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Jüdische Rundschau · 1935-04-09 · Heft 29 (9.4.1935) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
40 (1935)
Issue
Heft 29 (9.4.1935)
Date
1935-04-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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$«'♦« 2 Jüdisch? rundsc-haa Nr. 29, 9. IV. 1935 Der zeitnahe Maimonides In den nachfolgenden Aufsätzen dreier führender Männer im deutschen Judentum und in der jadischen Wissenschaft (die infolge mancher lieber schneidungen einige unwesentliche KOrzungen erfahren mußten) wird versucht, vom Standpunkt des modernen Juden auf Grand der Maimimischen Gedankenwelt unsere heutige Problematik zu beleuchten. Dr. Leo Baeck zeigt den um Einheit ringenden Maimonides, der in seiner Fragestellung auch uns noch etwas zu bedeuten hat; Professor 1. Elbogen gibt einen Abriß von der Persönlichkeit des Denkers, der auch den Menschen unterer Tage ein Vorbild sein kann* und Dr. Max Wiener zeigt die Verwurzelung Maimuni» Im Judentum als nationaler Gemeinschaft, eine Verbundenheit, die In der Spannung von Nationalem und Universalem ein ewiges Grundproblem des Judeseins konstituiert. Keil. Aufgabe und Kraftquell Masche ben Maimon hat deshalb den gani eigenen Platt in der Geschichte der .Juden, weil in ihm zwei bestimmende Formen, in denen sich der Geist der jüdischen Gemeinde erwies, die Tradition und die Philosophie, zu einer Gesamtheit gelangt sind. Jüdische Tradition, das ist vorerst Tradition des religiösen Gesetzes; jüdische Philosophie, das ist vor allem Philosophie, die dem einen Gotte nachgeht. Sie beide hat Maimonides in sich vereint. Sie stehen in der Einheit seiner Persönlichkeit; denn das Buch vom Gotteigeselz, den „Misehne Thor.V, und das Buch von der W issenschaft, den „More Newuchim", hat derselbe Mann auf derselben Höhe teiner Jahre geschrieben. Und sie stehen in der Einheit seines Systems; denn dem Gescti und der Wissenschaft hat er denselben Platz gewiesen, so daß im ..Misehne Thora" grundsätzlich schon der „More Newuchim" enthalten ist und im „More" wieder der ,,Misehne Thora". l ud das Dritte, worin sich die Gemeinde des Judentums aufzeigte, die jüdische Dichtung, die I) i c h t u n g d c s G e b e t ü s, hat dann der nachsrhaffende Volk-treist in Gestalt und Werk des Mannes hineingefiigt; denn das Gehet, das als einziges späterer Zeit klassisch, ein \ndachhbe<;iiin des Taues und ein Andacht.sschinß des Da-cins. geworden ist, das .1 i g d R 1 - Gehet, es gehört für die \ o) k*f r< immuikcit dem M litnom Ii s zu, wenn er es auch nicht verfaßt hat; seines Glaubens Bekenntnis spricht darin zum Volke. In diesem einen Manne war ihm alles befaßt, worin sich das Judentum einer groben Epoche bezeugt, hat Diese große Epoche ist die des Mittelalters, in ihrem seelischen Grundzuge eine gleiche für Judentum, Christentum und Islam. Eines hat in dieser Zeit gelebt, in jedem ihrer Bereiche mit seiner behinderen \rt, die Sehnsucht nach einer Ganzheit und Gesamtheit, dieses tiefe Verlangen nach dem S\stein, nach dem Zusammenhang, in dem alles besieht, nach dem Wissen um das Gefüge, das alles zusammenhält. Darum war hier die Idee mehr als die Geschichte, der Einklang der Maimunis Stellung im Judentum Maimunis Eigenart beruht in der Zweiseitigkeit seines Lebenswerks. Er ist in einer Person Meister der Ualacha und p h i 1 o s o p Ii i s c h e r Führer. W ir w erden seinem Geist und dessen Haltung zum Judentum darum nur gerecht, wenn ■wir beide Teile m einem Ganzen zu fügen versuchen, Religionsgesetz und spekulative Theologie als die aufeinander abgestimmten Flügel eines Bauwerks, das eine in sich geschlossene Architektonik darstellen mußte. Zu voller persönlicher Größe steigt Maimonides empor, indem er philosophisch gegründetes rabbinisehes Judentum schaffen will, allgemein gültige Vernunftwahrheit mit dem Offenbarimgsgesetz organisch zu vereinigen strebt. Dio Klarheit dieser Intention erschließt uns seine innere Haltung zum Judentum. Mit ganzem Herzen steht Maimuni auf dem Boden der Tradition! Im Lehren wie im Lehern bleibt er so „orthodox" oder besser so „orthoprax" wie einer, der nie etwas von Philosophie und Aufklärung gehört hat. Wo er abergläubische Bräuche, Neigungen zu Magie abstellt, da geschieht es auf Grund des recht verstandenen Gesetzes selber, das fiir ihn mit der Vernunft übereinstimmt Was alier bedeutet dieses Gesetz dem jüdischen Volke, an das sieh der Denker gerade hier wendet? F.s ist die \ erfassung seines Lebens, macht dieses "Volk zu einer eigenständigen, von anderen Gruppen sireng geschiedenen Gemeinschaft. Es regelt, sein Dasein bis ins Einzelne. Es beschränkt sich nicht auf allgemeine Richtlinien, die uns moralisch-religiöser Gesinnung fließen. Das Gesetz als Gesetz scheidet nicht zwischen Sitte und Ritus, zwischen Hechts- und Moral Vorschrift, sondern ist eine E i n h e i t, gegründet und zusammengehalten durch die höchste, die göttliche Autorität. Dieses Gesetz hat jenes n a t i o n a 1 - r e! i g i ö s e Lebensgefühl gefestigt, in welchem der Jude nicht bloß im Sinne tiefsten Vorseh»ng«glaubens si'h von Gott aiiiresrh.iut empfindet, sondern das ihn niemals pflirhtenlos sieh selbst überläßt. Die Kinder Israels sind keines Menschen Knechte, aber Gottes so sehr als Einzelne wie als Gemeinde, wie sonst, wohl nur auserwähltc Heilige, in der Vftlkerwrlt sich empfunden haben. Das Gesetz wird zum gerneinsaoien Da«einsstil, zur unbewußten Lebensform, gerade je selbstverständlicher seine Erfüllung wird. End über die Selbstverständlichkeit dieser Lebung ragt als das Plus, das Verdienstliche, das der Fromme übt, das Studium des Gesetzes heraus, die pirisSisch-theologischn Kasuistik zur Ergründimg möglicher oder unmöglicher Situationen. Diese Lebenshaltung, gegründet auf dem Fundament des geoffenbarlen Gesetzes, scheint dem Geiste philosophischer Vernunft schnurstracks entgegen gerichtet. Maimuni und seine philosophischen Vorgänger im Judentum empfinden es anders. Für sie ist Vernunft und Offenbarung eins. Es mag Wahrheiten gehen, die menschliche Fassungskraft übersteigen, aber keine, die ihr widerstreiten, Gottes Vernunft ist unendlich der menschlichen überlegen; und doch gibt es nur eine Wahrheit, Und dieser sich zu bemächtigen, soweit immer es menschenmöglich, ist ein Gebot, das der Erfüllung aller anderen Gebote erst Sinn verleiht. Wahre Gläubigkeit ist eins mit mühevollem Streben der Vernunft um Gott und die hftch- Bt.cn Dinge. .Nicht blinder Gesetzesübung oder kindlicher Einfalt, sondern kühner philosophischer Spekulation, härtestem geistigen Ringen öffnet sich der Weg zu Gott. Die Stimmung dieser religionsphilosophischen Gläubigkeit ist eine ganz andere als die der herkömmlichen rabbinischen. Das Gesetz bis zum letzten zu beobachten, ist selbstverständlich. Aber was diesen Stand überhöht, das ist die reine S c h a u, die Theoria, das Hingen um die Erkenntnis von Gottes Wesen und von den höchsten Dingen. .Maimuni findet diese Forderung in der Thora wieder, wenn auch mehr verhüllt als offenbart. Er ist sich nicht bewußt, daß ihn zu dieser Sphären mehr als das Kommen und Gehen von Dingen, die Geschlossenheit, in der alles hienieden und droben aufeinander weist, mehr als die Grenze, in der sieh die Besonderheiten scheiden. Alles, was mittelalterlich ist, noch bis zu Dante und zu Lionardo und Michelangelo hin, hat darin seine Kraft, und es hat sich im Judentum früher als in den arideren gestaltet. Aus eben diesem starken Begehren nach dem Einen und Umfassenden, ist das Werk dei Maimonides erwachsen. Auch er ist, mit seinem Jüdischen, von dem er nie abging und von dem er nichts abnahm, einer der großen Baumeister des Mittelalters, und auch ihm war immer der Bau mehr als das Gemach. Dadurch hat er weit hinaus auf Menschen des Mittelalters gewirkt. Durch diese Gründe seines Wesens ist er im Judentum ein Geschichtlicher und darum ein Bleibender. In seiner Persönlichkeit und im Geschicke seines Lebens ist zwar nicht«, was, wie etwa von Jchuda Ilalevi her, die Phantasie oder das Empfinden des Juden unserer Tage bewegte, und auch das Einzelne seines Werkes tritt nur im Gemessenen an uns heran. Aber das, was der tief innere Zug »eines Schaffens, fast seine Leidenschaft war, dieser Drang nach der Einheit, das macht ihn gegenwärtig. Jede Zeit im Judentum bedarf dessen, was er in seiner Weise wollte und erfüllte, bedarf dessen, daß sie in ihrem Judentum um eine Welt erfährt. Auel» für ihn, in seinem Zeichen, so wie einst für die Männer der Bibel und der mündlichen Lehre in dem ihren, war das Judentum nicht etwas neben der W/elt, so daß er vor ihr die Augen verschloß oder sich von ihr abwendete, nicht etwas vor der W elt, so daß es zu einer Kunde, zu einem Historischen geworden wäre, und auch nicht etwas nach der Welt, so daß man seiner sich vertrösten und seiner nur harren müßte. Ihm war es die Antwort auf das, was war, was ist. und was sein wird. D a s i s t es, was aucli uns not tut. Seine Zeit ist nicht die unsere, aber diese Aufgabe, die er erkannt hat, ist auch uns Bestellt, uns noch mehr als ihm. Er soll nicht nur eine Berühmtheit sein, sondern eine Kraft, welche Kraft wird in unseren lagen. Leo Baeck Deutung nicht das Gottesbuch seiher, sondern die griechische Weisheit, vor allem Plotin und Aristoteles, geführt. Aber diese Denker bieten ihm, der um einen begrifflichen Ausdruck für den Eingottglauben der Bibel kämpft, doch eine gewaltige Hilfe. Der philosophische Gott der Spät-Antike, vor allem des Aristoteles, ist durch die strenge Einheit, Weltüberlegenheit und Geistigkeit seines Wesens wohl geeignet, einen monotheistischen Juden anzuziehen. Freilich leidet dieser Vernunftgott an einem schweren Lehel. Um die Welt darf er sich nicht kümmern. In seligem Sichselbcrdenken verharrt er im eigenen, durch nichts zu berührenden Wesen. Die Welt liebt ihn, muß ihn lieben, aber unglücklich; denn unfühlsam ist die Herrlichkeit, in der er über ihr thront. Der jüdische Gott ist Schöpfer, welterschlossene Güte, hat das Dasein aus dem Nichts geschaffen, um sich ihm darzureichen, ein willcnskräf liger, regierender, richtender Golt. So wird es das große Problem des Maimuni, jenen einsamen Gott in Einklang zu setzen mit dem lebendigen Gott der Bibel und der jüdischen Menschen. In den theistischon Aufriß des Aristo telismus die Forderung des jüdischen Gotlesbcwußtseins einzubauen, darin besteht das philosophische System des Maimuni. Das Judentum —■ ein Volk, dessen nationale Solidarität durch das Gesetz vom Sinai zur Einheit geformt ward; der philosophierende Judo — ein einsamer Denker, zumal im Bewußtsein dessen, daß nur wenigen die steile Höhe reinen, aber wahre Religiosität verbürgenden Denkens zugänglich ist. Dort — Volk als organisches Gebilde, hier — die Persönlichkeit des Weisen. Und worauf erstreckt sich die Erkenntnis der Vernunft? Auf die für alle ohne Unterschied von Volkstum und angestammter Religion gültige Wahrheit. Die Vernunft ist universal. Kraft dieses Glaubens an die Vernunft ist das Mittelalter, zumal in Gipfeln wie Maimuni, universalistisch gestimmt: die Menschheil, repräsentiert durcli die zu höchster Gotteserkenntnis aufsteigende Vernunft in Einzelnen, ist das sichtbare Symbol des einen weltumfangenden Schüpfcrgottes. Das ist ein anderer Universalismug als der der Propheten, Der sittlich-soziale Universalismus der Propheten cht von der natürlichen Gemeinschaft aus; er anerkennt, ja ictont die des Volkes, ist so mit selbstverständlichem naiven Nationalismus verknüpft. Maimunis Gemeinschaft ist mehr die ideale G e m e i n d e der Weisen. Der Philosoph möchte den Propheten in die Reihe der großen Denker aufnehmen. Und wenn Mose den Aristoteles überragt, so eben darum, weil die Vcrnunfterkennlnis in dem jüdischen Denkerpropheten noch gewaltiger ist als im hellenischen Weisen. Hier tritt die Spannung zwischen dem universalistischen Rationalisten und dem Meister der Halacha hervor. Denn diese ist partikular und national, wendet sich an ein bestimmtes V o 1 k. Was sie von den ..Noachidcn", den Menschen schlechthin im talmudisch-rabbinischen Sprachgebrauch, verlangt, das ist als Minimalprogramm menschheitlicher Sittlichkeit in der Hauptmasse der Gebote eingeschlossen, die sich an das jüdische Volk wenden. Hier in diesem ewigenlneiriander von National- und Universal-Religiösem, wie es Gesetz und Denken repräsentieren, liegt das ewige Problem des Judentums. Maimuni ist der deutlichste Ausdruck dieser jüdischen Urspannung. Er hat sie nicht empfunden, weil er ja mit seinem Rationalismus das ganze Gesetz zu durchtränken sucht. Dem Gefühl seiner Zeitgenossen aber, freilich nur dem instinktiven Gefühl, ist sie nicht entgangen. Wir Juden von heule, die wir das ganze Judentum bejahe n, begreifen die Größe dieser Frage. Heute gilt nicht Gesetz, sondern V o 1 k h e i t als Ausdruck jüdischen Eigenseins. Es hat sich als Irrtum herausgestellt, daß man nur sein Gesetz wegzuwerfen brauche, um seiner Volkheit verlustig zu gehen. Niemand ist blind gegen den Unterschied zwischen dem Gesetz, das als göttlich offenbart sich als Autorität schlechthin darstellt, und dem modernen Volksbogriff, der bewußt und in Abhebung vom Gewesenen sich als weltlich darbietet. „ Der Mensch lieber dem Gelehrten Maimonides dürfen wir den Menschen nicht vergessen. In seinen Werken ist es der Forseher, der Lehrer, der auf uns wirkt--— in seinen kleinen Schrifion und in seinen Briefen tritt uns der Mensch, der Kämpfer, der Bekenner gegenüber. Maimonides ist nicht Schriftsteller geworden, weil er die Leidenschaft halte, Bücher zu schreiben. Es trieb ihn gewiß, die Probleme für sieft durchzudenken, aber geschrieben hat er aus dem B e w u ß t s ein der Verantwortlichkeit für sein Volk, weil er «den rechten Glauben und das rechte Tun vermißte und beides verbreiten wollte. Er sah Nörgelei und Mißverständnisse voraus, aher kümmerte sich nicht um Tadel und Angriffe; denn ihn.trieb die innere Notwendigkeit, zu lehren und zu wirken. So sehnrillt er über seine Absichten bei der Abfassung seines Misehne Thora: < „Ich habe dieses Werk nicht verfaßt, um dadurch Größe oder Ruhm zu erlangen. Gott iveiß es, daß ich ursprünglich mich nur um meiner selbst willen damit abgegeben hahe, um einen gewissen Ruhepunkt in meinen Grübeleien zu finden und um ein Ziel zu erreichen, dem ich zustrebte. Als ich älter wurde, begann ich für Gott zu eifern, ich sah das Volk ohne maßgebendes Gesetzbuch, ... und ick tat meine Arbeit zu Ehren Gottes. Als ich das Werk abfaßte, war mir klar, daß es in die Hände von bösen Eiferern fallen würde, die seine Schönheit herabsetzen, seinen Rang verkleinern und durch ihren Tadel ihre Niedrigkeit oder ihre geringe Einsicht zu erkennen geben würden.... Ich rechnete aber auch damit, daß es In die Hände der wenigen Ausgezeichneten gerät, die auf Wahr, heit und Gerechtigkeit aus sind und durch Nachdenken, durch Vertiefung das erfassen und würdigen werden, x:;as ich geleistet und gearbeitet habe..." Es ist Maimonides aber nicht um die abstrakte Lehre zu tun, sondern um ihre Befolgung. Das reine Denken seil die Voraussetzung für den reinen Glauben bilden, das Wissen zum Bekennen führen. In seinen Sendschreiben wird er zum glaubensstarken Bekenner. Zwei Probleme stehen ihm im Vordergrund: der Glaube an den einen, ewigen Gott und der Glaube an die sinaitische Offenbarung; sie bilden den Gegenstand seiner ernsten Mahnung und werden von ihm mit Bekennermut vorgetragen. So schreibt er 1172 nach Jemen die denkwürdigen Worte: „Wie alle unsre Brüder aus Israel, die zerstreut sind über die ganze Erde, so seid auch ihr verpflichtet, euch gegenseitig im Glauben zu stärken. Die Großen mögen auf ^ie Kleinen einwirken, die Einzelnen auf die Gesamtheit. Im Zeichen der Wahrheil, das nicht verstellt und nicht verändert wird, soll das Volk verbunden sein. Immer wieder werde allen verkündet, daß der Heilige, felobl sei er, einzig ist; ein einiger Gott und mit keiner inheit sonst zu vergleichen. Des ferneren, daß Mosche sein Prophet ist, Mosche, der mit Gott geredet hat, der höchste und vollkommenste aller Propheten; denn was der Prophet Mosche von Gott erfaßt und erlangt hat, hat keiner vor oder nach ihm erlaßt und erlangt. Und schließlich, daß die ganze Thora vom ersten bis zum letzten Satz Gottes Wort ist; Rede und Verkündigung an unsern Meister Mosche; daß nichts darin umgewendet werden darf und nichts verändert, nichts hinzugefügt und auch nichts abgezogen in alle Ewigkeil. — Seid stets der Offenbarung am Sinai eingedenk, denn Gott hat uns verboten, ihrer jemals zu vergessen. Darin aber liegt die einzigartige Größe des Sinai blindes: vollzogen hat sieh hier in der Wirklichkeit, und bezeugt wird es von dem besten aller Gewährsmänner, daß einmal ein ganzes Volk in seiner Gesamtheit Gottes Wort vernommen und seine Herrlichkeit geschaut hat von Angesicht zu Angesicht. Aus dieser steten Erinnerung müssen wir die Kraft gewinnen, an unserm Glauben fest und unverbrüchlich auch in einer Notzeit wie der heutigen zu halten: kein harter Erlaß, Verfolgung der Juden oder gar Glaubenszwang mache uns wankend. Nach der Verkündigung der zehn Gebote hat Mosche gesagt: ßtich zu versuchen, ist Gott gekommen, und euch in Furcht zu erhalten, damit thr nicht sündiget.' Das sollte bedeuten: die Offenbarung wurde euch zuteil, damit ihr jede Versuchung, die über euch im Laufe der Zeiten hommen sollte, mit ungebrochenem Herzen bestehet. Also, meine Brüder: haltet fest am Bunde, harret aus im Glauben und handelt unverrücht .so, wie euch geboten ist.'" Das Bild von dem nur forschenden und rationalen Maimonides bedarf der Revision, auch er war beherrscht von Trieben, von Stimmungen und Empfindungen. Sein Leben war vorbildlich, er hatte die Tugend und Weisheit, die er lehrte, in sich aufgenommen und war bestrebt, nach ihr zu leben. Die Tugend des Weisen war für ihn dio Demut, m ihr wollte er dem Propheten, nach dem er genannt war, nachstreben. Er war in Leben und Lehre seinen Zeitgenossen ein Vorbild, darum verehrten sie ihn als einen von denen, „u1" derentwillen Gott hei der Schöpfung gesprochen hatte: W'r wollen einen Menschen schaffen nach unserem Bild, nach unserer Gestalt." I. Elbogen Aber oh Gesetz, ob Volk, in jednm Falle handelt es sich um eine originale Größe mit eigenem äußeren und inneren Schicksal. Und dieses aus seiner Eigenständigkeit nicht zu entwurzelnde Judentum erhebt immer den Anspruch, zugleich eine universale, gemeingültige Wahrlieit zu sein. So haben die Propheten ihren einen Gott verstanden. Das hat die philosophische Religiosität eines Mairnuni gemeint, als er die alle angehende Vernunftwahrheit von diesem Gott in der Bibel fand. Das ist schließlich auch dem engsten Rabbinistcn. dcr sich in den vier Wänden der Halacha abschließt, nicht abhanden gekommen. Es gibt keine Freiheit der Wahl; man muß das G a n z e nehmen. Von Anfang an hat das Judentum diese seine Zweiseitigkeit erfühlt, Gott ist der Gott aller Möschen. Das ist nicht, der naive Ausdruck tastenden Denken» und Glaubens, sondern die nicht aufzugebende Idee des Judentums überhaupt Darum wird auch der Weg in die Zukunft diese Dualität immer von neuem aufnehmen und formen müssen. Max W ie"<•r

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