mußte denn Salomo Berlin verlassen, ehe er es noch betreten hatte. Erst nach langer Irrfahrt — besser gesagt ■— nach langer Wanderschaft und Straßenbettelei kam er wieder in Berlin an. Es war ihm unterdessen durch eine wunderbare Fügung des Schicksals gelungen, dem Rabbiner von Posen seine Gelehrsamkeit zu beweisen, er erhielt Empfehlungsbriefe an Mendelssohn und seinen Kreis, durch die er Eingang in die wissenschaftliche Welt Berlins erhielt. 1789 erschien seine erste Arbeil, deutsch in der Berlinischen Monatsschrift, und hebräisch im „Meassef". Sie heißt deutsch „Proben rabbinischer Philosophie", und enthält die Deutung einer Stelle aus dem Mischna-Koiiimcnlar tles Maimonides mit den Denkmilteln von Kants Kritik der reinen Vernunft. In der hebräischen Arbeit nennt sich der Verfasser noch Salomo, Sohn Josuas, aber die deutschen philosophischen Arbeilen, die nun in rascher Aufeinanderfolge erschienen, waren gezeichnet: Salomon M a i in o n. Salomo Den Jesua hatte sich aus großer Verehrung für Maimonides den Namen Maimon beigelegt. Wie sehr Salomo Maimon, dessen Werke einen Markstein in der Geschichte der nachkantischen Philosophie bedeuten, den Maimonides verehrt hat, erfahren wir aus seiner Lebensbeschreibung. Dort heißt es in der Vorrede zum zweiten Band: Er „halte durch seine Schriften sowohl auf die Ausbildung meiner geringen Fähigkeiten, als meines Charakters den größten Einfluß". Und weiter S. 3: „Meine Hochachtung für diesen großen Lehrer ging su weit, daß ich ihn für das Ideal eines vollkommenen Menschen hielt, und seine Lehren so ansah, als wären sie von der göttlichen Weisheit selbst diktiert worden." Und weiterhin erzählt er, daß er, wenn sich seine Leidenschaften und Begierden zu regen begannen, sich selbst den Schwur tat: „Ich schwöre bei der schuldigen Ehrerbietung gegen meinen großen Lehrer, Rabbi Moses ben Maimon, dies«: Handlung nicht zu begehen." Dieser Schwur war immer mächtig genug, ihn zurückzuhalten. In dem genannten Aufsatz im „Meassef" nennt Maimon den Maimonides „Das Diadem der Diaspora, die Krone der Pracht Israels", und in der Einleitung zu seinem Kommentar zum „Führer der Verirrten" sagt er von Maimonides; „Er hinterließ uns seinen Segen, uns zu beleben bis auf den heutigen Tag. Nachdem wir in der langen Zeit der Diaspora eine Schande unseren Nachbarn waren, und ein Gespött der übrigen Welt, weil die Weisheit unserer Weisen und die Vernunft tler Vernünftigen verloren gegangen war, erleuchtete der Lehrer, sein Andenken sei zum Segen, unsere Augen." Dieses hebräische Werk, Maimons Kommentar zum „Führer der Verirrten", erschien unter dem Titel „Giwath Hamoreh", nach Art der alten Kommentare, an den Rand des Textes des „Führers der Verirrten" gedruckt. Ein richtiger Kommentar ist es nun freilich nicht. Mainion war ein viel zu selbständiger Denker, um die Gedanken anderer kommentieren zu können. Es ist vielmehr die Darstellung seiner eigenen Philo- " sophie unter dem Vorwand einer Erklärung des Maimonides. In seiner Lebensbeschreibung aber, die sehr berühmt geworden ist, hat Maimon eine ausführliche Darstellung der Philosophie des Maimonides aufgenommen, vermutlich die erste ausführliche Darstellung, die in deutscher Sprache erschienen ist. So sehr fühlte sich Maimon als ein Schüler des Mxitnonides, daß ihm die Darstellung des Inhaltes des „Führers der Verirrten" als ein Stück seiner eigenen Biographie erschien. Was bedeutet die Abhängigkeit Maimons von Maimonides für sein eigenes System und dadurch für die deutsche Philosophie, welche Maimon an einer entscheidenden Wende entscheidend beeinflußt hat? Ich habe anderswo diese Frage ausführlich zu beantworten versucht (Rambam-Nummer der ,,Mosnajim", hebräisch), liier möchte ich nur kurz zeigen, wie auf diesem Wege von Maimonides her ein Strom Die Pflicht, in Erez Israel zu wohnen Im „Misehne Thora" heißt es im 5. Kapitel des Abschnittes über das Königs- und Kriegs-Recht : § 9. Es ist verboten (für den Bewohner des Heiligen Landes), Erez Israel zu verlassen, außer »oriibergehend, um Thora zu lernen, eine Frau zu ehelichen oder sich vor einer Verfolgung zu retten. Man muß al>er immer wieder in das Land zurückkehren. Man darf auch gincliaitehalber vorübergehend aus dem Lande reisen. Aber ständig außerhalb des Landes zu wohnen, ist verboten, wenn nicht etwa eine große Hungersnot dort eintritt, bei der die fletreadeprcisc; um das Doppelte steigen. Aber auch dann ist das Verlassen des Lande., kein frommes Werk. § 11. Die Weisen sprachen, wer in Erez Israel wohnt, dem Werden alle hundert verziehen. Ja, wer auch nur vier Ellen weit in das Land gekommen ist, ist. schon würdig für die jenseitige Welt Auch wer nur dort begraben ist, findet vollständige Sühne. Jedoch ist es unvergleichlich verdienstlicher, sich schon zu Lebzeiten im Lande antu-itdein. § 12. Es, ist besser, im Heiligen Lande selbst an einem Orte ZU wohnen, in welchem die Mehriahl tler Einwohner Nichtjuden »md, als außirh.ilh des Landes in einem Ort, wo die Mehrheit aus Juden besteht. Wer Liez Israel verläßt, gilt dem Götzendiener gleich. KKL-Glückwunsch-Spenden zum 40jährigen Jubiläum der Judischen Rundschau Aus dem Kreise der Leser und Abonnenten der „Jüdischen Rundschau" ist dem Keren Kajemeth Lejiaracl eine große Anzahl von Glückwunschspenden zum 40jährigen Jubiläum der „jüdischen Rundschau" zugegangen. Es ist uns unmöglich, sie im einzelnen zu bestätigen. Die Namen der Spender und Oratulanten werden In einer der nächsten Nummern der JR veröffentlicht werden. Wir bitten alle Freunde der „Jüdischen Rundschau", spätestens bis Sonnabend, den 14. April, ihre Glückwunsch - Spenden mit dem Vermerk: „Glückwunsch JR" auf das Postscheckkonto Jüdischer Nationalfonds e.V. (Keren Kajemeth Lejisraet), Berlin 28247, zu überweisen, damit ihre Veröffentlichung rechtzeitig erfolgen kann. Keren Kajemeth Lejisrael des Rationalismus — im edelsten Sinne: des Glaubens <m die Vernünftigkeit der Welt — in die deutsche Pliilosophi,, eingeflossen ist, Eduard Spranger hat in seiner Abhandlung „Der Kampf gegen den Idealismus" die geistige Lage in dem Jahrzehnt nach Erscheinen von Kants „Kritik der reinen Vernunft" (1781) so charakterisiert: „Das Jahrzehnt ist deshalb in der deutschen Geistesgcschiehte von zentraler Bedeutung, weil hi,.r gleichzeitig zwei so große und so entgegengesetzte Mächte wir, die Kantischo Philosophie und der Spinozismus auf den Plan treten. Man muß beide in ihrem Neben- und Gegeneinander sehen. Tatsächlich ' ist ja der Aufbau des spekulativen Idealismus nur zu verstehen, wenn man in dem Ergebnis den Anteil beider synthetisch vereint erkennt: das dualistische Stufenschema Kants wie die monistisch-gesetzliche Welt Spinozas." Neun Jahre nach dem Erscheinen der Vernunftkritik erschien (1790) Maimons grandioser (leider heute mangels eines Neudrucks völlig unzugänglicher) „Versuch über die Traiiszendentalphilosophie" und griff in diesen Geisteskampf ein. Es war der Versuch, die Kantische Philosophie an dem Rationalismus Spinozas und Leibuiz' zu messen, oder, wie der kurz nachher erschienene hebräische, Mnimonidcskommenlar Maimons beweist, an dem Rationalismus Moses b e n Maimons. Dieser Rationalismus, der Kant entgegengehalten wird, komprimiert sich in dem auf Aristoteles zurückgehenden Gedanken des Maitrionidcs, dali im göttlichen Denken Denkender und Gedachtes zusammenfällt, daß also der Zwiespalt von Subjekt und Objekt, der für unser Denken charakteristisch ist („Ding an sich"!), vor dem göttlichen Denken verschwindet. Spinoza hat an jener Stelle seiner Ethik (II, Lehrsatz 7), wo er davon spricht, dalj die Ordnung und Verknüpfung der Ideen dieselbe ist, wie die Ordnung und Verknüpfung der Dinge, die Lehre Maimonides' erwähnt, ohne seinen Namen zu nennen. Er spricht davon, daß „einige Rabbiner" vor ihm schon tlie Identität von Idee und Objekt „gleichsam durch einen Nebel gesehen halben, da sie nämlich behaupten, Gott, Gottes Verstand und die von ihm erkannten Dingo seien ein und dasselbe. Zum Beispiel ist ein in der Natur existierender Kreis und die Idee dieses existierenden Kreises, die ebenfalls in Golt ist, ein und dasselbe Ding". Von einem „Nebel" ist freilich in Maimonides' sehr klaren Ausführungen im 68. Kapitel des ersten Buches des More Newuehim wenig zu bemerken. Mainion nun wendet diese Lehre zur Kritik Kants an. Im „Versuch" nennt er wohl Maimonides nicht, vermutlich weil er dio Kenntnis seiner Lehre bei seinen Lesern nicht voraussetzen konnte, aber in der l'arallelstelle in dem hebräischen Buche ist natürlich von der Maimonidesschcn Lehre ausführlich die Rede. Kant hatte die Well entzweigerissen. Die Formen des Verstandes (Raum, Zeit, Kategorion) hatten mit dem zu formenden Material nichts gemeinsam. Sie gehören dem Ich an, das Material kommt vom Ding an sich. Warum passen die beiden zusammen, warum fügt sich das Material den ihm fremden' Verstandsfonnen'i' Auf diese Frage gab und gibt es keine Antwort, so sehr sich Kant selbst bis ins höchste Alter um eine Lösung bemühte. Es giibc offenbar nur die eine Lösung, zu begreifen, „daß alles Faktische schon Theorie ist" (Goethe), den irrationalen Dualismus Form — Stoff durch einen rationalen Monismus zu ersetzen: die Welt muß aus dem Geiste geboren sein, soll sie dem Geiste verständlich sein und von ihm gemeistert werden können. Sonst bleibt nur tlie Verzweiflung an aller Wissenschaft, an aller Kultur. Man mag, wie Maurenbrocher dies tat, diese tragische Wellauffassung mit positivem Vorzeichen dem jüdischen Ontimisiniij entgegensetzen. Das trotzige „Und dennoch!" des Unternehmens, eine dem Chaos entsprungene Welt zum geordneten Kosmos zu machen, mag edel und heroisch sein, es bleibt dennoch sinnlos. Maimon hat in einer entscheidenden Stunde der Philosophie die Lehre des Maimonides von der Rationalität des Objektes neu ausgesprochen. Er hat sie durch da* Beispiel des Mathematikers erläutert, für den seine Figuren nichts anderes sind als Darstellungen des Denkprozesses, sozusagen gefrorene Gedanken. Der Mensch, als Mathematiker, ist Gott gleich; Gott, als Schöpfer, gleicht dem Mathematiker: Denkender und Gedachtes sind identisch. „Wir nehmen an (zum wenigsten als Idee) einen unendlichen Versland, Ixh dem die Formen zugleich selbst Objekte des Denkens sind; oder der aus sich alle mögliche Arten von Beziehungen und Verhältnissen der Dinge hervorbringt. Unser Verstand ist eben derselbe, nur auf eine eingeschränkte Art. Diese Mco ist erhaben." Diese „erhabene Idee", dio auf Aristoteles und Maimonides zurückgeht, wird zum Programm der deutschen idealistischen Philosophie, die in ihrem Namen den Kampf gegen den Kantischen Dualismus aufnimmt. F ich tos Lehre vom Nicht-Ich, das dem Ich entsprungen ist und nichts ist. als Selbstemschränkung des Ich, die also den Kantischen Gegensatz von Ich und Ding an sich in das Ich, den „unendlichen Verstand" zurücknimmt, muß von hier aus verstanden werden. Und was Hegel anlangt, so hat Gu6roult in scineni französischen Buche über Maimon darauf hingewiesen, duh von Maimons oben erwähnter Auffassung der Mathematik als Selbstdarstellung des Denkens der Weg geradeaus zu d"" führt. Hegel schließt seine Enzyklopädie der philosophisch! ii Wissenschaften feierlich, fast wie mit einer Beschwörungsformel, mit jener Stelle aus dorn Buche Lambda der aristotelischen Metaphysik, zu der das 68. Kapitel des ersten Buches des „Führers der Verirrten" eine Parallele ist: „Das Denken aber an sich hat zum Gegenstände das, was an sich das Wertvollste ist, und das reinste Denken hat auch den reinsten Gegenstand. Mithin denkt das Denken sich selbst; es nimm' teil an der Gegenständlichkeit; es wird sich selber Gegenstand, indem es ergreift und denkt, und so wird das Denken und sein Objekt identisch, Jerusalem Hugo Bergmann Hauptschriftleitert Dr. Robert Weltsch, Berlm-Charlottenbun? 9. Stellvertreter und verantwortlich: Kurt Loewcnstein, Berlin 1 Anzeigenleittrin und verantwortlich für den Inhalt der Arw.ci«™' Rut I'onerier, Berlin W 30. Gültig: Anzeigenpreisliste 2 v. 1. Jan. 1" _ Verlag und Anzeigenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin V\ 1* Meinekeitr. 10. D.-A. März 33 944. — Druck: Siegfried Schwee lierlin-Schöncberg. t

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