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Jüdische Rundschau · 1935-04-09 · Heft 29 (9.4.1935) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 29 (9.4.1935)
Date
1935-04-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2fc 9. IV. 1935 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Der Kodifikator Handschriften und Drucke Maimonides Bedeutung für das gesetzestreue Judentum Von Dr. Oskar Wolfsberg, Jerusalem Wenn wir unter Judentum die Summe alles Lehrhaften, aller literariselien Denkmäler des religiösen, rechtlichen, kulturellen Lel»ens hegreifen, so nimmt, uns der ungeheure luiifang dieser Literatur nicht wunder. Und ebensowenig überrascht uns die Perspektive der ständigen Ausweitung unseres geistigen Reiches. Dieser Reichtum ist oft genug verwirrend und wird nicht immer als wahre Bereicherung empfunden. In theologischer Sprache hat bereits ein Amoräer, Ii. Adda h. Ii. Chanina, diesen Protest zum Ausdruck gebracht „Hülle Israel nicht gesündigt, so wäre ihm nur das Fünfbiirh "und das liuch Josua zuteil geworden, denn die Rolle F.rez. Israels liegt darin beschlossen. Und warum (d. h. welchen Vorzug hülle dieser hypothetische Zustand gehabt)? Denn bei viel Weisheit ist viel Kummer." (Ncdarim 22 b.) Die biblische Stellungnahme in Koheleth könnte man als schlichten Protest gegen den Intellektualismus nehmen, der l.ilmudische Passus, den wir gebracht haben, ist komplizierter. Alier es gibt noch einen drillen, ganz anders gearteten Protest gegen die Uferlosigkeil der Lehre und des Geselzes im Judentum. Man kann im naehlalmudischen Judentum mit besonderer Deutlichkeit, einander entgegengesetzte Strömungen verfolgen. Dialektik, Diskussion auf der einen, Dezisinn, halachische Entscheidung auf der anderen Seite ringen miteinander. Sie sind beide legitim, denn sowohl das Kasuistische! im Leben als auch eine Neigung des (ieist.es rechtfertigen die Erörterung und lassen eine bestimmte Art des Scharfsinns (Charifuth, Pilpul) seinen Platz neben der Akribie und ausgebreiteter Beschlagenheit (ßekiulh) erstreiten. Aber ganz -ieher kann sieh das Studium nicht darin erschöpfen und kann nicht umhin, Ergebnisse zu erzielen. Dieser Doppellendenz entsprechen zwei Typen von Litcralur: die Kommentare sowie die Novellen und die Werke der De,zisoren und Kodifikatoren. Jene interpretieren nach verschiedenen Methoden und Gesichtspunkten und vermehren die Problematik nicht selten; natürlich gibt es klassische Kommentatoren, die vieles Dunkle aufhellen, und ohne die unser Verständnis für die allen Schriften sehr lückenhaft wäre. Nicht immer widersprechen sich die beulen Wege: mancher war Kommentator, Verfasser von Novellen und Dezisor in einem. Aber es konnte weder eine Spezialisierung noch ein gewisser Antagonismus ausbleiben, je größer das Gebiet der Interpretation und Novellen wurde. * Es gibt keinen typischeren Vertreter der Dezision als Maimonides, die Dezision vor allem im kodifizierenden Sinne genommen. Auch er bat die Literatur um Kommentare bereichert: sein Mischna-kommenlar ist ein bedeutendes Beispiel für Exegese, freilich besonderer Art; er ist eine Vorarbeit zu Mischne Thora. Aber seine charakteristische Stellung in der jüdischen Geistesgeschichte verdankt Moses Maimonides — wenn wir vom philosophischen Werk absehen — seinem halac Iii sehen System, dem gigantischen Werke ,,Mischne Thora" oder ,..Iad ha-Chasaka". Der Zweck dieses Werkes war, der Hypertrophie des rabbinischen Schrifttums entgegenzuwirken, das Verwirrende der Diskussionen zu überwinden und gegründete Entscheidungen festzulegen. Der praktische Zweck ist nicht das einzig Bedeutsame, so wichtig er auch ist. Es ist nach der Vorrede des Ilambam und nach brieflichen Aeußerungen unzweifelhaft, daß er auf den Gang der geistigen Entwicklung damit stark einwirken wollte. Maimonides hat viele Vorgänger als Dezisoren, er hat keinen als der große A r e h i t c k l, als der System aliker der Ilalacha. Ja, seit den Tagen der Mischna ist hier der erste und einzige ganz große Wurf gelungen. Im Bamham hat das Judentum einen seiner wenigen großen Repräsentanten des systematischen Schaffens hervorgebracht, während ihm sonst vorwiegend exegetische Meister erstanden sind. Und dieser Gigant des Systemgedankens ist zugleich schöpferisch in Ilalacha und Philosophie als wirklicher Baumeister. In großartiger Geschlossenheit steht seine Gestalt vor uns. Mag auch manche Spannung zwischen dem „More" und dein „Sefer lia-.iad" bestehen — sie liegen im Gegenständlichen und in den Ordnungsforrnen, zu denen die W issensgebiete uns zwingen. Die Einheit des Denkers ist gewährleistet und verwirklicht in seinem architektonischen Können. Unser großer Lehrer hat der nicht einzudämmenden Flut der Interpretation und des Chiddusch eine Grenze gesetzt oder setzen wollen. Er hat damit die Ilalacha wieder zu einem Hau, zu einem Bau gemacht, quantitativ begrenzt, gleichsam zu einein geschlossenen System gestaltet. Der Rigorismus und die Askese des Philosophen in ihm hat manches Detail erstickt, manche Entwicklung und Entfaltung aufgehalten. Aber Ordnung, Zusammenhang und Sinn der Ilalacha sind durch ihn wesentlich erhöht worden. Durch ihn hat das Werk der Dezisoren eine ganz bestimmte Richtung genommen. Noch sein großer Vorgänger, 11. Isaak Alfasi. hielt sich an den Gang des Talmud; die Bemühungen anderer großer Männer, etwa des Verfassers der „Halachoth G'doloth" und die frühen Versuche, in anderer Art die Geselze zu gruppieren (der Name „Seier ha-Mizwoth ist für diese Bemühungen charakteristisch), zeigen zwar Ansätze zur Systematik bzw. Klassifikation, erreichen aber weder die architektonische Vollendung von „Mischne Thora" noch ist das Detail mit solcher Klarheil, und Ueberlegenlieil gestaltet, so erhaben über alles Polemische und so unabhängig von dem Zwang, der von der besonderen Anordnung usw. des Talmud und der Gaonim ausgeht. Auch darin kommt das umfassende Können und das große Wollen zum Ausdruck, daß nicht nur das im Exil noch Güllige gesammelt, und geordnet wird, sondern eben alles, auch das Unaktuelle, das Vergangene und Zukünftige, die Opfer und das Messianische, das Irdische und Jenseitige, das Recht, der Ritus, aber auch die Wissenschaft (Physik, Astronomie, Metaphysik, Prophelie, die allgemeine Diätetik) eingeschlossen wird. Auch hierin sollte der Leser von anderen Werken unabhängig werden und alles beieinander in dem einen großen Buche finden. Die künftigen Kodifikatoren sind alle von Maimonides beeinflußt; aber keiner hat sein System wieder erreicht. Zunächst schallen sie alle den rcligions-pliilosophischen Unterbau und Rahmen aus, verzichten auf die Teile, die heute nicht in Gellung sind und widmen dafür dem Ritual um so mehr Aufmerksamkeil. Die Strenge der Gedankenführung, die Folgerichtigkeit der Anordnung, die souveräne Beherrschung der Materie, die Prägnanz des Ausdrucks und die Schönheit der Sprache haben keine Nachfolge gefunden. Aber vorbildlich war Maimonides vielen, und der Verfasser des Schulchan Aruch, R. Joseph Karo, der R. Jakob b. Ascher die Einteilung in vier Teile („Turim") entlehnte, steht dennoch stark unter dem Einfluß von Maimonides. Oft genug bringt er die Entscheidung im Wortlaut des „Sefer ha-.lad"; wie er denn ja mit seinem Kommentar „Kessef Mischne", ähnlich wie der „Maggie! Mischne" des Vidal di Tidoso, den Versuch unternommen hat, eine Lücke zu schließen, die der Ranibam gelassen hat: Quellen und Begründung der Entscheidungen in Mischne Thora, besonders, wo sie von der üblichen Linie abweichen oder in großartiger Machtvollkommenheit selbständig und erstmalig gefällt worden sind. Als ein ,KtP13, als ein Schildträger des Maimonides fühlt sich Karo in »lieser Aufgabe. Bedenken grundsätzlicher und spezieller Art wurden Im Judentum der Tradition gegen eine Syslenialisierung und endgültige Kodifizierung laut. Schon Zeitgenossen des Maimonides, z. B. R. Pinehas b. Mescliullam aus Alexandrien und R. Abraham b. David aus Posqnieres, treten als Wortführer dieser Bedenken auf. Aber der Gedanke des Codex hat gesiegt, schon darum, weil er dein praktischen Bedürfnis entgegenkam. Aber der Sieg war nur unvollkommen: der exegetische Weg wurde nicht verlassen, neue Kommentare und Superkominenlare entstanden, nicht zuletzt rankten sich gerade um „Mischne Thora" Bücher dieser Art und drangen in das Werk des Maimonides in gleicher Weise ein wie in den Talmud. Es bleibt also bei der komplizierten Struktur der jüdischen Geisteswelt. Das große Werk zerfallt in vierzehn Hüchel („S'farim"), die in große Halachoth eingeteilt .sind; tlk'se bestehen ans Perakim. und diese wiederum aus kleinen Paragraphen. Die Grundlagen der Ilalacha, der Gottesdienst, die Ablehnung des < ioizeiidien-tes, die Feste, die Ehegesetzgebung, die Regelung des Sexuallebens, die Gelübde, alles was mit den Pflichten der Landwirtschaft zusammenhängt, der Kult des Zcntralheiligtuius, die Gesetze der levit i.-chrti Reinheit, das bürgerliche Recht im weitesten l'intatif». die Prozeßordnung, die Rolle des Synhedri'in, des Königtums; der Atl-klang: die messianische Zeil. Dies .sind nur die grollen Themen ...... ich lithre übrigens nicht alle Titel der Scfaritn auf —, die den Reichtum des Eingeschlossenen nicht ahnen hissen. Der große Autor reiht liuch an Buch auf ('.rund ihrer Verwandtschaft bzw. größeren oder geringeren Zu -ammciigchörigkeit. Kr ist immer Iximüht, den 1,'cbergang durch verbindende Gedankengange, zu verdeutlichen. Jedem Buch ist als Motto ein Vers am den Psalmen oder Proverbien vorange-etzt, die den Inhalt des Buches treffend charakterisieren. Wo imitier sieh die Gelegenheit bietet, holt der Vcrbis-er weit aus, gibt, gcvvoliiilirh eingangs, eine philosophische, ethische, rcligio-c «dir geMlnchlstlieoretische (zuweilen konstruktiv) Einführung und Begründung. So entrollt er in aller Knappheit eine Theorie der Prophet ie, U-vnr er zu den hulachi.schen Sätzen kommt, rlie hierher gehören HPE^ 'K'SW m«n 'K'SJ); Sefer ha-Madda, llilchoth Jcs.sode ha-Thora). Den halachi.schcn Bestimmungen über den < lützcndicust geht ein Versuch voran, die geschichtliche Entstehung de* Götzendienstes z.u skizzieren. Da die jüdische Tradition dem ersten Menschen hohe Erkenntnis zuschreibt, so muß die Entattungscrsdieiuung verständlich gemacht weiden. ('13V tttbn brr Eingang zum Grabmal des 'Maimonides in Tiberias Tot : Sonnenfild Rechts; Scphardischer, Jude als Wächter, am Grabe Fot. Güd % wr^h%^fxrvn'yy^'^-v- -— c"-#'-m-«j«^l!yrrt»"i'a1j n»i|T«rtrtOWsWiW j «w wrw.TriÄteans^t'j-i'! »|jnwwor>'-ttv- ■rnfa-ic":!! rv—rjn ivarmwhm-xv~ ■ l'ajWT^wstww^fowoA;it. 0^«xv-Dj>w«i:yiTiwr>;<T ' txzwxt T3T.rr»»^ri;TT-j »TOTf »"f" V,-»orc,'*cra ^ncTiv. v^Tri "*Tf»i 'v3t>ntrV'T^iV't^'lKf}W&y **~r'W&$fJ^F;"TXX^' c 'e^ ■' S^Ä* Ans -einer illuminierten Maimonit/es-tlandsehrifI aus dem Bcsiiz der Universitätsbibliothek Jerusalem l Z, Kluge» öWi mia mSeO UlTfl Dp 31U OO ÜTY$ 0? rrxon *p*i£o pryfi ^2 ru^313 y"n* t» -lyen o &ryzh o »sc f*> "3 13 V*.» vp» y rwipTj vr -wo a v** f*1* •* fi^rt^f^ r^pr^^ "^t^* n«TJi3 Titelblatt der klassischen Ausgabe des „Moreh-Newuchim" in der hebräischen Ucbcrsetzung von Samuel ihn Tibbon. Venedig 1551 Rechts: Eine Seite aus einer More - Newiichim - Handschrift aus dem IL Jahrhundert, der Bibliothek des Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau gehörig, gegenwärtig ausgestellt in der Berliner (iemeindcbihliothek. (Mit Erlaubnis des Brestauer Seminars) Jl'-TV««»» Iföt '«S9t»1f!W WTg-im** fSlfv»" •wTwtO"«igmmsr* •»?-«■>•*■»» &y \fft^tfTSt^^ *'W33TM^V"ji| "jtr.^irW.w»»»" m»|Mi . ffm mmt trm'wn**' «*mom« ««weiu W urs* Isa 9<fi9»~> * v V*» st&n"m"'at*yv}—s wv eh .yfte onwtMnp»«**»«« m «*>*■» «ewKjjrf*»» n-n» * **»• "«f» «f»»»ow -s IHM rm pwKPe^t pw ^KOWW^innTfr1*!» jum» tA>f«»»!*Äjfer4rir>98t«t ■W fh-TV S»'»n»WB'i»t •V'PjdüWf»! tr$»VW irnS»»»« »Vi» ' Trt t^f?tm»-**^S»S» **»*;? *OT;**»v"? 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